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Frühjahr 2016 | Ein Lob allen Rettern

Ein Lob allen Rettern

Frühjahr 2016 Generalkonferenz

Wenn wir der Liebe des Erretters nacheifern, wird er unsere redlichen Bemühungen, unsere Ehe zu retten und unsere Familie zu stärken, mit Sicherheit segnen und zum Erfolg führen.

Vor vielen Jahren fiel mir im Frankfurt-Tempel ein älteres Ehepaar auf, das miteinander Händchen hielt. Es berührte mich sehr, wie liebevoll die beiden einander zugetan waren.

Ich weiß gar nicht recht, warum mich dieser Anblick so angesprochen hat. Vielleicht war es die Zärtlichkeit, mit der diese beiden einander ihre Liebe bekundeten – ein überzeugender Ausdruck von Beharrlichkeit und Entschlossenheit. Dieses Paar war offensichtlich schon sehr lange zusammen, und ihre beiderseitige Zuneigung war immer noch lebendig und stark.

Die Wegwerfgesellschaft

Ein weiterer Grund, weshalb mir dieses bezaubernde Bild so lange im Gedächtnis geblieben ist, mag wohl der sein, dass es im Gegensatz zu einigen heutzutage sehr verbreiteten Ansichten steht. In vielen Gesellschaften auf der Welt scheint alles austauschbar zu sein. Sobald etwas in die Brüche geht oder sich abnutzt oder wenn wir seiner auch nur überdrüssig werden, werfen wir es weg und ersetzen es durch etwas Aktuelles, etwas Neueres oder Besseres.

Das machen wir mit dem Handy so, mit der Kleidung, mit dem Auto – und traurigerweise sogar mit Beziehungen.

Während es aber durchaus sinnvoll sein mag, uns materieller Dinge zu entledigen, die wir nicht länger benötigen, kann die Angewohnheit, Althergebrachtes durch Neuartiges zu ersetzen, bei allem, was von ewiger Bedeutung ist – wie die Ehe, die Familie oder unsere Werte – zu tiefstem Bedauern führen.

Ich bin froh, einer Kirche anzugehören, in der Ehe und Familie einen hohen Stellenwert haben. Die Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage sind überall auf der Welt dafür bekannt, dass es bei ihnen vorbildliche Ehen und Familien gibt. Ich glaube, das liegt zum Teil an der von Joseph Smith wiederhergestellten kostbaren Wahrheit, dass Ehe und Familie auf die Ewigkeit hinaus angelegt sind. Die Familie ist nicht dazu da, hier auf Erden ein angenehmes Leben zu ermöglichen, um dann abgelegt zu werden, wenn wir in den Himmel kommen. Sie ist vielmehr die Ordnung des Himmels. Sie ist ein Abbild eines celestialen Musters, eine Nachbildung der ewigen Familie Gottes.

Eine starke Ehe und feste Beziehungen in der Familie ergeben sich aber nicht einfach daraus, dass wir Mitglieder der Kirche sind. Man muss beständig und mit festem Vorsatz daran arbeiten. Die Lehre von der ewigen Familie muss uns dazu inspirieren, unser Bestes zu geben, um unsere Ehe und unsere Familie zu retten und zu bereichern. Ich bewundere alle, die diese entscheidenden, ewigen Beziehungen behüten und pflegen, und spende ihnen Beifall.

Heute möchte ich alle Retter loben.

Die Rettung der Ehe

Im Laufe der Jahre habe ich bei vielen hoffnungsvollen und verliebten Paaren die Ehesiegelung im Tempel vollzogen. Noch nie war eines dabei, das sich über den Altar hinweg angeblickt und daran gedacht hätte, dass es eines Tages todunglücklich sein könnte oder sich scheiden lassen würde.

Leider kommt das aber vor.

