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Herbst 2015 | Wenn man sein Herz Gott hingibt

Wenn man sein Herz Gott hingibt

Herbst 2015 Generalkonferenz

Wenn wir uns dem Heiligen Geist überlassen, lernen wir Gottes Wege kennen und spüren, was sein Wille ist.

Elder Dallin H. Oaks sprach bei der Frühjahrs-Generalkonferenz von der Notwendigkeit, „unser Leben … zu ändern“1. Ich möchte behaupten, dass jegliche Besserung mit einer Herzenswandlung beginnt – ganz gleich, welche Lebenserfahrungen man gemacht hat oder wo man geboren wurde.

Ich komme aus dem tiefen Süden der USA. In meiner Jugend habe ich aus alten protestantischen Kirchenliedern gelernt, was das Herz eines wahren Jüngers ausmacht, ein Herz, das sich gewandelt hat. Denken Sie einmal über diese Worte nach, die mir so lieb und teuer sind:

Dein Weg soll es sein,

o Gottessohn!

Du bist der Töpfer,

ich bin der Ton.

Forme mich ganz

nach deinem Sinn,

geduldig und still

geb ich mich dir hin.2

Wie können wir, ein modernes, geschäftiges, wettbewerbsorientiertes Volk, uns geduldig und still dem Herrn hingeben? Wie machen wir die Wege des Herrn zu unseren Wegen? Ich glaube, wir beginnen damit, dass wir von ihm lernen und um Erkenntnis beten. Wenn unser Vertrauen in ihn wächst, öffnen wir unser Herz, wir möchten seinen Willen tun und warten auf Antworten, die unser Verständnis erweitern.

Meine eigene Herzenswandlung nahm ihren Anfang, als ich zwölf Jahre alt war und mich auf die Suche nach Gott machte. Ich kannte das Vaterunser,3 wusste aber sonst eigentlich nicht, wie man betet. Ich weiß noch, wie ich kniete, darauf hoffte, Gottes Liebe zu spüren, und fragte: Wo bist du, Vater im Himmel? Ich weiß, du musst irgendwo sein, aber wo? Meine ganze Teenagerzeit hindurch stellte ich diese Frage. Ich hatte zwar flüchtige Eindrücke, dass es Jesus Christus wirklich gibt, aber der Vater im Himmel ließ mich in seiner Weisheit zehn Jahre lang suchen und warten.

1970 nahm mein Warten ein Ende, als ich von den Missionaren vom Erlösungsplan des Vaters und vom Sühnopfer des Erretters erfuhr. Ich nahm diese wahren Lehren an und ließ mich taufen.

Weil wir wissen, dass der Herr barmherzig und mächtig ist, haben mein Mann, unsere Kinder und ich als Familienmotto die Worte gewählt: „Alles wird gut.“ Aber wie können wir das zueinander sagen, wenn wir großen Kummer erleben und Antworten nicht schnell zur Hand sind?

Als unsere entzückende, würdige 21-jährige Tochter Georgia nach einem Fahrradunfall lebensbedrohlich verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wurde, sagte unsere Familie: „Alles wird gut.“ Ich flog sofort von Brasilien, wo wir auf Mission waren, nach Indianapolis in den USA, um bei ihr zu sein, und klammerte mich den ganzen Flug über an unser Familienmotto. Doch wenige Stunden bevor mein Flugzeug landete, ging unsere bezaubernde Tochter aus diesem Leben in die Geisterwelt hinüber. Unsere Familie war vor Trauer und Entsetzen wie vom Schlag getroffen. Wie konnten wir einander ansehen und immer noch sagen: „Alles wird gut“?

Nach Georgias irdischem Tod war unsere Seele wund. Wir hatten schwer zu kämpfen, und noch heute erleben wir Momente tiefer Trauer. Aber wir halten uns an der Erkenntnis fest, dass niemand wirklich stirbt. Trotz der Seelenqual, die wir litten, als Georgias Körper seinen Dienst versagte, vertrauten wir darauf, dass sie ja als Geist weiterlebte, und wir glauben, dass wir in Ewigkeit mit ihr zusammen sein werden, wenn wir an unseren Tempelbündnissen festhalten. Der Glaube an unseren Erlöser und an seine Auferstehung, der Glaube an die Macht seines Priestertums und der Glaube an die ewige Siegelung ermöglichen es uns, unser Motto mit Überzeugung auszusprechen.

Präsident Gordon B. Hinckley hat gesagt: „Wenn Sie Ihr Bestes geben, wird alles gut. Setzen Sie Ihr Vertrauen in Gott. … Der Herr lässt uns nicht im Stich.“4

Unser Familienmotto lautet nicht: „Alles wird jetzt sofort gut.“ Es bezieht sich auf unsere Hoffnung, dass in der Ewigkeit alles gut ausgehen wird – nicht unbedingt schon hier und jetzt. In den Schriften heißt es: „Forscht eifrig, betet immer und seid gläubig, dann wird alles zu eurem Guten zusammenwirken.“5 Das bedeutet nicht, dass alles gut ist, sondern dass für die Sanftmütigen und Gläubigen alles – Positives und Negatives – zum Guten zusammenwirkt. Wann das geschieht, entscheidet der Herr. Wir harren auf ihn, manchmal wie Ijob in seinem Leid, denn wir wissen: „[Gott] verwundet und er verbindet, er schlägt, doch seine Hände heilen auch.“6 Ein sanftmütiges Herz nimmt die Prüfung und das Harren auf die kommende Zeit der Heilung an.

