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Frühjahr 2018 | Noch ein Tag

Noch ein Tag

Frühjahr 2018 Generalkonferenz

Wir alle haben ein „Heute“, in dem wir leben, und der Schlüssel zu einem erfolgreichen Heute ist die Bereitschaft, Opfer zu bringen.

Vor ein paar Jahren bekamen Freunde von mir ein hübsches Baby namens Brigham. Nach seiner Geburt wurde festgestellt, dass Brigham an einer seltenen Krankheit namens Morbus Hunter litt. Dies bedeutete leider, dass Brighams Leben kurz sein würde. Eines Tages, als Brigham und seine Familie auf dem Tempelgelände waren, sagte Brigham zweimal deutlich die Worte: „Noch ein Tag.“ Schon am nächsten Tag verstarb er.

BrighamBrighams FamilieBrighams Grab

Ich habe Brighams Grab ein paar Mal besucht. Jedes Mal, wenn ich dort bin, denke ich über die Worte „noch ein Tag“ nach. Ich frage mich, was es bedeuten würde, welche Wirkung es auf mein Leben hätte, wenn ich wüsste, dass ich nur noch einen Tag zu leben habe. Wie würde ich meine Frau, meine Kinder und andere behandeln? Wie geduldig und höflich wäre ich? Wie würde ich auf meinen Körper achten? Wie eifrig würde ich beten und in den heiligen Schriften forschen? Ich denke, auf die eine oder andere Weise gelangen wir alle irgendwann zu einer „Noch-ein-Tag-Erkenntnis“ – der Erkenntnis, dass wir die Zeit, die wir haben, weise nutzen müssen.

Im Alten Testament lesen wir die Geschichte von Hiskija, einem König von Juda. Der Prophet Jesaja verkündete Hiskija, dass dessen Leben bald enden werde. Als Hiskija die Worte des Propheten hörte, fing er an zu beten, zu flehen und laut zu weinen. Daraufhin fügte Gott Hiskijas Leben 15 Jahre hinzu (siehe Jesaja 38:1-5).

Wenn uns mitgeteilt würde, dass wir nur noch kurze Zeit zu leben hätten, würden wir vielleicht auch wegen all dem, was wir hätten tun oder anders machen sollen, um mehr Lebenstage flehen.

Ganz gleich, wie viel Zeit der Herr jedem von uns in seiner Weisheit gewährt – eines ist gewiss: Wir alle haben ein „Heute“, in dem wir leben, und der Schlüssel zu einem erfolgreichen Heute ist die Bereitschaft, Opfer zu bringen.

Der Herr hat gesagt: „Siehe, jetzt, bis des Menschen Sohn kommt, sagt man ‚heute‘; und wahrlich, es ist ein Tag des Opferns.“ (LuB 64:23; Hervorhebung hinzugefügt.)

Das englische Wort für Opfer ist von den lateinischen Wörtern sacer, was „heilig“ bedeutet, und facere, was „machen“ bedeutet, abgeleitet. Es bedeutet also, eine Sache heilig zu machen, ihr Ehre zu machen.

„Opferbereitschaft bringt die Segnungen des Himmels hervor.“ („Praise to the Man“, Hymns, Nr. 27.)

Wie verleiht Opferbereitschaft unseren Tagen Bedeutung und bringt Segen hervor?

Erstens: Persönliche Opferbereitschaft stärkt uns und verleiht dem, wofür wir Opfer bringen, Wert.

Vor einigen Jahren trat am Fastsonntag eine ältere Schwester ans Pult, um Zeugnis zu geben. Sie lebte in einer Stadt namens Iquitos, die im peruanischen Regenwald liegt. Sie berichtete, sie habe seit ihrer Taufe stets das Ziel gehabt, in Lima die heiligen Handlungen des Tempels zu empfangen. Sie zahlte treu den vollen Zehnten und sparte jahrelang ihr karges Einkommen.

