Hauptnavigation überspringen
Frühjahr 2016 | Er wird Sie auf seine Schultern nehmen und nach Hause tragen

Er wird Sie auf seine Schultern nehmen und nach Hause tragen

Frühjahr 2016 Generalkonferenz

Der gute Hirte findet seine verlorenen Schafe. Sie müssen sich nur von Herzen dem Erretter der Welt zuwenden, und er wird Sie finden.

Eine Kindheitserinnerung, die mich noch immer verfolgt, beginnt damit, dass in der Ferne ein Fliegeralarm aufheult und mich aus dem Schlaf reißt. Kurz darauf wird ein anderes Geräusch immer stärker, bis die Luft davon erbebt: das Knattern und Dröhnen von Propellermotoren. Von unserer Mutter gut gedrillt, schnappt jedes von uns Kindern seine Tasche und rennt den Hang hinauf zum Luftschutzbunker. Bei unserer Hast durch die rabenschwarze Nacht regnen grüne und weiße Leuchtmarkierungen vom Himmel herab, die den Bombern das Ziel anzeigen. Seltsamerweise werden diese Markierungen von allen „Weihnachtsbaum“ genannt.

Ich bin vier Jahre alt und Zeuge einer Welt, die sich im Krieg befindet.

Dresden

Nicht weit entfernt vom Wohnort meiner Familie lag die Stadt Dresden. Wer dort lebte, hat wohl unzählige Male beobachtet, was ich gesehen hatte. Eine gewaltige Feuersbrunst, ausgelöst von tausenden Tonnen Sprengstoff, zog über Dresden hinweg. Sie zerstörte fast 90 Prozent der Stadt und ließ fast nichts als Trümmer und Asche zurück.

Dresden in Schutt und Asche

In kürzester Zeit war von der Stadt, die man einst das „Schatzkästlein“ nannte, nichts mehr übrig. Der Schriftsteller Erich Kästner schrieb: „Jahrhunderte hatten ihre unvergleichliche Schönheit geschaffen. Ein paar Stunden genügten, um sie vom Erdboden fortzuhexen.“1 In meiner Kindheit konnte ich mir nicht vorstellen, wie das Vernichtungswerk dieses Krieges, der von unserem eigenen Volk ausgegangen war, jemals überwunden werden könnte. Die Welt, die uns umgab, schien völlig hoffnungslos und ohne jede Zukunft.

Letztes Jahr hatte ich die Gelegenheit, nach Dresden zurückzukehren. 70 Jahre nach dem Krieg ist die Stadt nun wieder ein „Schatzkästlein“. Die Ruinen wurden abgerissen und die Stadt wurde wieder aufgebaut und hat noch hinzugewonnen.

Die Frauenkirche nach der Zerstörung

Bei meinem Besuch sah ich auch die stattliche evangelisch-lutherische Frauenkirche. Ursprünglich im 18. Jahrhundert erbaut, war sie eines der funkelnden Schmuckstücke Dresdens gewesen, doch der Krieg hatte von ihr nur einen Trümmerhaufen übrig gelassen. Viele Jahre blieb sie in diesem Zustand, bis man endlich beschloss, sie wieder aufzubauen.

Die Frauenkirche nach dem Wiederaufbau

Man hatte Steine der zerstörten Kirche aufbewahrt und katalogisiert, um sie nach Möglichkeit beim Wiederaufbau zu verwenden. Heute überziehen diese rußgeschwärzten Steine die Außenmauern wie Narben. Diese Narben erinnern nicht nur daran, was mit diesem Gebäude im Krieg geschehen ist, sie sind auch ein Denkmal der Hoffnung – ein prächtiges Symbol für die Fähigkeit des Menschen, aus Asche neues Leben zu erschaffen.

Die Frauenkirche ist ein Denkmal der Hoffnung.

Als ich über die Geschichte Dresdens nachdachte und den Einfallsreichtum und die Entschlossenheit derer bewunderte, die das wiederaufgebaut hatten, was einst so vollständig zerstört war, überkam mich sanft der Einfluss des Heiligen Geistes. Ich dachte: Wenn der Mensch aus den Ruinen, dem Schutt und den Überresten einer zerstörten Stadt ein imposantes Bauwerk wieder aufrichten kann, das sich hoch in die Lüfte erhebt, um wie viel mehr ist dann unser allmächtiger Vater fähig, seine gefallenen Kinder, die gestrauchelt oder vom Weg abgekommen sind, wieder aufzurichten?

