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Herbst 2015 | Halte an deinem Weg fest

Halte an deinem Weg fest

Herbst 2015 Generalkonferenz

Setzen Sie Gott an die erste Stelle, ungeachtet der Prüfungen, die Sie durchmachen. Lieben Sie Gott. Glauben Sie an Christus und vertrauen Sie sich ihm in allem an.

Am 11. März 2011 stand ich in Tokio auf einem Bahnsteig im Bahnhof Shinagawa. Ich war auf dem Weg in die Japan-Mission Kobe. Etwa um 14:46 Uhr erschütterte ein Erdbeben der Stärke 9,0 das Land. Ich konnte mich wegen der heftigen Erdstöße nicht auf den Beinen halten und klammerte mich an einem Treppengeländer fest. Lampen lösten sich von der Decke und fielen zu Boden. Überall in Tokio brach Panik aus.

Zum Glück war ich heil davongekommen, und vier Stunden später erfuhr ich zu meiner Erleichterung, dass auch meine ganze Familie in Sicherheit war.

Im Fernsehen waren unzählige schreckliche Bilder von dem Unglück zu sehen. Ein riesiger Tsunami überrollte die Region der Mission Sendai und riss alles mit sich, was ihm in den Weg kam: Autos, Häuser, Fabriken, Felder. Ich war über die tragischen Bilder bestürzt und musste weinen. Ich betete inständig, der Vater im Himmel möge in dieser Region all die Menschen, die mir so am Herzen liegen, beschützen und ihnen Hilfe senden.

Später erhielten wir die Nachricht, dass alle Missionare und Mitglieder der Kirche in Sicherheit waren. Dennoch waren viele Mitglieder von der Katastrophe betroffen. Sie hatten Angehörige, ihr Zuhause oder einen Teil ihres Hausrats verloren. Fast 20.000 Menschen kamen ums Leben, ganze Ortschaften waren zerstört. Viele Leute waren gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen, da es in einem Kernkraftwerk zu einem schweren Unfall gekommen war.

Derartige Katastrophen richten heutzutage in vielen Teilen der Welt verheerende Schäden an und fordern viele Todesopfer. Wir sind gewarnt worden, dass es in der Welt Katastrophen, Kriege und unzählige Schwierigkeiten geben wird.

Doch wenn ein solches Unheil plötzlich über uns hereinbricht, fragen wir uns zuweilen: Warum muss das gerade mir passieren? Weshalb muss ich so leiden?

Nachdem ich mich zum Evangelium bekehrt hatte, erhielt ich lange Zeit keine klare Antwort auf die Frage: Warum erhalte ich Prüfungen? Ich hatte schon verstanden, dass es zum Erlösungsplan gehört, geprüft zu werden. Doch wenn ich mir dann angesichts des wirklichen Lebens diese Frage stellte, hatte ich keine überzeugende und befriedigende Antwort darauf. Schließlich gab es in meinem Leben eine Zeit, wo auch ich eine große Prüfung bestehen musste.

Als ich 30 Jahre alt war, besuchte ich im Rahmen meiner Arbeit die Japan-Mission Nagoja. Nach der Zusammenkunft sorgte der Missionspräsident freundlicherweise dafür, dass die Missionare mich zum Flughafen fuhren. Als wir an einer Kreuzung am Fuße eines lang hingestreckten Hügels standen, raste ein Lastwagen mit ungeheurer Geschwindigkeit von hinten auf uns zu. Er rammte unser Auto und schleuderte es über 20 Meter weit nach vorn. Am meisten versetzte uns in Schrecken, dass der Laster von niemandem gesteuert wurde. Das Heck unseres Wagens wurde auf die halbe Größe zusammengedrückt. Zum Glück überlebten die Missionare und ich dieses Unglück.

Am nächsten Tag setzten bei mir allerdings erhebliche Nacken- und Schulterschmerzen ein, und ich bekam starke Kopfschmerzen. Von da an konnte ich nachts nicht mehr richtig schlafen und musste fortan mit körperlichen und seelischen Schmerzen leben. Ich betete zu Gott, er möge meine Schmerzen heilen, doch hielten sich die Krankheitssymptome etwa zehn Jahre lang hartnäckig.

Damals kamen schleichend Zweifel in mir auf und ich fragte mich, warum ich bloß so viele Schmerzen erleiden musste. Obwohl ich nicht die Heilung erhielt, die ich mir erhoffte, bemühte ich mich, die Gebote Gottes weiterhin treu zu halten. Ich betete weiter darum, ich möge Antwort auf die Fragen finden, die mich wegen meiner Bedrängnisse beschäftigten.

Dann kam ein Lebensabschnitt, in dem ich mit ein paar weiteren Problemen zu kämpfen hatte. Ich war aufgewühlt, weil ich nicht wusste, wie ich mit diesen neuen Prüfungen fertigwerden sollte. Ich betete um Antwort, doch ich erhielt sie nicht sofort. Daher suchte ich das Gespräch mit einem Führer der Kirche, dem ich vertraute.