Wenn die Tage verstreichen und die romantische Liebe andere Schattierungen annimmt, hören einige irgendwie auf, an das beiderseitige Glück zu denken, und fangen an, auf die kleinen Mängel aufmerksam zu werden. Unter derartigen Gegebenheiten lassen sich dann manche zu der tragischen Schlussfolgerung verleiten, ihr Ehepartner sei nicht mehr schlau genug, unterhaltsam genug oder jung genug. Und irgendwie kommen sie auf die Idee, es sei gerechtfertigt, sich anderswo umzuschauen.

Brüder, falls dies auch nur annähernd auf Sie zutrifft, muss ich Sie warnen, dass Sie einen Weg beschreiten, der dazu führt, dass eine Ehe zerbricht, eine Familie zerbricht und das eine oder andere Herz zerbricht. Ich bitte Sie inständig: Bleiben Sie stehen, machen Sie kehrt und kommen Sie auf den sicheren Weg zurück, der darin besteht, dass Sie redlich leben und Ihren Bündnissen treu sind. Der gleiche Grundsatz gilt natürlich auch für unsere lieben Schwestern.

Nun ein Wort an diejenigen unter den alleinstehenden Brüdern, die dem Trugschluss erliegen, sie müssten zunächst einmal die „vollkommene Frau“ finden, ehe sie ernsthaft um sie werben oder sie heiraten könnten.

Meine lieben Brüder, darf ich Sie darauf hinweisen: Wenn es eine vollkommene Frau gäbe, glauben Sie wirklich, sie wäre an Ihnen interessiert?

In Gottes Plan des Glücklichseins suchen wir weniger jemanden, der vollkommen ist, als jemanden, mit dem wir uns ein ganzes Leben hindurch gemeinsam um eine liebevolle, dauerhafte und vollkommenere Beziehung bemühen können. Das ist das Ziel.

Brüder, der Retter einer Ehe weiß, dass er für dieses Vorhaben Zeit, Geduld und vor allem die Segnungen aus dem Sühnopfer Jesu Christi braucht. Er muss gütig sein und sich an der Wahrheit freuen, und er darf sich nicht ereifern, nicht seinen Vorteil suchen, sich nicht zum Zorn reizen lassen und das Böse nicht nachtragen. Mit anderen Worten: Er muss Nächstenliebe haben, die reine Christusliebe.1

All dies gelingt nicht von einem Augenblick auf den anderen. Eine großartige Ehe wird Stein für Stein aufgebaut, Tag für Tag, ein ganzes Leben lang.

Und das ist eine gute Nachricht!

Denn wie flach unsere Beziehung auch derzeit sein mag: Wenn Sie die Steinchen Freundlichkeit, Mitgefühl, Aufmerksamkeit, Opferbereitschaft, Verständnis und Selbstlosigkeit aufhäufen, entsteht daraus über kurz oder lang eine gewaltige Pyramide.

Wenn es Ihnen wie eine Ewigkeit vorkommt, denken Sie daran: Eine glückliche Ehe soll ja auch eine Ewigkeit halten! „Darum werdet nicht müde, Gutes zu tun, denn ihr legt die Grundlage für [eine großartige Ehe]. Und aus etwas Kleinem geht das Große hervor.“2

Die Arbeit mag nur schrittweise vorankommen, aber sie muss nicht freudlos sein. Auch wenn ich damit offene Türen einrenne: Es kommt nur selten zur Scheidung, wenn Mann und Frau glücklich sind.

Seien Sie also glücklich!

Und Brüder, überraschen Sie Ihre Frau mit etwas, was sie glücklich macht.

Der Retter einer Ehe entscheidet sich für das Glücklichsein. Gewiss verlangen einige Formen von chronischen Depressionen eine spezielle Behandlung, aber mir gefällt dieser kluge Satz von Abraham Lincoln: „Die meisten Menschen sind nur so glücklich, wie sie es selbst sein wollen.“ Dazu passt, was in den heiligen Schriften steht: „Sucht, dann werdet ihr finden.“3

Wenn wir darauf achten, was an unserem Partner unvollkommen ist oder worüber wir uns in unserer Ehe ärgern, werden wir sicherlich fündig, denn das gibt es bei jedem. Wenn wir andererseits auf das Gute achten, werden wir gewiss ebenso fündig, denn ein jeder hat auch viele gute Eigenschaften.

