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Frühjahr 2015 | Wo Lieb, Gerechtigkeit und Gnad aufeinandertreffen

Wo Lieb, Gerechtigkeit und Gnad aufeinandertreffen

Frühjahr 2015 Generalkonferenz

Jesus Christus litt, starb und stand von den Toten auf, damit er uns zu ewigem Leben erheben kann.

Ohne Kletterseil, Gurt oder sonstige Kletterausrüstung wollten zwei Brüder, der 14-jährige Jimmy und der 19-jährige John (ich verwende hier nicht die wahren Namen), eine steile Felswand im Naturpark Snow Canyon im Süden Utahs erklimmen, wo ich herkomme. Nach mühevollem Aufstieg mussten sie entdecken, dass ihnen knapp unterhalb des Ziels ein Felsüberhang die letzten paar Meter versperrte. Doch sie konnten weder vor noch zurück. Sie saßen in der Falle. Mit viel Geschick gelang es John schließlich, wenigstens so viel festen Halt zu finden, dass er seinem jüngeren Bruder auf den Felsvorsprung hinaufhelfen konnte. Doch sich selbst vermochte er nicht hochzustemmen. Je verzweifelter er nach Halt für Finger oder Zehen suchte, desto mehr verkrampften sich seine Muskeln. Er geriet in Panik und fürchtete um sein Leben.

Da er sich nicht mehr allzu lange an der Felswand festzuklammern vermochte, sah er den einzigen Ausweg darin, aus dem Stand in die Höhe zu springen, um den Felsvorsprung zu fassen zu bekommen und sich dann mit seinen kräftigen Armen im Klimmzug hochzuziehen.

Ich gebe nun seine eigenen Worte wieder:

„Vor dem Sprung sagte ich Jimmy, er solle einen Ast suchen gehen, der lang genug wäre, dass er ihn mir hinunterreichen könnte. Ich wusste sehr wohl, dass dort oben auf dem Felsmassiv nichts dergleichen zu finden war. Dieser Vorwand war nur aus Verzweiflung geboren, denn ich wollte wenigstens sicher sein, dass mein kleiner Bruder mich nicht in den Tod stürzen sah, falls mir der Sprung misslang.

Ich ließ ihm also Zeit genug, sich zu entfernen, sprach ein letztes Gebet, dass meine Familie spüren möge, dass ich sie liebe, und dass Jimmy es aus eigener Kraft sicher nach Hause schaffen möge, und setzte zum Sprung an. So kraftvoll hatte ich mich abgestoßen, dass die ausgestreckten Arme bis fast zum Ellbogen über den Felsvorsprung reichten. Doch als ich mit der Hand oben aufschlug, spürte ich nur losen Sand und darunter glatten Stein. Ich weiß noch, wie ich ohne jeden Halt dort hing, nur die groben Körner zwischen den Fingern. Da war keine Rille, kein Rand, nichts, was ich greifen oder woran ich mich festhalten konnte. Ich spürte, wie meine Finger langsam über die sandige Oberfläche zurückglitten. Ich wusste: Das war das Ende.

Doch dann schnellten wie ein Blitz aus heiterem Himmel zwei Hände von irgendwo über dem Felsvorsprung hervor. Sie packten mich mit einer Kraft und Entschlossenheit an den Handgelenken, die man bei so kleinen Händen nicht vermutet hätte. Mein treuer kleiner Bruder war nicht losgezogen, um nach einem imaginären Ast zu suchen. Er hatte erraten, was ich vorhatte, und hatte sich nicht von der Stelle bewegt. Reglos, fast atemlos hatte er schlicht und einfach abgewartet. Er wusste ganz genau, ich würde töricht genug sein, diesen Sprung zu wagen. Und so packte er mich denn, hielt mich fest und bewahrte mich vor dem Fall. Damals, als ich so hilflos über dem Abgrund baumelte, den sicheren Tod vor Augen, retteten mir die starken Arme meines Bruders das Leben.“1

