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Frühjahr 2016 | Macht im Priestertum hat ihren Preis

Macht im Priestertum hat ihren Preis

Frühjahr 2016 Generalkonferenz

Sind wir bereit, als Männer Gottes zu beten, zu fasten, zu studieren, zu suchen, Gott zu verehren und unseren Mitmenschen zu dienen, damit wir Macht im Priestertum erlangen?

Vor sechs Monaten sprach ich bei der Herbst-Generalkonferenz 2015 zu den Schwestern über ihre heilige Rolle als Frauen Gottes. Heute möchte ich nun zu Ihnen, Brüder, über Ihre heilige Rolle als Männer Gottes sprechen. Auf meinen Reisen in alle Welt staune ich immer wieder über die Kraft und den guten Wesenskern der Männer und Jungen in dieser Kirche. Unermesslich ist die Zahl der Herzen, die Sie heilen, und die Zahl derer, die Sie aufrichten und emporheben. Vielen Dank!

In meiner letzten Konferenzansprache habe ich berichtet, wie niederschmetternd es war, als ich vor vielen Jahren als Herzchirurg zwei kleinen Schwestern nicht das Leben retten konnte. Ich möchte heute gern noch etwas mehr über diese Familie sagen, was mir der Vater auch gestattet hat.

Drei der Kinder von Ruth und Jimmy Hatfield litten an einem angeborenen Herzfehler. Der älteste Sohn, Jimmy Jr., starb, ohne dass dieser Herzfehler eindeutig diagnostiziert worden war. Als die Eltern dann Hilfe für ihre beiden Töchter, Laural Ann und die jüngere Gay Lynn, suchten, kam ich ins Spiel. Beide Mädchen starben jedoch nach der Operation, und ich war untröstlich.1 Man kann verstehen, dass diese Schicksalsschläge Ruth und Jimmy geistig aus der Bahn geworfen haben.

Erst später hörte ich, dass sie mir und der Kirche gegenüber bleibenden Groll hegten. Fast sechs Jahrzehnte lang ließ mich die Sache nicht los. Die Familie tat mir sehr leid. Ich hatte mehrmals versucht, mit ihnen in Kontakt zu treten, jedoch ohne Erfolg.

Dann, eines Nachts im Mai letzten Jahres, wurde ich von diesen zwei kleinen Mädchen von der anderen Seite des Schleiers geweckt. Ich konnte sie zwar nicht mit meinen körperlichen Sinnen sehen oder hören, aber ich spürte ihre Gegenwart. Im Geiste vernahm ich ihr Flehen. Die Botschaft war knapp und eindeutig: „Bruder Nelson, wir sind an niemanden gesiegelt! Können Sie uns helfen?“ Ich fand heraus, dass ihre Mutter bereits verstorben war, dass aber der Vater und der jüngere Bruder noch am Leben waren.

Ermutigt durch die flehentliche Bitte von Laural Ann und Gay Lynn versuchte ich erneut, ihren Vater zu kontaktieren, der, wie ich in Erfahrung gebracht hatte, bei seinem Sohn Shawn wohnte. Dieses Mal waren sie dazu bereit, mich zu treffen.

Im Juni kniete ich buchstäblich vor Jimmy, der damals 88 Jahre alt war. Unser Gespräch war sehr aufrichtig und persönlich. Ich erzählte ihm von der Bitte seiner Töchter und sagte ihm, dass es mir eine Ehre wäre, für seine Familie die Siegelungen vollziehen zu dürfen. Ich erklärte auch, dass es ihn und Shawn Zeit und große Mühe kosten würde, sich bereit und würdig zu machen, den Tempel zu betreten, da beide ja nie das Endowment empfangen hatten.

Bei diesem Treffen war der Geist des Herrn deutlich zu spüren. Ich war überglücklich, als Jimmy und Shawn mein Angebot annahmen! Unterstützt von ihrem Pfahlpräsidenten, dem Bischof, ihren Heimlehrern, dem Gemeindemissionsleiter, den jungen Missionaren und einem älteren Missionarsehepaar gingen die beiden unermüdlich Schritt für Schritt voran. Und schließlich hatte ich vor kurzem die große Freude, im Payson-Utah-Tempel Ruth an Jimmy und dann ihre vier Kinder an sie zu siegeln. Meine Frau Wendy und ich weinten, als wir diesem erhebenden Ereignis beiwohnten. An diesem Tag wurden viele Herzen geheilt!

Elder Nelson und seine Frau zusammen mit Familie Hatfield beim Tempel

Rückblickend staune ich über Jimmy und Shawn und darüber, was sie bereitwillig auf sich genommen haben. Für mich sind die beiden Helden. Hätte ich einen Herzenswunsch frei, dann würde ich mir wünschen, dass jeder Mann und jeder Junge in dieser Kirche den Mut, die Kraft und die Demut an den Tag legten, die dieser Vater und sein Sohn bewiesen haben. Sie waren bereit, zu vergeben und alten Groll und alte Gewohnheiten loszulassen. Sie waren bereit, sich der Weisung ihrer Priestertumsführer unterzuordnen, damit das Sühnopfer Jesu Christi sie reinigen und großmachen konnte. Beide waren bereit, ein Mann zu werden, der würdig ist, das Priestertum „nach der heiligsten Ordnung Gottes“2 zu tragen.

