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Frühjahr 2015 | Wahrhaftig sein

Wahrhaftig sein

Frühjahr 2015 Generalkonferenz

Ich bete dafür: Mögen wir der Versuchung widerstehen, die Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, und stattdessen eine weitaus größere Ehre anstreben – nämlich ein einfacher, wahrhaftiger Jünger Jesu Christi zu sein.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab Katharina die Große von Russland bekannt, sie wolle in Begleitung mehrerer ausländischer Botschafter den Süden ihres Reiches bereisen. Der Gouverneur dieser Gegend, Grigori Potemkin, wollte diese Besucher unbedingt beeindrucken und nahm erhebliche Mühen auf sich, um die Errungenschaften des Landes vorzuführen.

Einen Teil des Weges legte Katharina auf dem Dnjepr zurück. Voller Stolz wies sie die Botschafter auf die blühenden Ortschaften am Ufer hin, in denen es vor fleißigen und glücklichen Landbewohnern nur so wimmelte. Die Sache hatte jedoch einen Haken: Es war alles nur Schau! Es heißt, Potemkin habe Fassaden von Geschäften und Wohnhäusern aus Pappe anfertigen lassen. Er soll sogar emsig beschäftigt aussehende Bauern postiert haben, um den Eindruck einer florierenden Wirtschaft zu erwecken. Kaum war die vornehme Gesellschaft um eine Flusskehre gebogen, packten Potemkins Leute das falsche Dorf zusammen und beförderten es eilends flussabwärts zu Katharinas nächster Vorüberfahrt.

Auch wenn Historiker mittlerweile die Wahrheit dieser Geschichte anzweifeln, hat der Begriff „Potemkinsches Dorf“ Eingang in unsere Sprache gefunden. Heute bezeichnet man damit jeden Versuch, andere glauben zu machen, man sei besser, als man wirklich ist.

Haben wir das Herz am rechten Fleck?

Es ist Teil unserer menschlichen Natur, dass wir so gut wie möglich aussehen wollen. Aus diesem Grund machen sich viele von uns so viel Arbeit damit, wie ihr Haus aussieht, und achten unsere jungen Brüder im Aaronischen Priestertum so sehr darauf, dass jedes Haar richtig sitzt. Es könnte ihnen ja jemand Spezielles über den Weg laufen. Es ist wohl nichts verkehrt daran, sich die Schuhe zu putzen, möglichst gut zu riechen oder gar das schmutzige Geschirr zu verstecken, wenn die Heimlehrer kommen. Doch wenn man es übertreibt, kann der Hang, Eindruck zu machen, vom Nützlichen ins Betrügerische umschlagen.

Die Propheten des Herrn haben schon immer warnend ihre Stimme gegen jeden erhoben, der sich dem Herrn „nur mit Worten nähert und [ihn] bloß mit den Lippen ehrt, sein Herz aber fern hält von [ihm]“1.

Der Heiland hatte Verständnis und Mitgefühl für den Sünder, der im Herzen demütig und aufrichtig war. Aber er erhob sich in gerechtem Zorn gegen Heuchler wie die Schriftgelehrten, die Pharisäer und die Sadduzäer – alle, die rechtschaffen erscheinen wollten, um in der Welt Lob, Einfluss und Wohlstand einzustreichen, dabei aber die Menschen unterdrückten, denen sie ein Segen hätten sein sollen. Der Heiland verglich sie mit „Gräber[n], die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung“2.

In der heutigen Zeit verurteilt der Herr ähnlich scharf Priestertumsträger, die sich anschicken, ihre „Sünden zu verdecken oder [ihren] Stolz und eitlen Ehrgeiz zu befriedigen“. Wo dies geschieht, so sagt er, „ziehen sich die Himmel zurück, der Geist des Herrn ist betrübt, und wenn er sich zurückgezogen hat, dann Amen zum Priestertum oder der Vollmacht jenes Mannes“3.

