Eine gute Ehe führen: zusehen und lernen

Elder L. Whitney Clayton

von der Präsidentschaft der Siebziger


L. Whitney Clayton
Die Verheißungen des Herrn erstrecken sich auf alle, die dem Lebensweg folgen, auf den sich glückliche, heilige eheliche Beziehungen gründen.

Vor einigen Jahren besuchten meine Frau und ich einen unserer Söhne und seine Familie zum Abendessen. Es ging so zu, wie es bei vielen Familien mit kleinen Kindern der Fall ist: laut, aber sehr vergnüglich. Kurz nach dem Essen saßen unsere vier Jahre alte Enkelin Anna und ich noch am Tisch. Als sie bemerkte, dass sie meine volle Aufmerksamkeit genoss, stellte sie sich aufrecht auf eine Bank und blickte mich unverwandt an. Als sie sicher war, dass ich sie ansah, gebot sie mir feierlich: „Sieh zu und lerne.“ Daraufhin tanzte und sang sie für mich.

Annas Aufforderung, zuzusehen und zu lernen, war Weisheit aus dem Mund eines Kindes. Wir können ungemein viel lernen, indem wir zusehen und dann darüber nachdenken, was wir gesehen und empfunden haben. Ich möchte in diesem Geiste ein paar Grundsätze nennen, die mir aufgefallen sind, als ich wunderbare und treue Ehepaare beobachtet und von ihnen gelernt habe. Diese Grundsätze schaffen eine stabile, erfüllende Ehe, die mit den himmlischen Grundsätzen vereinbar ist. Ich lade Sie ein, mit mir zuzusehen und zu lernen.

Zunächst habe ich beobachtet, dass in den glücklichsten Ehen sowohl der Mann als auch die Frau ihre Beziehung als eine köstliche Perle betrachten, als unendlich wertvollen Schatz. Beide verlassen Vater und Mutter und brechen auf, um das Fundament für eine Ehe zu errichten, die für die Ewigkeit angelegt ist. Ihnen ist bewusst, dass sie auf einem Weg wandeln, den Gott festgesetzt hat. Sie wissen, dass keine Beziehung jedweder Art so viel Freude bringen, so viel Gutes erzeugen oder in einem solchen Maße zur Veredelung des Einzelnen führen kann. Sehen Sie zu und lernen Sie: Die besten Ehepaare sehen ihre Ehe als unschätzbar wertvoll an.

Zweitens: Glaube. Erfolgreiche ewige Ehen sind auf das Fundament des Glaubens an den Herrn Jesus Christus gebaut und richten sich an seinen Lehren aus.1 Ich habe beobachtet, dass Paare, die ihre Ehe zu etwas Wertvollem gemacht haben, Glaubensmuster pflegen: Sie nehmen wöchentlich an der Abendmahlsversammlung und anderen Versammlungen teil, halten den Familienabend ab, beten, studieren sowohl gemeinsam als auch für sich in den Schriften und zahlen den vollen Zehnten. Ihr gemeinsames Ziel ist es, gehorsam und gut zu sein. Sie sehen die Gebote nicht als Buffet an, an dem man sich selbst bedient und nur das aussucht, was einem am ehesten zusagt.

Der Glaube ist die Grundlage jeder Tugend, die die Ehe festigt. Festigt man den Glauben, festigt man die Ehe. Der Glaube wächst, wenn wir die Gebote halten, und Harmonie und Freude in der Ehe tragen ebenfalls dazu bei. Daher ist es unerlässlich, dass man die Gebote hält, um eine stabile Ehe zu schaffen. Sehen Sie zu und lernen Sie: Der Glaube an den Herrn Jesus Christus ist die Grundlage glücklicher ewiger Ehen.

Drittens: Umkehr. Ich habe erkannt, dass sich glückliche Ehen auf die Gabe der Umkehr stützen. Dies ist in jeder guten ehelichen Beziehung ein unverzichtbares Element. Ehepartner, die sich regelmäßig ehrlich selbst überprüfen und unverzüglich die erforderlichen Schritte zur Umkehr ergreifen und sich zum Guten ändern, machen dadurch in ihrer Ehe von einem heilenden Balsam Gebrauch. Die Umkehr hilft uns, Harmonie und Frieden wiederherzustellen und aufrechtzuerhalten.

