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Herbst 2016 | Seid ehrgeizig für Christus

Seid ehrgeizig für Christus

Herbst 2016 Generalkonferenz

Wir sind für Christus ehrgeizig, wenn wir treu dienen, Aufgaben demütig annehmen, großmütig ausharren, innig beten und würdig vom Abendmahl nehmen.

Meine lieben Brüder und Schwestern, heute möchte ich zu den jungen Leuten in der Kirche sprechen, zu denen auch unsere wunderbaren Missionare gehören. Selbstverständlich sind Brüder und Schwestern, die im Herzen jung geblieben sind, herzlich eingeladen, zuzuhören.

Am 21. August wurde der wunderschöne Sapporo-Tempel, der dritte Tempel in Japan, von Präsident Russell M. Nelson geweiht. Der Sapporo-Tempel wurde im Norden Japans auf der Insel Hokkaido errichtet. Genau wie Utah wurde auch Hokkaido von fleißigen, hart arbeitenden Pionieren besiedelt.

1876 wurde ein bekannter Hochschullehrer, Dr. William Clark1, gebeten, auf Hokkaido zu unterrichten. Er lebte nur acht Monate in Japan, doch sein christliches Verhalten hinterließ bei seinen jungen Studenten, die keine Christen waren, einen bleibenden Eindruck. Vor seiner Abreise gab er den Studenten eine Botschaft mit auf den Weg, die in dieser Bronze-Statue verewigt worden ist.2 Er sagte: „Jungs, seid ehrgeizig – seid ehrgeizig für Christus!“3 Seine Aufforderung, für Christus ehrgeizig zu sein, kann uns heute als Heilige der Letzten Tage eine Leitlinie bei unseren täglichen Entscheidungen sein.

Dr. William Clark

Was bedeutet es, für Christus ehrgeizig zu sein? Für Christus ehrgeizig zu sein bedeutet, dass man motiviert und zielorientiert ist und sich im Werk des Herrn engagiert. Für Christus ehrgeizig zu sein bedeutet nur selten, dass wir aus der Menge herausgegriffen und öffentlich geehrt werden. Für Christus ehrgeizig zu sein bedeutet, dass wir unsere Aufgabe in unserer Gemeinde oder unserem Zweig treu und eifrig, mit freudigem Herzen und ohne zu klagen erfüllen.

Unsere Missionare, die in aller Welt tätig sind, zeigen ganz hervorragend, was es bedeutet, für Christus wahrhaft ehrgeizig zu sein. Vor einigen Jahren wurden meine Frau und ich in die Japan-Mission Nagoya berufen. Unsere Missionare waren für Christus äußerst ehrgeizig. Einer dieser Missionare war ein junger Mann namens Elder Cowan.

Elder Cowan mit Präsident Yamashita und dessen Frau

Er hatte bei einem Fahrradunfall, den er als Jugendlicher gehabt hatte, das rechte Bein verloren. Ein paar Wochen nachdem Elder Cowan ins Missionsgebiet gekommen war, erhielt ich einen Anruf von seinem Mitarbeiter. Elder Cowans Beinprothese war beim Fahrradfahren kaputtgegangen. Wir brachten ihn zu einer renommierten Einrichtung, wo er in einem Privatzimmer untergebracht wurde. Dort sah ich sein Bein zum ersten Mal und mir wurde klar, welch große Schmerzen er ertragen hatte. Seine Prothese wurde repariert, und er kehrte in sein Gebiet zurück.

Allerdings ging die Prothese in den folgenden Wochen immer wieder kaputt. Der medizinische Berater des Gebiets schlug vor, Elder Cowan nach Hause zurückzuschicken, damit er eine andere Missionsberufung erhalten könne. Ich sträubte mich gegen diesen Rat, denn Elder Cowan war ein ausgezeichneter Missionar, und er wollte unbedingt in Japan bleiben. Allmählich geriet Elder Cowan jedoch an seine körperlichen Grenzen. Trotzdem murrte und klagte er nicht.

Abermals empfahl man mir, Elder Cowan irgendwo einzusetzen, wo er nicht Fahrrad fahren musste. Ich ließ mir die Situation durch den Kopf gehen, dachte über Elder Cowan und seine Zukunft nach und betete darüber. Schließlich hatte ich das Gefühl, dass Elder Cowan nach Hause zurückkehren und auf eine neue Missionsberufung warten solle. Ich rief ihn an, sagte ihm, wie sehr ich ihn schätzte und mich um ihn sorgte, und teilte ihm dann meine Entscheidung mit. Er erwiderte nichts. Ich konnte nur hören, dass er am anderen Ende der Leitung weinte. Ich sagte: „Elder Cowan, Sie müssen mir nicht sofort antworten. Ich rufe Sie morgen wieder an. Bitte beten Sie aufrichtig und denken Sie über meine Empfehlung nach.“

Als ich ihn am nächsten Morgen anrief, sagte er demütig, er werde meinem Rat folgen.

