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Frühjahr 2017 | Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb

Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb

Frühjahr 2017 Generalkonferenz

Jedes Mal, wenn Sie das Gefühl haben, dass etwas Schwieriges von Ihnen verlangt wird, stellen Sie sich vor, wie der Herr Sie ansieht, lieb gewinnt und bittet, ihm nachzufolgen.

Vor einigen Jahren wurden meine Frau Jacqui und ich dazu berufen, über die Washington-Mission Spokane zu präsidieren. Als wir im Missionsgebiet ankamen, erfüllte uns der Auftrag, mit so vielen bemerkenswerten jungen Missionaren zusammenzuarbeiten, mit einer Mischung aus Angst und freudiger Erregung. Die Missionare waren ganz unterschiedlicher Herkunft und wurden schon bald wie Söhne und Töchter für uns.

Obwohl die meisten ihre Arbeit hervorragend erledigten, hatten ein paar doch mit den hohen Anforderungen ihrer Berufung zu kämpfen. Ich weiß noch, wie ein Missionar mir sagte: „Präsident, ich mag einfach keine Menschen.“ Einige erzählten mir, sie hätten kein Verlangen, sich an die eher strikten Missionsregeln zu halten. Besorgt fragte ich mich, wie wir bei diesen paar Missionaren, die noch nicht wussten, wie viel Freude mit Gehorsam einhergeht, eine Herzenswandlung bewirken könnten.

Eines Tages fuhr ich an den herrlich wogenden Weizenfeldern an der Grenze zwischen Washington und Idaho vorbei und hörte mir eine Aufnahme des Neuen Testaments an. Als ich dem vertrauten Bericht über den reichen Jüngling lauschte, der zum Erretter kam und fragte, was er tun könne, um ewiges Leben zu haben, empfing ich ganz unerwartet eine eindringliche Offenbarung, die mir heute eine heilige Erinnerung ist.

Nachdem ich gehört hatte, wie Jesus die Gebote aufzählte und der Jüngling erwiderte, er habe sie alle seit seiner Jugend befolgt, erwartete ich schon die sanfte Zurechtweisung des Erretters: „Eines fehlt dir noch: [V]erkaufe, was du hast, … dann komm und folge mir nach!“1 Doch zu meinem Erstaunen vernahm ich stattdessen vor diesem Teil des Verses neun Wörter, die ich zuvor anscheinend noch nie gehört oder gelesen hatte. Es war, als seien sie der heiligen Schrift hinzugefügt worden, und ich staunte über die inspirierte Erkenntnis, die sich mir dann eröffnete.

Welche neun Wörter hatten nun eine so tiefgreifende Wirkung? Achten Sie darauf, ob Sie die scheinbar gewöhnlichen Wörter wiedererkennen, die nur bei Markus und nicht bei den anderen Evangelisten zu finden sind:

Da „lief ein Mann auf ihn zu … und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?

Jesus antwortete[:]

Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter!

Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt.

Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb, und er sagte zu ihm: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“2

„Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb.

Als ich diese Worte hörte, stand mir lebhaft vor Augen, wie unser Herr innehielt und diesen jungen Mann ansah. Er sah ihn an, als blickte er tief und durchdringend in seine Seele, wo er seine Güte und auch sein Potenzial erkannte, sowie das, was er am meisten brauchte.

Dann folgen die einfachen Worte: Jesus gewann ihn lieb. Er empfand unermessliche Liebe und Mitgefühl für diesen guten jungen Mann, und wegen dieser Liebe und mit dieser Liebe verlangte Jesus sogar noch mehr von ihm. Ich stellte mir vor, wie es für diesen jungen Mann gewesen sein muss, von einer solchen Liebe umhüllt zu sein, selbst als er aufgefordert wurde, etwas so ungeheuer Schweres zu tun, wie all seine Habe zu verkaufen und das Geld den Armen zu geben.

In dem Moment wusste ich, dass nicht nur einige unserer Missionare einen Herzenswandel nötig hatten, sondern auch ich. Die Frage lautete nicht mehr: „Wie bringt ein frustrierter Missionspräsident einen Missionar, der Schwierigkeiten hat, dazu, sein Verhalten zu bessern?“ Die Frage lautete vielmehr: „Wie kann ich so von christlicher Liebe erfüllt werden, dass ein Missionar durch mich die Liebe Gottes spüren kann und sich ändern möchte?“ Wie kann ich ihn so sehen, wie der Herr den reichen Jüngling gesehen hat? Wie kann ich sehen, wie er wirklich ist und was aus ihm werden kann, anstatt nur das zu sehen, was er tut oder lässt? Wie kann ich mehr wie der Erretter sein?

„Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb.“

Von da an sah ich, wenn ich einem jungen Missionar gegenübersaß, der auf irgendeine Weise Schwierigkeiten mit dem Gehorsam hatte, vor meinem geistigen Auge einen treuen jungen Menschen, der seinem Wunsch gefolgt war, eine Mission zu erfüllen. Das versetzte mich in die Lage, „mit allem Gefühl eines liebevollen Vaters“3 zu sagen: „Elder oder Sister, wenn ich Sie nicht lieb hätte, wäre es mir gleichgültig, was auf Ihrer Mission geschieht. Aber ich habe Sie lieb und darum ist es mir wichtig, was aus Ihnen wird. Deshalb bitte ich Sie, das zu ändern, was Ihnen schwerfällt, und so zu werden, wie der Herr Sie haben möchte.“

Jedes Mal, wenn ich Interviews mit Missionaren zu führen hatte, betete ich zuerst um die Gabe der Nächstenliebe und darum, dass ich jeden Missionar und jede Missionarin so sehen konnte, wie der Herr sie sieht.

Wenn meine Frau und ich vor einer Zonenkonferenz dann die Missionare der Reihe nach begrüßten, hielt ich inne und sah allen tief in die Augen. Ich sah sie an – ein Interview ohne Worte – und wurde unweigerlich mit großer Liebe für diese kostbaren Söhne und Töchter Gottes erfüllt.

Ich habe aus dieser zutiefst persönlichen Erfahrung mit Kapitel 10 im Buch Markus vieles gelernt, was mein Leben verändert hat. Dazu zählen diese vier Lektionen, die einem jeden von uns sicher dienlich sind:

  1. Wenn wir lernen, andere so zu sehen, wie der Herr sie sieht, statt mit unseren Augen, nimmt unsere Liebe zu ihnen zu und unser Wunsch, ihnen zu helfen, wird größer. Wir erkennen in anderen ein Potenzial, das sie in sich selbst wahrscheinlich nicht sehen. Erfüllt von christlicher Liebe scheuen wir uns nicht, unerschrocken zu sprechen, denn „die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht“4. Und wir geben niemals auf, sondern führen uns vor Augen, dass diejenigen, die zu lieben uns am schwersten fällt, am meisten Liebe brauchen.

  2. Man kann nicht richtig lehren oder lernen, wenn man frustriert oder verärgert ist, und wo es keine Liebe gibt, kann kein Herzenswandel eintreten. Ob wir nun als Eltern, Lehrer oder Führungsbeamte handeln: Richtig lehren kann man nur in einem Klima des Vertrauens, wo niemand verurteilt wird. Unser Zuhause muss für unsere Kinder immer ein sicherer Hafen sein und darf keine feindselige Umgebung sein.

  3. Auch wenn ein Kind, ein Freund oder ein Angehöriger unseren Erwartungen nicht gerecht wird, dürfen wir ihm niemals unsere Liebe entziehen. Wir wissen nicht, was aus dem reichen Jüngling wurde, nachdem er traurig weggegangen war. Aber ich bin mir sicher, dass Jesus noch immer vollkommene Liebe für ihn empfand, auch wenn der junge Mann den leichteren Weg wählte. Vielleicht verlor sein großer Besitz später im Leben für ihn an Bedeutung, und er erinnerte sich an das beeindruckende Erlebnis mit dem Herrn – wie dieser ihn angesehen, lieb gewonnen und aufgefordert hatte, ihm zu folgen. Und vielleicht handelte er dann dementsprechend.

  4. Weil der Herr uns liebt, erwartet er viel von uns. Wenn wir demütig sind, nehmen wir die Aufforderung des Herrn, umzukehren, Opfer zu bringen und anderen zu dienen, als Zeichen seiner vollkommenen Liebe zu uns an. Schließlich ist die Aufforderung zur Umkehr auch eine Aufforderung, die wunderbare Gabe der Vergebung und des Friedens zu empfangen. Daher gilt: „Verachte nicht die Zucht des Herrn, verzage nicht, wenn er dich zurechtweist. Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er.“5

Liebe Brüder und Schwestern, jedes Mal, wenn Sie das Gefühl haben, dass etwas Schwieriges von Ihnen verlangt wird, dass Sie eine schlechte Angewohnheit oder des Sonntags wegen eine Ihrer Lieblingsbeschäftigungen aufgeben sollen, sich von einer Sucht lösen, weltliche Belange hintanstellen oder jemandem vergeben sollen, der Ihnen Unrecht getan hat: Stellen Sie sich vor, wie der Herr Sie ansieht, lieb gewinnt und bittet, loszulassen und ihm nachzufolgen. Und danken Sie ihm, dass er Sie lieb genug hat, um weitere Aufforderungen an Sie zu richten.

Ich lege Zeugnis ab für unseren Erretter, Jesus Christus. Ich freue mich auf den Tag, an dem er einen jeden von uns in die Arme nimmt, uns ansieht und uns mit seiner vollkommenen Liebe umschließt. Im Namen Jesu Christi. Amen.

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