2006
Die Macht des persönlichen Zeugnisses
November 2006


Die Macht des persönlichen Zeugnisses

Ein festes persönliches Zeugnis gibt uns die Motivation, uns zu ändern und der Welt ein Segen zu sein.

Im Buch Mormon wurde dem jungen Nephi vom Herrn geboten, ein Schiff zu bauen. Bereitwillig folgte er diesem Gebot, seine Brüder aber waren skeptisch. „Als meine Brüder sahen, dass ich ein Schiff bauen wollte“, schreibt er, „fingen sie gegen mich zu murren an, nämlich: Unser Bruder ist ein Narr, denn er meint, er könne ein Schiff bauen; ja, und er meint auch, er könne diese großen Wasser überqueren.“ (1 Nephi 17:17.)

Nephi aber ließ sich nicht entmutigen. Er hatte zwar keinerlei Erfahrung im Schiffsbau, dafür aber ein starkes persönliches Zeugnis davon, dass der Herr einen Weg bereitet, das zu vollbringen, was er gebietet (siehe 1 Nephi 3:7). Mit diesem starken Zeugnis und dieser hohen Motivation im Herzen baute Nephi ein Schiff, mit dem die großen Wasser überquert wurden – trotz der Opposition, die seine ungläubigen Brüder gezeigt hatten.

Ich möchte Ihnen ein persönliches Erlebnis aus meiner Jugend schildern, was die Macht rechtschaffener Motive anbelangt.

Nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs landete meine Familie im von den Sowjets besetzten Ostdeutschland. Als ich in die vierte Klasse ging, musste ich Russisch als erste Fremdsprache lernen. Das fiel mir wegen der kyrillischen Buchstaben schwer, aber mit der Zeit kam ich ganz gut damit zurecht.

Als ich elf wurde, mussten wir Ostdeutschland wegen der politischen Einstellung meines Vaters über Nacht verlassen. Nun ging ich in Westdeutschland zur Schule, das damals von den Amerikanern besetzt war. Alle Kinder in der Schule mussten Englisch lernen statt Russisch. Russisch zu lernen war schon schwer genug gewesen, aber Englisch war für mich ein Ding der Unmöglichkeit. Ich hatte das Gefühl, mein Mund sei nicht für das Englische geschaffen. Meine Lehrer hatten es schwer. Meine Eltern hatten ihre liebe Not. Ich wusste: Englisch war absolut keine Sprache für mich.

Dann aber änderte sich etwas in meinem noch jungen Leben. Damals war es mein größter Wunsch, Pilot zu werden. Fast jeden Tag fuhr ich mit dem Fahrrad zum Flughafen und beobachtete, wie die Flugzeuge aufstiegen und landeten. Ich las, studierte und lernte alles, was ich über die Fliegerei finden konnte. Ich konnte mich schon im Cockpit eines Linienflugzeugs oder eines Jagdflugzeugs sehen. Tief im Inneren wusste ich: Das war meine Sache!

Dann erfuhr ich, dass man nur Pilot werden konnte, wenn man Englisch sprach. Über Nacht schien sich, zur völligen Verblüffung aller, mit meinem Mund etwas geändert zu haben. Ich konnte Englisch lernen. Es kostete immer noch viel Anstrengung, Ausdauer und Geduld, aber es gelang mir, Englisch zu lernen.

Warum? Weil ich nun ein rechtschaffenes und starkes Motiv hatte!

Unsere Motive und unsere Gedanken wirken sich letztlich entscheidend auf unser Handeln aus. Das Zeugnis davon, dass das wiederhergestellte Evangelium Jesu Christi wahr ist, ist unsere größte Motivation. Jesus hat immer wieder betont, welche Macht gute Gedanken und richtige Motive haben: „Blickt in jedem Gedanken auf mich; zweifelt nicht, fürchtet euch nicht.“ (LuB 6:36.)

