Propheten, Seher und Offenbarer

Elder Jeffrey R. Holland

vom Kollegium der Zwölf Apostel

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    Die Erste Präsidentschaft und das Kollegium der Zwölf Apostel werden von Gott beauftragt und als Propheten, Seher und Offenbarer bestätigt.

    Im Namen meiner Brüder im Kollegium der Zwölf Apostel möchte ich als Erster Elder Dieter Uchtdorf und Elder David Bednar in ihrer neuen Berufung und in der wunderbaren Gemeinschaft, die sie erwartet, willkommen heißen. Als die ersten Zwölf Apostel in dieser Evangeliumszeit berufen wurden, wurde ihnen gesagt, dass ihre Ernennung „darauf ausgerichtet ist, unter ihnen eine Zuneigung zu schaffen, die stärker ist als der Tod“.1 Diese Zuneigung hegen wir bereits für Sie, Brüder, für Ihre Ehefrau und Ihre Kinder. Wir sagen mit einem Herzen und einer Stimme: „Willkommen, liebe Freunde.“

    Im Geiste der liebevollen Worte von Präsident Hinckley möchte ich mit derselben Zuneigung, die stärker ist als der Tod, ebenfalls zum Ausdruck bringen, wie tief wir alle den Verlust von David B. Haight und Neal A. Maxwell empfinden, die uns so lieb und teuer waren. Diesen beiden Brüdern und ihren lieben Frauen, Ruby und Colleen, sagen wir, dass wir sie lieb haben, dass wir Hochachtung vor ihrer Leistung empfinden und dass wir ihr beispielhaftes Leben anerkennen. Für jeden von uns ist es die größte Ehre, sie gekannt und an ihrer Seite gedient zu haben. Sie werden uns immer wert und teuer sein.

    Angesichts solch bedeutsamer Übergänge im Fortgang dieses Werkes möchte ich heute Morgen etwas über das Amt des Apostels und die Bedeutung seines Fortbestands in der wahren Kirche Jesu Christi sagen. Dabei spreche ich nicht über die Männer, die dieses Amt innehaben, sondern über das Amt selbst, eine Berufung im heiligen Melchisedekischen Priestertum, die der Erretter selbst dafür vorgesehen hat, dass über sein Volk gewacht und von seinem Namen Zeugnis gegeben wird.

    Um eine Kirche zu gründen, die auch noch unter seiner Leitung weiterbestehen sollte, nachdem er von der Erde genommen worden war, ging Jesus „auf einen Berg, um zu beten. Und er verbrachte die ganze Nacht im Gebet zu Gott.

    Als es Tag wurde, rief er seine Jünger zu sich und wählte aus ihnen zwölf aus; sie nannte er auch Apostel.“2

    Später sagte Paulus, dass der Erretter, der wusste, dass sein Tod unvermeidlich war, dies getan hatte, um der Kirche ein „Fundament der Apostel und Propheten“ zu geben.3 Diese Brüder und die anderen Beamten der Kirche sollten unter der Leitung des auferstandenen Christus dienen.

    Und warum? Unter anderem, damit wir „nicht mehr unmündige Kinder [seien], ein Spiel der Wellen, hin und her getrieben von jedem Widerstreit der Meinungen, dem Betrug der Menschen ausgeliefert, der Verschlagenheit, die in die Irre führt“.4