Es kommt nicht darauf an, wie sehr unser Leben scheinbar in Trümmern liegen mag. Es kommt nicht darauf an, wie scharlachrot unsere Sünden sein mögen, wie tief unsere Verbitterung sein mag oder wie einsam, verlassen oder innerlich zerbrochen wir sein mögen. Selbst wer ohne Hoffnung ist, wer von Verzweiflung erfüllt ist, wer Vertrauen missbraucht, seine Redlichkeit preisgegeben oder sich von Gott abgewandt hat, kann wieder aufgerichtet werden. Abgesehen von den seltenen Söhnen des Verderbens ist kein Leben derart ruiniert, dass es nicht wiederhergestellt werden könnte.

Das ist die frohe Botschaft des Evangeliums: Dank des ewigen Plans des Glücklichseins, den unser liebevoller Vater im Himmel aufgestellt hat, und durch das grenzenlose Opfer Jesu, des Messias, können wir nicht nur aus unserem gefallenen Zustand erlöst und wieder rein gemacht werden, wir können auch jenseits aller menschlichen Vorstellungskraft Erben des ewigen Lebens und Teilhaber der unbeschreiblichen Herrlichkeit Gottes werden.

Das Gleichnis vom verlorenen Schaf

Als der Erretter auf Erden wirkte, missbilligten die religiösen Führer seiner Zeit, dass er sich mit Leuten abgab, die sie als „Sünder“ ausgemacht hatten.

Möglicherweise sah es für sie so aus, als duldete er sündhaftes Verhalten oder befürwortete es gar. Vielleicht glaubten sie auch, man könne einem Sünder am besten zur Umkehr bewegen, indem man ihn verurteilt, lächerlich macht oder beschämt.

Als der Erretter merkte, was die Pharisäer und Schriftgelehrten dachten, erzählte er eine Geschichte:

„Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?

Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern.“2

Im Laufe der Jahrhunderte ist dieses Gleichnis traditionell als Aufruf zum Handeln ausgelegt worden: Wir sollen die verlorenen Schafe zurückbringen und uns denen zuwenden, die sich verirrt haben. Das ist sicher zutreffend und gut, aber ich frage mich, ob nicht noch mehr dahintersteckt.

Kann es sein, dass Jesus in allererster Linie die Absicht hatte, uns etwas über das Werk des guten Hirten zu lehren?

Kann es sein, dass er für die Liebe Gottes zu seinen widerspenstigen Kindern Zeugnis ablegte?

Kann es sein, dass die Botschaft des Erretters darin bestand, dass Gott sich der Verirrten sehr wohl bewusst ist, dass er sie finden wird, dass er sich ihnen zuwenden wird und dass er sie retten wird?

Und wenn dem so ist: Was muss ein Schaf tun, um dieser göttlichen Hilfe würdig zu sein?

Muss es wissen, wie man mit einem Sextanten umständlich Längen- und Breitengrad ermittelt? Muss es wissen, wie man ein Navi bedient, um seine Position zu bestimmen? Muss es die Fachkenntnis besitzen, eine App zu erstellen, die um Hilfe ruft? Braucht das Schaf die Unterstützung eines Geldgebers, ehe der gute Hirte ihm zur Rettung eilt?

Nein, ganz gewiss nicht. Das Schaf ist der göttlichen Rettung ganz einfach deshalb würdig, weil es vom guten Hirten geliebt wird.

Für mich ist das Gleichnis vom verlorenen Schaf einer der hoffnungsvollsten Abschnitte in den gesamten heiligen Schriften.

Unser Erretter, der gute Hirte, kennt uns und liebt uns. Er kennt und er liebt Sie.

Er weiß, wenn Sie sich verirrt haben, und er weiß, wo Sie sind. Er kennt Ihren Kummer. Ihr stilles Flehen. Ihre Ängste. Ihre Tränen.

Es kommt nicht darauf an, wie Sie vom Weg abgekommen sind – ob infolge eigener Fehlentscheidungen oder aufgrund von Umständen, auf die Sie keinen Einfluss hatten.

