Wächterinnen der Tugend

Elaine S. Dalton

Präsidentin der Jungen Damen


Elaine S. Dalton
Bereitet euch jetzt vor, damit ihr die Voraussetzungen dafür erfüllt, alle Segnungen zu empfangen, die euch in den heiligen Tempeln des Herrn erwarten.

Es gibt Augenblicke, in denen Worte nicht ausdrücken können, was wir empfinden. Ich bete darum, dass der Geist euch im Herzen bezeugt, dass ihr göttlicher Herkunft seid und in Ewigkeit Verantwortung tragt. Ihr seid die Hoffnung Israels. Ihr seid erwählte, königliche Töchter des liebevollen Vaters im Himmel.

Letzten Monat hatte ich die Gelegenheit, der Tempeltrauung einer jungen Frau beizuwohnen, die ich schon seit ihrer Geburt kenne. Als ich im Siegelungsraum saß und den wunderbaren Kronleuchter betrachtete, der im Licht des Tempels funkelte, dachte ich an den Tag, als ich sie das erste Mal im Arm hielt. Ihre Mutter hatte ihr ein weißes Kleidchen angezogen und ich fand, sie war eines der schönsten Babys, die ich je gesehen hatte. Dann schritt diese junge Frau, wieder in Weiß gekleidet, durch die Tür. Sie strahlte vor Glück. Als sie den Raum betrat, wünschte ich mir von ganzem Herzen, dass jede Junge Dame diesen Moment vor Augen hat und bestrebt ist, stets würdig zu sein, heilige Bündnisse einzugehen und zu halten und die heiligen Handlungen des Tempels zu empfangen und sich so auf die Segnungen der Erhöhung vorzubereiten.

Als dieses Paar am heiligen Altar kniete, wurden ihm Verheißungen gemacht, die jenseits der menschlichen Vorstellungskraft liegen und die es auf dem gemeinsamen Lebensweg segnen, stärken und ihm helfen werden. Es war einer dieser Augenblicke, an dem die Welt stillsteht und sich der ganze Himmel freut. Als das frisch vermählte Paar in die großen Spiegel des Raums schaute, wurde der Bräutigam gefragt, was er sehe. Er sagte: „All diejenigen, die mir vorausgegangen sind.“ Dann schaute das Paar in den großen Spiegel an der gegenüberliegenden Wand, und die Braut sagte mit Tränen in den Augen: „Ich sehe alle, die nach uns kommen.“ Sie sah ihre künftige Familie – ihre Nachkommenschaft. Ich weiß, dass sie in diesem Augenblick wieder begriff, wie wichtig es ist, dass man an Keuschheit und Tugendhaftigkeit glaubt. Es gibt keinen schöneren Anblick als ein Paar, das gemeinsam am Altar kniet und sich darauf auf die richtige Weise vorbereitet hat.

Eure Jahre bei den Jungen Damen bereiten euch auf den Tempel vor. Dort empfangt ihr die Segnungen, auf die ihr als wertvolle Tochter Gottes ein Anrecht habt. Der Vater im Himmel liebt euch und möchte, dass ihr glücklich seid. Dies gelingt euch, wenn ihr „auf den Pfaden der Tugend“1 wandelt und „an [euren] Bündnissen“2 festhaltet.

Ihr Jungen Damen, in einer Welt, die sittlich immer unreiner wird, in der das Böse immer mehr geduldet wird, Frauen immer mehr ausgebeutet werden und die Geschlechterrollen immer mehr verfälscht werden, müsst ihr euch selbst, eure Familie und alle, mit denen ihr Umgang pflegt, behüten. Ihr müsst Wächterinnen der Tugend sein.

Was versteht man unter Tugendhaftigkeit und unter einem Wächter? „Tugendhaftigkeit ist eine Denk- und Verhaltensweise, die auf hohen moralischen Grundsätzen beruht. Dazu gehören auch Keuschheit und [sittliche] Reinheit.“3 Und was ist ein Wächter? Ein Wächter ist jemand, der behütet, schützt und verteidigt.4 Als Wächterinnen der Tugend behütet, schützt und verteidigt ihr also die sittliche Reinheit, da die Kraft, sterbliches Leben zu erschaffen, eine heilige und erhabene Macht ist, die geschützt werden muss, bis ihr verheiratet seid. Tugendhaftigkeit ist eine Voraussetzung dafür, dass der Heilige Geist bei euch sein und euch führen kann. Ihr benötigt diese Führung, um euch in der Welt, in der ihr lebt, gut zurechtzufinden. Tugendhaft zu sein ist eine Voraussetzung dafür, den Tempel betreten zu können. Und sie ist eine Voraussetzung dafür, dass man würdig ist, in der Gegenwart des Heilands zu sein. Ihr bereitet euch jetzt auf diese Zeit vor. Das Programm Mein Fortschritt und die Grundsätze aus der Broschüre Für eine starke Jugend sind wichtig. Wenn ihr die Grundsätze einhaltet, die in diesen beiden Broschüren stehen, empfangt ihr Kraft und werdet „mehr würdig des Reiches“5.