Meine lieben Brüder und Schwestern, heute ist Ostersonntag. Auch wenn wir immer daran denken sollten (immerhin versprechen wir das jede Woche beim Abendmahlsgebet), so ist doch heute der heiligste Tag im Jahr, um der Hände unseres Bruders zu gedenken – um jener Arme zu gedenken, die fest entschlossen in den Abgrund des Todes griffen, um uns vor dem Fall und vor Fehlern zu retten, vor Sorgen und vor Sünden. Vor dem Hintergrund dieser Begebenheit, die mir die Eltern von John und Jimmy erzählt haben, möchte ich meiner Dankbarkeit für das Sühnopfer und die Auferstehung des Herrn Jesus Christus Ausdruck verleihen, also von jenen Ereignissen im Plan Gottes sprechen, die von „Jesu Lieb“2 künden und ihr erst die wahre Bedeutung verleihen.

In unserer zunehmend profanen Gesellschaft ist es sowohl unüblich als auch altmodisch, wenn man über Adam und Eva und ihren „glücklichen Fall“ ins Erdenleben spricht. Und doch können wir das Sühnopfer und die Auferstehung Christi einfach nicht gänzlich verstehen, wir können den einzigartigen Zweck seiner Geburt und seines Todes nicht angemessen würdigen, wir können also weder Weihnachten noch Ostern wirklich feiern, wenn uns nicht klar ist, dass da wirklich ein Adam und eine Eva aus einem Eden gefallen sind – samt all den Folgen, die dieser Fall mit sich brachte.

Ich weiß nicht im Einzelnen, was sich zuvor alles auf diesem Planeten zugetragen hat, aber ich weiß, dass diese beiden unter Gottes Hand erschaffen wurden, dass sie eine Zeit lang in einem paradiesischen Zustand lebten, wo es weder Tod noch Nachkommenschaft gab, und dass sie durch eine Reihe von Entscheidungen ein Gebot Gottes übertraten und daher den Garten verlassen mussten, wodurch sie aber auch Kinder bekommen konnten und letzten Endes dem physischen Tod unterworfen waren.3 Erschwert und noch beklagenswerter wurde ihre Lage dadurch, dass die Übertretung auch geistige Folgen nach sich zog und sie daher für immer aus der Gegenwart Gottes ausgeschlossen waren. Und da wir ebenfalls in diese gefallene Welt geboren werden und da auch wir Gottes Gesetze übertreten, unterliegen wir denselben Strafen, die für Adam und Eva galten.

Was für ein Verhängnis! Die gesamte Menschheit im freien Fall – jeder Mann, jede Frau, jedes Kind stürzt in körperlicher Hinsicht dem immerwährenden Tod entgegen und in geistiger Hinsicht einer ewigen Qual. Soll das etwa der Sinn des Lebens sein? Ist das der große Schlussakt im Menschenleben? Hängen wir alle nur irgendwo in einer kalten Schlucht in einem lieblosen Universum, suchen verzweifelt nach Halt, wollen etwas zu fassen bekommen und haben das Gefühl, es rinne uns bloß Sand durch die Finger, nichts könne uns retten, es gäbe nichts, woran wir uns festhalten können, geschweige denn etwas, was uns hält? Besteht unser einziger Lebenszweck in einem so sinnentleerten Dasein? Sollen wir einfach möglichst hoch springen, die uns zugemessenen rund 70 Jahre durchhalten und dann abgleiten und fallen, ja, immer weiter fallen?

Die Antwort auf diese Fragen ist ein unmissverständliches und ewiges Nein! Gemeinsam mit Propheten aus alter und neuer Zeit bezeuge ich: Das „alles geschah gemäß der Weisheit dessen, der alles weiß“4. Von dem Augenblick an, da die ersten Eltern den Garten von Eden verlassen hatten, hat unser aller Gott und Vater, der ja die Entscheidung Adams und Evas vorausgesehen hatte, Engel geschickt, um ihnen – und auch uns heute noch – zu verkünden, dass die gesamte Abfolge von Ereignissen dazu bestimmt ist, dass wir auf ewig glücklich sein können. Sie gehörte mit zu dem göttlichen Plan, demzufolge ein Erlöser vorgesehen war, der Sohn Gottes selbst, den der Apostel Paulus den „Letzte[n] Adam“5 nennt und der in der Mitte der Zeiten kommen sollte, um für die Übertretung des ersten Adam zu sühnen. Das Sühnopfer sollte den vollständigen Sieg über den physischen Tod zuwege bringen und jedem Menschen, der je zur Welt gekommen ist oder der noch geboren werden wird, uneingeschränkt die Auferstehung ermöglichen. Barmherzigerweise sollte es auch Vergebung für die Sünden aller gewähren, angefangen bei Adam bis hin zum Ende der Welt, und zwar unter der Bedingung, dass wir umkehren und den göttlichen Geboten gehorsam sind.

