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Herbst 2016 | Der Herr Jesus Christus lehrt uns zu beten

Der Herr Jesus Christus lehrt uns zu beten

Herbst 2016 Generalkonferenz

Wenn Sie beten, tun Sie es dann wirklich, oder sagen Sie nur ein Gebet auf?

1977 war ich als Vollzeitmissionar in der Peru-Mission Cusco tätig. Mein Mitarbeiter und ich hatten die Erlaubnis, mit allen Missionaren der Zone Cusco einen Ausflug zu den imposanten Ruinen von Machu Picchu zu machen.

Nachdem wir die Ruinen besichtigt hatten, wollten einige Missionare noch zur Inka-Brücke gehen, die zu einem der Wanderwege gehört. Sofort spürte ich, wie der Geist mich drängte, nicht dorthin zu gehen. Der Weg wand sich nämlich entlang einer Felswand, gut 600 Meter über dem Abgrund. An mehreren Stellen war er gerade breit genug für eine Person. Mein Mitarbeiter und ich sagten den anderen, dass wir nicht zur Inka-Brücke gehen sollten.

Doch die anderen Missionare bestanden darauf. Sie versuchten unablässig, uns zu überreden, und so gab ich, trotz der Eingebungen des Geistes, dem Druck der anderen nach. Ich sagte ihnen, wir würden zwar zur Brücke gehen, müssten aber unbedingt vorsichtig sein.

So betraten wir den Weg, der zur Inka-Brücke führte. Ich lief als Letzter der Gruppe. Zunächst gingen alle langsam, wie vereinbart. Doch dann liefen die anderen Missionare immer schneller und rannten sogar. Meine Bitten, langsamer zu gehen, wurden ignoriert. Ich sah mich genötigt, sie einzuholen und ihnen zu sagen, dass wir umkehren mussten. Ich lag weit zurück und musste ebenfalls rennen, um sie noch einzuholen.

Als ich um eine Kurve kam, stieß ich an einer Stelle, die zu eng für zwei Personen war, auf einen Missionar. Er presste sich mit dem Rücken an die Felswand. Ich fragte ihn, weshalb er dort stand. Er sagte mir, er habe die Eingebung erhalten, genau dort kurz stehen zu bleiben, und ich solle weiterlaufen.

Da ich mich gedrängt fühlte, die anderen einzuholen, half er mir an sich vorbei und ich konnte auf dem Weg noch ein Stück vorankommen. Ich bemerkte, dass der Boden mit Pflanzen bewachsen war. Als ich meinen rechten Fuß aufsetzte, merkte ich, dass kein Boden unter den Pflanzen war, doch da fiel ich schon. Verzweifelt versuchte ich, mich an einigen Ästen unterhalb des Weges festzuhalten. Für einen kurzen Moment erblickte ich 600 Meter unter mir den Urubamba, der sich durch das Heilige Tal der Inkas windet. Ich merkte, wie meine Kräfte schwanden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich mich nicht mehr halten konnte. In diesem Augenblick betete ich inständig. Es war ein sehr kurzes Gebet. Ich sagte bloß: „Vater, hilf mir!“

Die Äste waren nicht stark genug, um mein Gewicht noch länger zu halten. Ich wusste, mein Ende war nah. Gerade in dem Augenblick, als ich daran war, zu fallen, packte mich eine Hand fest am Arm und zog mich herauf. Mit dieser Hilfe gelang es mir, mich nach oben zu kämpfen und wieder auf den Weg zu kommen. Es war der Missionar, der stehen geblieben war. Er rettete mir das Leben.

Aber in Wirklichkeit war es der Vater im Himmel, der mich rettete. Er hatte meine Stimme gehört. Ich hatte zuvor dreimal die Stimme des Geistes gehört, die mir sagte, ich solle nicht zur Inka-Brücke gehen, doch ich hatte ihr nicht gehorcht. Ich stand unter Schock, war ganz blass und wusste nicht, was ich sagen sollte. Dann fiel mir ein, dass die anderen Missionare vor uns waren, und so gingen wir sie suchen. Als wir sie fanden, erzählten wir ihnen, was mir geschehen war.

Wir gingen nach Machu Picchu zurück, sehr vorsichtig und äußerst schweigsam. Auch ich blieb auf dem Rückweg still. Mir kam der Gedanke, dass der Herr zwar meinen Hilferuf gehört hatte, ich aber seine Rufe völlig ignoriert hatte. Zum einen verspürte ich tiefen Kummer wegen meines Ungehorsams, war aber andererseits auch unendlich dankbar für seine Gnade. Er hatte nicht Gerechtigkeit walten lassen, sondern in seiner Barmherzigkeit mein Leben gerettet (siehe Alma 26:20).