Das Zeugnis von Jesus Christus und dem wiederhergestellten Evangelium helfen uns im Leben, den konkreten Plan, den Gott für uns hat, zu erfahren und entsprechend zu handeln. Es gibt uns die Gewissheit, dass es Gott gibt, dass er wahrhaftig ist und dass er gütig ist, dass die Lehren Jesu Christi wahr sind und dass er für uns das Sühnopfer erbracht hat und dass die neuzeitlichen Propheten von Gott berufen sind. Unser Zeugnis motiviert uns, rechtschaffen zu leben, und wenn wir rechtschaffen leben, wird unser Zeugnis größer.

Was ist ein Zeugnis?

Eine Definition von Zeugnis lautet: Etwas, was das Vorhandensein von etwas anzeigt oder beweist (vgl. DUDEN, Deutsches Universalwörterbuch, „Zeugnis“). Das englische Wort für Zeugnis ist aus dem lateinischen Wort testimonium abgeleitet und von testis – der Zeuge.

Das Wort Zeugnis ist den Mitgliedern der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage lieb und vertraut; wir verwenden es häufig, wenn wir unserer religiösen Überzeugung Ausdruck verleihen. Es ist uns angenehm und kostbar, und immer, wenn wir es gebrauchen, geht damit eine gewisse Heiligkeit einher. Wenn wir von unserem Zeugnis sprechen, meinen wir das, was wir in Herz und Sinn spüren, und nicht die Summe von logischen, nüchternen Fakten. Es ist eine Gabe des Geistes, ein Zeugnis des Heiligen Geistes, dass bestimmte Vorstellungen der Wahrheit entsprechen.

Für uns Heilige der Letzten Tage ist ein Zeugnis die sichere Erkenntnis oder Gewissheit, die wir vom Heiligen Geist bekommen, dass das Werk des Herrn in diesen Letzten Tagen wahr ist und von Gott stammt. Ein Zeugnis ist die „bleibende, lebendige und zum Handeln bewegende Überzeugung von den im Evangelium Jesu Christi offenbarten Wahrheiten“ (Marion G. Romney, „How to Gain a Testimony“, New Era, Mai 1976, Seite 8; Hervorhebung hinzugefügt).

Wenn wir Zeugnis geben, verkünden wir, dass die Botschaft des Evangeliums uneingeschränkt wahr ist. In einer Zeit, in der viele die Wahrheit für relativ halten, stößt das Verkünden absoluter Wahrheit nicht gerade auf offene Ohren und scheint auch nicht politisch korrekt oder opportun zu sein. Das Zeugnis von „etwas, wie es wirklich ist“ (vgl. Jakob 4:13), ist kühn, aber wahr und unumgänglich, denn es hat ewige Folgen für die Menschheit. Der Satan wäre sicher einverstanden, wenn wir erklärten, die Botschaft unseres Glaubens und die Evangeliumslehre ließen sich den Umständen anpassen. Unsere feste Überzeugung von der Wahrheit des Evangeliums ist uns ein Anker im Leben; sie ist unverrückbar und zuverlässig wie der Polarstern. Ein Zeugnis ist etwas sehr Persönliches und kann für jeden von uns etwas anders aussehen, da jeder Mensch einzigartig ist. Dennoch umfasst ein Zeugnis vom wiederhergestellten Evangelium Jesu Christi stets die folgenden klaren und einfachen Wahrheiten:

  • Gott lebt, und wir sind seine Kinder. Er ist unser himmlischer Vater, und er liebt uns.

  • Jesus Christus ist der Sohn des lebendigen Gottes und der Erretter der Welt.

  • Joseph Smith ist der Prophet Gottes, durch den das Evangelium Jesu Christi in unserer Zeit wiederhergestellt wurde.

  • Das Buch Mormon ist das Wort Gottes.

  • Präsident Gordon B. Hinckley, seine Ratgeber und die Mitglieder des Kollegiums der Zwölf Apostel sind die Propheten, Seher und Offenbarer für unsere Zeit.

Wenn wir durch die Gabe und Macht des Heiligen Geistes tiefere Erkenntnis von diesen Wahrheiten und vom Erlösungsplan erlangen, können wir „von allem wissen, ob es wahr ist“ (Moroni 10:5).

Wie erlangt man ein Zeugnis?

