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Herbst 2015 | Was fehlt mir jetzt noch?

Was fehlt mir jetzt noch?

Herbst 2015 Generalkonferenz

Wenn wir demütig und belehrbar sind, regt uns der Heilige Geist dazu an, uns zu verbessern, und führt uns nach Hause. Wir müssen aber den Herrn entlang des Wegs um Führung bitten.

Ich begann, die Kirche zu untersuchen, als ich noch ein junger Erwachsener war. Anfangs bewog mich das Beispiel meiner Freunde, die der Kirche angehörten, mich mit dem Evangelium zu beschäftigen, doch schließlich zog mich die einzigartige Lehre in ihren Bann. Als ich erfuhr, dass gläubige Männer und Frauen immer weiter Fortschritt machen und letzten Endes so werden können wie unsere himmlischen Eltern, war ich schlichtweg fasziniert. Diese Vorstellung gefiel mir sehr und leuchtete mir ein.

Kurz nach meiner Taufe studierte ich die Bergpredigt. Dabei fiel mir auf, dass Jesus in der Bibel genau diese Wahrheit über den ewigen Fortschritt verkündet. Er sagt dort: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.“1

Inzwischen gehöre ich seit über 40 Jahren der Kirche an, doch jedes Mal, wenn ich diesen Vers in den Schriften lese, erinnert er mich an den Sinn unseres Erdendaseins. Wir sind hierhergekommen, damit wir dazulernen und uns verbessern, bis wir nach und nach in Christus geheiligt, also vervollkommnet werden.

Der Weg eines Jüngers ist nicht leicht. Er wurde schon als „Weg ständiger Verbesserung“2 bezeichnet. Auf unserer Reise auf diesem engen und schmalen Pfad fordert uns der Heilige Geist beständig auf, besser zu werden und mehr zu erreichen. Der Heilige Geist ist dabei der ideale Weggefährte. Wenn wir demütig und belehrbar sind, nimmt er uns an der Hand und führt uns nach Hause.

Wir müssen aber den Herrn entlang des Wegs um Führung bitten. Dazu müssen wir einige schwierige Fragen stellen, etwa: „Was muss ich ändern?“ „Wie kann ich mich verbessern?“ „Welche Schwäche muss zu einer Stärke werden?“

Betrachten wir doch einmal die Geschichte vom reichen Jüngling. Es handelte sich um einen rechtschaffenen jungen Mann, der bereits die Zehn Gebote hielt, jedoch noch besser werden wollte. Sein Ziel war das ewige Leben.

Als er dem Heiland begegnete, fragte er: „Was fehlt mir jetzt noch?“3

Jesus antwortete sofort mit einem Rat, der speziell auf den reichen Jüngling zugeschnitten war. „Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; … dann komm und folge mir nach.“4

Der junge Mann war fassungslos; so ein Opfer hatte er nie in Betracht gezogen. Er war demütig genug, den Herrn zu fragen, aber ihm fehlte der Glaube, den göttlichen Rat zu befolgen, den er erhalten hatte. Wenn wir eine Antwort erhalten, müssen wir auch bereit sein, entsprechend zu handeln.

Präsident Harold B. Lee hat gesagt: „Jeder von uns, der Vollkommenheit erlangen will, muss sich irgendwann diese Frage stellen:, Was fehlt mir jetzt noch?‘“5

Ich kannte einmal eine gläubige Mutter, die demütig fragte: „Was hält mich davon ab, Fortschritt zu machen?“ In ihrem Fall kam die Antwort durch den Geist sofort: „Hör auf, dich zu beklagen!“ Diese Antwort überraschte sie, denn sie hatte sich nie für jemanden gehalten, der sich ständig beklagt. Die Botschaft vom Heiligen Geist war jedoch sehr klar. In den folgenden Tagen wurde ihr bewusst, dass sie sich in der Tat häufig beklagte. Sie war dankbar für die Eingebung, wie sie sich verbessern konnte, und beschloss, sich ihre Segnungen vor Augen zu halten, nicht ihre Schwierigkeiten. Innerhalb weniger Tage spürte sie, dass der Geist ihr Verhalten guthieß.