Etwas zu tragen bedeutet, das Gewicht dessen auf sich zu nehmen, was man trägt. Es ist eine heilige Aufgabe, das Priestertum zu tragen – die große Macht und Vollmacht Gottes. Bedenken Sie: Das Priestertum, das uns übertragen wird, ist dieselbe Macht und Vollmacht, durch die Gott diese und zahllose weitere Welten erschaffen hat, durch die er über Himmel und Erde herrscht und seine gehorsamen Kinder erhöht.3

Vor kurzem besuchten meine Frau und ich eine Versammlung. Der Organist hatte bereits Platz genommen und wollte eben mit dem Spielen beginnen. Seine Augen waren auf die Noten gerichtet, die Finger lagen auf den Tasten. Doch als er die Tasten anschlug, kam kein Ton. Ich flüsterte Wendy zu: „Ihm fehlt der Strom.“ Etwas musste wohl die elektrische Leitung zur Orgel unterbrochen haben.

Brüder, ich fürchte, dass zu vielen Männern, denen die Vollmacht des Priestertums übertragen worden ist, die Macht im Priestertum fehlt, weil der Zustrom durch Sünden wie Faulheit, Unehrlichkeit, Stolz, Unsittlichkeit oder zu große Konzentration auf Weltliches blockiert wird.

Ich fürchte, dass es zu viele Priestertumsträger gibt, die wenig oder gar nichts dafür tun, ihre Fähigkeit zu entfalten, auf die Mächte des Himmels zuzugreifen. Ich mache mir Sorgen um alle, die unrein sind in ihren Gedanken, Gefühlen oder Taten oder die Frau oder Kinder erniedrigen und damit die Macht des Priestertums blockieren.

Ich fürchte, dass zu viele ihre Entscheidungsfreiheit leider dem Widersacher überlassen haben und durch ihr Verhalten ausdrücken: „Ich habe mehr Interesse an der Befriedigung meiner eigenen Wünsche als daran, die Macht des Heilands zu tragen und anderen ein Segen zu sein.“

Brüder, ich fürchte, dass einige unter uns eines Tages aufwachen und erkennen, was Macht im Priestertum wirklich bedeutet, und tiefe Reue empfinden, weil sie weitaus mehr Zeit damit verbracht haben, Macht über andere oder Macht am Arbeitsplatz zu erlangen, als zu lernen, wie man Gottes Macht in vollem Umfang ausübt.4 Präsident George Albert Smith hat gesagt, dass „wir nicht hier sind, um unsere Lebenszeit zu vertrödeln, und dann in eine Sphäre des Erhöhtseins eingehen, sondern dass wir uns Tag für Tag vorbereiten müssen, um jenen Platz einnehmen zu können, von dem der Vater möchte, dass wir ihn im Jenseits einnehmen“5.

Warum sollte jemand seine Tage verschwenden und sich mit Esaus Linsengericht zufriedengeben,6 wenn ihm doch die Möglichkeit geboten wird, sämtliche Segnungen Abrahams zu erlangen?7

Ich bitte jeden von uns inständig, so zu leben, dass wir uns der Vorzüge würdig erweisen, die uns als Priestertumsträgern gewährt sind. Der Tag kommt, da nur ein Mann, der sein Priestertum ernst nimmt und eifrig bestrebt ist, vom Herrn selbst unterwiesen zu werden, imstande sein wird, andere zu segnen, zu führen, zu schützen, zu stärken und zu heilen. Nur ein Mann, der den Preis für Macht im Priestertum bezahlt hat, wird dann imstande sein, im Leben seiner Lieben Wunder zu wirken und seine Ehe und Familie jetzt und in alle Ewigkeit zu schützen.

Was ist nun der Preis dafür, solche Macht im Priestertum aufzubauen? Petrus, der dienstälteste Apostel des Erretters – jener Petrus, der gemeinsam mit Jakobus und Johannes das Melchisedekische Priestertum auf Joseph Smith und Oliver Cowdery übertragen hat8 –, hat dargelegt, welche Eigenschaften wir uns aneignen müssen, um „an der göttlichen Natur Anteil“9 zu haben.

Petrus, Jakobus und Johannes übertragen das Melchisedekische Priestertum

Er nennt Glaube, Tugend, Erkenntnis, Selbstbeherrschung, Ausdauer, Frömmigkeit, Brüderlichkeit, Liebe und Eifer.10 Und vergessen Sie nicht die Demut!11 Ich frage also: Was sagen unsere Angehörigen, Freunde und Arbeitskollegen dazu, wo wir in dem Bemühen stehen, uns diese und weitere geistige Gaben anzueignen?12 Je mehr wir uns diese Eigenschaften aneignen, desto größer wird unsere Macht im Priestertum.