Als einer seiner ordinierten Zeugen bekräftige ich an diesem Ostermorgen, dass Jesus aus Nazaret der Erretter der Welt war und ist, jener „Letzte Adam“6, der Urheber und Vollender unseres Glaubens, Alpha und Omega des ewigen Lebens. Paulus sagte: „Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.“7 Der Prophet und Patriarch Lehi drückte dies so aus: „Adam fiel, damit Menschen sein können. … Und der Messias kommt, wenn die Zeit erfüllt ist, damit er die Menschenkinder vom Fall erlöse.“8 Am eingehendsten hat sich Jakob, ein Prophet aus dem Buch Mormon, in einer zweitägigen Predigt mit dem Sühnopfer Jesu Christi befasst und gesagt, „die Auferstehung muss dem Menschen … wegen des Falles“9 zuteilwerden.

Wir feiern also heute das Geschenk des Sieges über jeden Fall, den wir je erlebt haben, jeden Schmerz, den wir je erlitten haben, jede Enttäuschung, die uns je widerfahren ist, und jede Furcht, die uns je begegnet ist. Und hinzu kommen noch die Auferstehung von den Toten und die Vergebung unserer Sünden. Dieser Sieg wird uns deshalb gewährt, weil sich an einem Wochenende genau wie diesem vor fast zweitausend Jahren in Jerusalem eine Reihe von Ereignissen zugetragen hat.

Angefangen bei der Geistesqual im Garten Getsemani über die Kreuzigung auf Golgota bis hin zu einem schönen Sonntagmorgen in einem überlassenen Grab hat ein sündenloser, reiner und heiliger Mann, ja, der Sohn Gottes selbst, etwas getan, was kein anderer Verstorbener jemals getan hat oder hätte tun können. Aus eigener Kraft stand er von den Toten auf, und sein Körper und sein Geist sollten von nun an nie wieder getrennt werden. Aus eigenem Entschluss legte er, wie es in der Schrift heißt, die Leinenbinden ab, in die er gewickelt worden war. „Und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte, … lag … daneben an einer besonderen Stelle.“10

Diese erste, Ostern begründende Abfolge von Sühnopfer und Auferstehung stellt den allerwichtigsten Augenblick, das großzügigste Geschenk, den qualvollsten Schmerz und den erhabensten Beweis reiner Liebe dar, der im Laufe der Weltgeschichte jemals erbracht worden ist. Jesus Christus, der einziggezeugte Sohn Gottes, litt, starb und stand von den Toten auf, damit er uns, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, ergreifen und unseren Fall aufhalten kann und damit er uns mit seiner Macht und durch unseren Gehorsam gegenüber seinen Geboten festhalten und zu ewigem Leben erheben kann.

An diesem Ostermorgen danke ich ihm und dem Vater, der uns Jesus gegeben hat, dafür, dass Jesus noch immer als Sieger über den Tod dasteht, auch wenn seine Füße Wunden aufweisen. An diesem Ostermorgen danke ich ihm und dem Vater, der uns Jesus gegeben hat, dafür, dass er uns noch immer unendliche Barmherzigkeit gewährt, auch wenn seine Handflächen durchstochen und seine Handgelenke vernarbt sind. An diesem Ostermorgen danke ich ihm und dem Vater, der uns Jesus gegeben hat, dafür, dass wir vor dem Garten, in dem Schweißtropfen wie Blut zu Boden fielen, vor dem Kreuz, das von Nägeln durchbohrt war, und vor dem wunderbarerweise leeren Grab singen können:

Wie groß, wie herrlich und wie schön

ist der Erlösungsplan,

wo Lieb, Gerechtigkeit und Gnad

uns führen himmelan.11

Im heiligen Namen des auferstandenen Herrn Jesus Christus. Amen.

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