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Herbst 2017 | Liebt einander, wie Christus uns geliebt hat

Liebt einander, wie Christus uns geliebt hat

Herbst 2017 Generalkonferenz

Wenn wir anderen mit aufrichtiger Liebe dienen und vergeben, können wir Heilung erfahren und die Kraft empfangen, unsere eigenen Schwierigkeiten zu überwinden.

Beim Abschiedsmahl gab der Erretter seinen Jüngern ein neues Gebot:

„Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.

Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“1

Die Jünger des Erretters erhielten ein neues Gebot: Sie sollten etwas mehr tun, etwas Größeres und etwas Erhabeneres. Dieses neue Gebot, diese Aufforderung, wird in der Kernaussage „wie ich euch geliebt habe“ zusammengefasst.

Liebe bedeutet handeln, Liebe bedeutet dienen

„Liebe ist ein Gefühl tiefer Hingabe, Anteilnahme und Zuneigung. Das unbegrenzte Sühnopfer Jesu Christi ist der größte Beweis der Liebe Gottes zu seinen Kindern.“2 „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“3 „Die Jünger Christi zeichnen sich unter anderem durch ihre Liebe zu Gott und ihren Mitmenschen aus.“4

Vor einigen Jahren spielte unser ältester Enkel José, der damals vier war, einmal mit meiner Frau. Während sie so miteinander lachten und die gemeinsame Zeit genossen, fragte unser Enkel sie: „Oma, hast du mich lieb?“

Sie antwortete ihm: „Ja, José, ich hab dich lieb.“

Dann stellte er eine weitere Frage: „Woher weißt du, dass du mich lieb hast?“

Sie erklärte ihm, was sie fühlte und was sie schon alles für ihn getan hatte und für ihn zu tun bereit war.

Später stellte meine Frau José die gleichen Fragen, so auch diese eindringliche: „Woher weißt du, dass du mich lieb hast?“

Treuherzig und zugleich zutiefst aufrichtig gab er zur Antwort: „Ich hab dich lieb, weil ich es tief in mir drin spüren kann.“ Josés liebevolles Verhalten seiner Großmutter gegenüber – damals und auch sonst immer – zeigt, dass Liebe eine Kombination aus Taten und tiefen Gefühlen ist.

König Benjamin hat verkündet: „Siehe, ich sage euch dies, damit ihr Weisheit lernt, damit ihr lernt, dass, wenn ihr im Dienste eurer Mitmenschen seid, ihr nur im Dienste eures Gottes seid.“5

In der heutigen Welt, wo es aus unterschiedlichen Gründen so viel Leid gibt, ist eine Textnachricht mit einem witzigen Emoji oder ein nettes Bild, das man mit den Worten „Ich liebe dich“ postet, schon gut und viel Wert. Aber viele von uns müssen ihre mobilen Endgeräte beiseitelegen und stattdessen mit anpacken und anderen helfen, die sich in großer Not befinden. Liebe ohne Dienst am Nächsten ist wie Glaube ohne Werke – nämlich tot.

Liebe bedeutet vergeben

Die reine Christusliebe, die Nächstenliebe,6 regt uns nicht nur zum Handeln und Dienen an, sie verleiht uns auch die Kraft, ungeachtet der Umstände zu vergeben. Ich möchte Ihnen eine Begebenheit erzählen, die mein Leben beeinflusst und verändert hat. Ted und Sharon, Coopers Eltern, die heute hier sind, haben mir erlaubt, zu erzählen, was ihre Familie vor über neun Jahren erlebt hat. Ich gebe das Erlebnis aus der Sicht von Ted, Coopers Vater, wieder:

Der 21. August 2008 war der erste Schultag. Coopers drei ältere Brüder Ivan, Garrett und Logan standen alle miteinander an der Bushaltestelle und warteten auf ihren Bus. Cooper war vier Jahre alt. Er saß auf seinem Fahrrad. Meine Frau Sharon war zu Fuß gegangen.

Meine Frau stand auf der anderen Straßenseite und winkte Cooper zu sich herüber. In dem Moment bog ein Auto ganz langsam links ab und überfuhr Cooper.

Ein Nachbar rief mich an und sagte mir, Cooper sei von einem Auto angefahren worden. Ich fuhr schnell zur Bushaltestelle zu ihm hin. Cooper lag auf dem Gras und hatte Mühe zu atmen, er hatte jedoch keine sichtbaren Verletzungen.