Wir alle wissen, dass es leichter ist, über ein Zeugnis zu reden, als eines zu erlangen. Der Vorgang, wie man ein Zeugnis bekommt, beruht auf dem Gesetz der Ernte: „Was der Mensch sät, wird er ernten.“ (Galater 6:7.) Man bekommt nichts Gutes, ohne dass man sich anstrengt oder Opfer bringt. Wenn wir viel dafür geben müssen, dass wir ein Zeugnis erlangen, werden wir und das Zeugnis dafür umso stärker. Mit zunehmender Erkenntnis wächst auch unsere Fähigkeit, uns weitere Fertigkeiten anzueignen und uns charakterlich weiterzuentwickeln.

Ein Zeugnis ist ein höchst kostbarer Besitz, denn man erlangt es nicht allein durch Logik oder Vernunft, man kann es nicht mit irdischen Gütern erwerben, und man kann es nicht verschenken oder von seinen Vorfahren erben. Wir können uns nicht auf das Zeugnis anderer verlassen. Wir müssen selbst Gewissheit haben. Präsident Gordon B. Hinckley hat gesagt: „Jeder Heilige der Letzten Tage hat die Pflicht, sich selbst die völlig unzweifelhafte Gewissheit zu verschaffen, dass Jesus der auferstandene, lebendige Sohn des lebendigen Gottes ist.“ (Frühjahrs-Generalkonferenz 1983.)

Die Quelle dieser sicheren Erkenntnis und dieser festen Überzeugung ist Offenbarung von Gott, denn „das Zeugnis Jesu ist der Geist prophetischer Rede“ (Offenbarung 19:10).

Wir erlangen dieses Zeugnis, wenn der Heilige Geist zu dem Geist, der in uns ist, spricht. Es stellt sich dann eine ruhige und unerschütterliche Gewissheit ein, die zur Quelle unseres Zeugnisses und unserer Überzeugung wird, und das ungeachtet unserer kulturellen, ethnischen, sprachlichen oder sozioökonomischen Herkunft. Diese Eingebungen des Geistes werden anstelle rein menschlicher Logik die wahre Grundlage, auf der unser Zeugnis fußt.

Der Kern unseres Zeugnisses wird immer sein, dass wir an Jesus Christus und seine gottgegebene Mission glauben und um sie wissen. In den heiligen Schriften sagt er über sich selbst: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Johannes 14:6.)

Wie erlangen wir nun ein persönliches Zeugnis, das auf dem Zeugnis des Heiligen Geistes beruht? In den heiligen Schriften zeichnet sich ein Muster ab:

Erstens: der Wunsch zu glauben. Im Buch Mormon wird uns Mut gemacht: „Wenn ihr eure Geisteskraft weckt und aufrüttelt, um mit meinen Worten auch nur einen Versuch zu machen, und zu einem kleinen Teil Glauben ausübt, ja, selbst wenn ihr nicht mehr könnt, als dass ihr den Wunsch habt zu glauben …“ (Alma 32:27). Manch einer mag sagen: „Ich kann nicht glauben, ich bin nicht religiös.“ Bedenken Sie jedoch: Gott verspricht uns seine Hilfe, selbst wenn wir nur den Wunsch haben zu glauben. Dieser Wunsch muss allerdings aufrichtig und nicht vorgeschoben sein.

Zweitens: in den heiligen Schriften forschen. Stellen Sie Fragen, prüfen Sie gründlich, suchen Sie in den heiligen Schriften nach Antworten. Auch dafür finden wir einen guten Rat im Buch Mormon: „Wenn ihr nun Raum gebt, dass ein Samenkorn in euer Herz gepflanzt werden kann“, dann wird durch eifrige Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes dieses gute Samenkorn „anfangen, in [der] Brust zu schwellen“, wenn man sich dem nicht durch Unglauben verschließt. Dieses gute Samenkorn wird die „Seele … erweitern“ und das „Verständnis … erleuchten“ (Alma 32:28).

Drittens: den Willen Gottes tun, die Gebote halten. Es reicht nicht aus, hochgelehrte Argumente auszutauschen, wenn man Gewissheit haben will, ob das Reich Gottes auf Erden wiederhergestellt worden ist. Gelegentliches Lesen genügt ebenso wenig. Man muss schon selbst aktiv werden, und das heißt: zunächst Gottes Willen erfahren und ihn dann tun.