Worauf es ankommt, ist, dass Sie sein Kind sind. Und er liebt Sie. Er liebt seine Kinder.

Die Rettung des verlorenen Schafs

Und weil er Sie liebt, wird er Sie finden. Er wird Sie voll Freude auf seine Schultern nehmen. Und wenn er Sie nach Hause bringt, wird er allseits verkünden: „Freut euch mit mir; ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war.“3

Was müssen wir tun?

Sie denken nun vielleicht: Wo ist denn da der Haken? Bestimmt muss ich doch mehr tun, als bloß abzuwarten, dass ich gerettet werde.

Unser liebevoller Vater wünscht sich zwar, dass alle seine Kinder zu ihm zurückkehren, aber er zwingt niemanden in den Himmel hinein.4 Gott rettet uns nicht gegen unseren Willen.

Was müssen wir also tun?

Seine Aufforderung ist ganz einfach:

„Kehrt um zu mir.“5

„Kommt alle zu mir.“6

„Naht euch mir, und ich werde mich euch nahen.“7

Auf diese Weise zeigen wir ihm, dass wir gerettet werden wollen.

Dazu ist ein wenig Glaube vonnöten. Doch verzweifeln Sie nicht. Wenn Sie im Moment keinen Glauben aufbringen können, fangen Sie mit Hoffnung an.

Wenn Sie auch nicht sagen können, ob Gott wirklich da ist, so können Sie doch darauf hoffen. Sie können den Wunsch haben, zu glauben.8 Das genügt für den Anfang.

Handeln Sie dann aus dieser Hoffnung heraus und wenden Sie sich dem Vater im Himmel zu. Gott wird mit seiner Liebe auf Sie zukommen und mit dem Werk der Rettung und Umwandlung beginnen.

Mit der Zeit werden Sie seine Hand in Ihrem Leben erkennen. Sie werden seine Liebe spüren. Und der Wunsch, in seinem Licht zu wandeln und seinem Weg zu folgen, wird mit jedem Schritt größer, den Sie voller Glauben vorangehen.

Diese Schritte nennen wir „Gehorsam“.

Das ist heutzutage kein sonderlich beliebter Begriff. Gehorsam ist aber ein wertvoller Grundzug im Evangelium Jesu Christi, denn wir wissen, dass „durch das Sühnopfer Christi alle Menschen errettet werden können, indem sie die Gesetze und Verordnungen des Evangeliums befolgen“9.

Wenn unser Glaube zunimmt, muss auch unsere Glaubenstreue zunehmen. Ich habe eingangs ja Erich Kästner zitiert, der die Zerstörung Dresdens beklagte. Von ihm stammt auch der Ausspruch: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“10 So kurz und bündig lässt sich das natürlich nur in der celestialen Sprache ausdrücken!

Sie und ich können uns ungemein wortgewandt über Geistiges unterhalten. Wir mögen andere mit unserer scharfsinnigen Auslegung religiöser Fragen beeindrucken. Wir mögen von der Religion schwärmen und „vom himmlischen Land träumen“11. Doch wenn unser Glaube keine Änderung in unserem Lebenswandel bewirkt, wenn sich unsere Überzeugung nicht in unseren täglichen Entscheidungen niederschlägt, dann ist unsere Religion vergebens und unser Glaube wenn nicht tot, so doch gewiss kränkelnd und in Gefahr, abzusterben.12

Gehorsam ist das Lebenselixier des Glaubens. Durch Gehorsam sammeln wir Licht in unserer Seele.

Bisweilen aber missverstehen wir den Gehorsam wohl. Wir begreifen ihn als Selbstzweck und nicht als Mittel zum Zweck. Oder wir schlagen, bildlich gesprochen, mit dem Hammer des Gehorsams auf den eisernen Amboss der Gebote ein, um diejenigen, die wir lieben, durch ständiges Anfeuern und Einhämmern in eine heiligere, himmlischere Form zu bringen.

Zweifellos gibt es Zeiten, da wir alle ernsthaft zur Umkehr aufgerufen werden müssen. Gewiss lassen sich einige nur auf diese Weise überhaupt erreichen.