Vergangenen Sommer beschloss eine Gruppe Junger Damen aus Alpine, Utah, „mehr würdig des Reiches zu werden“. Die Mädchen nahmen sich vor, den Tempel in den Mittelpunkt ihres Interesses zu rücken und wanderten deshalb eine 35 Kilometer lange Strecke vom Draper-Utah-Tempel zum Salt-Lake-Tempel, genau wie es einer der Pioniere, John Rowe Moyle, getan hatte. Bruder Moyle war Steinmetz und vom Propheten, Brigham Young, berufen worden, am Salt-Lake-Tempel zu arbeiten. Jede Woche legte er die 35 Kilometer von seinem Haus zum Tempel zu Fuß zurück. Eine seiner Aufgaben war, an der Ostseite des Salt-Lake-Tempels die Worte „Heilig dem Herrn“ in Stein zu meißeln. Das war nicht leicht, und er musste viele Hindernisse überwinden. Einmal schlug eine seiner Kühe aus und traf ihn am Bein. Da die Verletzung nicht heilte, musste er das Bein amputieren lassen. Das hielt ihn aber nicht davon ab, seiner Pflicht gegenüber dem Propheten nachzukommen und weiter am Tempel zu arbeiten. Er schnitzte sich ein Holzbein und ging nach vielen Wochen erneut 35 Kilometer weit zum Tempel, um die Arbeit zu leisten, zu der er sich verpflichtet hatte.6

Die Jungen Damen in der Gemeinde Cedar Hills 6 beschlossen, dieselbe Strecke für einen Vorfahren zu gehen und auch für jemanden, der ihnen Vorbild darin ist, tempelwürdig zu bleiben. Jede Woche am Aktivitätenabend trainierten sie, und während sie wanderten, unterhielten sie sich über ihre Erkenntnisse und Empfindungen, was den Tempel betrifft.

Die Wanderung zum Tempel begannen sie frühmorgens mit einem Gebet. Als sie aufbrachen, war ich von ihrer Zuversicht beeindruckt. Sie hatten sich gut vorbereitet, und das war ihnen auch bewusst. Sie hatten das Ziel vor Augen. Jeder Schritt, den sie gingen, stand symbolisch für eine jede von euch, denn auch ihr bereitet euch jetzt darauf vor, in den Tempel zu gehen. Auch euer Training hat bereits begonnen: Ihr betet täglich für euch allein, lest jeden Tag im Buch Mormon und arbeitet am Programm Mein Fortschritt.

Unterwegs stießen diese Jungen Damen auch auf Ablenkungen, aber sie verloren das Ziel nicht aus den Augen. Einige bemerkten, dass sie Blasen an den Füßen bekamen, und so manches Knie schmerzte, aber sie gingen weiter. Auf dem Weg zum Tempel gibt es für jede von euch viele Ablenkungen, Wehwehchen und Hindernisse, aber auch ihr seid entschlossen und geht weiter. Die Route dieser Jungen Damen war von ihren Führerinnen, die die Strecke bereits abgegangen und abgefahren waren und den sichersten und direktesten Weg kannten, in eine Karte eingezeichnet worden. Auch euer Weg ist vorgezeichnet, und ihr könnt euch sicher sein, dass der Erretter diesen Weg nicht nur bereits abgegangen ist, sondern dass er ihn mit euch erneut gehen wird – und zwar jeden einzelnen Schritt.

Auf dieser Reise zum Tempel dienten Väter, Mütter, Angehörige und Priestertumsführer als Wächter. Ihre Aufgabe bestand darin, dafür zu sorgen, dass jedes Mädchen unversehrt blieb und vor Gefahr behütet war. Sie achteten darauf, dass jede Junge Dame ausreichend Flüssigkeit und Nahrung zu sich nahm, um durchhalten zu können. Ihre Priestertumsführer sorgten für Raststationen, wo sie ausruhen und Wasser trinken konnten. Junge Damen, eure Väter, eure Mütter, eure Bischöfe und viele andere Menschen wachen über euch, während ihr den Weg zum Tempel zurücklegt. Sie rufen euch Warnungen zu und leiten euch auf eurem Weg, und solltet ihr euch verletzen oder vom Weg abkommen, werden sie euch helfen.

