Botschaft von der Ersten Präsidentschaft

Ein Schlüssel zu einer glücklichen Familie


Dieter F. Uchtdorf

Ein Schlüssel zu einer glücklichen Familie

Der bekannte russische Autor Leo Tolstoi beginnt seinen Roman Anna Karenina mit den Worten: „Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche Familie aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.“1 Ich bin mir zwar nicht so sicher wie Tolstoi, dass alle glücklichen Familien einander ähneln, aber ich habe eines entdeckt, was die meisten gemeinsam haben: Sie haben gelernt, die Schwächen des anderen zu vergeben und zu vergessen und viel mehr auf das Gute zu achten.

In unglücklichen Familien dagegen nörgelt man oft aneinander herum, hegt Groll und scheint von Kränkungen, die weit zurückliegen, nicht loslassen zu können.

„Ja, aber …“, wollen die Unglücklichen einwenden. „Ja, aber Sie wissen nicht, wie sehr sie mich verletzt hat“, sagt der eine. „Ja, aber Sie wissen nicht, wie schrecklich er ist“, sagt die andere.

Vielleicht haben beide Recht, vielleicht auch keiner.

Es gibt unterschiedlich schwere Kränkungen. Es gibt unterschiedlich tiefe Verletzungen. Mir ist jedoch aufgefallen, dass wir oft unseren Ärger rechtfertigen und unser Gewissen beruhigen, indem wir dem anderen insgeheim Motive unterstellen, die sein Verhalten als unverzeihlich und egoistisch verurteilen, während wir unsere Motive als rein und unschuldig hinstellen.

Der Hund des Prinzen

Einer alten walisischen Legende aus dem 13. Jahrhundert nach kehrte ein Prinz eines Tages heim und entdeckte, dass seinem Hund Blut von der Schnauze tropfte. Der Mann eilte ins Schloss und stellte zu seinem Entsetzen fest, dass die Wiege umgeworfen und keine Spur von seinem kleinen Sohn zu sehen war. Wutentbrannt zog der Prinz sein Schwert und tötete den Hund. Gleich darauf hörte er seinen Sohn schreien – das Baby war am Leben! Neben dem Kind lag ein toter Wolf. Tatsächlich hatte der Hund das Baby des Prinzen vor einem mörderischen Wolf gerettet.

Diese Geschichte ist ein drastisches, doch anschauliches Beispiel. Sie führt uns vor Augen, dass so mancher Beweggrund, den wir dem anderen unterstellen, an den Tatsachen vorbeigeht. Und mitunter verkennen wir gar absichtlich so manche Fakten. Wir wollen lieber unseren Ärger rechtfertigen, indem wir an unserer Verbitterung, unserem Groll festhalten. Manchmal wird solcher Groll monate- oder jahrelang gehegt. Manchmal sogar ein ganzes Leben lang.

Eine entzweite Familie

Ein Vater konnte seinem Sohn nicht verzeihen, dass er von dem Weg abgewichen war, den er ihn gelehrt hatte. Der Junge hatte Freunde, die dem Vater nicht gefielen, und er tat vieles, was den Erwartungen seines Vaters nicht entsprach. Dies führte zu einem Bruch zwischen Vater und Sohn, und sobald der Junge konnte, verließ er das Elternhaus und kehrte nie mehr zurück. Sie sprachen äußerst selten miteinander.

Fühlte sich der Vater gerechtfertigt? Vielleicht.

Fühlte sich der Sohn gerechtfertigt? Vielleicht.

Jedenfalls war die Familie entzweit und unglücklich, weil weder der Vater noch der Sohn dem anderen verzeihen konnte. Sie konnten nicht weiter blicken als bis zu den bitteren Erinnerungen, die einer vom anderen hatte. Sie füllten ihr Herz mit Zorn statt mit Liebe und Versöhnlichkeit. Beide beraubten sich der Gelegenheit, das Leben des anderen positiv zu beeinflussen. Die Kluft zwischen ihnen schien so tief und weit, dass jeder in seinen Gefühlen gefangen war wie auf einer einsamen Insel.

