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Frühjahr 2015 | Das Gleichnis vom Sämann

Das Gleichnis vom Sämann

Frühjahr 2015 Generalkonferenz

Es liegt an jedem von uns selbst, die Prioritäten zu setzen und das zu tun, was einen guten Boden schafft und eine reiche Ernte erzeugt.

Die Themen der Generalkonferenz werden vorgegeben – nicht von einer irdischen Autorität, sondern durch die Eingebungen des Geistes. Viele Themen betreffen jedoch irdische Fragen, die wir alle haben. Jesus lehrte allerdings nicht, wie die Herausforderungen des Lebens oder die politische Unterdrückung seiner Zeit zu überwinden seien. Gleichermaßen inspiriert er seine neuzeitlichen Diener in der Regel, darüber zu sprechen, was wir tun müssen, um unser Leben so zu ändern, dass wir für die Rückkehr in unsere himmlische Heimat bereit sind. Ich hatte die Eingebung, ich solle an diesem Osterwochenende über die kostbaren und zeitlosen Lehren aus einem der Gleichnisse Jesu sprechen.

Das Gleichnis vom Sämann gehört zu einer kleinen Anzahl von Gleichnissen, die in allen drei synoptischen Evangelien enthalten sind. Zudem gehört es zu einer noch kleineren Anzahl von Gleichnissen, die Jesus seinen Jüngern erläuterte. Der Samen, der gesät wurde, ist „das Wort vom Reich“ (Matthäus 13:19), „das Wort“ (Markus 4:14) oder „das Wort Gottes“ (Lukas 8:11) – die Lehren des Meisters und seiner Diener.

Die unterschiedlichen Böden, auf die der Samen fiel, symbolisieren, wie unterschiedlich diese Lehren von den Menschen aufgenommen und befolgt werden. Der Samen, der „auf den Weg“ fiel (Markus 4:4), gelangt auf keinen Boden, wo er vielleicht hätte keimen können. Hier treffen die Lehren auf ein verhärtetes oder unvorbereitetes Herz. Darauf werde ich nicht näher eingehen. Meine Botschaft richtet sich an diejenigen, die gelobt haben, Christus nachzufolgen. Was fangen wir mit den Lehren des Erlösers in unserem Leben an?

Das Gleichnis vom Sämann warnt uns vor Umständen und Einstellungen, die jeden, der den Samen der Evangeliumsbotschaft empfangen hat, davon abbringen können, eine reiche Ernte hervorzubringen.

I. Felsiger Boden, keine Wurzeln

Ein Teil der Samen „fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte“ (Markus 4:5,6).

Jesus erklärte, dass dies jene beschreibt, die das Wort freudig aufnehmen, „sobald sie es hören“, doch sie „haben keine Wurzeln, … und wenn sie dann um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt werden, kommen sie sofort zu Fall“ (Markus 4:16,17).

Woher kommt es, dass manche „keine Wurzeln“ haben? So ergeht es neuen Mitgliedern, die sich lediglich zu den Missionaren, zu den vielen ansprechenden Merkmalen der Kirche oder zu den vielen guten Früchten der Mitgliedschaft in der Kirche bekehrt haben. Da sie nicht im Wort verwurzelt sind, können sie, wenn Widerstand aufkommt, versengt werden und verdorren. Doch selbst diejenigen, die in der Kirche aufgewachsen sind – langjährige Mitglieder –, können nachlassen und ihre Wurzeln verlieren. Ich habe einige kennengelernt – Mitglieder, die sich nicht ernsthaft und dauerhaft zum Evangelium Jesu Christi bekehrt haben. Wenn wir nicht in den Lehren des Evangeliums verwurzelt sind und nicht kontinuierlich danach leben, kann jeder von uns sein Herz verhärten, also zu felsigem Boden für geistigen Samen werden.

Geistige Nahrung ist für das geistige Überleben unerlässlich, vor allem in einer Welt, die sich vom Glauben an Gott und an ein absolutes Richtig und Falsch immer weiter entfernt. In einem Zeitalter, in dem das Internet herrscht, werden Ansichten, die den Glauben bedrohen, aufgebauscht. Wir müssen vermehrt geistige Wahrheit auf uns einwirken lassen, um unseren Glauben zu stärken und im Evangelium verwurzelt zu bleiben.

