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Herbst 2017 | Wenden Sie sich dem Herrn zu

Wenden Sie sich dem Herrn zu

Herbst 2017 Generalkonferenz

Wir können nicht immer bestimmen, was mit uns geschieht, aber wir bestimmen ganz allein darüber, wie wir auf die Veränderungen in unserem Leben reagieren.

Im Frühjahr 1998 wollten meine Frau Carol und ich eine Geschäftsreise mit einem Familienurlaub verbinden und zusammen mit unseren vier Kindern und meiner Schwiegermutter, die damals gerade Witwe geworden war, ein paar Tage in Hawaii verbringen.

Am Abend vor unserem Abflug wurde bei unserem vier Monate alten Sohn Jonathon eine Entzündung an beiden Ohren festgestellt. Man teilte uns mit, dass er mindestens drei bis vier Tage lang nicht reisen könne. Wir beschlossen, Carol mit Jonathon zu Hause zu lassen, während ich gemeinsam mit dem Rest der Familie die Reise unternehmen würde.

Schon kurz nach unserer Ankunft bemerkte ich, dass es nicht die Reise war, die ich mir vorgestellt hatte. Als wir im Mondlicht einen von Palmen gesäumten Weg entlanggingen und auf das Meer hinausblickten, drehte ich mich um, um etwas über die Schönheit der Insel zu sagen. Doch in diesem romantischen Augenblick sah ich nicht Carol, sondern blickte meiner Schwiegermutter in die Augen – wobei ich dazusagen muss, dass ich sie sehr lieb habe. Es war nur nicht das, was ich erhofft hatte. Auch Carol hatte nicht erwartet, ihren Urlaub allein daheim mit unserem kranken Sohn zu verbringen.

Im Leben gibt es Momente, in denen wir uns auf einem anderen Weg als erwartet wiederfinden und uns Umständen gegenübersehen, die viel schlimmer sind als ein schiefgegangener Urlaub. Wie reagieren wir, wenn das Leben, das wir geplant oder erhofft haben, durch Ereignisse, auf die wir oftmals keinen Einfluss haben, plötzlich anders verläuft?

Hyrum Smith Shumway

Bei der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 ging Hyrum Shumway, ein junger Leutnant in der Armee der Vereinigten Staaten, am Küstenabschnitt Omaha Beach an Land. Er überstand die Invasion unverletzt, doch als die Alliierten weiter vorrückten, wurde er am 27. Juli durch eine Panzerabwehrmine schwer verwundet. In nur einem Augenblick veränderten sich sein Leben und auch die geplante berufliche Zukunft drastisch. Er hatte Arzt werden wollen. Trotz zahlreicher Operationen, durch die seine Gesundheit weitestgehend wiederhergestellt wurde, gewann Bruder Shumway sein Augenlicht nie mehr zurück. Wie reagierte er wohl darauf?

Nach drei Jahren in einer Reha-Klinik kehrte er in seinen Heimatort Lovell in Wyoming zurück. Er wusste, dass er sich seinen Traum, Arzt zu werden, nicht mehr erfüllen konnte, doch er war fest entschlossen, vorwärtszugehen, zu heiraten und eine Familie zu ernähren.

Schließlich fand er in Baltimore in Maryland eine Anstellung als Reha- und Berufsberater für Blinde. Bei seiner eigenen Genesung hatte er erkannt, dass ein Blinder zu viel mehr fähig ist, als ihm vorher bewusst gewesen war. Im Laufe der acht Jahre, die er diese Stelle innehatte, verhalf er mehr Blinden zu einem Arbeitsplatz als jeder andere Berater im ganzen Land.

Familie Shumway

Zuversichtlich, dass er nun imstande war, eine Familie zu versorgen, machte Hyrum seiner Liebsten einen Heiratsantrag. Er sagte zu ihr: „Wenn du die Briefe liest, die Socken sortierst und das Auto fährst, kümmere ich mich um alles andere.“ Schon bald wurden sie im Salt-Lake-Tempel aneinander gesiegelt und schließlich mit acht Kindern gesegnet.

1954 zogen die Shumways wieder nach Wyoming, wo Bruder Shumway 32 Jahre lang als Landesdirektor für Bildung für taube und blinde Menschen tätig war. In dieser Zeit war er sieben Jahre lang Bischof der Gemeinde Cheyenne 1 und später 17 Jahre lang Pfahlpatriarch. Nach seiner Pensionierung erfüllten Bruder Shumway und seine Frau gemeinsam eine Mission in der England-Mission London Süd.