    Das Fundament der Apostel und Propheten für die Kirche war demnach als Segen für alle Zeiten gedacht, aber insbesondere in Zeiten von Widrigkeiten oder Gefahr, Zeiten, in denen wir uns wie Kinder fühlen, verwirrt, vielleicht ein wenig ängstlich, Zeiten, in denen die Verschlagenheit von Menschen oder die Boshaftigkeit des Teufels uns verunsichern oder täuschen wollen. Für solche Zeiten, wie sie heute angebrochen sind, werden die Erste Präsidentschaft und das Kollegium der Zwölf Apostel als Propheten, Seher und Offenbarer von Gott beauftragt und von Ihnen bestätigt, wobei der Präsident der Kirche als der Prophet, Seher und Offenbarer bestätigt wird. Er ist der dienstälteste Apostel und als solcher der Einzige, der die Vollmacht hat, sämtliche Schlüssel zur Offenbarung und zur Führung der Kirche auszuüben. Zur Zeit des Neuen Testaments, des Buches Mormon und in der heutigen Zeit bilden diese Beamten den Grundstein der wahren Kirche. Sie umgeben den Schluss-Stein und beziehen von ihm ihre Kraft, vom „Fels unseres Erlösers …, und das ist [Jesus] Christus, der Sohn Gottes“5 – er, der der Apostel und Hohe Priester ist, dem unser Bekenntnis gilt, um mit Paulus zu sprechen.6 Eine solche Grundlage, die auf Christus gebaut ist, war und wird auch immer ein Schutz in Tagen sein, „wenn der Teufel seine mächtigen Winde aussenden wird, ja, seine Pfeile im Wirbelsturm, ja, wenn all sein Hagel und sein mächtiger Sturm an euch rütteln“. In Zeiten wie dieser, in der wir leben – und mehr oder weniger immer leben werden –, werden die Stürme des Lebens „keine Macht über [uns] haben … wegen des Felsens, auf den [wir] gebaut [sind], der eine sichere Grundlage ist, und wenn die Menschen auf dieser Grundlage bauen, können sie nicht fallen“.7

    Vor drei Wochen war ich bei einer Pfahlkonferenz in dem netten kleinen Bergstädtchen Prescott im Bundesstaat Arizona. Im Anschluss an die aufbauenden Ereignisse dieses Wochenendes schob mir eine Schwester leise einen Brief zu, als sie und andere auf mich zukamen, um mir die Hand zu geben und sich zu verabschieden. Ich zögere ein wenig, aber ich möchte Ihnen heute Morgen doch etwas daraus vorlesen. Bitte konzentrieren Sie sich auf die Lehre, die diese Schwester vermittelt, nicht auf die Personen, von denen die Rede ist.

    „Lieber Elder Holland, danke für das Zeugnis, das Sie bei dieser Konferenz von Jesus und seiner Liebe gegeben haben. Vor einundvierzig Jahren betete ich aufrichtig zum Herrn und sagte ihm, dass ich mir wünschte, ich hätte auf der Erde gelebt, als die Apostel noch über sie schritten, als es eine wahre Kirche gab und als die Stimme Christi noch vernommen wurde. Innerhalb eines Jahres nach diesem Gebet sandte der Himmlische Vater zwei Missionare der Heiligen der Letzten Tage zu mir und ich fand heraus, dass sich all diese Hoffnungen erfüllen konnten. Vielleicht werden Ihnen in Stunden, wo Sie müde oder besorgt sind, diese Zeilen helfen, daran zu denken, warum es für mich und Millionen andere wie mich so wichtig ist, Ihre Stimme zu hören und Ihnen die Hand zu geben. In Liebe und Dankbarkeit, Ihre Schwester Gloria Clements.“

    Schwester Clements, Ihre liebevollen Zeilen erinnerten mich daran, dass ähnliche Hoffnungen und fast dieselben Worte einmal in meiner eigenen Familie geäußert wurden. In den turbulenten Anfangsjahren der Besiedlung dieses Landes flüchtete Roger Williams, mein unsteter und resoluter Urgroßvater zehnten Grades – nicht ganz freiwillig – aus der Kolonie Massachusetts Bay und siedelte sich dort an, wo sich heute der Staat Rhode Island befindet. Er nannte sein Hauptquartier Providence [zu Deutsch Vorsehung], ein Name, der auf sein lebenslanges Harren auf das Eingreifen Gottes und himmlische Kundgebungen hindeutet. Aber er fand nie, was er als wahre Kirche wie die zur Zeit des Neuen Testaments empfand. Über diesen enttäuschten Suchenden sagte der legendäre Cotton Mather: „Mr. Williams … sagte [schließlich seinen Anhängern], dass er irregeleitet gewesen sei und [sie] daher auch in die Irre geführt habe, und dass er nun sicher sei, dass es niemanden auf der Erde gebe, der die Taufe [oder sonst eine heilige Handlung des Evangeliums] vollziehen könne. … Daher empfahl er ihnen, auf alles zu verzichten … und auf das Kommen neuer Apostel zu warten.“8 Roger Williams hat es nicht erlebt, dass diese ersehnten neuen Apostel hervorgebracht wurden, aber ich hoffe, dass ich einmal selbst die Gelegenheit haben werde, ihm zu sagen, dass dies seinen Nachkommen vergönnt war.

