Hauptnavigation überspringen
Herbst 2016 | Bin ich denn gut genug? Schaffe ich das überhaupt?

Bin ich denn gut genug? Schaffe ich das überhaupt?

Herbst 2016 Generalkonferenz

Wenn Sie sich wirklich bemühen, wenn Sie Falsches nicht schönreden und sich nicht auflehnen, wenn Sie immer wieder umkehren und um Gnade flehen, dann sind Sie ohne jeden Zweifel „gut genug“.

Liebe Schwestern und Brüder, was für ein Segen es doch ist, sich zu versammeln und von den Dienern des Herrn unterwiesen zu werden! Ist es nicht wunderbar, auf wie mannigfache Weise unser liebevoller himmlischer Vater uns führt und segnet? Er möchte wirklich, dass wir zurück nach Hause kommen.

Ich hatte gerade mein Medizinstudium abgeschlossen. Der Herr hatte mir etliche Male seine liebevolle, große Barmherzigkeit erwiesen, und so wurde ich zu einem sehr anspruchsvollen und sehr begehrten Praktikum für die Facharztausbildung in Kinderheilkunde zugelassen. Als ich die anderen Assistenzärzte kennenlernte, fühlte ich mich unzulänglich – unwissender und minder ausgebildet als alle anderen. Ich meinte, dem Rest der Gruppe auf keinen Fall gewachsen zu sein.

Anfang unseres dritten Monats saß ich einmal spät nachts im Schwesternzimmer, abwechselnd vor mich hin schluchzend und vom Schlaf übermannt, und versuchte, das Aufnahmeformular für einen kleinen Jungen mit Lungenentzündung auszufüllen. Nie zuvor im Leben war ich so deprimiert gewesen. Ich hatte keine Ahnung, wie man bei einem Zehnjährigen eine Lungenentzündung behandelt. Ich fragte mich, was ich da überhaupt mache.

Genau in diesem Moment legte mir einer der Oberärzte die Hand auf die Schulter. Er erkundigte sich, wie es mir gehe, und ich redete mir meinen Frust und meine Befürchtungen von der Seele. Seine Entgegnung hat mein Leben verändert. Er versicherte mir, wie stolz er und all die anderen Fachärzte auf mich seien und dass sie den Eindruck hätten, ich würde ein exzellenter Arzt. Kurz gesagt: Er glaubte an mich zu einem Zeitpunkt, da ich selbst nicht an mich glaubte.

So wie es mir damals ergangen ist, fragen auch unsere Mitglieder oft: „Bin ich als Mensch denn gut genug?“ „Schaffe ich es überhaupt ins celestiale Reich?“ „Gut genug sein“ – so etwas gibt es natürlich gar nicht. Niemand von uns könnte sich seine Errettung jemals „verdienen“. Doch sich zu fragen, ob wir vor dem Herrn annehmbar sind, ist ganz normal, und dahingehend verstehe ich diese Fragen auch.

In den Versammlungen der Kirche kann uns manchmal sogar eine gut gemeinte Einladung, uns zu verbessern, deprimieren. Im Stillen denken wir dann: „Ich schaffe das alles nicht.“ Oder: „Ich werde niemals so gut wie all diese Leute.“ Vielleicht fühlen wir uns ja in etwa so, wie mir in jener Nacht im Krankenhaus zumute gewesen ist.

Bitte, meine lieben Brüder und Schwestern, wir müssen aufhören, uns mit anderen zu vergleichen. Wenn wir immer besser sein wollen als ein anderer und uns mit anderen vergleichen, quälen wir uns nur unnötig. Fälschlicherweise beurteilen wir unseren Wert dann nämlich anhand dessen, was wir haben oder eben nicht haben, und anhand der Meinung anderer. Wenn wir schon vergleichen müssen, dann vergleichen wir doch den, der wir in der Vergangenheit gewesen sind, mit demjenigen, der wir heute sind – oder sogar mit dem, der wir in Zukunft sein wollen. Die einzige Meinung, auf die es ankommt, ist doch, was der Vater im Himmel von uns hält. Bitte fragen Sie ihn ganz aufrichtig, was er von Ihnen hält. Er liebt uns und weist uns auch zurecht, doch er entmutigt uns niemals. Das ist eine Masche des Satans.