Glücklicherweise hat unser ewiger Vater in seiner Liebe und Weisheit die Mittel bereitet, wie sich eine solche, vom Stolz verursachte Kluft überwinden lässt. Das große und unbegrenzte Sühnopfer ist der höchste Akt der Vergebung und Versöhnung. Sein Ausmaß übersteigt meine Vorstellungskraft, aber ich bezeuge von ganzem Herzen und aus tiefster Seele, dass es stattgefunden hat und größte Macht hat. Der Erlöser gab sich als Lösegeld für unsere Sünden hin. Durch ihn erlangen wir Vergebung.

Keine Familie ist vollkommen

Niemand von uns ist ohne Sünde. Jeder macht Fehler, auch Sie und ich. Wir alle sind schon einmal verletzt worden. Wir alle haben schon einmal jemanden verletzt.

Durch das Opfer des Heilands können wir Erhöhung und ewiges Leben erlangen. Wenn wir seinen Weg annehmen und unseren Stolz überwinden, indem wir unser Herz erweichen, können wir in unserer Familie und in unserem Leben Raum schaffen für Versöhnung und Vergebung. Gott wird uns helfen, versöhnlicher zu sein, bereitwilliger die zweite Meile zu gehen, uns als Erster zu entschuldigen, selbst wenn uns bei einer Sache gar keine Schuld trifft, alten Groll abzulegen und ihn nicht mehr zu nähren. Dank sei Gott, der seinen einziggezeugten Sohn gab, und dank sei dem Sohn, der sein Leben für uns gegeben hat.

Wir können jeden Tag spüren, dass Gott uns liebt. Sollten wir da nicht in der Lage sein, unseren Mitmenschen ein wenig mehr von uns zu geben, wie es in dem beliebten Lied „Weil mir so viel gegeben ist“2 heißt? Der Herr hat uns die Tür geöffnet, sodass uns vergeben werden kann. Ist es dann nicht nur recht und billig, dass wir unseren Egoismus und unseren Stolz ablegen und diese wunderbare Tür der Vergebung denen öffnen, mit denen wir uns schwertun – vor allem in der eignen Familie?

Letztlich entspringt Glück nicht der Vollkommenheit, sondern der Anwendung göttlicher Grundsätze, wenn auch in kleinen Schritten. Die Erste Präsidentschaft und das Kollegium der Zwölf Apostel haben erklärt: „Ein glückliches Familienleben kann am ehesten erreicht werden, wenn die Lehren des Herrn Jesus Christus seine Grundlage sind. Erfolgreiche Ehen und Familien gründen und sichern ihren Bestand auf den Prinzipien Glaube, Gebet, Umkehr, Vergebungsbereitschaft, gegenseitige Achtung, Liebe, Mitgefühl, Arbeit und sinnvolle Freizeitgestaltung.“3

Vergebungsbereitschaft steht in der Mitte dieser einfachen Wahrheiten, die auf Gottes Plan des Glücklichseins beruhen. Da Vergebungsbereitschaft Prinzipien miteinander verbindet, verbindet sie auch Menschen. Sie ist ein Schlüssel, der verschlossene Türen öffnet, sie ist der Beginn eines aufrechten Lebenswandels, und sie ist mit unsere beste Hoffnung auf ein glückliches Familienleben.

Möge Gott uns helfen, in unserer Familie ein wenig versöhnlicher zu sein, einander bereitwilliger zu vergeben und vielleicht auch uns selbst bereitwilliger zu vergeben. Ich bete darum, dass die Bereitschaft, einander zu vergeben, zu einem Merkmal wird, das die meisten glücklichen Familien auszeichnet.