Sollte diese Aussage einem jungen Menschen zu allgemein sein – hier ein konkretes Beispiel. Wenn ihr, während die Symbole des Abendmahls gereicht werden, eine SMS schickt, flüstert, Videospiele spielt oder sonst etwas macht, wodurch ihr euch die nötige geistige Nahrung versagt, durchtrennt ihr eure geistigen Wurzeln und entwickelt euch zu felsigem Boden. Ihr werdet anfällig dafür, zu verdorren, wenn ihr Beschwernissen wie Ausgrenzung, Einschüchterung oder Spott ausgesetzt seid. Und das gilt auch für Erwachsene.

Ein weiterer potenzieller Zerstörer geistiger Wurzeln – durch den Stand der Technik beschleunigt, aber nicht darauf beschränkt – ist ein sehr eingeengter Blick auf das Evangelium oder die Kirche. Wie durch ein Schlüsselloch starrt man auf eine bestimmte Lehre oder Verfahrensweise oder auf eine vermeintliche Unzulänglichkeit eines Führers der Kirche und lässt das herrliche Panorama des Evangeliumsplans samt den Früchten, die er dem Einzelnen und der Gemeinschaft einbringt, außer Acht. Präsident Gordon B. Hinckley hat einen Aspekt dieses eingeengten Blicks sehr anschaulich beschrieben. In einer Rede an der BYU berichtete er von politischen Kommentatoren, die aufgrund einer aktuellen Nachricht „außer sich vor Entrüstung“ waren. „Sehr redegewandt gossen sie ihre Schmähungen und ihren Zorn aus wie Essig. … Er folgerte: ‚Offenbar ist es Mode geworden, eine spitze Feder erst sauer einzulegen.‘“1 Um sicher im Evangelium verwurzelt zu bleiben, müssen wir zurückhaltend und maßvoll sein, wenn es um Kritik geht, und dürfen das erhabene Werk Gottes in seiner ganzen Größe nie aus den Augen verlieren.

II. Die Dornen – die Sorgen der Welt und der trügerische Reichtum

Jesus erzählte, dass „ein anderer Teil … in die Dornen [fiel], und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat, und sie brachte keine Frucht“ (Markus 4:7). Er erklärte, dass dies jene sind, die das Wort „zwar [hören], aber die Sorgen der Welt, der trügerische Reichtum und die Gier nach all den anderen Dingen machen sich breit und ersticken es und es bringt keine Frucht“ (Markus 4:18,19). Dies ist gewiss eine Warnung, die wir alle beherzigen müssen.

Ich werde zunächst über den trügerischen Reichtum sprechen. Wie weit unsere Bekehrung auch fortgeschritten sein mag, dies stellt für uns alle eine Versuchung dar. Eine auf den Erwerb, die Verwendung und den Besitz von Eigentum ausgerichtete Einstellung oder Priorisierung nennt man Materialismus. Über Materialismus ist so viel gesagt und geschrieben worden, dass hier wenig hinzuzufügen ist.2 Wer an das glaubt, was man als Wohlstandstheologie bezeichnet, ist „dem trügerischen Reichtum“ anheimgefallen. Der Besitz von Vermögen oder ein hohes Einkommen sind kein Zeichen himmlischer Gunst, und ihr Nichtvorhandensein ist kein Zeichen himmlischer Missgunst. Als Jesus einem treuen Anhänger sagte, er könne ewiges Leben erlangen, wenn er doch nur seinen Besitz den Armen gäbe (siehe Markus 10:17-24), sah er nicht im Besitz von Reichtümern das Übel, sondern in der Einstellung des Mannes dazu. Wie wir alle wissen, lobte Jesus den barmherzigen Samariter, der für seinen Dienst am Nächsten die gleichen Münzen benutzte wie Judas für seinen Verrat am Herrn. Die Wurzel allen Übels ist nicht die Habe, sondern die Habsucht (siehe 1 Timotheus 6:10).