Lassen Sie es mich klar und geradeheraus sagen. Die Antwort auf die Fragen „Bin ich denn gut genug?“ und „Schaffe ich das überhaupt?“ lautet: „Ja! Sie sind gut genug“ und „Ja, Sie schaffen es, solange Sie weiterhin umkehren und Falsches nicht schönreden oder sich auflehnen.“ Der Gott des Himmels ist kein herzloser Schiedsrichter, der nach irgendeinem Vorwand dafür sucht, uns aus dem Spiel zu nehmen. Er ist unser uns in Vollkommenheit liebender Vater, der sich mehr als nach irgendetwas sonst danach sehnt, dass alle seine Kinder zu ihm zurück nach Hause kommen und mit ihm für immer als Familie zusammenleben. Er hat wahrhaftig seinen einzigen Sohn hingegeben, damit wir nicht zugrunde gehen, sondern das ewige Leben haben!1 Bitte glauben Sie an diese ewige Wahrheit, und schöpfen Sie daraus Zuversicht und Trost. Unserem himmlischen Vater liegt daran, dass wir es schaffen! Das ist sein Werk und seine Herrlichkeit.2

Mir gefällt die Art, wie Präsident Gordon B. Hinckley diesen Grundsatz ausgedrückt hat. Bei mehreren Anlässen hörte ich ihn sagen: „Brüder und Schwestern, alles, was der Herr von uns verlangt, ist, dass wir uns bemühen, aber wir müssen uns wirklich bemühen!“3

„Sich wirklich bemühen“ bedeutet, dass wir unser Bestes geben, erkennen, wo Verbesserungsbedarf besteht, und es dann erneut versuchen. Dadurch, dass wir dies immer wieder tun, kommen wir dem Herrn auch immer näher. Immer mehr verspüren wir seinen Geist4 und wir empfangen immer mehr von der Gnade oder der Hilfe des Herrn5.

Manchmal denke ich, wir erkennen gar nicht, wie sehr der Herr uns zur Seite stehen möchte. Mir gefällt, was Elder David A. Bednar gesagt hat:

„Den meisten von uns ist klar, dass das Sühnopfer den Sündern zugutekommt. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir wissen und verstehen, dass das Sühnopfer auch den Heiligen zugutekommt …

Das Sühnopfer hilft uns dabei, Schlechtes zu überwinden und zu meiden sowie Gutes zu tun und gut zu werden. …

‚Der Einzelne [kann] durch die Gnade des Herrn … Kraft und Hilfe bekommen, um gute Werke zu tun, die er andernfalls [nicht tun] könnte. …Diese Gnade ist eine Macht, die den Menschen [befähigt]‘ [Bible Dictionary, „Grace“; Hervorhebung hinzugefügt], der himmlische Beistand, den jeder von uns dringend braucht, um sich für das celestiale Reich bereit zu machen.“6

Alles, was wir tun müssen, um in den Genuss dieses himmlischen Beistands zu gelangen, ist, darum zu bitten und dann gemäß den rechtschaffenen Eingebungen, die wir empfangen, auch zu handeln.

Die großartige Nachricht lautet: Wenn wir aufrichtig umgekehrt sind, stehen frühere Sünden unserer Erhöhung nicht länger im Wege. Moroni berichtet uns von den Übertretern in seiner Zeit: „Aber sooft sie mit wirklichem Vorsatz umkehrten und nach Vergebung trachteten, wurde ihnen vergeben.“7

Der Herr selbst sagt über den Sünder:

„Wenn er seine Sünden bekennt vor dir und mir und in der Aufrichtigkeit seines Herzens umkehrt, sollt ihr ihm vergeben, und ich werde ihm auch vergeben.

Ja, und sooft mein Volk umkehrt, werde ich ihnen ihre Verfehlungen gegen mich vergeben.“8

Wenn wir aufrichtig umkehren, vergibt Gott uns wirklich, selbst wenn wir die gleiche Sünde immer wieder begangen haben sollten. Elder Jeffrey R. Holland hat dazu gesagt: „Wie viele Chancen Sie Ihrer Meinung nach bereits vertan haben, wie viele Fehler Sie auch schon begangen zu haben glauben … – ich bezeuge, dass Sie nicht so weit weg sind, dass die Liebe Gottes Sie nicht mehr erreichen könnte. Es ist gar nicht möglich, dass ein Mensch so tief sinkt, dass die Lichtstrahlen des unbegrenzten Sühnopfers Christi ihn nicht zu erreichen vermögen.“9

