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Frühjahr 2015 | Das Priestertum und das persönliche Gebet

Das Priestertum und das persönliche Gebet

Frühjahr 2015 Generalkonferenz

Gott kann uns Macht im Priestertum gewähren, wie auch immer unsere Lebensumstände sein mögen. Wir müssen lediglich demütig darum bitten.

Ich bin dankbar für das in mich gesetzte Vertrauen, heute zu Trägern des Priestertums Gottes auf der ganzen Erde sprechen zu dürfen. Die Verantwortung, die damit einhergeht, ist mir sehr bewusst, weil ich einen kleinen Einblick in das Vertrauen habe, das der Herr in Sie gesetzt hat. Als Sie das Priestertum angenommen haben, haben Sie das Recht erhalten, im Namen Gottes zu sprechen und zu handeln.

Aus diesem Recht kann nur eine Wirklichkeit werden, wenn Sie Inspiration von Gott empfangen. Nur dann werden Sie in der Lage sein, in seinem Namen zu sprechen. Und nur dann können Sie in seinem Namen handeln. Vielleicht haben Sie schon einmal irrtümlich gedacht: „Ach, das ist doch nicht so schwer. Natürlich kann ich Inspiration empfangen, falls ich je gebeten werde, eine Ansprache zu halten, oder falls ich je einen Priestertumssegen spenden muss.“ Ein junger Diakon oder Lehrer tröstet sich vielleicht mit dem Gedanken: „Wenn ich älter bin oder wenn ich als Missionar berufen werde, dann werde ich wissen, was Gott sagen oder wie Gott handeln würde.“

Denken Sie jedoch an den Tag, an dem Sie wissen müssen, was Gott sagen oder wie er handeln würde. Dieser Tag ist nämlich für jeden von uns schon gekommen, unabhängig davon, welche Berufung im Priestertum wir auch haben mögen. Ich wuchs während des Zweiten Weltkriegs im Osten der USA auf, wo die Kirche damals kaum verwurzelt war. Die Mitglieder wohnten weit voneinander entfernt und Benzin war streng rationiert. Ich war der einzige Diakon im Zweig. Die Mitglieder gaben dem Zweigpräsidenten ihre Umschläge mit dem Fastopfer, wenn sie zur Fast- und Zeugnisversammlung kamen, die bei uns zu Hause stattfand.

Als ich 13 war, zogen wir nach Utah, wo wir zu einer großen Gemeinde gehörten. Ich erinnere mich daran, wie ich zum ersten Mal den Auftrag bekam, das Fastopfer bei den Mitgliedern zu Hause einzusammeln. Ich las den Namen auf einem Umschlag: Der Nachname war doch tatsächlich derselbe wie bei einem der drei Zeugen des Buches Mormon. Zuversichtlich klopfte ich an die Tür. Der Mann öffnete die Tür, sah mich finster an und herrschte mich an, ich solle verschwinden. Mit hängendem Kopf zog ich von dannen.

Das ist nun fast 70 Jahre her, aber ich kann mich noch immer daran erinnern, dass ich damals an der Tür das Gefühl gehabt hatte, ich hätte etwas sagen oder tun sollen. Hätte ich doch nur voll Glauben gebetet, bevor ich an jenem Tag losging, dann wäre ich vielleicht inspiriert gewesen, etwas länger vor dieser Tür stehenzubleiben und lächelnd etwas zu sagen wie: „Es ist schön, Sie kennenzulernen. Vielen Dank für alles, was Sie und Ihre Familie bereits früher gespendet haben. Ich freue mich darauf, Sie nächsten Monat wieder zu besuchen.“

Hätte ich das gesagt oder getan, wäre er vielleicht noch mehr verärgert gewesen oder hätte sich sogar angegriffen gefühlt. Aber ich weiß jetzt, wie ich mich wohl gefühlt hätte. Anstatt traurig und mit dem Gefühl, versagt zu haben, von dannen zu ziehen, hätte ich vielleicht tief im Innern das sanfte Lob empfunden: „Gut gemacht!“

Wir alle müssen zuweilen im Namen Gottes sprechen oder handeln, wenn unser eigenes Urteilsvermögen, ganz ohne Inspiration, eben nicht ausreicht. Wir können uns in einer solchen Situation wiederfinden, ohne dass wir die Zeit haben, uns vorzubereiten. Das habe ich oft erlebt. So auch vor vielen Jahren in einem Krankenhaus, als ein Vater mir und meinem Mitarbeiter von der Prognose der Ärzte berichtete, dass seine schwer verletzte dreijährige Tochter innerhalb von Minuten sterben werde. Als ich meine Hände auf die einzige Stelle ihres Kopfes legte, die nicht bandagiert war, musste ich als Diener Gottes wissen, was er sagen und tun würde.