Demut ist der wichtigste Bestandteil der Umkehr. Wer demütig ist, ist selbstlos, nicht selbstsüchtig. Der Demütige beharrt weder auf seinem Willen noch äußert er sich so, als sei er moralisch überlegen. Stattdessen antwortet er auf sanfte Weise2 und achtet gütig auf Verständnis, nicht auf Rechtfertigungen. Der Demütige begreift, dass niemand den anderen ändern kann, dass wir jedoch durch Glauben, Anstrengung und mit der Hilfe Gottes die eigene mächtige Wandlung im Herzen erleben können.3 Wenn wir diese mächtige Wandlung im Herzen erleben, führt dies dazu, dass wir andere, vor allem unseren Ehepartner, mit Sanftmut behandeln.4 Demut bedeutet, dass sich sowohl der Mann als auch die Frau bemühen, einander Gutes zu tun, zu helfen und aufzurichten und den anderen bei jeder Entscheidung an die erste Stelle zu setzen. Sehen Sie zu und lernen Sie: Umkehr und Demut sind die Grundlage einer glücklichen Ehe.

Viertens: Achtung. Ich habe beobachtet, dass Mann und Frau sich in einer hervorragenden, glücklichen Ehe als gleichwertige Partner ansehen. Gepflogenheiten – ganz gleich, wo oder wann –, bei denen der Mann seine Frau beherrscht oder sie wie einen Partner zweiter Klasse behandelt, stehen nicht im Einklang mit dem göttlichen Gesetz und müssen durch richtige Grundsätze und Verhaltensweisen ersetzt werden.

In einer guten Ehe treffen Mann und Frau Entscheidungen einmütig, wobei jeder voll daran beteiligt und gleich stimmberechtigt ist.5 Sie stellen das Zuhause in den Mittelpunkt und helfen sich gegenseitig bei ihren gemeinsamen Aufgaben.6 Ihre Ehe gründet sich auf Zusammenarbeit, nicht auf Verhandlungsgeschick. Das Abendessen und die Zeit, die sie danach als Familie verbringen, werden zur wichtigsten Zeit des Tages, bei der sie sich besonders viel Mühe geben. Sie schalten Unterhaltungsgeräte aus und verzichten auf derartige Ablenkungen, um bei häuslichen Pflichten mitzuhelfen. Wann immer möglich, lesen sie abends etwas mit ihren Kindern und bringen die Kleinen gemeinsam ins Bett. Sie begeben sich gemeinsam zur Nachtruhe. Soweit es ihre Pflichten und die Umstände zulassen, sind Mann und Frau bestrebt, Seite an Seite die wichtigste Arbeit zu verrichten, die es gibt, nämlich die in den eigenen vier Wänden.

Wo Achtung herrscht, herrscht Offenheit – ein weiterer wichtiger Bestandteil einer glücklichen Ehe. Es gibt in Ehen, die auf gegenseitiger Achtung und Offenheit basieren, keine Geheimnisse in wichtigen Angelegenheiten. Mann und Frau treffen alle Entscheidungen, die Finanzielles betreffen, gemeinsam, und wissen gleichermaßen darüber Bescheid.

Loyalität ist eine Form der Achtung. Von den Propheten wird uns gesagt, dass Partner in einer guten Ehe „einander zutiefst ergeben“7 sind. Sie nutzen soziale Netzwerke so, dass ihre Würdigkeit keinerlei Schaden nimmt. Sie gestatten sich keine geheimen Ausflüge ins Internet. Sie teilen einander freimütig ihre Passworte für soziale Netzwerke mit. Sie sehen sich keine Internetprofile von anderen auf eine Art und Weise an, durch die das heilige Vertrauen des Ehepartners missbraucht werden könnte. Sie sagen und tun nichts, was in die Nähe der Unschicklichkeit rückt, sei es virtuell oder leibhaftig. Sehen Sie zu und lernen Sie: In einer hervorragenden Ehe herrschen vollkommene Achtung, Offenheit und Treue.

