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Frühjahr 2018 | Familienforschung und Tempelarbeit: Siegelung und Heilung

Familienforschung und Tempelarbeit: Siegelung und Heilung

Frühjahr 2018 Generalkonferenz

Wenn wir die Geschichte unserer Familie zusammentragen und für unsere Vorfahren in den Tempel gehen, erfüllt Gott verheißene Segnungen gleichzeitig auf beiden Seiten des Schleiers.

Die Beziehungen in der Familie können uns einige der lohnendsten, aber auch der schwierigsten Erfahrungen überhaupt bescheren. Viele von uns haben schon einmal eine Art Bruch in ihrer Familie erlebt. Ein solcher Bruch entstand zwischen zwei Helden der Wiederherstellung der Kirche Jesu Christi in diesen Letzten Tagen. Parley und Orson Pratt waren Brüder, Bekehrte aus den Anfängen der Kirche und ordinierte Apostel. Beider Glaube wurde geprüft, doch sie gingen mit einem unerschütterlichen Zeugnis daraus hervor. Beide opferten viel für die Sache der Wahrheit und brachten diese sehr voran.

Parley Pratt

Während der Zeit in Nauvoo kam es zwischen ihnen zu Spannungen, die 1846 in einer hitzigen, öffentlichen Konfrontation gipfelten. Eine tiefe und ausgedehnte Kluft tat sich auf. Parley schrieb Orson zunächst, um die Kluft zu überwinden, doch Orson antwortete nicht. Da gab Parley auf, weil er meinte, es werde keinerlei Briefwechsel mehr geben, es sei denn, dieser ginge von Orson aus.1

Orson Pratt

Einige Jahre später, im März 1853, erfuhr Orson, dass man daran war, ein Buch über die Nachkommen William Pratts zu veröffentlichen, des ersten amerikanischen Vorfahren der Brüder Pratt. Orson brach „wie ein kleines Kind“ in Tränen aus, als er diesen familiengeschichtlichen Schatz zu Gesicht bekam. Sein Herz wurde erweicht und er beschloss, die Beziehung zu seinem Bruder wieder in Ordnung zu bringen.

Orson schrieb Parley: „Mein lieber Bruder, es hat doch niemand unter allen Nachkommen unseres Vorfahren, Lieut[enant] William Pratt, ein so tiefgreifendes Interesse daran, nach seinen Nachkommen zu forschen, wie wir selbst.“ Orson war einer der Ersten, die wussten, dass die Heiligen der Letzten Tage die Pflicht haben, die Geschichte ihrer Familie zu erforschen und zusammenzustellen, damit wir stellvertretend für unsere Vorfahren heilige Handlungen vornehmen können. Er schrieb weiter: „Wir wissen, dass der Gott unserer Väter hier die Hand im Spiel hat. … Bitte verzeih, dass ich dir nicht längst zurückgeschrieben habe. … Ich hoffe, du vergibst mir.“2 Trotz ihres unerschütterlichen Zeugnisses war doch die Liebe zu ihren Vorfahren der Auslöser, der sie dazu brachte, eine Kluft zu schließen, Wunden zu heilen, um Vergebung zu bitten und zu vergeben.3

Wenn Gott uns etwas aufträgt, hat er oftmals vielerlei Absichten im Sinn. Familienforschung und Tempelarbeit sind nicht nur für die Verstorbenen gedacht, sondern auch den Lebenden ein Segen. Bei Orson und Parley führte dies dazu, dass sie einander das Herz zuwandten. Familienforschung und Tempelarbeit gaben die Kraft, zu heilen, was geheilt werden musste.