Ich kniete mich neben Cooper nieder und machte ihm Mut: „Es wird alles wieder gut. Halte durch!“ In diesem Augenblick tauchte mein Hohepriestergruppenleiter Nathan mit seiner Frau auf. Sie schlug vor, dass wir Cooper einen Priestertumssegen geben. Wir legten Cooper die Hände auf. Ich weiß nicht mehr, was ich in dem Segen gesagt habe, aber ich kann mich deutlich daran erinnern, dass andere um uns herumstanden. Und in diesem Augenblick wusste ich, dass Cooper sterben würde.

Er wurde mit einem Hubschrauber ins Krankenhaus eingeliefert, starb dann aber tatsächlich. Ich hatte den Eindruck, dass mir der Vater im Himmel sagte, meine irdische Treuhandschaft sei beendet und Cooper sei jetzt in seiner Obhut.

Wir konnten im Krankenhaus noch einige Zeit mit Cooper verbringen. Das Personal dort richtete ihn her, sodass wir ihn halten und von ihm Abschied nehmen konnten. Sie erlaubten uns, so viel Zeit mit ihm zu verbringen und ihn so lange zu halten, wie wir wollten.

Auf dem Heimweg sahen meine Frau und ich einander an. Sie war todtraurig. Wir kamen auf den Jungen zu sprechen, der das Auto gefahren hatte. Wir kannten ihn nicht, obwohl er nur eine Straße weiter wohnte und zu unserem Gemeindegebiet gehörte.

Der nächste Tag war sehr schwierig für uns. Wir alle konnten den Kummer kaum ertragen. Ich fiel auf die Knie und sprach das aufrichtigste Gebet, das ich je gesprochen hatte. Ich bat den Vater im Himmel im Namen meines Erretters, mich von der überwältigenden Trauer zu befreien. Und das tat er.

Später an diesem Tag arrangierte einer der Ratgeber in unserer Pfahlpräsidentschaft bei sich zu Hause ein Treffen mit dem Jungen, der den Wagen gefahren hatte, und dessen Eltern. Sharon und ich warteten auf ihre Ankunft. Als sich die Tür öffnete, begegneten wir ihnen zum ersten Mal. Mein Bischof flüsterte mir ins Ohr: „Geh zu ihm.“ Sharon und ich umarmten ihn beide gleichzeitig. Ich glaube, wir weinten lange zusammen. Wir sagten ihm, dass wir wussten, dass es einfach ein Unfall gewesen war.

Für Sharon und mich war es ein Wunder, dass wir so empfanden und es immer noch tun. Dank Gottes Gnade gelang es uns, den rechten, den offensichtlichen, den einzigen Weg einzuschlagen und diesen guten Jungen ins Herz zu schließen.

Im Laufe der Jahre hat sich eine enge Freundschaft zu ihm und seiner Familie entwickelt. Er hat uns an den wichtigsten Meilensteinen in seinem Leben teilhaben lassen. Wir waren sogar mit ihm im Tempel, als er sich auf seine Mission vorbereitete.7

Brüder und Schwestern, Ted weiß ohne jeden Zweifel, dass der Vater im Himmel uns liebt. Er weiß, dass die Fähigkeit zu vergeben und sich auf diese Weise von einer Last zu befreien, genauso wohltuend ist, wie Vergebung zu empfangen. Dieses wohltuende Gefühl kommt auf, wenn man dem Beispiel unseres größten Vorbilds folgt. Im Buch Mormon hat Alma über den Erretter verkündet: „Und er wird hingehen und Schmerzen und Bedrängnisse und Versuchungen jeder Art leiden; und dies, damit sich das Wort erfülle, das da sagt, er werde die Schmerzen und die Krankheiten seines Volkes auf sich nehmen.“8

Brüder und Schwestern, welch eine wunderbare, von wahrer Liebe und Vergebung zeugende Begebenheit. Auch wir können Freude und Glück erfahren, wenn wir anderen dienen und vergeben. Georgy, auch einer unserer Enkel, fragt oft: „Was für eine Familie sind wir?“ Und er gibt selbst die Antwort: „Wir sind eine glückliche Familie!“

Präsident Thomas S. Monson hat uns geraten: „Stellen wir unser Leben auf den Prüfstand und entschließen wir uns dazu, dem Beispiel des Erretters zu folgen, indem wir gütig, liebevoll und wohltätig sind.“9

Ich weiß, dass der Vater im Himmel und sein Sohn Jesus Christus uns lieben. Sie helfen uns gerne, zur Tat zu schreiten, wenn wir einander so lieben, wie sie uns geliebt haben. Ich weiß auch: Wenn wir anderen mit aufrichtiger Liebe dienen und vergeben, können wir Heilung erfahren und die Kraft empfangen, unsere eigenen Schwierigkeiten zu überwinden. Das verkünde ich im Namen Jesu Christi. Amen.

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