In meinem persönlichen Gebet an jenem Abend betete ich aus tiefstem Herzen zu meinem „Vater des Erbarmens und [dem] Gott allen Trostes“ (2 Korinther 1:3). Ich betete „mit aufrichtigem Herzen, mit wirklichem Vorsatz … und Glauben an Christus“ (Moroni 10:4).

Am Morgen jenes Tages hatte ich nur mit den Lippen gebetet, aber im Angesicht des Todes hatte ich von Herzen gebetet. Ich dachte über mein bisheriges Leben nach. Ich musste feststellen, dass der Vater im Himmel mir bei vielen Gelegenheiten beigestanden hatte. Er hat mich damals in Machu Picchu und in Cusco vieles erkennen lassen. Eine der wichtigsten Lektionen für mich war, tatsächlich immer mit aufrichtigem Herzen, mit wirklichem Vorsatz und mit Glauben an Christus zu beten.

Der Herr Jesus Christus „betete einmal an einem Ort; und als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie schon Johannes seine Jünger beten gelehrt hat“ (Lukas 11:1). Daraufhin unterwies Jesus seine Jünger im Gebet. Heute lehrt er uns alle, so zu beten, wie wir ihn in unserer Vorstellung betend in Getsemani sehen: „Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.“ (Lukas 22:42.) Wenn wir beten, meinen wir es wirklich ernst, dass „nicht mein, sondern dein Wille“ geschehen soll?

Paulus beschreibt, wie Jesus betete, „als er auf Erden lebte“, und besonders in Getsemani: „[Er] hat … mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden.“ (Hebräer 5:7.) Wenn Sie beten, tun Sie es dann wirklich, oder sagen Sie nur ein Gebet auf? Sind Ihre Gebete oberflächlich?

Jesus Christus betete inständig. Es war ein Gespräch mit seinem Vater. „Auch Jesus [ließ] sich taufen. Und während er betete, öffnete sich der Himmel.“ (Lukas 3:21.) Haben Sie beim Beten das Gefühl, dass der Himmel sich öffnet? Wann haben Sie zum letzten Mal diese Verbindung zum Himmel gespürt?

Jesus hat sich bei wichtigen Entscheidungen immer zuvor mit seinem Vater im Gebet beraten.

„[Er] ging … auf einen Berg, um zu beten. Und er verbrachte die ganze Nacht im Gebet zu Gott.

Als es Tag wurde, rief er seine Jünger zu sich und wählte aus ihnen zwölf aus; sie nannte er auch Apostel.“ (Lukas 6:12,13.)

Beraten Sie sich mit Ihrem Vater im Himmel im Gebet, wenn Sie vor wichtigen Entscheidungen stehen? Bereiten Sie sich auf das Gebet vor?

Als Jesus auf dem amerikanischen Kontinent erschien, lehrte er die Menschen zu beten. „Und Jesus sprach zu ihnen: Betet weiter; und so hörten sie nicht auf zu beten.“ (3 Nephi 19:26.)

Jesus mahnt uns, immer zu beten (siehe Lehre und Bündnisse 10:5). Er weiß, dass unser Vater im Himmel uns hört und uns das gibt, was für uns am besten ist. Warum nur wollen wir es dann manchmal nicht empfangen? Woran liegt es?

In ebenjenem Augenblick, in dem wir sagen: „Lieber Vater im Himmel“, hört er unser Gebet. Er weiß, wie es uns geht und was wir brauchen. Daher wenden sich seine Augen und Ohren uns zu. Er liest unsere Gedanken, er schaut in unser Herz. Wir können nichts vor ihm verbergen. Das Schöne daran ist, dass er uns voller Liebe und Barmherzigkeit ansieht – einer Liebe und Barmherzigkeit, die wir nicht ganz erfassen können. Aber genau diese Liebe und Barmherzigkeit empfindet er, sobald wir sagen: „Lieber Vater im Himmel“.

Deswegen ist das Gebet ein äußerst heiliger Moment. Gott gehört nicht zu denen, die sagen: „Nein, ich höre dir jetzt nicht zu; du kommst ja immer nur dann zu mir, wenn du in Schwierigkeiten steckst.“ Das machen nur Menschen. Er würde auch nicht sagen: „Du ahnst ja gar nicht, wie beschäftigt ich gerade bin!“ Das sagen nur Menschen.

Ich hoffe und bete, dass wir immer so beten mögen, wie Jesus es gelehrt hat, und sage es im Namen des Herrn Jesus Christus. Amen.