Liebevoll fragte er mich bei unserer Unterhaltung: „Bruder Aoyagi, sind Sie nicht deshalb auf dieser Erde, um diese Prüfung durchzustehen? Können wir nicht einfach alle Prüfungen in diesem Leben hinnehmen, wie sie kommen, und den Rest dem Herrn überlassen? Meinen Sie nicht, dass dieses Problem bei unserer Auferstehung geklärt sein wird?“

Als ich diese Worte hörte, spürte ich den Geist des Herrn sehr stark. Ich hatte diese Lehre schon unzählige Male gehört, doch noch nie waren mir die Augen so weit aufgegangen wie in diesem Moment. Ich wusste, dass dies die Antwort war, um die ich den Herrn im Gebet angefleht hatte. Ich konnte den Erlösungsplan unseres himmlischen Vaters jetzt klar verstehen, mir wurde dieser wichtige Grundsatz erneut bewusst.

Im Buch Abraham erklärt Gott, der Herr: „Und wir wollen sie hierdurch prüfen und sehen, ob sie alles tun werden, was auch immer der Herr, ihr Gott, ihnen gebietet.“1

Das heißt: Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat, kennt den großartigen Zweck dieser Erde. Er hat die Herrschaft über alles im Himmel und auf der Erde, und damit der Erlösungsplan zustande gebracht wird, gibt er uns viele verschiedene Erfahrungen – auch ein paar Prüfungen –, solange wir auf der Erde weilen.

Der Herr sagte zum Propheten Joseph Smith:

„Wisse, mein Sohn, dass dies alles dir Erfahrung bringen und dir zum Guten dienen wird. …

Darum halte an deinem Weg fest, … denn Gott wird mit dir sein für immer und immer.“2

Die Prüfungen auf dieser Erde, darunter Krankheit und Tod, gehören zum Erlösungsplan und sind unausweichliche Erfahrungen. Wir müssen an unserem Weg festhalten und unsere Prüfungen gläubig annehmen.

Dennoch besteht der Sinn des Lebens nicht darin, Prüfungen einfach nur zu ertragen. Der Vater im Himmel hat seinen geliebten Sohn, Jesus Christus, als unseren Erretter und Erlöser gesandt, damit wir die Prüfungen bestehen können, denen wir uns hier auf der Erde gegenübersehen. Mit anderen Worten: Er macht aus unserer Schwäche Stärke,3 er sühnt für unsere Sünden und Unzulänglichkeiten, und er ermöglicht es uns, Unsterblichkeit und ewiges Leben zu erlangen.

Präsident Henry B. Eyring bestätigt: „Die Prüfung, vor die Gott, der uns ja liebt, uns stellt, besteht nicht darin herauszufinden, ob wir Schwierigkeiten ertragen können, sondern darin, ob wir sie gut ertragen können. Wir bestehen die Prüfung, indem wir zeigen, dass wir an ihn und die Gebote, die er uns gegeben hat, denken.“4

An seinem Weg festzuhalten ist eine grundlegende Entscheidung in Zeiten der Prüfung. Wenden Sie Ihr Herz Gott zu, vor allem inmitten von Prüfungen. Halten Sie demütig die Gebote Gottes. Unterwerfen Sie Ihre Wünsche voll Glauben dem Willen Gottes.

Um noch einmal auf den Auffahrunfall in Nagoja zurückzukommen: Ich hätte dabei sterben können. Doch dank der Gnade des Herrn wurde ich auf wundersame Weise bewahrt. Und ich weiß, dass mein Leiden meiner Belehrung und Erziehung diente.5 Der Vater im Himmel schulte mich darin, meine Ungeduld zu zügeln, Einfühlungsvermögen zu entwickeln und die Leidenden zu trösten. Als mir das klarwurde, füllte sich mein Herz mit Dankbarkeit meinem Vater im Himmel gegenüber, dass ich diese Prüfung bekommen hatte.

Setzen Sie Gott an die erste Stelle, ungeachtet der Prüfungen, die Sie durchmachen. Lieben Sie Gott. Glauben Sie an Christus und vertrauen Sie sich ihm in allem an. Moroni verheißt den Menschen, die sich daran halten: „Und wenn ihr auf alles verzichtet, was ungöttlich ist, und Gott mit all eurer Macht, ganzem Sinn und aller Kraft liebt, dann ist seine Gnade ausreichend für euch, damit ihr durch seine Gnade in Christus vollkommen seiet.“6

Ich bezeuge von ganzem Herzen, dass Gottvater und sein geliebter Sohn, Jesus Christus, leben und dass sich Gottes Verheißung an diejenigen, die an ihrem Weg festhalten und ihn lieben, selbst inmitten von Prüfungen erfüllt. Im heiligen Namen Jesu Christi. Amen.

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