Mir kamen die Worte in den Sinn, dass das Mädchen überleben werde, und ich sprach sie aus. Der neben mir stehende Arzt schnaubte entrüstet und forderte mich auf, ihm gefälligst Platz zu machen. Ich verließ das Krankenhauszimmer mit Frieden und Liebe im Herzen. Das kleine Mädchen überlebte und besuchte an meinem letzten Tag in diesem Ort die Abendmahlsversammlung. Ich weiß immer noch, wie froh und glücklich mich damals das stimmte, was ich im Dienst des Herrn diesem kleinen Mädchen und seiner Familie gesagt und für sie getan hatte.

Ich fühlte mich in diesem Krankenhaus ganz anders; ich war nicht traurig wie als Diakon, als ich den Rückzug antrat. Dies rührte daher, dass ich etwas über die Verbindung von Gebet und Macht im Priestertum gelernt hatte. Als Diakon hatte ich noch nicht gelernt, dass die Macht, im Namen Gottes zu sprechen und zu handeln, auf Offenbarung beruht. Damit wir diese Macht im entscheidenden Moment besitzen, müssen wir beten und uns voll Glauben darum bemühen, dass der Heilige Geist bei uns ist.

An dem Abend, bevor ich zu diesem Haus ging, um das Fastopfer einzusammeln, hatte ich vor dem Schlafengehen mein Gebet gesprochen. Aber bevor ich den Anruf aus diesem Krankenhaus erhielt, hatte ich wochen- und monatelang intensiv auf eine Weise gebetet, von der Präsident Joseph F. Smith sagte, dass sie es Gott ermöglicht, uns die Inspiration zu geben, die wir brauchen, um Macht im Priestertum zu haben. Er hat es einfach ausgedrückt:

„Wir müssen nicht mit vielen Worten zu ihm schreien. Wir müssen ihn nicht mit langen Gebeten ermüden. Was wir aber brauchen und was wir als Heilige der Letzten Tage zu unserem eigenen Nutzen tun sollten, ist, dass wir uns häufig an ihn wenden, zum Zeugnis dessen, dass wir an ihn denken und dass wir bereit sind, seinen Namen auf uns zu nehmen, seine Gebote zu halten und in Rechtschaffenheit zu wirken und dass wir uns wünschen, sein Geist möge uns helfen.“1

Und dann erklärte er, worum wir als Diener Gottes, die gelobt haben, in seinem Namen zu sprechen und zu handeln, beten sollen. Er sagte: „Worum betet ihr? Ihr betet, Gott möge euch erkennen, er möge euer Beten hören und er möge euch mit seinem Geist segnen.“2

Es kommt nicht darauf an, wie man sich ausdrückt, aber vielleicht braucht es etwas Geduld. Man nähert sich dem himmlischen Vater in der Absicht, von ihm persönlich erkannt zu werden. Er ist Gott über allem, der Vater aller, und dennoch ist er bereit, einem seiner Kinder seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Vielleicht hat der Erretter deswegen die Worte benutzt: „Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt.“3

Es ist leichter, die gebührende Ehrfurcht zu empfinden, wenn man sich hinkniet oder den Kopf neigt. Doch Sie können sie auch empfinden, wenn Sie sich dem Vater im Himmel auch in weniger förmlichem, ja sogar stillem Gebet nähern – wie es in Ihrem Priestertumsdienst oft erforderlich sein wird. Tagsüber sind Sie die meiste Zeit von Lärm und Menschen umgeben. Gott hört Ihre stillen Gebete. Vielleicht aber müssen Sie lernen, Ablenkungen auszublenden, denn in dem Moment, da Sie die Verbindung zu Gott brauchen, könnte es alles andere als ruhig sein.

Präsident Smith zufolge sollten Sie darum beten, dass Gott Ihre Berufung, ihm zu dienen, anerkennen möge. Gott kennt bereits jedes Detail Ihrer Berufung. Er hat Sie ja berufen. Wenn Sie ihn um Ihrer Berufung willen anrufen, wird er Ihnen weiteres Wissen offenbaren.4

Ich möchte als Beispiel anführen, wie ein Heimlehrer beten könnte. Sie wissen wahrscheinlich bereits, was Ihre Aufgaben als Heimlehrer sind:

„[D]as Haus eines jeden Mitglieds besuchen, um sie zu ermahnen, dass sie sowohl laut als auch im Verborgenen beten und allen Pflichten in der Familie nachkommen …

immer über die Kirche zu wachen und bei ihnen zu sein und sie zu stärken

und zu sehen, dass es in der Kirche kein Übeltun gibt, auch keine Härte gegeneinander, weder Lügen noch Verleumden, noch üble Nachrede,

und zu sehen, dass sich die Kirche oft versammelt, und auch zu sehen, dass alle Mitglieder ihre Pflicht erfüllen.“5

Selbst für einen erfahrenen Heimlehrer und seinen Juniorpartner ist all das sicherlich ohne die Hilfe des Heiligen Geistes nicht zu bewerkstelligen. Denken Sie an die Familien oder auch die einzelnen Menschen, denen Sie in Ihrer Berufung dienen sollen. Menschliches Urteilsvermögen und gute Absichten allein reichen dafür nicht aus.