    Viele der religiösen Erneuerer hielten göttliche Führung für notwendig und sehnten sich danach und erwarteten sie. Sie schufen die Voraussetzungen für die Wiederherstellung des Evangeliums. Jonathan Edwards, einer der berühmtesten Prediger Neuenglands, sagte: „Es scheint mir … eine unvernünftige Sache, anzunehmen, dass es einen Gott geben könnte, … der so besorgt ist [um uns] … und doch niemals spricht, … dass [von ihm] kein Wort zu vernehmen ist.“9

    Später rüttelte der unvergleichliche Ralph Waldo Emerson an den Fundamenten der kirchlichen Orthodoxie Neuenglands, als er an der theologischen Fakultät in Harvard sagte: „Es ist meine Pflicht, Ihnen zu sagen, dass die Notwendigkeit neuer Offenbarung nie größer war als heute. … Die Lehre der Inspiration ist verloren gegangen, … Wunder, Prophezeiung, … das heilige Leben existieren [nur] als altertümliche Geschichte. … Die Menschen sprechen mittlerweile … von Offenbarung als etwas, was vor langer Zeit gegeben und abgeschafft wurde, als sei Gott tot … Das Amt eines wahren Lehrers ist es“, so sagte er, „uns zu zeigen, dass Gott ist, nicht war; dass er spricht, nicht sprach“.10 Was Emerson im Grunde damit sagte, war: „Wenn Sie beharrlich Steine ausgeben, obwohl die Menschen um Brot bitten, kommt schließlich niemand mehr in Ihre Bäckerei.“11

    Betrachtet man diese verblüffenden Anklagen der überragenden Figuren aus der amerikanischen Geschichte, einmal ganz abgesehen von den Gebeten von Menschen wie Gloria Clements, ergibt sich daraus ganz deutlich, welch machtvolle Botschaft die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage besonders für diejenigen unter Ihnen hat, die unsere Missionare treffen. Propheten? Seher? Offenbarer? Die Ereignisse von 1820 und 1830 und die Ereignisse von fast zwei Jahrhunderten, die darauf folgten, künden davon, dass Offenbarungen und diejenigen, die sie empfangen, nicht „vor langer Zeit gegeben und abgeschafft“ wurden.

    In demselben Jahr, in dem Emerson seine Rede in Harvard hielt und in der er indirekt um Apostel bat, wurde Elder John Taylor, ein junger Einwanderer aus England, als Apostel des Herrn Jesus Christus berufen, als Prophet, Seher und Offenbarer. In dieser Berufung sagte Elder Taylor einmal voll Verständnis für diejenigen, die aufrichtig nach Wahrheit suchen: „Wer hat je von wahrer Religion ohne Verständigung mit Gott gehört? Für mich ist das das Absurdeste, was ein Mensch sich ausdenken kann. Wenn die Menschen im Allgemeinen den Grundsatz gegenwärtige Offenbarung ablehnen, wundert es mich nicht“, sagte Bruder Taylor, „dass Skepsis und Treulosigkeit so erschreckend überhand nehmen. Es wundert mich nicht“, fuhr er fort, „dass so viele Menschen der Religion mit Verachtung begegnen und sie nicht der Aufmerksamkeit eines intelligenten Wesens für wert erachten, denn ohne Offenbarung ist Religion ein Possenspiel und eine Farce. … Der Grundsatz gegenwärtige Offenbarung ist … die Grundlage unserer Religion.“12

    Der Grundsatz gegenwärtige Offenbarung? Die Grundlage unserer Religion? Nun möchte ich von diesen Anfängen in die Gegenwart zurückkehren, zum Hier und Jetzt, dem 21. Jahrhundert. Für einen jeden – sei er nun Geistlicher, Historiker oder Laienprediger – ist die Frage immer noch dieselbe: Ist der Himmel offen? Offenbart Gott seinen Willen Propheten und Aposteln wie in früherer Zeit? Dass der Himmel offen steht und dass Gott Offenbarung gibt, ist die unerschütterliche Botschaft der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage an die Welt. Und hinter dieser Botschaft verbirgt sich, warum Joseph Smith, der Prophet, nunmehr schon seit fast zweihundert Jahren so bedeutsam ist.

