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Frühjahr 2015 | Der ewige Blickwinkel des Evangeliums

Der ewige Blickwinkel des Evangeliums

Frühjahr 2015 Generalkonferenz

Entscheidungen, die die Ewigkeit betreffen, müssen aus dem Blickwinkel des Evangeliums heraus getroffen werden.

In einer Offenbarung an Mose legt der Vater im Himmel seine Absichten dar: „Denn siehe, dies ist mein Werk und meine Herrlichkeit – die Unsterblichkeit und das ewige Leben des Menschen zustande zu bringen.“1 Es ist also der Wunsch des Vaters, einem jeden die Möglichkeit zu geben, eine Fülle der Freude zu empfangen. Aus den Offenbarungen unserer Zeit geht hervor, dass der Vater im Himmel für alle seine Kinder den großen Plan des Glücklichseins aufgestellt hat – einen ganz besonderen Plan, damit wir wieder zu ihm zurückkehren und bei ihm wohnen können.

Wer diesen Plan des Glücklichseins versteht, dem vermittelt er einen Blick auf die Ewigkeit. Wir wissen dann die Gebote, Verordnungen, Bündnisse und auch die Prüfungen und Schwierigkeiten wirklich zu würdigen.

Alma bringt einen wesentlichen Grundsatz zum Ausdruck: „Darum gab Gott ihnen Gebote, nachdem er ihnen den Plan der Erlösung kundgetan hatte.“2

Interessant ist hier die Reihenfolge, in der die Belehrung erfolgt. Zuerst belehrte der Vater im Himmel Adam und Eva über den Erlösungsplan, und dann gab er ihnen Gebote.

Dies ist ein wichtiger Grundsatz. Die Menschen müssen den Plan verstehen, um die Gebote halten, bessere Entscheidungen treffen und die rechten Beweggründe haben zu können.

Ich bin im Laufe meiner Tätigkeit in der Kirche in vielen Ländern treuen, hingebungsvollen Mitgliedern begegnet. Einige standen politisch, gesellschaftlich oder auch wirtschaftlich vor großen Herausforderungen. Was mir jedoch an all diesen treuen Mitgliedern aufgefallen ist, war ihr Blick auf die Ewigkeit. Dieser ewige Blickwinkel des Evangeliums lässt uns erkennen, wo wir in Gottes Plan stehen. Er hilft uns, Schwierigkeiten zu bewältigen und durch sie zu wachsen, Entscheidungen zu treffen und im Alltag unser göttliches Potenzial in den Mittelpunkt zu stellen.

Der Blickwinkel ist, wie wir etwas aus einiger Entfernung sehen. Der Blickwinkel lässt uns die wahren Verhältnisse besser einschätzen.

Es ist so, als stünde man mitten im Wald und hätte einen Baum genau vor sich. Solange wir nicht einige Schritte Abstand nehmen, können wir den Wald nicht wirklich in seiner Gesamtheit sehen. Einmal bin ich in Leticia in Kolumbien nahe der Grenze zu Peru und Brasilien im Amazonas-Regenwald gewesen. Ein Bild von seiner beeindruckenden Größe habe ich aber erst erhalten, als wir über ihn hinwegflogen und der Blickwinkel daher ein anderer war.

Als unsere Kinder noch klein waren, schauten wir uns immer gern eine Sendung auf dem Kinderkanal an. Sie hieß Was siehst du?. Auf der Mattscheibe war die Nahaufnahme eines Gegenstands zu sehen und die Kinder sollten raten, was es ist. Langsam vergrößerte sich dann der Bildausschnitt, und mehr kam zum Vorschein. Wenn dann der Gegenstand in seiner Gesamtheit zu sehen war, war es natürlich leicht zu erkennen, ob es sich um eine Katze, eine Pflanze, eine Frucht oder sonst etwas handelte.

Ich erinnere mich an eine Sendung, als die Kinder etwas in Nahaufnahme sahen und es für hässlich, gar eklig befanden, aber als sich der Bildausschnitt vergrößerte, stellten sie fest, dass es sich um eine leckere Pizza handelte. Sie sagten dann zu mir: „Papa, bitte kauf uns doch genau so eine!“ Nachdem sie erkannt hatten, was es war, wurde etwas zunächst Unappetitliches am Ende begehrenswert.

Lassen Sie mich ein weiteres Beispiel anführen. Unsere Kinder haben daheim immer gern Puzzles zusammengesetzt. Wahrscheinlich haben Sie alle schon mal ein Puzzle gemacht. Einige bestehen aus vielen ganz kleinen Teilen. Ich weiß noch, wie eines unserer Kinder (Namen verrate ich hier keine) sich lediglich auf ein einzelnes Teilchen konzentrierte. Als es dann nicht dorthin passte, wohin es seiner Ansicht nach gehörte, wurde das Kind so ungehalten, dass es das Teil wegwerfen wollte, weil es ja nutzlos war! Am Ende hat dieses Kind jedoch eingesehen, dass jedes Teilchen seinen passenden Platz im Gesamtbild hat, auch wenn man anfangs noch nicht weiß, wo es denn hingehört.

So sollten wir auch Gottes Plan sehen. Wir sollten uns nicht so sehr mit jedem kleinen Teilchen für sich beschäftigen, sondern lieber versuchen, das Gesamtbild in den Fokus zu rücken und stets vor Augen zu haben, was das Endresultat sein wird. Der Herr weiß, wo jedes Teilchen seinen Platz hat und wie es in den Plan passt. Im großen Plan des Glücklichseins sind alle Gebote von ewiger Bedeutung.