Wie können wir unsere Macht im Priestertum sonst noch vergrößern? Wir müssen inniglich beten. Eine nette Aufzählung vergangener und kommender Aktivitäten mit hier und dort eingestreuten Bitten um eine Segnung vermag nicht jene Gemeinschaft mit Gott herzustellen, die dauerhafte Macht mit sich bringt. Sind Sie bereit, darum zu bitten, dass Sie erkennen, wie Sie beten sollen, um mehr Macht zu erhalten? Der Herr kann es Ihnen sagen.

Sind Sie bereit, in den heiligen Schriften zu forschen und sich an den Worten Christi zu weiden,13 sich also ernsthaft mit ihnen zu befassen, um mehr Macht zu erlangen? Wollen Sie das Herz Ihrer Frau zum Schmelzen bringen? Dann lassen Sie sie sehen, wie Sie sich im Internet mit der Lehre von Christus befassen14 oder wie Sie in den heiligen Schriften lesen!

Sind Sie bereit, regelmäßig im Tempel Gott zu verehren? An dieser heiligen Stätte unterweist uns der Herr nämlich sehr gern selbst. Stellen Sie sich seine Freude vor, wenn Sie ihn bitten, Sie in Bezug auf die Schlüssel, die Vollmacht und die Macht des Priestertums zu unterweisen, während Sie im heiligen Tempel die heiligen Handlungen des Melchisedekischen Priestertums erleben.15 Stellen Sie sich vor, wie sehr das Ihre Macht im Priestertum vergrößern könnte!

Sind Sie bereit, dem Beispiel von Präsident Thomas S. Monson zu folgen und Ihren Mitmenschen zu dienen? Jahrzehntelang ist er nicht auf direktem Weg nach Hause gefahren, sondern nahm stets den Umweg, den der Geist ihn nehmen hieß, und stand dann vor einer Tür und hörte Sätze wie „Woher wussten Sie, dass heute der Todestag unserer Tochter ist?“ oder „Woher wissen Sie, dass heute mein Geburtstag ist?“. Und wenn Sie sich tatsächlich mehr Macht im Priestertum wünschen, dann ehren Sie Ihre Frau! Kümmern Sie sich um sie, nehmen Sie sie in den Arm und hören Sie auf ihren Rat.

Wenn dies alles übertrieben klingt, dann denken Sie bitte darüber nach, wie anders die Beziehung zu Ihrer Frau, Ihren Kindern und Ihren Arbeitskollegen aussähe, wenn Ihnen genauso viel daran läge, mehr Macht im Priestertum zu erlangen, wie daran, die Karriereleiter zu erklimmen oder das Guthaben auf Ihrem Bankkonto zu mehren. Wenn wir demütig vor den Herrn treten und ihn bitten, uns zu unterweisen, dann zeigt er uns, wie wir vermehrt Zugriff auf seine Macht erhalten.

Wir wissen, dass es in diesen Letzten Tagen an verschiedenen Orten Erdbeben geben wird.16 Einer dieser Orte ist vielleicht Ihr Zuhause, wo es in seelischer, finanzieller oder geistiger Hinsicht zu „Erdbeben“ kommen kann. Die Macht des Priestertums vermag Wogen zu glätten und Risse in der Erde zu heilen. Die Macht des Priestertums vermag auch die Wogen der aufgewühlten Seele zu glätten und die Risse im Herzen derer zu heilen, die uns nahestehen.

Sind wir bereit, als Männer Gottes zu beten, zu fasten, zu studieren, zu suchen, Gott zu verehren und unseren Mitmenschen zu dienen, damit wir diese Macht im Priestertum erlangen? Weil zwei kleine Mädchen unbedingt an ihre Familie gesiegelt werden wollten, waren ihr Vater und ihr Bruder bereit, den Preis zu zahlen, um das heilige Melchisedekische Priestertum tragen zu können.

Meine lieben Brüder, uns wurde etwas Heiliges anvertraut: die Vollmacht Gottes, mit der wir anderen ein Segen sein können. Möge jeder von uns sich aufschwingen und der Mann Gottes werden, zu dem er vorherordiniert worden ist – bereit, tapfer das Priestertum Gottes zu tragen, und gewillt, jedweden Preis zu zahlen, der ihm abverlangt wird, um seine Macht im Priestertum zu vergrößern. Mit dieser Macht können wir dazu beitragen, die Welt auf das Zweite Kommen unseres Erretters, Jesus Christus, vorzubereiten. Dies ist seine Kirche, die heute geführt wird von seinem Propheten, Präsident Thomas S. Monson, den ich von Herzen lieb habe und unterstütze. Dies bezeuge ich im Namen Jesu Christi. Amen.

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