Wenn wir uns dem Heiligen Geist überlassen, lernen wir Gottes Wege kennen und spüren, was sein Wille ist. Ich habe festgestellt, dass es für mich aufschlussreich ist, beim Abendmahl, das ich gerne das Herz des Sabbats nenne, nach dem Gebet um Vergebung unserer Sünden den Vater im Himmel zu fragen: „Vater, gibt es noch etwas?“ Wenn wir fügsam und ruhig sind, können unsere Gedanken zu noch etwas anderem hingeführt werden, was wir ändern müssen – etwas, was uns daran hindert, geistige Führung oder sogar Heilung oder Hilfe zu erhalten.

Vielleicht hege ich beispielsweise einen sorgsam gepflegten Groll gegen jemanden. Wenn ich mich frage, ob es noch mehr einzugestehen gibt, erinnere ich mich wieder klar an dieses „Verborgene“. Im Grunde flüstert der Heilige Geist mir zu: „Du hast aufrichtig gefragt, ob es noch etwas gibt. Hier hast du es. Dein Groll hemmt deinen Fortschritt und beeinträchtigt deine Fähigkeit, gesunde Beziehungen zu pflegen. Du kannst es schaffen, loszulassen.“ Ja, das ist harte Arbeit – denn wir mögen uns in unserer Feindschaft ziemlich gerechtfertigt fühlen. Aber der einzige Weg zu dauerhaftem Glück besteht darin, dass wir uns den Wegen des Herrn überlassen.

Mit der Zeit empfangen wir nach und nach seine gütige Stärke und Führung. Möglicherweise bringt uns das dazu, häufig den Tempel zu besuchen, uns noch eingehender mit dem Sühnopfer des Erretters zu befassen oder uns mit einem Freund, dem Bischof, einem Therapeuten oder sogar einem Arzt zu beraten. Die Heilung unseres Herzens beginnt, wenn wir uns Gott fügen und ihn verehren.

Wahre Verehrung beginnt, wenn unser Herz vor dem Vater und dem Sohn aufrichtig ist. In welchem Zustand befindet sich unser Herz heute? Paradoxerweise müssen wir, um ein geheiltes und gläubiges Herz zu bekommen, zuerst zulassen, dass es vor dem Herrn reuig bricht. „Ihr sollt mir als Opfer ein reuiges Herz und einen zerknirschten Geist darbringen“7, verkündet der Herr. Wenn wir unser Herz, oder unseren Willen, dem Herrn opfern, erhalten wir dafür die geistige Führung, die wir brauchen.

Mit zunehmendem Verständnis der Gnade und Barmherzigkeit des Herrn stellen wir fest, dass unser eigenwilliges Herz allmählich in Dankbarkeit aufreißt und reuig bricht. Dann strecken wir die Hand nach dem Heiland aus, weil wir uns danach sehnen, unter einem Joch mit dem einziggezeugten Sohn Gottes verbunden zu sein. Wenn wir dies mit reuevollem Herzen tun, empfangen wir neue Hoffnung und frische Führung durch den Heiligen Geist.

Für mich war es ein Kampf, den irdischen Wunsch zu bezwingen, meinen Weg zu gehen, doch mit der Zeit habe ich erkannt, wie mangelhaft und begrenzt mein Weg und wie weit überlegen der Weg Jesu Christi ist. „Sein Weg ist der Pfad, der zu Glück hier auf der Erde und zu ewigem Leben im Jenseits führt.“8 Können wir Jesus Christus und seinen Weg mehr lieben als uns selbst und unsere eigenen Pläne?

Manch einer meint vielleicht, er habe zu oft versagt, und fühlt sich zu schwach, um sündiges Verhalten oder weltliche Herzenswünsche zu ändern. Als das Bundesvolk Israel versuchen wir aber nicht immer und immer wieder ganz allein, uns zu ändern. Wenn wir uns aufrichtig an Gott wenden, nimmt er uns so, wie wir sind, und macht mehr aus uns, als wir uns jemals vorstellen könnten. Der bekannte Theologe Robert L. Millet schreibt von „einem gesunden Sehnen, sich zu verbessern“, das ausgeglichen wird mit der geistigen „Gewissheit, dass wir es in und durch Jesus Christus schaffen können“9. Wenn uns das bewusst ist, können wir aufrichtig zum Vater im Himmel sagen:

Und sicher, dass du mich liebst, o Herr,

vertrauend der Sorgfalt dein,

will ich im Gehorsam nur dir mich weihn,

und wie du willst, so will ich sein.10

Wenn wir Jesus Christus unser reuiges Herz darbringen, nimmt er unser Opfer an. Er nimmt uns wieder zu sich. Ganz gleich, unter welchem Verlust, welchen Wunden oder welcher Ablehnung wir leiden, seine Gnade und seine Heilung sind mächtiger als alles andere. Wenn wir mit dem Heiland unter einem Joch eng verbunden sind, können wir voll Zuversicht sagen: „Alles wird gut.“ Im Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigenQuellenangaben ausblenden

    Anmerkungen

    1. Dallin H. Oaks, „Das Gleichnis vom Sämann“, Liahona, Mai 2015, Seite 32

    2. „Have Thine Own Way, Lord“, The Cokesbury Worship Hymnal, Nr. 72

    3. Siehe Matthäus 6:9-13

    4. Gordon B. Hinckley, Priestertumsversammlung bei der Regionskonferenz Jordan Süd in Utah, 1. März 1997; siehe auch „Excerpts from Addresses of President Gordon B. Hinckley“, Ensign, Oktober 2000, Seite 73

    5. Lehre und Bündnisse 90:24

    6. Ijob 5:18

    7. 3 Nephi 9:20

    8. „Der lebendige Christus – das Zeugnis der Apostel“, Artikel-Nr. 36299 150; Hervorhebung hinzugefügt

    9. Robert L. Millet, After All We Can Do: Grace Works, 2003, Seite 133

    10. „Ich gehe, wohin du mich heißt“, Gesangbuch, Nr. 180