Es ist sehr wichtig, dass wir Entscheidungen von ewiger Bedeutung nicht aus dem Blickwinkel des Erdenlebens treffen. Entscheidungen, die die Ewigkeit betreffen, müssen aus dem Blickwinkel des Evangeliums heraus getroffen werden.

Elder Neal A. Maxwell hat gesagt: „Auch wenn wir in der erhabenen, höchsten Hoffnung, verankert‘ sind, haben wir noch manch taktische Hoffnung, bei der es um etwas ganz anderes geht. Wir hoffen vielleicht auf eine Gehaltserhöhung, auf eine besondere Verabredung, einen Wahlsieg oder ein größeres Haus – und das alles mag in Erfüllung gehen oder auch nicht. Der Glaube an den Plan des Vaters aber lässt uns auch dann noch ausharren, wenn solch naheliegende Hoffnungen nicht in Erfüllung gehen. Diese Zuversicht hilft selbst dann noch, dass wir uns voll Eifer einer guten Sache widmen, wenn diese aussichtslos zu sein scheint (siehe LuB 58:27).“3

Wer diesen Blickwinkel des Ewigen nicht hat oder wem er abhandengekommen ist, der macht vielleicht die irdische Sichtweise zu seinem Maßstab und fällt Entscheidungen, die nicht im Einklang mit Gottes Willen stehen.

Im Buch Mormon wird die Einstellung Nephis und die seiner Brüder Laman und Lemuel aufgezeigt. Sie alle mussten allerhand Schwierigkeiten und Bedrängnisse durchmachen, doch die Einstellung, mit der sie an die Sache herangingen, war ganz unterschiedlich. Nephi sagte: „Und so großen Segen schüttete der Herr über uns aus, dass unsere Frauen ihre Kinder reichlich säugen konnten und stark waren, ja, sogar wie die Männer, während wir in der Wildnis von rohem Fleisch lebten; und sie fingen an, ihre Reise ohne Murren zu ertragen.“4

Laman und Lemuel hingegen beklagten sich bitterlich. „Und so murrten Laman und Lemuel, die die ältesten waren, gegen ihren Vater. Und sie murrten, weil sie das Walten jenes Gottes nicht erkannten, der sie erschaffen hatte.“5 Das Walten Gottes nicht zu verstehen oder es zu missachten führt dazu, dass man den Blickwinkel der Ewigkeit verliert. Das Murren ist dann bloß ein Symptom. Obwohl Laman und Lemuel gemeinsam mit Nephi viele Wunder erlebten, riefen sie aus: „Und wir sind all die vielen Jahre lang in der Wildnis gewandert; und unsere Frauen haben sich abgeplagt, während sie schwanger und schweren Leibes waren; und sie haben Kinder in der Wildnis geboren und alles erlitten außer den Tod; und es wäre besser für sie gewesen, vor dem Auszug aus Jerusalem zu sterben, als diese Bedrängnisse zu erleiden.“6

Dies sind sehr unterschiedliche Betrachtungsweisen bei Schwierigkeiten und Bedrängnissen, die für alle gleich waren. Offensichtlich war also ihr Blickwinkel ein anderer.

Präsident Spencer W. Kimball hat erklärt: „Wenn man das Erdenleben als unsere einzige Existenz ansieht, dann wären Schmerz, Trauer, Versagen und ein kurzes Leben wirklich ein Unglück. Doch wenn man das Leben als etwas Ewiges betrachtet, das sich von der vorirdischen Vergangenheit bis in die ewige Zukunft nach dem Tod erstreckt, dann kann man alles, was uns im Leben begegnet, in die richtige Perspektive rücken.“7

Elder David B. Haight erzählte einmal eine Geschichte über den Bildhauer Michelangelo, um zu verdeutlichen, wie wichtig der richtige Blickwinkel ist: „Als der Bildhauer Stück für Stück von einem Marmorblock abschlug, stellte sich Tag für Tag ein kleiner Junge dazu und schaute ihm schüchtern zu. Und als dann aus dem Stein schließlich die Figur des David zum Vorschein kam, sodass alle Welt ihn bestaunen konnte, da fragte der kleine Junge, woher Michelangelo denn gewusst habe, dass der da drin gewesen sei.“8

Die Sicht des Meisters auf den Marmorblock war eine ganz andere gewesen als die des kleinen Zuschauers. Der Blick des Künstlers für die Möglichkeiten, die das Gestein in sich barg, versetzte ihn in die Lage, ein Kunstwerk zu schaffen.

Der Herr weiß, was er mit jedem von uns erreichen will. Er kennt die Umgestaltung, die er in unserem Leben erreichen möchte, und wir haben nicht das Recht, ihm Rat zu erteilen. Seine Gedanken sind höher als die unsrigen.9

Ich bezeuge, dass wir einen liebevollen, gerechten und barmherzigen Vater im Himmel haben, der einen Plan für unser ewiges Glück aufgestellt hat. Ich bezeuge, dass Jesus Christus Gottes Sohn und der Erretter der Welt ist. Ich weiß, dass Präsident Thomas S. Monson ein Prophet Gottes ist. Dies sage ich im Namen Jesu Christi. Amen.

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    Anmerkungen

    1. Mose 1:39

    2. Alma 12:32

    3. Siehe Neal A. Maxwell, „Erfüllt vom Glanz der Hoffnung“, Der Stern, November 1994, Seite 32

    4. 1 Nephi 17:2

    5. 1 Nephi 2:12

    6. 1 Nephi 17:20

    7. Lehren der Präsidenten der Kirche: Spencer W. Kimball, 2006, Seite 17

    8. David B. Haight, „Your Purpose and Responsibility“ (Ansprache bei einer Fireside an der Brigham-Young-Universität, 4. September 1977), Seite 2; englischer Text unter speeches.byu.edu

    9. Siehe Jesaja 55:8,9