Als Mitglieder der Kirche haben wir die von Gott bestimmte Aufgabe, unsere Vorfahren zu ermitteln und die Geschichte unserer Familie zusammenzustellen. Das ist weitaus mehr als nur ein uns empfohlenes Hobby, denn die errettenden heiligen Handlungen haben alle Kinder Gottes nötig.4 Wir sollen unsere eigenen Vorfahren ausfindig machen, die gestorben sind, ohne die errettenden heiligen Handlungen empfangen zu haben. Wir können die heiligen Handlungen stellvertretend im Tempel vollziehen, und unsere Vorfahren können sie dann annehmen.5 Auch sind wir dazu angehalten, Mitgliedern aus der Gemeinde und dem Pfahl bei den Namen ihrer Familie zu helfen. Es ist geradezu atemberaubend, dass wir durch die Familienforschung und die Tempelarbeit zur Erlösung der Verstorbenen beitragen können.

Doch wenn wir uns heute an der Familienforschung und Tempelarbeit beteiligen, stehen uns außerdem „heilende“ Segnungen zu, die von Propheten und Aposteln verheißen wurden.6 Diese Segnungen sind aufgrund ihrer Reichweite, spezifischen Art und Tragweite im Erdenleben genauso atemberaubend. Es ist eine lange Liste, und diese Segnungen gehören dazu:

  • ein größeres Verständnis vom Erretter und seinem Sühnopfer

  • ein größerer Einfluss des Heiligen Geistes,7 sodass wir Kraft spüren und in unserem Leben Anleitung erhalten

  • ein größerer Glaube, sodass die Bekehrung zum Erretter tief und dauerhaft wird

  • eine größere Fähigkeit und Motivation, zu lernen und umzukehren,8 weil wir verstehen, wer wir sind und woher wir kommen, und eine klarere Vorstellung davon haben, was nach diesem Leben mit uns geschieht

  • mehr läuternde, heiligende und mäßigende Einflüsse in unserem Herzen

  • mehr Freude, weil unsere Fähigkeit wächst, die Liebe des Herrn zu spüren

  • mehr Segnungen in der Familie – ungeachtet unserer derzeitigen, früheren oder künftigen familiären Umstände oder all dessen, was an unserem Stammbaum unvollkommen sein mag

  • mehr Liebe und Wertschätzung für Vorfahren und lebende Verwandte, sodass wir uns nicht mehr allein fühlen

  • eine bessere Wahrnehmung, was der Heilung bedarf, und somit eine größere Fähigkeit, mit Hilfe des Herrn anderen zu dienen

  • mehr Schutz vor Versuchungen und dem immer stärker werdenden Einfluss des Widersachers und

  • mehr Hilfe dabei, ein bekümmertes, gebrochenes oder besorgtes Herz und die Verwundeten zu heilen9

Falls Sie um irgendeine dieser Segnungen gebetet haben, helfen Sie bei der Familienforschung und der Tempelarbeit mit! Dann werden Ihre Gebete erhört. Wenn heilige Handlungen stellvertretend für die Verstorbenen verrichtet werden, werden Gottes Kinder auf Erden geheilt. Kein Wunder, dass Präsident Russell M. Nelson in seiner ersten Botschaft als Präsident der Kirche verkündet hat: „Wenn Sie Gott im Tempel verehren und sich dort für Ihre Vorfahren einsetzen, empfangen Sie vermehrt persönliche Offenbarung [und] Frieden und festigen Ihre Entschlossenheit, auf dem durch Bündnisse vorgezeichneten Weg zu verbleiben.“10

Auch ein Prophet aus früherer Zeit sah Segnungen für die Lebenden wie auch für die Verstorbenen vorher.11 Ein himmlischer Bote zeigte Ezechiel in einer Vision einen Tempel, aus dem Wasser strömte. Ezechiel wurde gesagt:

„Diese Wasser fließen hinaus[,] sie strömen in die Araba hinab und münden in das [Tote] Meer [und] die Wasser [werden] gesund.

Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen, alles, was sich regt, leben können[.] Weil dieses Wasser dort hinkommt, werden sie gesund; wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben.“12

Zwei Eigenschaften des Wassers sind bemerkenswert. Erstens: Obwohl der kleine Wasserlauf keine Zuflüsse hatte, wurde er zu einem mächtigen Fluss und wurde breiter und tiefer, je weiter er floss. Ähnlich verhält es sich mit den Segnungen, die aus dem Tempel strömen, wenn man sich als Familie aneinander siegeln lässt. Sie nehmen erheblich zu und wirken rückwärts und vorwärts durch die Generationen, wenn die Familie durch die Siegelung zusammengeschweißt wird.

Zweitens: Der Fluss erneuerte alles, womit er in Berührung kam. Die Segnungen des Tempels haben eine genauso erstaunliche heilende Wirkung. Sie können das Herz, das Leben und die Familie heilen.

Bettys Sohn Todd

Hier ein Beispiel: 1999 brach ein junger Mann namens Todd plötzlich zusammen, nachdem in seinem Gehirn ein Blutgefäß geplatzt war. Obgleich Todd und seine Familie der Kirche angehörten, kamen sie nur unregelmäßig, und keiner von ihnen hatte bisher die Segnungen des Tempels erfahren. Am letzten Abend in Todds Leben saß seine Mutter Betty an seinem Bett, streichelte ihm die Hand und sagte: „Todd, wenn du wirklich gehen musst, verspreche ich, dafür zu sorgen, dass die Tempelarbeit für dich erledigt wird.“ Am nächsten Morgen wurde Todd für hirntot erklärt. Chirurgen pflanzten Todds Herz meinem Patienten Rod ein, einem bemerkenswerten Menschen.

Einige Monate nach der Transplantation erfuhr Rod den Namen der Familie seines Herzspenders und nahm Briefkontakt mit ihr auf. Etwa zwei Jahre später ging Todds Mutter Betty das erste Mal in den Tempel und lud Rod ein, ebenfalls zu kommen. Im celestialen Saal des St.-George-Utah-Tempels begegneten Rod und Betty sich zum ersten Mal persönlich.

Einige Zeit danach verstarb Todds Vater, Bettys Ehemann. Ein paar Jahre später bat Betty Rod, stellvertretend für ihren verstorbenen Sohn die heiligen Handlungen des Tempels zu empfangen. Rod kam der Bitte dankbar nach. Die stellvertretende Arbeit fand ihren krönenden Abschluss in einem Siegelungsraum des St.-George-Utah-Tempels: Betty kniete am Altar ihrem Enkel gegenüber, der als Stellvertreter diente, und wurde an ihren verstorbenen Mann gesiegelt. Tränen liefen ihr die Wangen hinab, als sie Rod zu sich und ihrem Enkel an den Altar winkte. Rod kniete als Stellvertreter für ihren Sohn Todd, dessen Herz noch immer in seiner Brust schlug, neben ihnen nieder. Anschließend wurde Rods Herzspender Todd für alle Ewigkeit an seine Eltern gesiegelt. Todds Mutter hatte das Versprechen, das sie ihrem sterbenden Sohn vor Jahren gegeben hatte, gehalten.

Rod und Kim an ihrem Hochzeitstag

Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Fünfzehn Jahre nach der Herztransplantation hatte Rod sich verlobt und wollte heiraten. Er bat mich, die Ehesiegelung im Provo-Utah-Tempel vorzunehmen. Am Tag der Hochzeit traf ich mich mit Rod und seiner wunderbaren Braut Kim in einem Raum neben dem Siegelungsraum, wo ihre Familien und besten Freunde warteten. Nachdem ich kurz mit den beiden gesprochen hatte, fragte ich sie, ob sie irgendwelche Fragen hätten.

Rod sagte: „Ja. Die Familie meines Spenders ist hier und würde Sie gern kennenlernen.“

Ich war völlig überrascht und fragte: „Sie meinen, sie sind hier? Jetzt?“

Rod sagte: „Ja.“

Also ging ich um die Ecke und bat die Familie, aus dem Siegelungsraum zu kommen. Betty, ihre Tochter und ihr Schwiegersohn kamen zu uns. Rod umarmte Betty zur Begrüßung, dankte ihr fürs Kommen und stellte mich ihr dann vor. Er sagte: „Betty, das ist Elder Renlund. Er war der Arzt, der sich all die Jahre um das Herz deines Sohnes gekümmert hat.“ Sie ging durch den Raum auf mich zu und nahm mich in die Arme. Und dann gab es ein paar Minuten lang Umarmungen und Freudentränen, wohin man blickte.