Warum ist das so? Warum wollen wir manchmal nach außen hin aktiv, erfolgreich und engagiert erscheinen, wenn wir innerlich – wie es im Buch der Offenbarung den Ephesern vorgeworfen wird – unsere „erste Liebe verlassen“4 haben?

In manchen Fällen haben wir vielleicht ganz einfach unseren Blick auf den Kern des Evangeliums verloren und halten eine „Form der Gottesfurcht“ für die „Macht des Göttlichen“ an sich.5 Das ist besonders gefährlich, wenn wir mit dem, worin wir uns nach außen als Jünger Christi zu erkennen geben, darauf abzielen, andere zu beeindrucken, um persönlich Gewinn oder Einfluss zu erlangen. Dann nämlich laufen wir Gefahr, uns auf das Territorium der Pharisäer zu begeben. Dann ist es höchste Zeit, unser Herz zu prüfen und umgehend unseren Kurs zu korrigieren.

Potemkinsche Programme

Die Versuchung, besser zu erscheinen, als wir sind, taucht nicht nur in unserem Privatleben auf, sondern auch bei unseren Aufgaben in der Kirche.

Ich kenne da zum Beispiel einen Pfahl, dessen Führer sich für das Jahr ein paar anspruchsvolle Ziele gesetzt hatten. Diese Ziele sahen zwar allesamt erstrebenswert aus, aber es ging dabei entweder um hochtrabende und beeindruckende Erklärungen oder um Zahlen und Prozentsätze.

Nachdem man darüber gesprochen und sich geeinigt hatte, kamen dem Pfahlpräsidenten leise Bedenken. Er dachte an die Mitglieder seines Pfahles – wie die junge Mutter mit den kleinen Kindern, die vor kurzem Witwe geworden war. Er dachte an die Mitglieder, die sich mit Zweifeln und Einsamkeit herumquälten oder die gesundheitlich schwer angeschlagen und nicht versichert waren. Er dachte an die Mitglieder, denen eine zerrüttete Ehe, eine Sucht, Arbeitslosigkeit oder eine geistige Erkrankung zu schaffen machte. Und je mehr er an sie dachte, desto mehr drängte sich ihm eine Frage auf, die ihn demütig stimmte: Werden unsere neuen Ziele im Leben dieser Mitglieder irgendetwas bewegen?

Er versuchte sich vorzustellen, wie die Ziele seines Pfahles wohl aussähen, wenn man sich zuerst gefragt hätte: Was ist unsere Aufgabe als Geistliche?

Und so kehrte dieser Pfahlpräsident zu seinen Räten zurück, und gemeinsam verlagerten sie den Schwerpunkt. Sie beschlossen, nicht zuzulassen, dass jemand an den Hungrigen, den Bedürftigen, den Nackten, den Kranken und den Bedrängten vorbeigeht und sie nicht beachtet.6

Sie setzten sich neue Ziele, wohl wissend, dass sich ein Erfolg bei diesen nicht immer messen lassen würde, zumindest nicht von Menschen – denn wie misst man schon das persönliche Zeugnis, die Liebe zu Gott oder das Mitgefühl für andere?

Sie wussten aber auch: „Nicht alles, was zählt, ist zählbar, und nicht alles, was zählbar ist, zählt.“7

Ich frage mich, ob unsere Ziele als Mensch und als Organisation nicht manchmal das heutige Gegenstück zu einem Potemkinschen Dorf darstellen. Wirken sie aus der Ferne beeindruckend, gehen aber an den wahren Bedürfnissen unserer geliebten Mitmenschen vorbei?

Liebe Freunde und Mitbrüder im Priestertum: Wenn Jesus Christus sich zu uns setzen und um einen Bericht bitten würde, wie wir unserer Treuhandschaft nachgekommen sind, würde er sich wohl kaum übermäßig mit Programmen und Statistiken befassen. Der Heiland würde vielmehr wissen wollen, wie es um unser Herz steht. Er würde wissen wollen, wie liebevoll wir den uns anvertrauten Menschen geistlich dienen, wie wir unserem Ehepartner und unseren Kindern Liebe erweisen und wie wir ihnen ihre tägliche Last erleichtern. Der Heiland würde wissen wollen, wie Sie und ich ihm und unserem Vater im Himmel näherkommen.