Im Buch Mormon wird geschildert, wie die Kirche Gottes einmal „in ihrem Fortschritt zu stocken“ (Alma 4:10) begann, weil „das Volk der Kirche anfing, [sein] Herz auf Reichtümer und auf die Nichtigkeiten der Welt zu setzen“ (Alma 4:8). Wer einen Überfluss an materiellen Gütern besitzt, läuft Gefahr, durch Reichtum und andere Dinge dieser Welt geistig „betäubt“ zu werden.3 Dies ist eine passende Überleitung zur nächsten Lehre des Erlösers.

Die Dornen, die die Wirkung der Evangeliumsbotschaft am raffiniertesten ersticken, sind jene weltlichen Kräfte, die Jesus die Sorgen, den Reichtum und die Genüsse des Lebens nannte (siehe Lukas 8:14). Davon gibt es zu viele, um sie aufzuzählen. Einige Beispiele genügen.

Jesus tadelte einmal seinen leitenden Apostel Petrus mit den Worten: „Geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ (Matthäus 16:23; siehe auch LuB 3:6,7; 58:39.) Im Sinn zu haben, was die Menschen wollen, bedeutet, dass man in seinem Verhalten, seinen Prioritäten und seinem Denken die Sorgen der Welt über das stellt, was von Gott kommt.

Man ergibt sich „den Genüssen des Lebens“, wenn man 1.) einer Sucht verfallen ist, die Gottes kostbare Gabe der Entscheidungsfreiheit beeinträchtigt, wenn man sich 2.) von belanglosen Ablenkungen einfangen und von dem abbringen lässt, was von ewiger Tragweite ist, oder wenn 3.) Anspruchsdenken die für unsere ewige Bestimmung notwendige eigene Weiterentwicklung behindert.

Die Sorgen des Lebens haben uns besiegt, wenn uns Zukunftsängste lähmen und daran hindern, im Glauben vorwärtszugehen und auf Gott und seine Verheißungen zu bauen. Vor 25 Jahren sprach Hugh W. Nibley, mein geschätzter Lehrer an der BYU, von der Gefahr, sich den Sorgen der Welt hinzugeben. Er wurde in einem Interview gefragt, ob es denn angesichts der Verhältnisse in der Welt und unserer Pflicht, das Evangelium zu verbreiten, nicht wünschenswert sei, der Welt auf irgendeine Weise entgegenzukommen in dem, was wir in der Kirche tun.4

Seine Antwort: „Ist es der Kirche in ihrer ganzen Geschichte jemals anders ergangen? Man muss bereit sein, auch Anstoß zu erregen. Dieses Risiko muss man eingehen. Dafür ist dann Glaube notwendig. … Unsere Verpflichtung soll ja auf die Probe gestellt werden; es soll ja schwierig sein; es soll ja im Hinblick auf diese Welt nicht reibungslos sein.“5

Erst vor wenigen Monaten bekräftigte ein angesehener katholischer Würdenträger – Charles J. Chaput, Erzbischof von Philadelphia – auf dem Campus der BYU den Stellenwert des Evangeliums. Er sprach über Themen, die Heiligen der Letzten Tage und Katholiken gleichermaßen Sorge bereiten, wie „die Ehe und die Familie, das Wesen der Sexualität, die Heiligkeit des menschlichen Lebens und die Dringlichkeit der Religionsfreiheit“. Er sagte:

„Ich möchte erneut darauf hinweisen, wie wichtig es ist, den Glauben, zu dem wir uns bekennen, tatsächlich auch zu leben. Dem müssen wir Vorrang einräumen – nicht nur im Privatleben und in der Familie, sondern auch in unseren Kirchen, in politischen Entscheidungen, in Geschäftsbeziehungen, im Umgang mit den Armen, mit anderen Worten: in allem, was wir tun.“

Er fuhr fort: „Ich sage Ihnen, weshalb das wichtig ist. Lernen Sie aus der Erfahrung der Katholiken. Wir Katholiken glauben, dass wir dazu berufen sind, für die Gesellschaft ein Sauerteig zu sein. Es liegt jedoch nur ein schmaler Grat dazwischen, für die Gesellschaft ein Sauerteig zu sein oder von der Gesellschaft verdaut zu werden.“6

Die Warnung des Erlösers, nicht zuzulassen, dass die Sorgen der Welt in unserem Leben das Wort Gottes ersticken, fordert uns gewiss heraus, unsere Prioritäten – unser Herz – stets auf die Gebote Gottes und die Führer seiner Kirche auszurichten.