Das bedeutet keinesfalls, dass es in Ordnung ist, wenn man sündigt. Sünde zieht immer Folgen nach sich. Sünde schädigt und verletzt immer sowohl den Sünder als auch jene, auf die seine Sünden Auswirkung haben. Und wahre Umkehr ist nie einfach.10 Bedenken Sie bitte aber auch: Wenn wir aufrichtig umkehren und Gott die Schuld und den Makel unserer Sünden hinwegnimmt, so nimmt er doch nicht immer auch gleich alle Folgen unserer Sünden hinweg. Manchmal begleiten sie uns bis an unser Lebensende. Die schlimmste Art Sünde ist die vorsätzliche Sünde, wenn jemand sich also sagt: „Ich kann doch jetzt sündigen und später umkehren.“ Ich glaube, dass man damit das Opfer und das Leiden Jesu Christi regelrecht verhöhnt.

Der Herr selbst hat erklärt: „Denn ich, der Herr, kann nicht mit dem geringsten Maß von Billigung auf Sünde blicken.“11

Und Alma hat gesagt: „Siehe, ich sage dir, schlecht zu sein hat noch nie glücklich gemacht.“12

Einer der Gründe, weshalb Almas Aussage wahr und zutreffend ist, liegt darin, dass wir uns durch wiederholtes Sündigen vom Geist entfernen, mutlos werden und schließlich mit der Umkehr aufhören. Aber ich wiederhole: Dank des Sühnopfers unseres Herrn können wir umkehren. Uns kann vollständig vergeben werden, sofern unsere Umkehr aufrichtig ist.

Wir dürfen allerdings nicht Falsches schönreden, statt umzukehren. Es funktioniert nicht, dass wir uns in unseren Sünden rechtfertigen und sagen: „Gott weiß ja, dass das einfach zu schwer für mich ist. Darum nimmt er mich eben so, wie ich bin.“ „Sich wirklich bemühen“ bedeutet, dass wir nicht lockerlassen, bis wir dem Maßstab des Herrn völlig gerecht werden, der in den Fragen für das Tempelinterview ganz unmissverständlich festgelegt ist.

Das Zweite, was uns gewiss den Weg in den Himmel versperrt und uns von der Hilfe abschneidet, die wir benötigen, ist Auflehnung. Aus dem Buch Mose erfahren wir, dass der Satan aufgrund seiner Auflehnung aus dem Himmel ausgestoßen worden ist.13 Jedes Mal, wenn wir im Herzen sprechen: „Ich brauche Gott nicht, und ich muss gar nicht umkehren“, befinden wir uns in Auflehnung.

Als Kinderarzt auf der Intensivstation habe ich erlebt, dass es unnötig Menschenleben kosten kann, wenn jemand entgegen aller Vernunft eine lebensrettende Behandlung ausschlägt. Wer sich gegen Gott auflehnt, lehnt in gleicher Weise die einzige Hilfe und Hoffnung ab, nämlich Jesus Christus. Dies führt in der Folge zum geistigen Tod. Keiner von uns kann es aus eigener Kraft schaffen. Keiner von uns ist jemals „gut genug“ – „außer durch die Verdienste und die Barmherzigkeit“14 Jesu Christi. Weil Gott jedoch unsere Entscheidungsfreiheit achtet, können wir nicht errettet werden, wenn wir uns nicht selber bemühen. So funktioniert der Ausgleich zwischen Gnade und Werken. Wir können Hoffnung in Christus haben, weil er uns beistehen und uns zu einer Wandlung verhelfen möchte. Genau genommen hilft er uns ja schon jetzt. Halten Sie einfach inne, und denken Sie über seine Hilfe im Alltag nach. Sie werden sie erkennen.

Ich bezeuge: Wenn Sie sich wirklich bemühen, wenn Sie Falsches nicht schönreden und sich nicht auflehnen, wenn Sie immer wieder umkehren und um die Gnade, also um die Hilfe Christi flehen, dann sind Sie ohne jeden Zweifel „gut genug“, nämlich annehmbar für dem Herrn. Sie werden es in das celestiale Reich schaffen und in Christus vollkommen gemacht werden, und Sie werden die Segnungen und die Herrlichkeit und Freude empfangen, die sich Gott für jedes seiner kostbaren Kinder wünscht – uns alle mit eingeschlossen. Ich bezeuge, dass Gott lebt. Er möchte, dass wir zurück nach Hause kommen. Ich bezeuge, dass Jesus lebt. Im heiligen Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigenQuellenangaben ausblenden