Erst aufmerksam sein, dann helfen

Linda K. Burton

Präsidentin der Frauenhilfsvereinigung


Linda K. Burton
Mit etwas Übung können wir alle dem Erlöser ähnlicher werden, indem wir Gottes Kindern dienen.

Einer der besten Beweise dafür, dass unser lieber Prophet, Präsident Thomas S. Monson, der erwählte Diener des Herrn ist, besteht darin, dass er gelernt hat, dem Beispiel des Heilands zu folgen und sich des Einzelnen anzunehmen, einen nach dem anderen. Diejenigen von uns, die sich haben taufen lassen, haben gelobt, dies ebenfalls zu tun. Wir haben gelobt, „immer an [Jesus Christus] zu denken und seine Gebote … zu halten“1. Und er hat gesagt: „Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“2

Beachten Sie, dass diese Worte von Präsident Monson dieselbe Aufforderung enthalten: „Wir sind umgeben von Menschen, die unsere Aufmerksamkeit, unseren Zuspruch, unsere Unterstützung, unseren Trost und unsere Freundlichkeit brauchen. … Wir sind die Hände des Herrn hier auf der Erde, und wir haben den Auftrag, zu dienen und seine Kinder emporzuheben. Er ist auf einen jeden von uns angewiesen.“3

Haben Sie sie vernommen ‒ die Aufforderung, einander zu lieben? Manch einem fällt es nicht so leicht, dem Beispiel des Heilands zu folgen und sich des Einzelnen anzunehmen. Aber mit etwas Übung können wir alle dem Erlöser ähnlicher werden, indem wir Gottes Kindern dienen. Damit es uns besser gelingt, einander zu lieben, schlage ich vor, dass wir uns diese fünf Wörter merken: „Erst aufmerksam sein, dann helfen.“

Vor fast vierzig Jahren gingen mein Mann und ich wie üblich am Freitagabend aus und besuchten den Tempel. Wir waren erst kurz verheiratet, und ich war nervös, weil ich nach meiner Heirat erst zum zweiten Mal im Tempel war. Eine Schwester, die neben mir saß, muss das wohl bemerkt haben. Sie beugte sich zu mir und flüsterte andächtig: „Keine Angst. Ich helfe Ihnen.“ Ich wurde ruhiger und konnte die Session im Tempel genießen. Sie war aufmerksam gewesen und hatte dann geholfen.

Wir alle sind aufgefordert, den Lehren Jesu zu folgen und anderen zu dienen. Diese Aufforderung gilt nicht nur für Schwestern, die wie Engel sind. Ich möchte Ihnen einige alltägliche Beispiele von Mitgliedern erzählen, die gelernt haben, zuerst aufmerksam zu sein und dann zu helfen. Achten Sie dabei auf die Lehren Jesu, die hier verdeutlicht werden.

Ein sechsjähriges PV-Kind hat erzählt: „Ich wurde in der Klasse als Helfer ausgewählt und durfte mir einen Freund aussuchen, der mich unterstützen sollte. Ich wählte [einen Jungen aus der Klasse, der gemein zu mir gewesen war], weil ihn nie jemand nimmt. Ich wollte, dass er sich freut.“4

Was hatte dieser Junge beobachtet? Er hatte bemerkt, dass der „Klassenflegel“ nie ausgewählt wurde. Wie hat er ihm geholfen? Er hat ihn einfach als Freund und Mithelfer ausgewählt. Jesus hat gesagt: „Liebt eure Feinde, segnet die, die euch fluchen, tut Gutes denen, die euch hassen.“5

In einer anderen Gemeinde waren die Träger des Aaronischen Priestertums aufmerksame Beobachter und leisten nun einen wertvollen Dienst. Woche für Woche treffen die jungen Männer frühzeitig ein und stehen bei Regen, Schnee und brütender Hitze vor dem Gemeindehaus, um den vielen älteren Mitgliedern ihrer Gemeinde behilflich zu sein. Sie heben Rollstühle und Gehhilfen aus dem Auto, stützen mit kräftigen Armen und begleiten geduldig die weißhaarigen Senioren ins Gemeindehaus. Sie erfüllen wahrhaftig ihre Pflicht vor Gott. Sie sind aufmerksam und helfen und sind dadurch ein lebendiges Beispiel für die Lehre des Heilands: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“6 Wenn der neue Lehrplan für die Jugendlichen umgesetzt wird, werden diese jungen Männer zweifellos noch viele weitere Möglichkeiten entdecken, wie Christus für andere da zu sein.