Ihre Freude darüber, im Tempel gewesen zu sein und dort die heiligen Handlungen empfangen zu haben, kam in diesen Worten zum Ausdruck: „Heute kann ich sagen, dass ich mich endlich bereit fühle, durch den Schleier zu gehen. Ich bin die glücklichste Frau der Welt. Ich habe Geld gespart – Sie können sich gar nicht vorstellen, wie lange –, um in den Tempel zu gehen, und nach sieben Tagen auf dem Fluss und 18 Stunden im Bus war ich endlich im Haus des Herrn. Als ich diesen heiligen Ort verließ, sagte ich mir: Nach all den Opfern, die ich bringen musste, um in den Tempel zu kommen, werde ich mich von nichts dazu bringen lassen, auch nur einen Bund, den ich geschlossen habe, auf die leichte Schulter zu nehmen; das wäre eine Verschwendung. Diese Verpflichtung nehme ich sehr ernst!“

Ich habe von dieser lieben Schwester gelernt, dass persönliche Opferbereitschaft eine unschätzbare Kraft ist, ein Antrieb für unsere Entscheidungen und Entschlüsse. Persönliche Opferbereitschaft ist ein Antrieb für unser Verhalten, unsere Verpflichtungen und Bündnisse, und sie verleiht Heiligem Bedeutung.

Zweitens: Opfer, die wir für andere und die andere für uns bringen, führen zu Segnungen für alle.

Als ich Zahnmedizin studierte, sah die finanzielle Zukunft unserer Wirtschaft nicht gerade vielversprechend aus. Eine Inflation führte dazu, dass der Wert der Währung von einem Tag auf den anderen drastisch fiel.

Ich erinnere mich noch an das Jahr, als ich mich für einen Kurs über chirurgische Verfahren einschreiben musste. Ich brauchte die gesamte erforderliche chirurgische Ausrüstung, bevor ich mich für dieses Semester einschreiben konnte. Meine Eltern sparten den benötigten Betrag. Eines Abends geschah jedoch etwas Tragisches. Wir wollten die Ausrüstung kaufen, mussten jedoch feststellen, dass der Betrag, den wir für den Kauf der gesamten Ausrüstung zur Verfügung hatten, inzwischen nur noch ausreichte, eine chirurgische Pinzette zu kaufen – sonst nichts. Mit leeren Händen und schweren Herzens gingen wir wieder nach Hause, überzeugt, dass ich ein Semester am College verlieren würde. Da sagte meine Mutter jedoch plötzlich: „Taylor, komm mit, wir gehen in die Stadt.“

Wir gingen in die Innenstadt, wo es viele Geschäfte gab, die Schmuck kauften und verkauften. Als wir an einem Geschäft ankamen, holte meine Mutter einen kleinen blauen Samtbeutel aus ihrer Handtasche. Darin war ein wunderschönes goldenes Armband mit der Inschrift „Für meine liebe Tochter von deinem Vater“. Es war ein Armband, das mein Großvater ihr einmal zum Geburtstag geschenkt hatte. Sie verkaufte es vor meinen Augen.

Als sie das Geld erhielt, sagte sie zu mir: „Wenn ich eines sicher weiß, dann das: Du wirst Zahnarzt! Geh und kauf all die Ausrüstung, die du brauchst.“ Können Sie sich vorstellen, was für ein Student ich von diesem Moment an wurde? Ich wollte der Beste sein und mein Studium bald abschließen, weil ich den hohen Preis des Opfers kannte, das sie gebracht hatte.

Ich habe erfahren, dass die Opfer, die unsere Lieben für uns bringen, uns beleben wie kühles Wasser inmitten der Wüste. Solche Opfer schenken Hoffnung, und sie motivieren.

Drittens: Jegliches Opfer, das wir bringen, ist klein im Vergleich zu dem Opfer des Sohnes Gottes.