Ein demütiger junger Mann, der anscheinend nicht in der Lage war, die richtige Frau zu finden, wandte sich an den Herrn um Hilfe: „Was steht meinem Wunsch im Weg, für eine Frau der richtige Mann zu sein?“, fragte er. Die Antwort drang ihm durch und durch: „Achte auf eine saubere Ausdrucksweise.“ In diesem Augenblick wurde ihm klar, dass er sich den Gebrauch diverser Kraftausdrücke angewöhnt hatte, und er nahm sich vor, das zu ändern.

Eine alleinstehende Schwester stellte tapfer diese Frage: „Was muss ich ändern?“ Der Geist flüsterte ihr zu: „Unterbrich niemanden beim Reden.“ Der Heilige Geist gibt wirklich maßgeschneiderte Ratschläge. Er ist ein vollkommen ehrlicher Begleiter und sagt uns etwas, was niemand sonst weiß oder zu sagen wagt.

Ein zurückgekehrter Missionar war durch seinen umfangreichen Terminplan gestresst. Er wollte Zeit für die Arbeit, das Studium, die Familie und seine Berufung in der Kirche finden. Da bat er den Herrn um Rat: „Wie kann ich bei allem, was ich zu tun habe, innerlich zur Ruhe kommen?“ Mit der Antwort, die er erhielt, hatte er nicht gerechnet. Er empfing die Eingebung, er solle den Sabbattag besser einhalten und ihn heilighalten. Er beschloss, den Sonntag dem Dienst für Gott zu weihen – er legte das Material vom Studium beiseite und befasste sich stattdessen an diesem Tag mit dem Evangelium. Diese kleine Umstellung brachte ihm den Frieden und die Ausgeglichenheit, die er sich gewünscht hatte.

Vor Jahren las ich in einer Zeitschrift der Kirche die Geschichte einer jungen Frau, die nun studierte und nicht mehr bei den Eltern wohnte. Sie war mit ihren Kursen nicht auf dem Laufenden, hatte sich ein völlig anderes Sozialleben erhofft und war überhaupt ziemlich unglücklich. Schließlich fiel sie eines Tages auf die Knie und rief aus: „Wie kann ich mein Leben verbessern?“ Der Heilige Geist flüsterte ihr zu: „Steh auf und räum dein Zimmer auf!“ Diese Eingebung war zwar eine echte Überraschung, aber genau diesen Anfang brauchte sie. Nachdem sie sich Zeit genommen hatte, Struktur und Ordnung zu schaffen, spürte sie, wie der Geist ihr Zimmer erfüllte und ihr das Herz leichter machte.

Der Heilige Geist sagt uns nicht, wir müssten alles auf einmal und sofort verbessern. Wenn er das täte, würden wir entmutigt aufgeben. Der Geist arbeitet mit uns in unserem Tempo, nur einen Schritt auf einmal, wie schon der Herr gesagt hat: „Zeile um Zeile …, Weisung um Weisung, … und gesegnet sind, die auf meine Weisungen hören …, denn dem, der empfängt, werde ich mehr geben.“6 Wenn Ihnen der Heilige Geist etwa eingegeben hat, sich öfter zu bedanken, und Sie nehmen sich diese Eingebung zu Herzen, sieht er möglicherweise den Zeitpunkt gekommen, Ihnen etwas Schwierigeres aufzutragen, etwa dass Sie lernen, Fehler zuzugeben.

Eine Familie nimmt vom Abendmahl

Der beste Augenblick, danach zu fragen, was einem noch fehlt, ist das Abendmahl. Der Apostel Paulus hat erklärt, dass wir uns dabei die Zeit nehmen sollen, uns selbst zu prüfen.7 Wenn sich unsere Gedanken in dieser andächtigen Atmosphäre himmelwärts wenden, kann uns der Herr liebevoll wissen lassen, woran wir als Nächstes arbeiten müssen.

Wie Sie habe auch ich über die Jahre viele Botschaften vom Geist empfangen, die mir gezeigt haben, wie ich mich verbessern kann. Ich möchte ein paar persönliche Beispiele erzählen, die ich mir zu Herzen genommen habe. Unter anderem habe ich diese Eingebungen empfangen:

  • Werde nicht laut!

  • Organisiere dein Leben; stell für jeden Tag eine Liste auf, was zu tun ist!

  • Achte besser auf deinen Körper und iss mehr Obst und Gemüse!

  • Gehe öfter in den Tempel!

  • Gehe in dich, bevor du betest!

  • Frag deine Frau um Rat!

