Herbst 2018 | Die Freude, selbstlos zu dienen

    Die Freude, selbstlos zu dienen

    Herbst 2018 Generalkonferenz

    Wir haben unserem Vater im Himmel versprochen, dass wir ihm und anderen voller Liebe dienen und in allem seinen Willen tun wollen.

    Nach der letzten Generalkonferenz wurde ich vielfach gefragt: „Sind die Sessel da oben bequem?“ Jedes Mal antwortete ich: „Die Sessel sind sehr bequem, wenn man nicht aufstehen und sprechen muss.“ Das stimmt doch, nicht wahr? Bei dieser Konferenz ist mein Sessel nicht mehr ganz so bequem, doch ich bin von Herzen dankbar für den Segen und die Ehre, heute Abend zu Ihnen zu sprechen.

    Wenn es ums Dienen geht, sitzen wir manchmal auch auf unterschiedlichen Stühlen. Einige sind recht bequem, andere weniger. Doch wir haben unserem Vater im Himmel versprochen, dass wir ihm und anderen voller Liebe dienen und in allem seinen Willen tun wollen.

    Vor einigen Jahren haben die Jugendlichen in der Kirche erfahren, dass es „der Beginn einer wunderbaren Reise“ ist, wenn man sich in den Dienst Gottes begibt (siehe Lehre und Bündnisse 4:2). „Ihr helft Gott, sein Werk zu beschleunigen, und dies ist eine wunderbare Erfahrung, die große Freude mit sich bringt.“1 Jeder kann sich auf diese Reise begeben – unabhängig vom Alter –, und diese Reise führt uns den Weg entlang, den unser geliebter Prophet als den „durch Bündnisse vorgezeichneten Weg“2 bezeichnet hat.

    Doch leider leben wir in einer selbstsüchtigen Welt, in der wir ständig die Frage hören „Was springt für mich dabei heraus?“ und nicht „Wem kann ich heute helfen?“ oder „Wie kann ich dem Herrn in meiner Berufung besser dienen?“ oder „Gebe ich dem Herrn alles, was ich kann?“

    Schwester Antonietti und Bruder AntoniettiVictoria Antonietti

    Ein großes Beispiel für selbstloses Dienen ist mir Schwester Victoria Antonietti. Als ich Kind war, war Schwester Antonietti eine der PV-Lehrerinnen in meinem Zweig in Argentinien. Jeden Dienstagnachmittag, wenn wir uns zur PV trafen, brachte sie einen Schokoladenkuchen mit. Alle freuten sich immer riesig über den Kuchen – naja, alle außer mir. Ich mochte keinen Schokoladenkuchen! Obwohl sie mich immer fragte, ob ich nicht ein Stück haben wolle, lehnte ich ihr Angebot jedes Mal ab.

    Eines Tages, nachdem alle Kinder ihr Stück vom Schokoladenkuchen bekommen hatten, fragte ich sie: „Warum bringen Sie nicht mal einen anderen Kuchen mit? Mit Orangen- oder Vanillegeschmack?“

    Sie musste ein wenig lachen und fragte zurück: „Warum probierst du nicht mal ein kleines Stück? Dieser Kuchen wurde mit einer ganz besonderen Zutat gebacken und ich verspreche dir: Wenn du ihn probierst, wird er dir bestimmt schmecken!“

    Ich schaute zu den anderen und zu meiner Überraschung schien der Kuchen allen zu schmecken. Also beschloss ich, ein kleines Stück zu probieren. Können Sie sich denken, was geschah? Es schmeckte mir! Zum ersten Mal in meinem Leben schmeckte mir ein Schokoladenkuchen.

    Erst viele Jahre später fand ich heraus, um welche Geheimzutat es sich bei Schwester Antoniettis Schokoladenkuchen handelte. Meine Kinder und ich statteten damals meiner Mutter wöchentlich einen Besuch ab. Bei einem dieser Besuche genossen meine Mutter und ich ein Stück Schokoladenkuchen, und ich erzählte ihr, wie es dazu gekommen war, dass mir zum allerersten Mal Schokoladenkuchen geschmeckt hatte. Daraufhin erzählte sie mir den Rest der Geschichte.

    „Weißt du, Cris“, sagte meine Mutter, „Victoria und ihre Familie hatten nicht besonders viel Geld. Jede Woche stand sie vor der Entscheidung, entweder eine Busfahrkarte zu kaufen, um mit ihren vier Kindern zur PV zu fahren, oder Zutaten für den Schokoladenkuchen zu kaufen, den sie ihrer PV-Klasse mitbringen wollte. Jedes Mal entschied sie sich für den Kuchen und nicht für den Bus, und sie und ihre Kinder gingen bei Wind und Wetter die drei Kilometer pro Strecke zu Fuß.“

    Da wusste ich Schwester Antoniettis Schokoladenkuchen erst richtig zu schätzen. Vor allem aber erkannte ich, was die Geheimzutat in ihrem Kuchen war: ihre Liebe zu denen, die ihr anvertraut waren, und das selbstlose Opfer, das sie für uns brachte.

    Die Erinnerung an Schwester Antoniettis Schokoladenkuchen lässt mich an ein weiteres selbstloses Opfer denken. Der Herr wies seine Jünger in einer seiner zeitlosen Unterweisungen darauf hin, als er gegenüber dem Opferkasten im Tempel saß. Sie kennen die Geschichte. Elder James E. Talmage hat erklärt, dass dort 13 Kästen standen, „und dorthinein warfen die Leute ihre Spenden für die [verschiedenen] Zwecke, die durch die Inschriften auf den Kästen angegeben waren“. Jesus beobachtete die vielen unterschiedlichen Menschen, die dort ihre Spenden abgaben. Einige spendeten „mit aufrichtiger Absicht“, andere warfen „große Summen in Silber und Gold hinein“, in der Hoffnung gesehen zu werden, aufzufallen und für ihre Spenden gepriesen zu werden.