Die Beispiele, die Christus anführt, könnten den Eindruck erwecken, es handle sich hier um das Gleichnis von den Böden. Ob ein Boden brauchbar ist, hängt vom Herzen eines jeden ab, der mit dem Samen des Evangeliums in Berührung kommt. Was die Empfänglichkeit für Gottes Lehren betrifft, sind manche Herzen verhärtet und unvorbereitet, andere sind mangels Übung felsig geworden, wieder andere hängen an den Dingen der Welt.

III. Fiel auf guten Boden und brachte Frucht

Am Ende des Gleichnisses vom Sämann beschreibt der Erretter den Samen, der „auf guten Boden“ fiel und in unterschiedlichen Mengen Frucht hervorbrachte (Matthäus 13:8). Wie können wir uns bereitmachen, der gute Boden zu sein und eine reiche Ernte einzubringen?

Jesus erklärte: „Auf guten Boden ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort mit gutem und aufrichtigem Herzen hören, daran festhalten und durch ihre Ausdauer Frucht bringen.“ (Lukas 8:15.) Wir besitzen den Samen der Evangeliumsbotschaft. Es liegt an jedem von uns selbst, die Prioritäten zu setzen und das zu tun, was einen guten Boden schafft und eine reiche Ernte erzeugt. Wir müssen danach streben, uns zu bekehren und im Evangelium Jesu Christi fest verwurzelt zu sein (siehe Kolosser 2:6,7). Diese Bekehrung erreichen wir, indem wir beten, in den heiligen Schriften lesen, anderen dienen und regelmäßig vom Abendmahl nehmen, damit der Geist des Herrn immer bei uns ist. Zudem müssen wir die mächtige Wandlung im Herzen (siehe Alma 5:12-14) anstreben, die die Liebe zu Gott und den Wunsch, ihm und seinen Kindern zu dienen, an die Stelle böser Wünsche und selbstsüchtiger Interessen treten lässt.

Ich bezeuge, dass dies wahr ist, und gebe Zeugnis von unserem Erlöser Jesus Christus. Seine Lehren weisen den Weg und sein Sühnopfer macht dies alles möglich. Im Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigenQuellenangaben ausblenden

    Anmerkungen

    1. Gordon B. Hinckley, „Let Not Your Heart Be Troubled“, Andacht an der Brigham-Young-Universität am 29. Oktober 1974, Seite 1; speeches.byu.edu

    2. Siehe beispielsweise Dallin H. Oaks, „Materialism“, Kapitel 5 in Pure in Heart, 1988, Seite 73-87

    3. Dieses Bild habe ich Elder Neal A. Maxwell zu verdanken; siehe „These Are Your Days“, Ensign, Oktober 2004, Seite 26

    4. James P. Bell in „Hugh Nibley, in Black and White“, BYU Today, Mai 1990, Seite 37

    5. Hugh Nibley in „Hugh Nibley, in Black and White“, Seite 37f.

    6. Charles J. Chaput, „The Great Charter at 800: Why It Still Matters“, First Things, 23. Januar 2015, siehe firstthings.com/web-exclusives/2015/01/the-great-charter-at-800; siehe auch Tad Walch, „At BYU, Catholic Archbishop Seeks Friends, Says U.S. Liberty Depends on Moral People“, Deseret News, 23. Januar 2015, deseretnews.com/article/865620233/At-BYU-Catholic-archbishop-seeks-friends-says-US-liberty-depends-on-moral-people.html. Erzbischof Chaput sagte auch, dass „in einiger unserer besten katholischen Einrichtungen die religiöse Identität entweder verlorenging oder stark aufgeweicht wurde. … Die Brigham-Young-Universität ist außergewöhnlich …, weil sie ein Lernzentrum ist, das durch seine religiöse Identität bereichert wird. Verlieren Sie das niemals.“ („The Great Charter at 800“.)