Ich war beeindruckt davon, dass diese entschlossenen Jungen Damen auf den letzten Kilometern von ihren Brüdern und anderen Jungen Männern und Freunden unterstützt und angefeuert wurden. Ein Bruder lud sich seine Schwester, die große Blasen an den Füßen hatte, auf die Schultern und trug sie die restliche Strecke auf dem Rücken zum Tempel. Als diese unglaublichen Jungen Damen ihr Ziel erreichten, wurde manche Träne vergossen, als sie den Tempel berührten und im Stillen das Verprechen ablegten, stets tempelwürdig zu sein.

Diese Wanderung zum Tempel ist ein Sinnbild für euer Leben. Eltern und Priestertumsführer standen als Wächter am Wegesrand. Sie leisteten Unterstützung und Hilfe. Die Jungen Damen wachten übereinander und sprachen einander Mut zu. Die Jungen Männer bewunderten die Kraft, Entschlossenheit und das Durchhaltevermögen der Jungen Damen. Brüder trugen ihre Schwestern, die sich verletzt hatten. Die Familien freuten sich mit ihren Töchtern, als diese endlich ihr Ziel am Tempel erreichten, und brachten sie sicher wieder nach Hause.

Um auf dem Weg zum Tempel bleiben zu können, müsst ihr eure eigene Tugendhaftigkeit und die Tugendhaftigkeit anderer, mit denen ihr zusammen seid, behüten. Warum? Mormon macht im Buch Mormon deutlich, dass Tugendhaftigkeit und Keuschheit „vor allem anderen höchst teuer und kostbar“7 sind.

Wie kann jede von euch eine Wächterin der Tugend sein? Zunächst einmal müsst ihr daran glauben, dass ihr etwas ausrichten könnt. Es beginnt damit, dass ihr einen festen Vorsatz fasst. Als ich eine Junge Dame war, lernte ich, dass es Entscheidungen gibt, die man nur einmal treffen muss. In einen kleinen Block schrieb ich eine Liste von allem, was ich immer tun wollte, und von allem, was ich niemals tun wollte. Hier einige Beispiele: das Wort der Weisheit halten, täglich beten, den Zehnten zahlen und auf keinen Fall jemals die Kirche versäumen. Ich traf diese Entscheidungen ein einziges Mal und wusste dann im Augenblick der Entscheidung, was zu tun war, da ich mich bereits vorab entschieden hatte. Wenn meine Schulfreunde sagten, dass ein einziges Glas Alkohol ja nicht schaden könne, lachte ich nur und erwiderte: „Ich habe schon mit zwölf beschlossen, die Finger davon zu lassen.“ Entscheidungen, die ihr im Voraus trefft, helfen euch, Wächterinnen der Tugend zu sein. Ich hoffe, dass jede von euch eine Liste von allem anlegt, was sie immer tun will, und auch von allem, was sie nie tun will. Richtet dann euer Leben daran aus.

Eine Wächterin der Tugend zu sein bedeutet, dass man immer anständig ist, nicht nur was die Kleidung betrifft, sondern auch in der Ausdrucksweise, im Verhalten und bei der Nutzung sozialer Netzwerke. Eine Wächterin der Tugend zu sein heißt auch, dass ihr den Jungen niemals eine SMS mit Worten oder Bildern schickt, die dazu führen könnten, dass sie den Geist, ihre Priestertumsmacht oder ihre Tugend verlieren. Es bedeutet, dass ihr begreift, wie wichtig die Keuschheit ist, weil ihr auch begreift, dass euer Körper ein Tempel ist und dass man vor der Ehe nicht mit der heiligen Fortpflanzungskraft herumpfuschen darf. Ihr begreift, dass ihr eine heilige Kraft besitzt, mit der die heilige Verantwortung verbunden ist, andere Geister auf die Erde zu bringen, damit sie einen Körper bekommen, der ihrem ewigen Geist als Wohnstätte dient. An der Ausübung dieser Kraft ist auch eine andere heilige Seele beteiligt. Ihr seid Wächterin von etwas, was „die Perlen an Wert“8 übertrifft. Seid treu. Seid gehorsam. Bereitet euch jetzt vor, damit ihr die Voraussetzungen dafür erfüllt, alle Segnungen zu empfangen, die euch in den heiligen Tempeln des Herrn erwarten.