  • Sei beim Autofahren geduldig und überschreite nicht die Geschwindigkeitsbegrenzung! (Am letzten Punkt arbeite ich immer noch.)

Nur das Sühnopfer des Heilands macht Vervollkommnung und Heiligung überhaupt möglich. Alleine würden wir es nie schaffen, aber die Gnade Gottes ist ausreichend und hilft uns. Elder David A. Bednar hat einmal erklärt: „Den meisten von uns ist klar, dass das Sühnopfer den Sündern zugutekommt. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir wissen und verstehen, dass das Sühnopfer auch den Heiligen zugutekommt – den guten Menschen, die gehorsam, würdig und gewissenhaft sind und die sich bemühen, besser zu werden.“8

Eine Frau betet

Ich möchte vorschlagen, dass Sie alle schon bald eine geistige Übung ausprobieren, vielleicht sogar schon heute beim Abendgebet. Fragen Sie den Herrn demütig: „Was hält mich davon ab, Fortschritt zu machen?“ Oder mit anderen Worten: „Was fehlt mir jetzt noch?“ Dann warten Sie still auf eine Antwort. Wenn Sie aufrichtig fragen, wird die Antwort bald klar sein. Diese Offenbarung ist nur für Sie bestimmt.

Vielleicht sagt Ihnen der Geist, dass Sie jemandem vergeben müssen. Oder Sie empfangen die Botschaft, dass Sie bei Filmen oder Musik eine bessere Auswahl treffen müssen. Vielleicht wird Ihnen eingegeben, in geschäftlichen Angelegenheiten ehrlicher zu sein oder beim Fastopfer großzügiger. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten.

Der Geist kann uns unsere Schwächen zeigen, aber er ist auch in der Lage, uns unsere Stärken zu zeigen. Manchmal müssen wir fragen, was wir richtig machen, damit uns der Herr aufrichten und Mut zusprechen kann. Wenn wir unseren Patriarchalischen Segen lesen, werden wir daran erinnert, dass der Vater im Himmel unser göttliches Potenzial kennt. Er frohlockt jedes Mal, wenn wir einen Schritt vorwärts machen. Ihm ist die Richtung, die wir einschlagen, viel wichtiger als unsere Geschwindigkeit.

Seien Sie beharrlich, Brüder und Schwestern, und lassen Sie sich nicht entmutigen. Wahre Vollkommenheit werden wir erst im Jenseits erreichen, aber hier im Erdenleben können wir die Grundlage legen. „Es ist unsere Pflicht, heute besser zu sein als gestern und morgen besser als heute.“9

Wenn geistiges Wachstum keine Priorität für uns ist und wir nicht auf dem Weg ständiger Verbesserung sind, verpassen wir wichtige Erfahrungen, die Gott uns machen lassen möchte.

Vor vielen Jahren las ich diese Worte von Präsident Spencer W. Kimball, die mich sehr geprägt haben: „Ich habe die Erfahrung gemacht: Wo man von Herzen betet, nach Rechtschaffenheit hungert, seine Sünden ablegt und den Geboten Gottes gehorcht, gießt der Herr immer mehr Licht aus, bis man schließlich die Macht hat, den Schleier zum Himmel zu durchstoßen. … Einem solch rechtschaffenen Menschen ist verheißen, er werde eines Tages das Angesicht des Herrn sehen und wissen, dass er ist.“10

Ich bete darum, dass wir eines Tages diese höchst erfüllende Erfahrung machen, weil wir es zulassen, dass uns der Heilige Geist nach Hause führt. Im Namen Jesu Christi. Amen.

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    Anmerkungen

    1. Matthäus 5:48

    2. Neal A. Maxwell, „Vom großen und herrlichen Sühnopfer Zeugnis geben“, Liahona, April 2002, Seite 9

    3. Matthäus 19:20

    4. Matthäus 19:21

    5. Lehren der Präsidenten der Kirche: Harold B. Lee, Seite 197

    6. 2 Nephi 28:30

    7. Siehe 1 Korinther 11:28

    8. David A. Bednar, „Das Sühnopfer und unsere irdische Reise“, Liahona, April 2012, Seite 14

    9. Joseph Fielding Smith, Doctrines of Salvation, Hg. Bruce R. McConkie, 3 Bände, 1954–1956, 2:18

    10. Spencer W. Kimball, „Give the Lord Your Loyalty“, Tambuli, Februar 1981, Seite 47