Deshalb können Sie darum beten, dass Sie ihnen ins Herz blicken und erkennen können, was diesen Menschen, die Sie ja nicht besonders gut kennen und die sich Ihnen auch nicht unbedingt öffnen wollen, das Leben und das Herz schwer macht. Sie müssen wissen, welche Art der Hilfe Gott von Ihnen erwartet, und dann gehen Sie so gut Sie es vermögen ans Werk und spüren dabei, wie sehr Gott diese Menschen liebt.

Gerade weil Sie wichtige und schwierige Berufungen im Priestertum haben, legt Ihnen Präsident Smith ans Herz, im Gebet mit Gott immer darum zu ringen, dass er Sie mit seinem Geist segnen möge. Sie brauchen den Heiligen Geist nicht nur zu einzelnen Gelegenheiten, sondern so oft als ständigen Begleiter, wie Gott es Ihnen gewährt. Aus diesem Grund müssen wir immer dafür beten, dass Gott uns führt, wenn wir seinen Kindern dienen.

Weil Sie Ihr Potenzial im Priestertum nicht ausschöpfen können, ohne dass der Geist Ihnen beisteht, hat es der Feind allen Glücks auf Sie abgesehen. Wenn er Sie zur Sünde verleiten kann, dann kann er Ihre Fähigkeit, vom Geist geleitet zu werden, schwächen und so auch Ihre Macht im Priestertum verringern. Deswegen hat Präsident Smith gesagt, dass Sie immer dafür beten sollen, dass Gott Sie vor dem Bösen warnen und beschützen möge.6

Gott warnt uns auf vielerlei Weise. Solche Warnungen gehören zum Erlösungsplan. Propheten, Apostel, Pfahlpräsidenten, Bischöfe und Missionare erheben alle warnend die Stimme, damit man dem Unheil durch Glauben an Jesus Christus, Umkehr und das Schließen und Halten von heiligen Bündnissen entgehen kann.

Als Priestertumsträger müssen auch Sie ein Teil der warnenden Stimme des Herrn sein. Doch Sie müssen die Warnung auch selbst beachten. Ohne den Schutz durch den Heiligen Geist als Ihren Begleiter im Alltag können Sie in geistiger Hinsicht nicht überleben.

Sie müssen dafür beten und darauf hinarbeiten. Nur mit dem Geist als Führer werden Sie in der Lage sein, auf dem engen und schmalen Pfad – umgeben von den Nebeln des Bösen – Ihren Weg zu finden. Der Heilige Geist wird Sie führen, indem er Ihnen Wahrheit offenbart, wenn Sie sich mit den Worten der Propheten befassen.

Um diese Führung zu erlangen, braucht es mehr als oberflächliches Zuhören und Lesen. Sie müssen voller Glauben beten und alles daran setzen, dass Ihnen die Worte der Wahrheit ins Herz geschrieben werden. Sie müssen darum beten, dass Gott Sie mit seinem Geist segnet, dass er Sie zur ganzen Wahrheit führt und Ihnen den rechten Weg zeigt. Auf diese Weise warnt er Sie und weist Ihnen in Ihrem Leben und in Ihrem Priestertumsdienst den rechten Weg.

Die Generalkonferenz bietet eine hervorragende Gelegenheit, sich vom Herrn für den Dienst im Priestertum Gottes stärken zu lassen. Sie können sich, wie Sie es sicherlich auch für diese Konferenz getan haben, vorbereiten, indem Sie beten. Sie können Ihren Glauben mit dem derer, die bei dieser Konferenz beten, vereinen. Wer hier betet, bittet um viele Segnungen für viele Menschen.