Aufmerksam zu sein und dann zu helfen ist manchmal mit großer Anstrengung verbunden. Ein Mädchen namens Alexandria war inspiriert und aufmerksam. Ihr fiel auf, dass ihre Cousine Madison die Bedingungen für das Programm Mein Fortschritt nicht erfüllen konnte, weil sie an einer schweren Form von Autismus litt. Alexandria rief die Jungen Damen ihrer Gemeinde zusammen, beriet sich mit den JD-Führerinnen und beschloss, etwas für Maddy zu tun, was sie allein nicht schaffen konnte. Jedes Mädchen erfüllte stellvertretend für Maddy einen Teil der Erfahrungen und Projekte im Programm Mein Fortschritt, sodass Maddy schließlich ihr Medaillon erhalten konnte.7

Diese Mädchen werden in ihre Aufgaben als Mutter und als Schwester in der Frauenhilfsvereinigung gut hineinwachsen, weil sie lernen, erst aufmerksam zu sein und dann liebevoll zu helfen.

Präsident Monson hat uns darauf hingewiesen, dass Nächstenliebe, „die reine Christusliebe“8 ‒ in anderen Worten: aufmerksam sein und helfen ‒ „sich darin [zeigt], dass man an eine in die Jahre gekommene Witwe denkt und sie zu [Gemeindeaktivitäten] mitnimmt“ oder dass „eine Schwester, die in der FHV ganz allein sitzt, die Einladung hört: ‚Komm, setz dich doch zu uns.‘“9 Die goldene Regel lässt sich hier anwenden: „Alles nun, was auch immer ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut ihnen auch.“10

Ein aufmerksamer Ehemann hat einmal doppelt Hilfe geleistet. Er berichtet:

„Eines Sonntags half ich meiner Frau bei ihrem PV-Unterricht. Ihre Klasse bestand aus sehr lebhaften Siebenjährigen. Als das Miteinander begann, bemerkte ich, dass eines der Mädchen sich auf dem Stuhl zusammenkauerte. Offensichtlich ging es ihm nicht gut. Der Heilige Geist flüsterte mir zu, dass sie Trost brauchte, also setzte ich mich neben sie und fragte leise, was los sei. Sie antwortete mir jedoch nicht …, deshalb stimmte ich ganz leise ein Lied an.

Die PV-Kinder lernten gerade ein neues Lied, und als wir die Worte ,und hör ich mit dem Herzen zu, hör ich des Heilands Stimm‘ sangen, spürte ich, wie wunderbares Licht und Wärme meine Seele erfüllten. … Ich empfing ein Zeugnis davon, wie sehr der Heiland dieses Mädchen … und mich liebt. … Mir wurde klar, dass wir seine Hände sind, wenn wir für den Einzelnen da sind.“11

Dieser Bruder verhielt sich christlich und bemerkte nicht nur, dass seine Frau Hilfe mit einer Klasse energiegeladener Siebenjähriger brauchte; er half auch einem einzelnen Kind, das ihn brauchte. Er folgte dem Heiland nach, der gesagt hat: „Die Werke, die ihr mich habt tun sehen, die sollt ihr auch tun.“12

Vor kurzem bot eine Überschwemmung den Nachfolgern Jesu Christi viele Gelegenheiten, aufmerksam zu sein und dann zu helfen. Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder sahen, dass Geschäfte und Wohnhäuser verwüstet waren, und ließen alles stehen und liegen, um mit anderen zu putzen und beschädigte Gebäude aufzuräumen. Einige bemerkten, dass Hilfe gebraucht wurde, um riesige Wäscheberge zu waschen. Andere reinigten sorgfältig Fotos, Dokumente, Briefe und weitere wichtige Schriftstücke und hängten sie dann vorsichtig zum Trocknen auf, damit möglichst viel erhalten bliebe. Aufmerksam sein und helfen ist nicht immer bequem und passt nicht immer in unseren eigenen Zeitplan.

Wo könnte man besser aufmerksam sein und helfen als in der Familie? Das zeigt sich in einem Beispiel aus dem Leben von Elder Richard G. Scott:

„Eines Nachts wachte unser kleiner Sohn Richard, der herzkrank war, auf und weinte. … Normalerweise stand meine Frau immer auf, wenn eines unserer Kinder weinte. Doch diesmal sagte ich: ‚Ich kümmere mich um ihn.‘

Aufgrund seiner Krankheit schlug sein Herz viel zu schnell, wenn er zu weinen anfing. Dann musste er sich übergeben, und das Bettzeug wurde schmutzig. In dieser Nacht nahm ich ihn fest in die Arme, damit sein Herz ruhiger schlug und er zu weinen aufhörte. Dann zog ich ihm frische Sachen an und bezog sein Bett neu. Ich hielt ihn im Arm, bis er einschlief. Damals wusste ich nicht, dass er nur wenige Monate später von uns gehen sollte. Ich werde nie vergessen, wie ich ihn damals mitten in der Nacht in den Armen hielt.“13