Wie man Gedanken aus dieser Botschaft vermittelt

„Fragen Sie sich bei der Vorbereitung, inwiefern sich der jeweilige Grundsatz … auf etwas beziehen lässt, was Ihre Familie oder Ihre Schüler selbst erlebt haben.“ (Lehren, die größte Berufung, Seite 161.) Vielleicht wollen Sie die Familie bitten, von einem selbst erlebten oder beobachteten Erlebnis in Zusammenhang mit Vergebung zu erzählen. Sprechen Sie über diese Erfahrungen und heben Sie die positiven Auswirkungen hervor. Geben Sie zum Abschluss Zeugnis, wie wichtig es ist, dass wir einander vergeben.

Jugendliche

Gebet und Frieden

An einem Abend hatte ich mich mit meiner Mutter gestritten und fühlte mich gar nicht wohl in meiner Haut. Also beschloss ich zu beten. Ich war in ziemlich schlechter Stimmung und wollte eigentlich nicht „geistig“ sein, aber ich wusste, dass mir das Beten helfen würde, mich wohler zu fühlen und nicht mehr so streitlustig zu sein. Als meine Mutter aus dem Zimmer gegangen war, begann ich mit meinem Gebet. „Lieber Vater im Himmel, ich bete heute Abend zu dir, weil …“ Nein. Ich öffnete die Augen und ließ die Arme sinken; dieses Gebet klang so seltsam. Ich versuchte es noch einmal. „Vater im Himmel, ich brauche …“ Das klang auch komisch. Ich spürte, dass der Satan mich davon abhalten wollte, den Vater im Himmel um Hilfe zu bitten.

Da hatte ich die Eingebung, ich solle mich bedanken! Das tat ich auch, und mir fiel sofort vieles ein, wofür ich dem Vater im Himmel danken konnte. Nachdem ich ihm gedankt hatte, besprach ich mein Problem.

Daraufhin spürte ich einen wunderbaren inneren Frieden, der mein Herz anrührte, das sichere Wissen, dass der Vater im Himmel und meine Eltern mich lieben und dass ich ein Kind Gottes bin. Nun konnte ich mich bei meiner Mutter entschuldigen und ihre Entschuldigung annehmen.

Kinder

Vergebung bringt Freude

Präsident Uchtdorf spricht darüber, dass wir einander in der Familie vergeben sollen. Stelle fest, welche Folgen das Verhalten von Jakob und Anna jeweils für die Familie hat.

Jakob und seine kleine Schwester Anna spielen zusammen. Anna schnappt sich Jakobs Spielzeug. Was soll Jakob tun?

Jakob wird wütend auf Anna. Anna weint. Jakobs Mutter ermahnt ihn, er solle nicht mit seiner Schwester streiten. Jakob tut es leid, dass er eine schlechte Entscheidung getroffen hat.

Jakob vergibt Anna und sucht sich ein anderes Spielzeug. Sie spielen fröhlich zusammen. Die Mutter freut sich, dass Jakob zu seiner Schwester freundlich war und es weiterhin friedlich zugeht. Jakob freut sich, dass er bereit war, zu vergeben.

Später sollen Jakob und Anna ihrer Mutter helfen, das Abendessen vorzubereiten. Jakob hilft nicht mit. Was soll Anna tun?

Anna beschwert sich bei ihrer Mutter. Anna beklagt sich, dass sie die Arbeit allein machen muss. Beim Abendessen sind alle wegen des Streits schlechter Stimmung.

Anna vergibt Jakob und hilft, das Abendessen vorzubereiten. Die Mutter ist dankbar für Annas Hilfe. Die Familie genießt das gemeinsame Abendessen. Anna freut sich, dass sie bereit war, zu vergeben.

Wie wirkt sich dein Verhalten darauf aus, ob deine Familie glücklich ist?

Quellenangaben anzeigen

    Anmerkungen

  1.   1.

    Leo N. Tolstoi, Anna Karenina, Deutscher Bücherbund, Seite 7; aus dem Russischen übertragen von Fred Ottow

  2.   2.

    „Weil mir so viel gegeben ist“, Gesangbuch, Nr. 147

  3.   3.

    „Die Familie – eine Proklamation an die Welt“, Liahona, November 2010, Umschlagrückseite; Hervorhebung hinzugefügt