Hyrum Shumway verstarb im März 2011 und hinterließ seiner großen Nachkommenschaft an Kindern, Enkeln und Urenkeln das Vermächtnis, dass man selbst unter schwierigen Bedingungen Glauben an den Herrn haben und auf ihn vertrauen kann.1

Der Krieg mag sein Leben verändert haben, aber Hyrum Shumway zweifelte nie an seinem göttlichen Wesen und ewigen Potenzial. Wie er sind auch wir Geistsöhne und -töchter Gottes, und wir haben „seinen Plan [angenommen], nach dem [wir] einen physischen Körper erhalten und die Erfahrungen des irdischen Lebens machen konnten, um [uns] auf die Vollkommenheit hin weiterzuentwickeln und letztlich als Erben ewigen Lebens [unsere] göttliche Bestimmung zu verwirklichen“2. Keine noch so große Veränderung oder Prüfung und kein noch so heftiger Widerstand können uns von diesem ewigen Kurs abbringen. Nur die Entscheidungen, die wir selbst treffen, können das.

Die Veränderungen und die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten, denen wir während des Erdenlebens begegnen, sind an Art und Intensität ganz unterschiedlich und wirken sich auch unterschiedlich auf den Einzelnen aus. Genau wie Sie habe ich gesehen, wie Freunde und Angehörige vor den verschiedensten Herausforderungen standen:

  • der Tod eines geliebten Menschen

  • eine schmerzliche Scheidung

  • möglicherweise nie die Gelegenheit haben, zu heiraten

  • eine schwere Krankheit oder Verletzung

  • sogar Naturkatastrophen, wie wir erst kürzlich vielerorts gesehen haben

Die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen. Obwohl jede „Veränderung“ ganz individuell mit unseren jeweiligen Umständen verknüpft ist, haben die sich daraus ergebenden Prüfungen oder Herausforderungen doch eines gemeinsam: Durch das Sühnopfer Jesu Christi können wir immer Hoffnung und Frieden finden. Das Sühnopfer Jesu Christi hält für jeden verwundeten Körper, jede verletzte Seele und jedes gebrochene Herz die besten Korrektur- und Heilmaßnahmen bereit.

Auf eine Weise, die niemand sonst begreifen kann, weiß der Herr, was jeder Einzelne von uns braucht, um trotz aller Veränderungen weiter voranzukommen. Anders als Freunde und Angehörige fühlt der Erretter nicht nur mit uns, sondern kann sich vollkommen in uns hineinversetzen, weil er bereits erlebt hat, was wir erleben. Jesus Christus hat nicht nur den Preis für unsere Sünden gezahlt und für sie gelitten, sondern ist auch jeden Weg gegangen, hat jede Herausforderung bewältigt und jeden Schmerz, ob körperlich, seelisch oder geistig, erlebt – alles, was uns je im Erdenleben widerfahren kann.

Präsident Boyd K. Packer hat gesagt: „Die Gnade und Barmherzigkeit Jesu Christi beschränken sich nicht auf diejenigen, die … eine Sünde begehen, sondern schließen die Verheißung immerwährenden Friedens für alle mit ein, die ihn annehmen und ihm … Folge leisten. Seine Barmherzigkeit ist das machtvolle Heilmittel schlechthin, auch für den unschuldig Verwundeten.“3

Wir können auf Erden nicht immer bestimmen, was mit uns geschieht, aber wir bestimmen ganz allein darüber, wie wir auf die Veränderungen in unserem Leben reagieren. Das bedeutet nicht, dass unsere Herausforderungen und Prüfungen belanglos oder leicht zu bewältigen wären. Es bedeutet nicht, dass wir nie Schmerz oder Leid erleben werden. Aber es bedeutet, dass wir Grund zur Hoffnung haben. Durch das Sühnopfer Jesu Christi können wir vorwärtsgehen und bessere Tage erleben, ja, Tage voller Freude, Licht und Glück.

In Mosia lesen wir den Bericht von Alma, dem ehemaligen Priester König Noas, und seinem Volk, die „vom Herrn gewarnt worden [waren] und vor den Heeren König Noas in die Wildnis [zogen]“. Nach acht Tagen „kamen [sie in] ein sehr schönes und angenehmes Land“. Dort „bauten [sie] ihre Zelte auf und fingen an, den Boden zu bebauen, und fingen an, Gebäude zu bauen“.4

Die Situation schien erfolgversprechend. Sie hatten das Evangelium Jesu Christi angenommen. Sie hatten sich taufen lassen und waren damit den Bund eingegangen, dass sie dem Herrn dienen und seine Gebote halten wollten. Und „sie mehrten sich und gediehen über die Maßen im Land“5.

Ihre Umstände sollten sich jedoch bald ändern. „Ein Heer der Lamaniten [war] in den Grenzen des Landes.“6 Alma und sein Volk gerieten bald darauf in Gefangenschaft. „So groß waren ihre Bedrängnisse, dass sie anfingen, mächtig zu Gott zu schreien.“ Doch dann befahlen ihnen ihre Aufseher sogar, mit dem Beten aufzuhören, sonst würde „jedermann, der dabei angetroffen wurde, dass er Gott anrief, hingerichtet werden“.7 Alma und sein Volk hatten nichts getan, weswegen sie diese neuen Umstände verdient hätten. Wie reagierten sie wohl darauf?