Der Retter einer Ehe zupft das Unkraut aus und gießt die Blumen. Er würdigt jeden kleinen Ausdruck von Güte, der zärtliche Nächstenliebe aufkommen lässt. Der Retter einer Ehe rettet künftige Generationen.

Brüder, denken Sie daran, warum Sie sich verliebt haben.

Arbeiten Sie jeden Tag an einer stärkeren und glücklicheren Ehe.

Liebe Freunde, geben wir doch unser Bestes, um den geheiligten und glücklichen Seelen zugerechnet zu werden, die ihre Ehe retten.

Die Rettung der Familie

Ich möchte heute auch all jene loben, die die Beziehung zu ihrer Familie retten. Jede Familie muss gerettet werden.

So wunderbar es auch ist, dass diese Kirche für ihre starken Familien bekannt ist – wir mögen dennoch oftmals das Gefühl haben, dies gelte für jede Familie in der Kirche außer für die eigene. Tatsache ist, dass es keine vollkommene Familie gibt.

In jeder Familie gibt es peinliche Augenblicke.

Zum Beispiel, wenn die Eltern einen bitten, ein „Selfie“ von ihnen zu schießen, wenn die Großtante steif und fest behauptet, man sei nur deswegen noch ledig, weil man einfach zu wählerisch sei, wenn der rechthaberische Schwager meint, seine politischen Ansichten entsprächen dem Evangelium, oder wenn Vati ein Familienfoto zusammenstellt, wo jeder wie eine Figur aus seinem Lieblingsfilm kostümiert ist.

Und Sie bekommen das Chewbacca-Kostüm.

So ist das in einer Familie.

Wir kommen vielleicht aus demselben Genpool, aber wir sind nicht identisch. Unser Geist ist einzigartig. Unsere Erfahrungen wirken sich unterschiedlich auf uns aus. Und mit jedem von uns geht es infolgedessen anders aus.

Statt nun jedermann in unsere eigene Gussform pressen zu wollen, können wir uns dafür entscheiden, diese Unterschiede zu würdigen und dankbar zu sein, dass sie unser Leben reicher machen und ständig Überraschungen bereithalten.

Manchmal treffen Angehörige unserer Familie jedoch unüberlegte Entscheidungen, handeln unsittlich oder richten Schaden an. Was soll man in so einem Fall tun?

Da gibt es keine Patentlösung, die immer gilt. Der Retter einer Familie hat Erfolg, wenn er sich mit seinem Ehepartner und seiner Familie berät, wenn er den Willen des Herrn in Erfahrung zu bringen sucht und wenn er auf Eingebungen des Heiligen Geistes achtet. Er weiß, dass das, was für die eine Familie richtig ist, für die andere falsch sein kann.

Eines gibt es allerdings, was auf jeden Fall richtig ist.

Im Buch Mormon erfahren wir von einem Volk, das das Geheimnis des Glücklichseins entdeckt hatte. Über Generationen hinweg gab es „keinen Streit. … Und gewiss konnte es kein glücklicheres Volk unter allem Volk geben, das von der Hand Gottes erschaffen worden war.“ Wie haben sie das geschafft? Mit „der Gottesliebe, die dem Volk im Herzen wohnte“4.

Wie die Probleme Ihrer Familie auch aussehen und was Sie auch unternehmen müssen, um sie zu beheben: Am Anfang und am Ende der Lösung steht die Nächstenliebe, die reine Christusliebe. Ohne diese Liebe geraten selbst scheinbar vollkommene Familien ins Straucheln. Mit ihr hingegen sind selbst Familien erfolgreich, die große Schwierigkeiten haben.

„Die Liebe hört niemals auf.“5

Das trifft auf die Rettung einer Ehe ebenso zu wie auf die Rettung einer Familie!