Den Müttern, die heute Abend zuhören, möchte ich danken – Sie sind für Ihre Töchter das wichtigste Beispiel für Anstand und Tugendhaftigkeit. Zögern Sie niemals, sie zu lehren, dass sie königliche Töchter Gottes sind und dass ihr Wert nicht auf ihrer sinnlichen Anziehungskraft beruht. Führen Sie ihnen Ihren Glauben auch dadurch vor Augen, dass er sich richtig und beständig in Ihrer Einstellung und Ihrem Erscheinungsbild widerspiegelt.9 Auch Sie sind Wächterinnen der Tugend.

Diese Woche bestieg ich wieder einmal den Ensign Peak. Es war früh am Morgen, und als ich von dem Berg aus auf den Berg mit dem Haus des Herrn, also den Salt-Lake-Tempel, herabblickte, war wieder alles glasklar. Die Pioniere haben alles hingegeben, was sie besaßen, um in diese Berge zu gelangen, damit wir alle die Segnungen des Tempels erlangen und für die Ewigkeit als Familien gesiegelt werden können. 40 Jahre Opfer, gewissenhafte Arbeit und sogar ein Fußmarsch von Alpine zum Tempel – wozu? Weil sie, genau wie ihr, glaubten! Sie glaubten an einen Propheten. Sie glaubten, dass er Gott und seinen geliebten Sohn gesehen und mit ihnen gesprochen hatte. Sie glaubten an den Erlöser. Sie glaubten an das Buch Mormon. Deshalb konnten sie sagen: „Wir glauben alles, wir hoffen alles, wir haben viel ertragen und hoffen, alles ertragen zu können.“10 Sie haben so vieles ertragen, und auch wir sind dazu imstande. Der 13. Glaubensartikel spiegelt unseren Glauben wider, denn darin wird genannt, was genau uns würdig macht, den Tempel zu betreten und eines Tages in der Gegenwart des Vaters im Himmel zu sein – geprüft, rein und gesiegelt. Das erfordert, dass ihr „mehr würdig des Reiches“ seid und dass ihr euch jetzt vorbereitet und euch das Selbstvertrauen aneignet, auch Schwieriges meistern zu können.

Ihr Jungen Damen seid in einem großen Werk tätig! Und ihr seid nicht allein! Wenn ihr eure Tugendhaftigkeit und Reinheit behütet, wird euch Kraft zufließen. Wenn ihr die Bündnisse haltet, die ihr geschlossen habt, wird der Heilige Geist euch leiten und schützen. Ihr werdet von himmlischen Engelsscharen umgeben sein. Präsident Thomas S. Monson ermahnt uns: „Denken wir daran, dass wir in diesem großen Wettlauf des Lebens nicht allein sind; wir haben ein Anrecht auf die Hilfe des Herrn.“11 Bereitet euch auf den Tag vor, an dem ihr würdig und vorbereitet, heilige Bündnisse einzugehen, in den Tempel des Herrn kommt. Als Wächterinnen der Tugend werdet ihr den Wunsch hegen, den Heiland in seinem heiligen Haus zu suchen.

Ich bezeuge, dass Gott und sein geliebter Sohn, unser Erlöser, Jesus Christus, leben und dass jede von euch dank der erlösenden und befähigenden Macht seines unbegrenzten Sühnopfers auf ihrem Weg zum Tempel und zurück in ihre Gegenwart geführt und behütet wird. Ich bete, dass jede von euch die Kraft empfängt, die sie für dieses Werk, das eure größte Stunde sein wird, braucht. Lebt für diesen wunderbaren Tag, der im Buch Offenbarung erwähnt wird, an dem ihr „in weißen Gewändern gehen [werdet, weil ihr] es wert [seid]“12. Im Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigen

  1.  

    1.  Lehre und Bündnisse 25:2

  2.  

    2.  Lehre und Bündnisse 25:13

  3.  

    3.  Mein Fortschritt, Broschüre, 2009, Seite 70

  4.  

    4. Siehe thefreedictionary.com/guardian

  5.  

    5. „Mehr Heiligkeit gib mir“, Gesangbuch, Nr. 79

  6.  

    6. Siehe Dieter F. Uchtdorf, „Hebt an, wo ihr steht“, Liahona, November 2008, Seite 55

  7.  

    7.  Moroni 9:9

  8.  

    8.  Sprichwörter 3:15

  9.  

    9. Siehe M. Russell Ballard, „Mütter und Töchter“, Liahona, Mai 2010, Seite 18–21

  10.  

    10.  13. Glaubensartikel

  11.  

    11. Thomas S. Monson, „Große Erwartungen und eine große Zukunft“, Fireside des Bildungswesens der Kirche am 11. Januar 2009, http://lds.org/library/display/0,4945,538-1-4773-1,00.html

  12.  

    12.  Offenbarung 3:4