Nachdem wir uns wieder gefasst hatten, begaben wir uns in den Siegelungsraum, wo Rod und Kim für Zeit und alle Ewigkeit aneinander gesiegelt wurden. Rod, Kim, Betty und ich können bezeugen, dass der Himmel sehr nah war und dass an diesem Tag noch andere bei uns waren, die bereits den Schleier zum Jenseits durchschritten hatten.

Gott mit seinen unbegrenzten Fähigkeiten siegelt und heilt einzelne Menschen und Familien ungeachtet aller Schicksalsschläge, Verluste und Entbehrungen. Manchmal vergleichen wir das, was wir im Tempel empfinden, mit einem Blick in den Himmel.13 An jenem Tag im Provo-Utah-Tempel hallte dieses Zitat von C. S. Lewis in mir nach: „[Der Mensch] sagt über manch weltliches Leid: ‚Kein zukünftiges Glück kann dies wiedergutmachen.‘ Er weiß ja nicht, dass der Himmel, sobald man ihn erreicht, Rückwirkung hat und sogar vergangene Qual in Herrlichkeit verwandelt. … Die Gesegneten werden sagen: ‚Wir haben niemals irgendwo anders gelebt als im Himmel.‘“14

Gott wird uns stärken, helfen und aufrechterhalten15 und er wird uns unseren tiefsten Kummer heiligen.16 Wenn wir die Geschichte unserer Familie zusammentragen und für unsere Vorfahren in den Tempel gehen, erfüllt Gott viele dieser verheißenen Segnungen gleichzeitig auf beiden Seiten des Schleiers. Ähnlich werden wir gesegnet, wenn wir Menschen aus unserer Gemeinde oder unserem Pfahl helfen, es uns gleichzutun. Mitglieder, die nicht in der Nähe eines Tempels wohnen, erhalten diese Segnungen ebenfalls, wenn sie Familienforschung betreiben und die Namen ihrer Vorfahren zusammentragen, damit die heiligen Handlungen des Tempels vollzogen werden können.

Präsident Russell M. Nelson ermahnt uns jedoch: „Wir können uns den ganzen Tag über von Erlebnissen inspirieren lassen, die andere bei der Tempelarbeit und der Familienforschung hatten. Aber wir müssen selbst aktiv werden, um diese Freude auch selbst zu erleben.“ Er sagt weiter: „Bitte denken Sie gebeterfüllt darüber nach, welches Opfer – vorzugsweise ein Opfer an Zeit – Sie bringen können, um … mehr Tempelarbeit zu machen und mehr an Ihrer Familiengeschichte zu arbeiten.“17 Wenn Sie Präsident Nelsons Aufforderung nachkommen, werden Sie Ihre Familie entdecken, versammeln und verbinden. Darüber hinaus werden Ihnen und Ihrer Familie Segnungen zufließen wie mit dem Fluss, von dem Ezechiel spricht. Sie werden Heilung für das finden, was geheilt werden muss.

Orson und Parley Pratt haben die heilende und siegelnde Wirkung der Familienforschung und der Tempelarbeit schon früh in dieser Evangeliumszeit erlebt. Betty, ihre Familie und Rod haben sie ebenfalls erlebt. Und Sie können das auch. Durch sein sühnendes Opfer bietet Jesus Christus allen diese Segnungen an, den Verstorbenen wie auch den Lebenden. Infolge dieser Segnungen werden wir erkennen, dass wir im übertragenen Sinne „niemals irgendwo anders gelebt [haben als] im Himmel“18. Das bezeuge ich im Namen Jesu Christi. Amen.

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