Anstatt Gott die Schuld zu geben, wendeten sie sich ihm zu und „schütteten ihr Herz vor ihm aus“. Aufgrund ihres Glaubens und ihrer stillen Gebete gab ihnen der Herr zur Antwort: „Seid voller Trost … Ich werde … die Lasten, die euch auf die Schultern gelegt sind, leicht machen, sodass ihr sie nicht mehr auf eurem Rücken spüren könnt.“ Schon bald „stärkte [der Herr] sie, sodass sie ihre Lasten mühelos tragen konnten, und sie unterwarfen sich frohgemut und mit Geduld in allem dem Willen des Herrn“.8 Sie waren zwar noch nicht aus der Knechtschaft befreit worden, aber weil sie sich dem Herrn zuwendeten, anstatt sich von ihm abzuwenden, wurden sie gemäß ihren Bedürfnissen und gemäß der Weisheit des Herrn gesegnet.

Elder Dallin H. Oaks hat erklärt: „Heilende Segnungen kommen auf vielerlei Weise, immer auf unsere individuellen Bedürfnisse abgestimmt, die ihm, der uns am meisten liebt, bekannt sind. Manchmal befreit uns eine ‚Heilung‘ von unserer Krankheit oder Last. Aber manchmal werden wir ,geheilt‘, indem uns die Kraft, die Einsicht oder die Geduld gegeben wird, die Lasten zu tragen, die uns auferlegt werden.“9

Schließlich waren „ihr Glaube und ihre Geduld“ so groß, dass der Herr Alma und sein Volk befreite, wie er auch uns befreien wird, „und sie dankten Gott“, „denn sie waren in Knechtschaft gewesen, und keiner konnte sie befreien außer der Herr, ihr Gott“10.

Es ist doch tragisch, dass sich allzu oft diejenigen, die es am nötigsten brauchen, von der vollkommenen Quelle, von der sie Hilfe erhalten könnten, abwenden, nämlich unserem Erretter Jesus Christus. Der wohlbekannte Bericht aus den heiligen Schriften über die Schlange aus Kupfer zeigt, dass wir die Wahl haben, wenn wir vor Herausforderungen stehen. Nachdem viele der Kinder Israels von feurigen fliegenden Schlangen11 gebissen worden waren, „wurde ein Sinnbild aufgerichtet, damit jeder, der … aufblickte, lebe. [Aber es war eine Entscheidung.] Und viele blickten auf und lebten. …

Aber es gab viele, die so verstockt waren, dass sie nicht aufblicken wollten, darum gingen sie zugrunde.“12

Genau wie damals die Israeliten werden auch wir angespornt, zum Erretter aufzublicken und zu leben, denn sein Joch drückt nicht und seine Last ist leicht, auch wenn unsere schwer sein mag.

Alma der Jüngere bekräftigte diese heilige Wahrheit: „Ich weiß sicher, wer auch immer sein Vertrauen in Gott setzt, der wird in seinen Prüfungen und seinen Mühen und seinen Bedrängnissen gestärkt und wird am letzten Tag emporgehoben werden.“13

In diesen Letzten Tagen hat uns der Herr eine Vielzahl an Hilfen gegeben, die uns als „Schlangen aus Kupfer“ dienen. Sie sollen uns dabei helfen, zu Christus aufzublicken und unser Vertrauen in ihn zu setzen. Im Umgang mit den Herausforderungen des Lebens geht es nicht darum, die Wirklichkeit zu ignorieren, sondern vielmehr darum, worauf wir unseren Fokus legen und auf welche Grundlage wir bauen.

Zu diesen Hilfen gehören unter anderem:

  • regelmäßiges Studium der heiligen Schriften und der Worte der lebenden Propheten

  • häufiges, aufrichtiges Beten und Fasten

  • würdig vom Abendmahl nehmen

  • regelmäßiger Tempelbesuch

  • Priestertumssegen

  • gute Ratschläge von geschulten Fachleuten

  • auch Medikamente, wenn sie ordnungsgemäß verschrieben und angewendet werden

Welche Veränderungen das Leben auch für uns bereithält und welchen Weg wir auch unerwartet gehen müssen: Es ist unsere Entscheidung, wie wir darauf reagieren. Sich dem Erretter zuzuwenden und seine ausgestreckte Hand zu ergreifen, ist immer unsere beste Option.

Elder Richard G. Scott hat diese ewige Wahrheit ausgesprochen: „Wahres, andauerndes Glück sowie die Stärke, der Mut und die Fähigkeit, auch die größten Schwierigkeiten zu überwinden, entstehen aus einem Leben, in dessen Mittelpunkt Jesus Christus steht. … Es gibt keine Garantie für schnelle Erfolge, doch wir haben die absolute Gewissheit, dass zu der vom Herrn bestimmten Zeit Lösungen kommen, Frieden obsiegt und Leere erfüllt wird.“14

Diesen Wahrheiten schließe ich mich mit meinem Zeugnis an. Im Namen Jesu Christi. Amen.

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