Aber vielleicht kann auch noch ein anderes Bild deutlich machen, warum wir Gottes Gebote befolgen. Vielleicht geht es beim Gehorsam nicht so sehr darum, unsere Seele in etwas zu verbiegen, zu verdrehen oder zu schlagen, was wir nicht sind. Gehorsam ist vielmehr der Vorgang, durch den wir entdecken, woraus wir wirklich sind.

Wir sind vom allmächtigen Gott erschaffen worden. Er ist unser himmlischer Vater. Wir sind buchstäblich seine Geistkinder. Wir sind aus einem überlegenen, höchst kostbaren und sehr edlen Material und tragen daher in uns das Wesen des Göttlichen.

Hier auf Erden jedoch wird alles, was wir denken oder tun, mit Verderbtem, Unheiligem und Unreinem belastet. Der Schmutz und der Unrat der Welt beflecken unsere Seele und machen es schwierig, unser Geburtsrecht und unseren Lebenszweck zu erkennen und nicht zu vergessen.

All das kann aber nichts daran ändern, wer wir wirklich sind. Die göttliche Grundlage unseres Wesens bleibt erhalten. Und in dem Augenblick, da wir beschließen, uns innerlich unserem geliebten Erretter zuzuwenden und den Weg eines Jüngers einzuschlagen, geschieht etwas Wunderbares. Die Liebe Gottes erfüllt unser Herz, das Licht der Wahrheit erfüllt unseren Sinn, das Verlangen, zu sündigen, verliert sich allmählich und wir möchten nicht länger in der Finsternis umhergehen.13

Wir fassen Gehorsam nun nicht mehr als Strafe auf, sondern als Befreiung auf dem Weg zu unserer göttlichen Bestimmung. Nach und nach fallen die Verderbtheit, der Schmutz und die Beschränkungen dieser Erde ab. Am Ende wird der kostbare, ewige Geist des himmlischen Wesens in uns offenbar, und es wird zu unserer Natur, Herzensgüte auszustrahlen.

Sie sind der Rettung würdig

Meine lieben Brüder und Schwestern, meine lieben Freunde, ich bezeuge, dass Gott uns so sieht, wie wir wirklich sind. Er sieht, dass wir der Rettung würdig sind.

Sie mögen glauben, Ihr Leben liege in Trümmern. Sie mögen gesündigt haben. Sie mögen von Angst, Zorn, Kummer oder Zweifeln geplagt werden. Doch der gute Hirte findet seine verlorenen Schafe. Sie müssen sich nur von Herzen dem Erretter der Welt zuwenden, und er wird Sie finden.

Er wird Sie retten.

Er wird Sie aufrichten und Sie auf seine Schultern nehmen.

Er wird Sie nach Hause tragen.

Wenn sterbliche Menschen Schutt und Trümmer in ein prächtiges Gotteshaus verwandeln können, dann können wir auch zuversichtlich sein und darauf vertrauen, dass unser liebevoller Vater im Himmel uns wieder aufrichten kann und wird. Er hat vor, etwas weitaus Größeres aus uns zu bauen, als wir waren; größer, als wir es uns jemals vorstellen können. Mit jedem Schritt, den wir auf dem Weg eines Jüngers voller Glauben gehen, werden wir mehr die Wesen von ewiger Herrlichkeit und grenzenloser Freude, die zu werden wir bestimmt sind.

Dies ist mein Zeugnis, mein Segen und mein demütiges Gebet im heiligen Namen unseres Meisters, im Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigenQuellenangaben ausblenden

    Anmerkungen

    1. Erich Kästner, Als ich ein kleiner Junge war, 1966, Seite 51f.

    2. Lukas 15:4,5

    3. Lukas 15:6

    4. Siehe „O wisse, jede Seel ist frei“, Gesangbuch, Nr. 159

    5. Joël 2:12

    6. Matthäus 11:28

    7. Lehre und Bündnisse 88:63

    8. Siehe Alma 32:27

    9. 3. Glaubensartikel

    10. Erich Kästner, Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es, 1950

    11. „Hab ich Gutes am heutigen Tag getan?“, Gesangbuch, Nr. 150

    12. Siehe Jakobus 2:26

    13. Siehe Johannes 8:12