Bei unserem Abschiedsgespräch fragte ich ihn: „Elder Cowan, hatten Sie in Ihren Missionspapieren eigentlich vermerkt, dass Sie in eine Mission berufen werden möchten, in der Sie nicht Fahrrad fahren müssen?“

Er antwortete: „Ja, Präsident, das habe ich gemacht.“

Ich erwiderte: „Aber Sie wurden doch in die Japan-Mission Nagoya berufen, wo Sie Fahrrad fahren müssen. Haben Sie das Ihrem Pfahlpräsidenten gesagt?“

Seine Antwort überraschte mich. „Nein“, meinte er. „Ich sagte mir einfach: Wenn der Herr mich dorthin beruft, dann gehe ich eben ins Fitnessstudio und trainiere meinen Körper so, dass ich Fahrrad fahren kann.“

Am Ende unseres Interviews fragte er mich mit Tränen in den Augen: „Präsident Yamashita, warum bin ich nach Japan gekommen? Warum bin ich hier?“

Ohne zu zögern antwortete ich: „Ich kenne zumindest einen Grund, weshalb Sie hierhergekommen sind: Sie sind meinetwegen gekommen. Ich habe begriffen, mit was für einem großartigen jungen Mann ich hier tätig sein durfte. Ich empfinde es als Segen, Sie zu kennen.“

Ich freue mich, berichten zu können, dass Elder Cowan zu seinen Lieben heimkehrte und dann einer Mission zugewiesen wurde, in der er mit dem Auto unterwegs sein konnte. Ich bin nicht nur auf Elder Cowan stolz, sondern auch auf alle Missionare in der ganzen Welt, die ihren Dienst bereitwillig ohne Murren und Klagen verrichten. Danke, Elders und Sisters, für Ihren Glauben, Ihre zielgerichtete Arbeit und dafür, dass Sie für Christus so ehrgeizig sind.

Das Buch Mormon enthält viele Berichte über Menschen, die für Christus ehrgeizig waren. Als junger Mann verfolgte Alma der Jüngere die Kirche und deren Mitglieder. Später erfuhr er eine tiefgreifende Herzenswandlung und ging als machtvoller Missionar unter die Menschen. Er suchte die Führung des Herrn und war seinen Mitarbeitern bei der gemeinsamen Arbeit ein großer Segen. Der Herr stärkte ihn, und Alma meisterte die Prüfungen, denen er sich gegenübersah.

Ebenjener Alma gab seinem Sohn Helaman folgenden Rat:

„Wer auch immer sein Vertrauen in Gott setzt, der wird in seinen Prüfungen und seinen Mühen und seinen Bedrängnissen gestärkt …

[Halte] die Gebote Gottes …

Berate dich mit dem Herrn in allem, was du tust, und er wird dich zum Guten lenken.“4

Unser zweiter Sohn blieb den Großteil seiner Jugend der Kirche fern. Als er 20 wurde, hatte er ein Erlebnis, das in ihm den Wunsch weckte, sein Leben zu ändern. Dank der Liebe, der Gebete und der Hilfe von seiner Familie und von Mitgliedern der Kirche und vor allem durch das Mitgefühl und die Gnade des Herrn wurde er in der Kirche wieder aktiv.

Später wurde er als Missionar in die Washington-Mission Seattle berufen. Anfangs war er äußerst entmutigt. In den ersten drei Monaten ging er jeden Abend ins Badezimmer und weinte. Wie Elder Cowan versuchte er zu verstehen, warum er dort war.

Nach einem Jahr im Missionsgebiet erhielten wir eine E-Mail von ihm. Sie war die Antwort auf unsere Gebete. Er schrieb: „Gerade jetzt kann ich die Liebe Gottes und Jesu wirklich spüren. Ich werde hart arbeiten, um wie die Propheten vor alters zu werden. Obwohl ich mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen habe, bin ich wirklich glücklich. Es gibt nichts Besseres, als Jesus zu dienen. Es gibt nichts, was dem gleichkäme. Ich bin sehr glücklich.“

Es ging ihm wie Alma: „Und o welche Freude, und welch wunderbares Licht sah ich; ja, meine Seele war von Freude erfüllt, die ebenso übergroß war wie meine Qual!“5

Jeder macht im Leben Prüfungen durch. Wenn wir aber für Christus ehrgeizig sind, können wir unseren Blick fest auf ihn richten und trotz allem Freude empfinden. Unser Erlöser ist das vollkommene Beispiel. Er war sich seiner heiligen Mission genau bewusst und tat gehorsam den Willen Gottes, des Vaters. Was für ein besonderer Segen ist es doch, dass wir uns sein herausragendes Beispiel jede Woche beim Abendmahl erneut ins Gedächtnis rufen können.

Meine lieben Brüder und Schwestern, wir sind für Christus ehrgeizig, wenn wir treu dienen, Aufgaben demütig annehmen, großmütig ausharren, innig beten und würdig vom Abendmahl nehmen.

Mögen wir für Christus ehrgeizig sein, wenn wir unsere Schwierigkeiten und Prüfungen mit Geduld und Glauben annehmen, und mögen wir Freude auf unserem von Bündnissen vorgezeichneten Weg haben.

Ich bezeuge, dass der Herr Sie kennt. Er kennt Ihre Kämpfe und Ihre Sorgen. Er kennt Ihren Wunsch, ihm eifrig und, ja sogar, ehrgeizig zu dienen. Möge er Sie dabei führen und segnen. Im Namen Jesu Christi. Amen.

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    Anmerkungen

    1. William Smith Clark (1826–1886) war Professor für Chemie, Botanik und Zoologie und diente während des amerikanischen Bürgerkriegs als Colonel. Er trieb die landwirtschaftliche Ausbildung mit voran und fungierte am Massachusetts Agricultural College als Präsident (siehe „William S. Clark“, wikipedia.com).

    2. Statue auf dem Hitsujigaoka Observation Hill in Sapporo

    3. William S. Clark, zitiert in Ann B. Irish, Hokkaido: A History of Ethnic Transition and Development on Japanʼs Northern Island, 2009, Seite 156

    4. Alma 36:3; 37:35,37

    5. Alma 36:20