Warum sind wir hier?

Es kann nicht schaden, einmal unser Herz zu erforschen. Wir könnten uns beispielsweise fragen: Warum diene ich in der Kirche Jesu Christi?

Wir könnten uns sogar fragen: Warum bin ich heute in dieser Versammlung?

Ich glaube, wenn ich diese Frage nur oberflächlich beantworten müsste, könnte ich wohl sagen, ich bin hier, weil Präsident Monson mich mit einer Ansprache betraut hat.

Ich hatte also eigentlich keine Wahl.

Außerdem erwartet meine Frau, die ich sehr liebe, dass ich hier bin. Und wie könnte ich ihr etwas abschlagen?

Wir alle wissen aber, dass es bessere Gründe gibt, eine unserer Versammlungen zu besuchen und das Leben eines eifrigen Jüngers Jesu Christi zu führen.

Ich bin hier, weil ich von ganzem Herzen meinem Meister, Jesus Christus, folgen will. Ich sehne mich danach, alles zu tun, worum er mich in dieser großen Sache bittet. Ich verzehre mich danach, vom Heiligen Geist erbaut zu werden und die Stimme Gottes zu vernehmen, wenn er durch seine ordinierten Diener spricht. Ich bin hier, um ein besserer Mensch zu werden, um mich am inspirierenden Beispiel meiner Brüder und Schwestern in Christus aufzurichten und um zu erkennen, wie man den Bedürftigen noch wirksamer geistlich dienen kann.

Kurz gesagt: Ich bin hier, weil ich meinen Vater im Himmel und seinen Sohn, Jesus Christus, liebe.

Ich bin sicher, Sie sind aus dem gleichen Grund hier. Aus diesem Grund sind wir bereit, Opfer zu bringen, statt nur Erklärungen abzugeben, dass wir dem Erretter folgen wollen. Aus diesem Grund ist es uns eine Ehre, sein heiliges Priestertum zu tragen.

Vom Funken zum Freudenfeuer

Ob Sie ein lebendiges, gesundes Zeugnis haben oder Ihre Mitwirkung in der Kirche eher einem Potemkinschen Dorf gleichkommt – die gute Nachricht ist: Sie können auf jeder Stärke, die Sie haben, aufbauen! Hier in der Kirche Jesu Christi können Sie geistig reifen und dem Erretter näherkommen, indem Sie Tag für Tag die Grundsätze des Evangeliums anwenden.

Mit Geduld und Ausdauer kann selbst aus dem geringsten Anzeichen, das Sie als Jünger Christi ausweist, und dem winzigsten Funken Glauben das lodernde Freudenfeuer eines geweihten Lebens werden. So entstehen nämlich die meisten Freudenfeuer – aus einem einfachen Funken.

Wenn Sie sich also klein und schwach fühlen, dann kommen Sie bitte einfach zu Christus, der Schwaches stark werden lässt.8 Die Schwächsten unter uns können durch Gottes Gnade geistig stark werden, denn Gott „[sieht] nicht auf die Person“9. Er ist für uns „der treue Gott; [er] achtet auf den Bund und erweist denen seine Huld, die ihn lieben und auf seine Gebote achten“10.

Ich bin überzeugt: Wenn Gott sich einem armen deutschen Flüchtling aus einer einfachen Familie in einem vom Krieg zerrissenen Land zuwenden und ihm helfen kann – einen halben Erdball vom Hauptsitz der Kirche entfernt –, dann kann er sich auch Ihnen zuwenden.