Wir müssen zu Christus kommen und seine Lehren befolgen. Der Erretter hat gesagt: „Meine Lehre stammt nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat. Wer bereit ist, den Willen Gottes zu tun, wird erkennen, ob diese Lehre von Gott stammt oder ob ich in meinem eigenen Namen spreche.“ (Johannes 7:16,17; Hervorhebung hinzugefügt.) Er sagte außerdem: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ (Johannes 14:15.)

Viertens: nachsinnen, fasten und beten. Um vom Heiligen Geist Erkenntnis zu empfangen, müssen wir den himmlischen Vater darum bitten. Wir müssen darauf vertrauen, dass Gott uns liebt und dass er uns helfen wird, die Eingebungen des Heiligen Geistes zu erkennen. Im Buch Mormon lesen wir folgende Aufforderung:

„Wenn ihr dieses hier lesen werdet, … denkt [daran], wie barmherzig der Herr zu den Menschenkindern gewesen ist, von der Erschaffung Adams an bis herab zu der Zeit, da ihr dieses hier empfangen werdet, und [denkt] im Herzen darüber [nach]. …

Fragt Gott, den ewigen Vater, im Namen Christi, ob es wahr ist; und wenn ihr mit aufrichtigem Herzen, mit wirklichem Vorsatz fragt und Glauben an Christus habt, wird er euch durch die Macht des Heiligen Geistes kundtun, dass es wahr ist.“ (Moroni 10:3,4.)

Der Prophet Alma sagte:

„Ich bezeuge euch, ich weiß, dass das … wahr ist. Und wie, meint ihr, weiß ich denn, dass es gewiss und wahr ist? …

Siehe, ich habe viele Tage gefastet und gebetet, um dies für mich selbst wissen zu können. Der Herr, Gott, hat es mir durch seinen Heiligen Geist kundgetan; und dies ist der Geist der Offenbarung.“ (Alma 5:45,46.)

Meine lieben Brüder und Schwestern, Alma hat vor über 2000 Jahren sein Zeugnis durch Fasten und Beten erlangt, und auch wir können heute dieselbe heilige Erfahrung machen.

Wozu ist ein Zeugnis gut?

Ein Zeugnis gibt einem die richtige Perspektive, Motivation und eine feste Grundlage für ein Leben, das Sinn und Zweck hat und in dem man sich weiterentwickelt. Es ist ein steter Quell der Zuversicht, ein aufrichtiger und treuer Begleiter in guten wie in schlechten Zeiten. Ein Zeugnis gibt uns Grund, zu hoffen und froh zu sein. Es hilft uns, eine optimistische Einstellung zu entwickeln und glücklich zu sein, und gestattet uns, uns an den Wundern der Schöpfung zu erfreuen. Ein Zeugnis regt uns an, jederzeit und unter allen Umständen das Rechte zu wählen. Es regt uns an, uns Gott zu nähern, sodass er sich auch uns nähern kann (siehe Jakobus 4:8).

Unser persönliches Zeugnis ist auch ein Schutzschild, und wie eine eiserne Stange leitet es uns sicher durch Finsternis und Verwirrung.

Nephis Zeugnis verlieh ihm den Mut, aufrecht zu stehen, sodass er zu denen gerechnet wurde, die Gott gehorchen. Er murrte nicht, er zweifelte nicht, und er hatte keine Angst, wie immer die Umstände auch aussehen mochten. Wenn es schwierig wurde, sagte er: „Ich will hingehen und das tun, was der Herr geboten hat, denn ich weiß, der Herr [wird] einen Weg … bereiten, [es zu] vollbringen.“ (1 Nephi 3:7.)

So, wie der Herr den Nephi kannte, kennt er auch uns und liebt er uns. Wir leben jetzt und heute. Dies ist unsere Zeit. Wir stehen mitten im Geschehen. Ein festes persönliches Zeugnis gibt uns die Motivation, uns zu ändern und der Welt ein Segen zu sein. Davon gebe ich Zeugnis, und ich lasse Ihnen meinen Segen als ein Apostel des Herrn. Im Namen Jesu Christi. Amen.