Er betet dafür, dass der Geist auf dem Propheten als dem Sprachrohr des Herrn ruhen möge. Er betet für die Apostel und alle von Gott berufenen Diener. Das schließt auch Sie mit ein – vom jüngsten Diakon bis zum erfahrenen Hohen Priester – und auch manchen, ob alt oder jung, der bald in die Geisterwelt eintritt und dort die Worte vernimmt: „Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener.“7

Für den einen oder anderen, der so begrüßt wird, wird dies eine Überraschung sein. Er hat vielleicht nie ein hohes Amt im Reich Gottes auf der Erde bekleidet. Manch einer hat vielleicht das Gefühl, dass seine Arbeit nur von wenig Erfolg gekrönt war oder dass er manche Gelegenheiten zum Dienen gar nicht erhalten hat. Ein anderer findet vielleicht, dass die Zeit, die er in diesem Leben zum Dienen hatten, kürzer war als erhofft.

Für den Herrn aber sind weder das Amt noch die Dauer des Dienstes von Bedeutung. Das wissen wir aus dem Gleichnis des Herrn von den Arbeitern im Weinberg, wo alle den gleichen Lohn erhielten, ganz gleich, wie lange oder an welcher Stelle sie mitgearbeitet hatten. Man wird dafür belohnt, wie man mitgearbeitet hat.8

Ich kenne einen Mann – einen guten Freund –, dessen irdischer Dienst im Weinberg gestern Abend um 11 Uhr zu Ende gegangen ist. Er war seit Jahren wegen eines Krebsleidens in Behandlung. Während dieser Jahre der Behandlung, die von schrecklichen Schmerzen und Schwierigkeiten gekennzeichnet waren, nahm er die Berufung an, die Mitglieder seiner Gemeinde, deren Kinder schon von zu Hause fort waren – darunter einige Witwen –, zu betreuen und Treffen für sie auf die Beine zu stellen. Seine Berufung bestand darin, diesen Menschen durch etwas Geselligkeit und das Studium des Evangeliums ein wenig Trost zu verschaffen.

Als er schließlich die ernüchternde Prognose erhielt, dass er nur noch eine kurze Weile zu leben habe, war sein Bischof gerade auf einer Geschäftsreise. Zwei Tage später ließ er dem Bischof über den Hohepriestergruppenleiter eine Nachricht zukommen. Darin äußerte er sich wie folgt über seinen Auftrag: „Ich habe gehört, dass der Bischof auf Reisen ist, also habe ich die Planung übernommen. Ich denke da erst einmal an ein Gruppentreffen am nächsten Montag. Zwei Mitglieder können für uns eine Führung durch das Konferenzzentrum veranstalten. Außerdem bräuchten wir ein paar Mitglieder, die den Fahrdienst übernehmen, und auch ein paar Scouts, die die Rollstühle schieben. Je nachdem, wie viele mitkommen, haben wir vielleicht genug ältere Herrschaften, um alles selbst zu machen, aber es wäre gut, bei Bedarf einen Ausweichplan zu haben. Für die Helfer wäre es vielleicht auch eine gute Gelegenheit, daraus einen Familienabend zu machen und ihre Familien mitzubringen. Bitte geben Sie mir kurz Bescheid, bevor ich die Aktivität bekanntgebe. … Danke.“

Als Nächstes überraschte er den Bischof mit einem Anruf. Ohne seinen Gesundheitszustand oder seinen unermüdlichen Einsatz in seiner Aufgabe auch nur zu erwähnen, fragte er: „Bischof, kann ich irgendetwas für Sie tun?“ Nur durch den Heiligen Geist konnte er die Last spüren, die sein Bischof zu tragen hatte, auch wenn seine eigene so unglaublich schwer wog. Und nur durch den Geist war er imstande, einen Plan aufzustellen, wie er seinen Brüdern und Schwestern dienen konnte. Mit der gleichen Akribie war er in jungen Jahren vorgegangen, wenn er Scout-Aktivitäten auf die Beine gestellt hatte.

Wenn wir voll Glauben beten, kann Gott uns Macht im Priestertum gewähren, wie auch immer unsere Lebensumstände sein mögen. Wir müssen lediglich demütig darum bitten, dass der Geist uns zeigt, was wir nach Gottes Willen sagen und tun sollen. Das müssen wir dann tun und uns weiterhin dieser Gabe würdig erweisen.

Ich gebe Ihnen mein Zeugnis, dass Gottvater lebt, dass er uns liebt und jedes unserer Gebete hört. Ich gebe Zeugnis, dass Jesus der lebendige Christus ist, dessen Sühnopfer es uns ermöglicht, rein gemacht zu werden und somit würdig zu sein, dass der Heilige Geist bei uns ist. Ich bezeuge, dass wir durch unseren Glauben und Eifer eines Tages die herrlichen Worte hören können: „Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener.“9 Ich bete, dass der Herr, dem wir dienen, uns einst mit diesem segensreichen Gruß empfangen wird. Im Namen Jesu Christi. Amen.

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