    Sein Leben warf die Frage auf, ob man glaubt, dass Gott zu den Menschen spricht – und es lieferte auch gleich die Antwort. Neben allem, was er in seinen kurzen achtunddreißigeinhalb Jahren sonst noch erreichte, hinterließ uns Joseph Smith in erster Linie ein Vermächtnis an Offenbarungen von Gott – nicht nur eine einzelne Offenbarung, die sich nicht beweisen lässt und die zu nichts führte, auch keine „sanfte Inspiration, die jedem guten Menschen in den Sinn kommt“, sondern konkrete, dokumentierte Weisungen von Gott, die sich fortsetzten. Ein guter Freund und Gelehrter, der ein treues Mitglied der Kirche ist, hat es auf den Punkt gebracht: „Zu einer Zeit, da der Ursprung des Christentums durch die Anhänger der im Zeitalter der Aufklärung aufkommenden Vernunftreligion in Zweifel gezogen wurde, führte Joseph Smith das moderne Christentum [unmissverständlich und ganz allein] zurück zu seinem Ursprung – der Offenbarung.“13

    Wir danken dir wirklich, o Gott, für den Propheten, den du uns zu führen gesandt, denn an vielen dieser Tage werden uns Wolken der Trübsal ängstigen.14 Wir danken für den Frühlingsmorgen im Jahre 1820, als der Vater und der Sohn einem vierzehnjährigen Jungen in Herrlichkeit erschienen. Wir danken für den Morgen, als Petrus, Jakobus und Johannes kamen, um die Schlüssel des heiligen Priestertums und alle Ämter darin wiederherzustellen. Und in dieser Generation danken wir für den Morgen des 30. Septembers 1961, an diesem Wochenende vor 43 Jahren, als der damalige Elder Gordon B. Hinckley zum Apostelamt berufen wurde, der 75. Mann in dieser Evangeliumszeit, der diesen Titel erhielt. Und so ging es weiter bis zum heutigen Tag und so wird es weitergehen, bis der Erretter kommt.

    In einer Welt der Unruhe und Angst, der politischen Unruhen und des moralischen Verfalls bezeuge ich, dass Jesus der Messias ist – er ist das lebendige Brot, das lebendige Wasser – der große Schild, der uns im Leben Sicherheit gibt, der war, ist und immer sein wird, der mächtige Fels Israels, der Anker seiner lebendigen Kirche. Ich gebe Zeugnis von seinen Propheten, Sehern und Offenbarern, die die fortwährende Grundlage dieser Kirche bilden, und bezeuge, dass diese Ämter und Seher heute unter der Führung unseres Erlösers in Kraft sind, in dieser Zeit und für diese Zeit, die dies so dringend braucht. Von diesen Wahrheiten und davon, dass dieses Werk von Gott ist, gebe ich Zeugnis. Hierfür bin ich ein Zeuge im heiligen Namen Jesu Christi. Amen.

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    Anmerkungen

    1. 1.

      History of the Church, 2:197

    2. 2.

      Lukas 6:12,13

    3. 3.

      Siehe Epheser 2:19,20

    4. 4.

      Epheser 4:14

    5. 5.

      Helaman 5:12

    6. 6.

      Siehe Hebräer 3:1

    7. 7.

      Helaman 5:12

    8. 8.

      Magnalia Christi Americana, 1853, 2:498

    9. 9.

      The Works of Jonathan Edwards, Bd. 18, The „Miscellanies“ 501–832, Hg. Ava Chamberlain, 2000, Seite 89f.

    10. 10.

      The Complete Essays and Other Writings of Ralph Waldo Emerson, Hg. Brooks Atkinson, 1940, Seite 75, 71, 80

    11. 11.

      Louis Cassels, zitiert in Howard W. Hunter, „Spiritual Famine“, Ensign, Januar 1973, Seite 64

    12. 12.

      „Discourse by John Taylor“, Deseret News, 4. März 1874, Seite 68; Hervorhebung hinzugefügt

    13. 13.

      Siehe die Abhandlung von Richard L. Bushman, „A Joseph Smith for the Twenty-First Century“, veröffentlicht in Believing History, 2004. Das Zitat stammt von Seite 274, aber es empfiehlt sich, die Abhandlung ganz zu lesen.

    14. 14.

      Siehe „Wir danken, o Gott, für den Propheten“, Gesangbuch, Nr. 11