Meine lieben Brüder in Christus, der Gott der Schöpfung, der dem Universum das Leben eingehaucht hat, vermag ganz gewiss auch Ihnen Leben einzuhauchen. Ganz gewiss kann er aus Ihnen das wahrhaftige, geistige Wesen aus Licht und Wahrheit machen, das Sie sein wollen.

Gottes Verheißungen sind sicher und gewiss. Unsere Sünden können uns vergeben werden, wir können von allem Unrecht gereinigt werden.11 Wenn wir auch weiterhin in unseren jeweiligen Lebensumständen und in der Familie wahre Grundsätze annehmen und nach ihnen leben, dann werden wir irgendwann einen Punkt erreichen, an dem wir „keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden. … Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird [uns] weiden und [uns] zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von [unseren] Augen abwischen.“12

Die Kirche ist kein Ort, wo man sich versteckt, sondern einer, wo man geheilt wird

All dies kann nicht geschehen, wenn unsere Persönlichkeit, die Lehre oder die Organisation uns nur als Fassade dienen, um uns zu verstecken. Eine solch künstliche Art, Jünger zu sein, hält uns nicht nur davon ab, uns als denjenigen zu sehen, der wir eigentlich sind, sondern auch davon, uns durch das Wunder des Sühnopfers Jesu tatsächlich zu wandeln.

Die Kirche ist kein Autosalon, wo wir uns selbst ausstellen, damit andere bewundern können, wie geistig, wie tüchtig oder wie wohlhabend wir sind. Sie ähnelt eher einer Werkstatt, wo reparaturbedürftige Fahrzeuge gewartet und wieder in Ordnung gebracht werden.

Sind wir denn nicht alle reparaturbedürftig und müssen gewartet und in Ordnung gebracht werden?

Wir kommen doch nicht in die Kirche, um unsere Sorgen zu verbergen, sondern um von ihnen geheilt zu werden!

Als Priestertumsträger haben wir außerdem die Pflicht, „für die … Herde Gottes [zu sorgen], nicht aus Zwang, sondern freiwillig, … nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Neigung; [nicht als] Beherrscher [unserer] Gemeinden, sondern [als] Vorbilder für die Herde“13.

Denken Sie daran, Brüder: „Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade.“14

Der großartigste, tüchtigste, vollendetste Mann, der je auf Erden gewesen ist, war auch der demütigste. Er vollbrachte einige seiner beeindruckendsten Taten in stillen Augenblicken, von nur wenigen beobachtet, die er darum bat, niemandem davon zu erzählen.15 Als jemand ihn „gut“ nannte, gab er das Kompliment umgehend weiter und erklärte, dass Gott allein wahrhaft gut sei.16 Das Lob der Welt bedeutete ihm ganz offensichtlich nichts. Er verfolgte ausschließlich die Absicht, seinem Vater zu dienen und „immer das [zu tun], was ihm gefällt“17. Wir tun gut daran, dem Beispiel unseres Meisters zu folgen.

Mögen wir so lieben, wie er geliebt hat

Brüder, das ist unsere hochheilige Berufung: Wir sollen Stellvertreter Jesu Christi sein, lieben, wie er geliebt hat, dienen, wie er gedient hat, „den Schwachen [beistehen,] die herabgesunkenen Hände [emporheben und] die müden Knie [stärken]“18, „nach den Armen und Bedürftigen sehen“19 und Witwen und Waisen versorgen20.

Ich bete dafür, Brüder: Mögen wir, wenn wir in der Familie, im Kollegium, in der Gemeinde, im Pfahl, an unserem Wohnort oder in unserem Land dienen, der Versuchung widerstehen, die Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, und stattdessen eine weitaus größere Ehre anstreben – nämlich ein einfacher, wahrhaftiger Jünger unseres Herrn und Heilands, Jesus Christus, zu sein. Wenn wir dies tun, werden wir uns auf dem Weg wiederfinden, der uns zum Besten, Wahrhaftigsten und Edelsten führt, was in uns steckt. Davon gebe ich Zeugnis im Namen unseres Meisters, Jesus Christus. Amen.

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