Welchen Wert hat ein geliebtes goldenes Armband im Vergleich zu dem Opfer des Sohnes Gottes selbst? Wie können wir dieses unbegrenzte Opfer ehren? Wir können jeden Tag daran denken, dass wir noch einen weiteren Tag haben, um zu leben und treu zu sein. Amulek hat erklärt: „Ja, ich möchte, dass ihr vortretet und euer Herz nicht länger verhärtet; denn siehe, jetzt ist die Zeit und der Tag für eure Errettung, und darum, wenn ihr umkehrt und euer Herz nicht verhärtet, wird der große Plan der Erlösung sogleich für euch zuwege gebracht werden.“ (Alma 34:31.) Mit anderen Worten: Wenn wir dem Herrn ein reuiges Herz und einen zerknirschten Geist als Opfer darbringen, tun sich sofort die Segnungen des großen Plans des Glücklichseins in unserem Leben kund.

Der Plan der Erlösung ist dank des Opfers Jesu Christi möglich. Wie er selbst beschrieb, ließ das Opfer „mich, selbst Gott, den Größten von allen, der Schmerzen wegen zittern und aus jeder Pore bluten und an Leib und Geist leiden – und ich wollte den bitteren Kelch nicht trinken und zurückschrecken“ (LuB 19:18).

Es ist diesem Opfer zu verdanken, dass wir, nachdem wir aufrichtig umgekehrt sind, spüren können, wie die Last unserer Fehler und Sünden von uns genommen wird. Anstatt Schuld, Scham, Schmerz und Kummer zu empfinden und auf uns herabzusehen, haben wir ein reines Gewissen, sind glücklich und voller Freude und Hoffnung.

Zudem können wir, wenn wir sein Opfer ehren und schätzen, von dem großen Wunsch beseelt werden, ein besseres Kind Gottes zu sein, uns von Sünde fernzuhalten und die Bündnisse so gut zu halten wie noch niemals zuvor.

Dann verspüren wir wie Enos, nachdem ihm seine Sünden vergeben worden waren, den Wunsch, uns selbst aufzuopfern und uns um das Wohlergehen unserer Brüder und Schwestern zu bemühen (siehe Enos 1:9). Und dann wächst unsere Bereitschaft, jeden weiteren Tag der Aufforderung zu folgen, die Präsident Howard W. Hunter aussprach: „Legen Sie … einen Streit bei. Besuchen Sie jemanden, den Sie schon lange nicht gesehen haben. Legen Sie den Argwohn ab, und ersetzen Sie ihn durch Vertrauen. … Geben Sie eine sanfte Antwort. Machen Sie einem Jugendlichen Mut. Beweisen Sie in Wort und Tat Ihre Treue. Halten Sie Ihr Versprechen. Legen Sie Ihren Groll ab. Vergeben Sie einem Feind. Entschuldigen Sie sich. Bemühen Sie sich, verständnisvoll zu sein. Hinterfragen Sie, wie viel Sie von Ihren Mitmenschen erwarten. Denken Sie zuerst an die anderen. Seien Sie freundlich. Seien Sie einfühlsam. Lachen Sie mehr. Verleihen Sie Ihrer Dankbarkeit Ausdruck. Heißen Sie einen Fremden willkommen. Erfreuen Sie einem Kind das Herz. … Geben Sie Ihrer Liebe immer wieder Ausdruck.“ (Lehren der Präsidenten der Kirche: Howard W. Hunter, Seite 35; nach „What We Think Christmas Is“, McCallʼs, Dezember 1959, Seite 82f.)

Mögen wir unsere Tage mit solchen Impulsen und der Kraft ausfüllen, die persönliche Opferbereitschaft und die Opfer, die wir bringen oder die andere für uns bringen, uns geben. Und mögen wir auf besondere Weise den Frieden und die Freude verspüren, die das Opfer des Einziggezeugten uns bieten, ja, den Frieden, der gemeint ist, wenn wir lesen, dass Adam fiel, damit Menschen sein können. Und Menschen sind – Sie sind, damit Sie Freude haben können (siehe 2 Nephi 2:25). Diese Freude ist wahre Freude, die nur das Sühnopfer des Erretters Jesus Christus schenken kann.

Ich bete darum, dass wir ihm nachfolgen, dass wir ihm glauben, dass wir ihn lieben und dass wir die Liebe verspüren, die jedes Mal, wenn wir noch einen weiteren Tag leben dürfen, in seinem Opfer zum Ausdruck kommt. Im Namen Jesu Christi. Amen.