Fünftens: Liebe. Die glücklichsten Ehen, die ich beobachtet habe, strahlen Gehorsam gegenüber einem der freudigsten Gebote aus: dass wir „liebevoll miteinander leben“8 sollen. Der Herr richtete sich an die Ehemänner, als er gebot: „Du sollst deine Frau mit deinem ganzen Herzen lieben und sollst an ihr festhalten und an niemandem und nichts sonst.“9 In einem Handbuch der Kirche lesen wir: „Das Wort festhalten in diesem Gebot bedeutet, jemandem vollständig zugetan und treu zu sein. Ein Ehepaar hält an Gott und aneinander fest, indem der eine dem anderen dient und ihn liebt und indem man seine Bündnisse voreinander und vor Gott in völliger Treue einhält.“ Beide, Mann und Frau, „geben … ihr Leben als Alleinstehender auf und machen ihre Ehe [zu ihrer] obersten Priorität. Sie lassen nicht zu, dass ein anderer Mensch oder ein sonstiger Anreiz … einen höheren Rang einnimmt als das Ziel, die Bündnisse einzuhalten, die sie mit Gott und miteinander eingegangen sind.“10 Sehen Sie zu und lernen Sie: Ein Paar, das eine gute Ehe führt, ist sich in Liebe vollständig zugetan.

Es gibt Menschen, deren Ehe nicht so glücklich ist, wie sie es gerne hätten, Menschen, die nie geheiratet haben, die geschieden sind, die alleinerziehend sind oder aus dem einen oder anderen Grund nicht heiraten können. Diese Umstände können äußerst schwierig und kummervoll sein, doch müssen sie nicht von ewiger Dauer sein. Ich bitte für diejenigen von Ihnen, die sich in einer solchen Situation befinden und dennoch „frohgemut alles tun, was in [Ihrer] Macht liegt“11, um durchzuhalten, dass der Himmel Sie reichlich segnen möge. Streben Sie nach dem Ideal einer ewigen Ehe, indem Sie sich unter anderem bemühen, ein würdiger Ehepartner zu sein oder zu werden. Halten Sie die Gebote und vertrauen Sie auf den Herrn und seine vollkommene Liebe für Sie. Eines Tages wird sich für Sie jede Segnung, die in Hinblick auf die Ehe verheißen wurde, erfüllen.12

In einem der schönsten Verse im Buch Mormon steht schlicht und einfach: „Und sie heirateten und wurden verheiratet und wurden gemäß den mannigfaltigen Verheißungen gesegnet, die der Herr ihnen gegeben hatte.“13 Die Verheißungen des Herrn erstrecken sich auf alle, die dem Lebensweg folgen, auf den sich glückliche, heilige eheliche Beziehungen gründen. Derlei Segnungen sind die herrliche und natürliche Folge, wenn man treu nach dem Evangelium Jesu Christi lebt.

Ich bin dankbar für meine wunderbare Frau Kathy. Sie ist die Liebe meines Lebens.

Die Ehe ist Gottes Geschenk an uns; die Beschaffenheit unserer Ehe ist unser Geschenk an ihn. Ich gebe Zeugnis vom herrlichen Plan unseres liebevollen Vaters im Himmel, der uns das Tor zur staunenswerten ewigen Ehe geöffnet hat. Im Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigen

  1.  

    1. Siehe „Die Familie – eine Proklamation an die Welt“, Liahona, November 2010, Umschlagrückseite

  2.  

    2. Siehe Sprichwörter 15:1

  3.  

    3. Siehe Alma 5:11,12,26-31

  4.  

    4. Siehe Moroni 7:43-48; 8:25,26

  5.  

    5. Siehe Lehre und Bündnisse 107:27-31

  6.  

    6. Siehe „Die Familie – eine Proklamation an die Welt“

  7.  

    7. Siehe Thomas S. Monson, „Die Macht des Priestertums“, Liahona, Mai 2011, Seite 68; Gordon B. Hinckley, „Die Pflichten des Lebens“, Der Stern, Mai 1999, Seite 4

  8.  

    8. Lehre und Bündnisse 42:45

  9.  

    9. Lehre und Bündnisse 42:22

  10.  

    10. Handbuch 2: Die Kirche führen und verwalten, 2010, 1.3.1

  11.  

    11. Lehre und Bündnisse 123:17

  12.  

    12. Siehe Handbuch 2, 1.3.3

  13.  

    13. 4 Nephi 1:11