    „Unter den vielen befand sich eine arme Witwe, die zwei kleine Bronzemünzen – als Scherflein bekannt – in eine der Schatztruhen fallen ließ; ihre Spende belief sich auf weniger als einen halben amerikanischen Cent. Der Herr rief seine Jünger zu sich und machte sie auf die verarmte Witwe und auf das, was sie getan hatte, aufmerksam. Er sagte: ‚Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern. Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hineingeworfen; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles hergegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.‘ [Markus 12:43,44.]“3

    Das Opfer der Witwe

    Offenbar hatte die Witwe in der damaligen Gesellschaft keinen bedeutenden Stand. Was sie jedoch hatte, war weitaus bedeutender: Ihre Absichten waren rein und sie gab alles, was sie besaß. Vielleicht gab sie weniger als andere, mehr im Stillen als andere, anders als andere. In den Augen einiger war ihre Gabe bedeutungslos, doch in den Augen des Erretters, der „die Gedanken und Absichten des Herzens zu erkennen weiß“4, gab sie alles.

    Schwestern, geben wir dem Herrn alles, was wir können, ohne etwas zurückzuhalten? Opfern wir unsere Zeit und unsere Talente, damit die heranwachsende Generation lernen kann, den Herrn zu lieben und seine Gebote zu halten? Kümmern wir uns sorgsam und gewissenhaft sowohl um die Menschen in unserem Umfeld als auch um diejenigen, für die wir eingeteilt sind? Opfern wir dafür Zeit und Energie, die wir auch anderweitig einsetzen könnten? Leben wir die beiden wichtigsten Gebote, nämlich Gott zu lieben und seine Kinder zu lieben?5 Oft wird diese Liebe durch den Dienst am Nächsten zum Ausdruck gebracht.

    Präsident Dallin H. Oaks hat gesagt: „Unser Erretter hat sich in selbstlosem Dienen selbst hingegeben. Er hat uns alle aufgefordert, ihm nachzufolgen, indem wir auf selbstsüchtige Interessen verzichten, um anderen zu dienen.“

    Weiter sagte er:

    „Ein vertrautes Beispiel, wie wir uns selbst im Dienst an anderen verlieren[,] ist das Opfer, das Eltern für ihre Kinder bringen. Eine Mutter leidet Schmerzen und verzichtet auf ihre eigenen Wünsche und Annehmlichkeiten, um ihre Kinder zur Welt zu bringen und aufzuziehen. Ein Vater ändert sein Leben und seine Prioritäten, um seine Familie zu versorgen. …

    Wir freuen uns auch über diejenigen, die für behinderte Familienmitglieder oder ihre betagten Eltern sorgen. Niemand von ihnen fragt: Was springt für mich dabei heraus? Stets wird da die eigene Bequemlichkeit für selbstloses Dienen aufgegeben.

    [Und] dies alles veranschaulicht den ewigen Grundsatz, dass wir glücklicher und erfüllter sind, wenn wir handeln und dienen, um etwas zu geben, und nicht, um etwas zu bekommen.

    Unser Erretter lehrt uns, ihm nachzufolgen, indem wir die Opfer bringen, die erforderlich sind, um uns im selbstlosen Dienst an anderen zu verlieren.“6

    Auch Präsident Thomas S. Monson hat erklärt: „Wenn wir unserem Schöpfer dereinst von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, fragt er sicher nicht: ‚Wie viele Ämter hattest du inne?‘, sondern vielmehr: ‚Wie vielen Menschen hast du geholfen?‘ Man kann den Herrn nämlich nicht lieben, wenn man ihm nicht dient, und man dient ihm, indem man seinem Volk dient.“7

    Das heißt also, Schwestern, dass es keine Rolle spielt, ob wir auf einem bequemen Sessel gesessen oder die ganze Versammlung hindurch auf dem rostigen Klappstuhl in der letzten Reihe ausgeharrt haben. Es spielt auch keine Rolle, ob wir, weil es nun einmal nötig war, nach draußen ins Foyer gegangen sind, um ein weinendes Baby zu beruhigen. Wichtig ist jedoch, dass wir mit dem Wunsch hergekommen sind, zu dienen, dass wir diejenigen, die uns anvertraut sind, wahrgenommen und sie freudig begrüßt haben und dass wir uns denjenigen vorgestellt haben, die mit uns in der Klappstuhlreihe sitzen – dass wir auch denen in Freundschaft begegnen, die nicht auf unserer Betreuungsliste stehen. Und ganz bestimmt kommt es bei allem, was wir tun, auf die ganz besondere Zutat an, nämlich das Dienen, verbunden mit Liebe und Opferbereitschaft.

    Ich weiß inzwischen, dass es nicht der selbstgebackene Schokoladenkuchen ist, der uns zu einer erfolgreichen oder engagierten PV-Lehrerin macht. Denn es ging nicht um den Kuchen. Es ging um die Liebe, die hinter diesem Handeln steckte.

    Ich gebe Zeugnis, dass Liebe durch Opfer geheiligt wird – durch das Opfer einer Lehrerin und noch mehr das höchste und ewige Opfer des Sohnes Gottes. Ich gebe Zeugnis, dass er lebt! Ich liebe ihn und habe den Wunsch, all meine selbstsüchtigen Wünsche aufzugeben, um so zu lieben und mich so um andere zu kümmern, wie er es tut. Im Namen Jesu Christi. Amen.

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