Den Stolz ablegen

Der große Feind der Nächstenliebe ist der Stolz. Der Stolz ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb Ehen und Familien in Schwierigkeiten geraten. Der Stolz ist unbeherrscht, unfreundlich und neiderfüllt. Der Stolz bauscht die eigene Stärke auf und übersieht die Tugenden anderer. Der Stolz ist selbstsüchtig und leicht reizbar. Der Stolz unterstellt böse Absichten, wo es keine gibt, und verbirgt seine eigenen Schwächen hinter schlauen Ausreden. Der Stolz ist zynisch, pessimistisch, wuterfüllt und ungeduldig. Wenn Nächstenliebe die reine Christusliebe ist, dann ist der Stolz wahrhaftig das Erkennungszeichen des Satans.

Der Stolz mag eine allgemein verbreitete menschliche Schwäche sein. Aber er ist nicht Teil unseres geistigen Erbes, und er hat keinen Platz unter den Trägern des Priestertums Gottes.

Das Leben ist kurz, Brüder. Reue kann sich lange hinziehen. Manchmal reichen ihre Auswirkungen bis in alle Ewigkeit.

Wie Sie Ihre Frau, Ihre Kinder, Ihre Eltern oder Ihre Geschwister behandeln, kann noch viele künftige Generationen beeinflussen. Welches Vermächtnis wollen Sie Ihren Nachkommen hinterlassen? Eines voller Härte, Rachsucht, Wut, Angst oder Abwendung? Oder eines voller Liebe, Demut, Vergebungsbereitschaft, Mitgefühl, geistigem Fortschritt und Einigkeit?

Wir alle dürfen nicht vergessen: „Das Gericht ist erbarmungslos gegen den, der kein Erbarmen gezeigt hat.“6

Seien Sie also bitte um der Beziehung in Ihrer Familie und um Ihrer Seele willen barmherzig, denn „Barmherzigkeit … triumphiert über das Gericht“7.

Legen Sie den Stolz ab.

Sich bei den Kindern, der Frau, der Familie oder Freunden aufrichtig zu entschuldigen, ist kein Zeichen der Schwäche, sondern der Stärke. Ist Recht zu haben wichtiger, als ein zuträgliches, heilsames und liebevolles Klima zu schaffen?

Bauen Sie Brücken, zerstören Sie keine.

Auch wenn Sie keine Schuld trifft und vielleicht sogar gerade dann: Gönnen Sie der Liebe den Sieg über den Stolz.

Wenn Sie sich daran halten, wird jedes Ungemach, das sich Ihnen in den Weg stellt, vergehen. Streitigkeiten werden wegen der Liebe Gottes, die Sie im Herzen tragen, versanden. Diese Grundsätze für die Rettung von Beziehungen gelten für uns alle, mögen wir verheiratet, geschieden, verwitwet oder alleinstehend sein. Wir alle können der Retter einer starken Familie sein.

Die größte Liebe

Brüder, folgen wir doch in unserem Bemühen, unsere Ehe und unsere Familie zu retten, wie bei allem dem Beispiel des Einen, der uns alle rettet. Der Erretter hat unsere Seele mit Liebe für sich gewonnen.8 Jesus Christus ist unser Meister. Sein Werk ist unser Werk. Es ist das Werk eines Retters, und es beginnt bei uns daheim.

Die Liebe, die den Erlösungsplan kennzeichnet, ist selbstlos und sucht das Wohl des anderen. Das ist die Liebe, die der himmlische Vater für uns empfindet.

Wenn wir der Liebe des Erretters nacheifern, wird er unsere redlichen Bemühungen, unsere Ehe zu retten und unsere Familie zu stärken, mit Sicherheit segnen und zum Erfolg führen.

Möge der Herr Sie in Ihren unermüdlichen und rechtschaffenen Bemühungen segnen, den Rettern zugezählt zu werden. Darum bete ich im Namen Jesu Christi. Amen.

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