Jesus hat gesagt: „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein.“14

Manchmal sind wir versucht, so zu helfen, wie wir es wollen, und nicht unbedingt so, wie es im Augenblick gebraucht wird. Elder Robert D. Hales sprach einmal über eine vorausschauende Lebensweise und erzählte von einem Geschenk, das er für seine Frau kaufen wollte. Sie fragte: „Möchtest du [das] für mich kaufen oder für dich?“15 Wenn wir diese Frage auf uns beziehen, wenn es ums Helfen geht, und fragen: „Mache ich das für den Heiland oder für mich?“, wird unser Dienst am Nächsten dem des Heilands ähnlicher. Der Erlöser hat eine Frage gestellt, die wir uns auch stellen sollten: „Was soll ich euch tun?“16

Vor ein paar Wochen war ich in Eile und stand unter Druck, weil ich zu viel zu erledigen hatte. Eigentlich wollte ich an diesem Tag auch in den Tempel gehen, aber ich dachte, ich hätte dafür keine Zeit. Kaum war mir der Gedanke gekommen, dass ich für den Besuch des Tempels zu beschäftigt sei, wurde mir wieder bewusst, was für mich am wichtigsten war. Ich verließ mein Büro und ging in den Salt-Lake-Tempel, fragte mich aber, wie ich die dadurch verlorene Zeit wettmachen könne. Zum Glück ist der Herr geduldig und gnädig. Er erteilte mir an diesem Tag eine wertvolle Lektion.

Als ich im Sessionsraum saß, beugte sich eine junge Schwester zu mir herüber und flüsterte leise: „Ich bin wirklich nervös. Ich bin erst zum zweiten Mal hier im Tempel. Würden Sie mir bitte helfen?“ Wie hätte sie wissen können, dass ich genau diese Worte hören musste? Sie wusste es nicht, aber der Vater im Himmel wusste es. Er sah, was ich am dringendsten brauchte: für einen Mitmenschen da zu sein. Er veranlasste, dass diese demütige junge Schwester mir half, indem sie mich bat, ihr zu helfen. Ich versichere Ihnen, dass ich den meisten Nutzen daraus gezogen habe.

Ich bin zutiefst dankbar für die vielen Menschen, die unserer Familie im Laufe der Jahre wie Christus geholfen haben. Von ganzem Herzen danke ich meinem lieben Mann und meiner Familie, die so selbstlos und liebevoll für andere da sind.

Mögen wir uns alle darum bemühen, aufmerksam zu sein und dann zu helfen. Wenn wir das tun, halten wir unsere Bündnisse und unsere Werke werden wie die von Präsident Monson zeigen, dass wir Nachfolger Christi sind. Ich weiß, dass der Erretter lebt. Das Sühnopfer befähigt uns, nach seiner Lehre zu leben. Ich weiß, dass Präsident Monson unser Prophet in der heutigen Zeit ist. Im Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigen

  1.  

    1.  Lehre und Bündnisse 20:77

  2.  

    2.  Johannes 15:12

  3.  

    3. Thomas S. Monson, „Was habe ich heute für einen anderen getan?“, Liahona, November 2009, Seite 85

  4.  

    4. Canyon H., „A Good Choice“, Friend, Januar 2012, Seite 31

  5.  

    5.  Matthäus 5:44

  6.  

    6.  Matthäus 25:40

  7.  

    7. Siehe „For Madison“, lds.org/youth/video/for-madison

  8.  

    8.  Moroni 7:47

  9.  

    9. Thomas S. Monson, „Die Liebe hört niemals auf“, Liahona, November 2010, Seite 125; siehe auch Die Töchter in meinem Reich: Die Geschichte und das Werk der Frauenhilfsvereinigung, Seite 112

  10.  

    10.  3 Nephi 14:12

  11.  

    11. Al VanLeeuwen, „Der Einzelne zählt“, Liahona, August 2012, Seite 19; siehe auch Sally DeFord, „Ich höre mit dem Herzen zu“, Anleitung für das Miteinander 2011, Seite 28

  12.  

    12.  3 Nephi 27:21

  13.  

    13. Richard G. Scott, „Die ewigen Segnungen der Ehe“, Liahona, Mai 2011, Seite 96

  14.  

    14.  Matthäus 20:26

  15.  

    15. Robert D. Hales, „Vorausschauende Fürsorge zeitlich und geistig“, Liahona, Mai 2009, Seite 9

  16.  

    16.  Matthäus 20:32