Eine heilige Wandlung


Der San-Salvador-Tempel in El Salvador hat nicht nur das Landschaftsbild verändert; sein Einfluss verändert Herzen, Familien und ein ganzes Land.

Die Wandlung eines Hügels

Am 20. September 2008 versammelten sich etwa 600 Mitglieder der Kirche auf einem vom Regen durchnässten Hügel in San Salvador. Der Boden, auf dem sie standen, war viele Jahre lang als Plantage genutzt worden. Unter der Leitung der Präsidentschaft des Gebiets Mittelamerika beteten die Mitglieder und gaben einander Zeugnis. Einige von ihnen nahmen mit neuen Schaufeln den ersten Spatenstich in der alten Erde vor – in Erwartung einer Veränderung, die sich bald an diesem auserwählten Ort vollziehen sollte.

Am 21. August 2011 begrüßten sich tausende Mitglieder der Kirche in andächtiger Freude auf diesem Hügel. Der Hügel diente nicht länger als Plantage. Vielmehr hatte er sich zum heiligsten Ort in El Salvador gewandelt. Die Menschen scharten sich dort um den Tempel. Gespannt erwarteten sie die Ankunft eines Propheten, Präsident Henry B. Eyring von der Ersten Präsidentschaft, der den Tempel dem Herrn weihen sollte. Ein langjähriges Mitglied der Kirche sagte leise, fast flüsternd, man spüre, dass sich dieser Ort von seiner Umgebung abhebe, denn er sei „ein kleines Stück Himmel auf Erden“.

Die Wandlung einer Familie

Im April 2010 war Evelyn Vigil voll Sorge, ihr Mann Amado könne den Glauben verlieren. Er hatte seit elf Jahren keinen Gottesdienst mehr besucht, da er zu dem Schluss gekommen war, dass die wahre Kirche nicht existiere. Evelyn dagegen hatte nie aufgehört, an Gott zu glauben. Sie ging von einer Kirche zur nächsten, weil sie sich danach sehnte, Gottes Wort zu hören, war aber nie ganz zufrieden mit dem, was sie dort vernahm. Es kam vor, dass sie morgens weinend erwachte. An solchen Tagen flehte sie den Vater im Himmel um Führung an. Sie fragte ihn, warum sie in keiner der Kirchen, die sie besucht hatte, das Gefühl hatte, dort richtig zu sein, obwohl sie sich doch so sehr danach sehnte, etwas von Gott zu lernen. Sie betete darum, dass ihre Familie eines Tages in einer Kirche vereint sein möge.

Am 23. August 2011 hatten Amado und Evelyn Vigil eine Wandlung erlebt, die sich mit der Veränderung vergleichen lässt, die sich auf dem Hügel in ihrer Hauptstadt vollzogen hatte. In Weiß gekleidet, betraten sie mit ihrer neunjährigen Tochter Michelle und ihrem dreijährigen Sohn Christian den Siegelungsraum. Sie waren die erste Familie, die im San-Salvador-Tempel für Zeit und Ewigkeit gesiegelt wurde. So wie der Tempel, den sie betraten, eben erst geweiht worden war, hatten auch sie sich erst vor kurzem dem Werk des Herrn geweiht, und diesen Weg gingen sie als Familie nun gemeinsam.

Familie Vigils Geschichte

„Unsere Geschichte beginnt damit, dass wir zwei Missionare kennengelernt haben“, erzählt Amado, „oder vielmehr: Sie haben uns gefunden. Wir verließen gerade das Haus von Evelyns Eltern und trugen Einkaufstüten. Wir bemerkten, dass die Missionare uns gesehen hatten und über die Straße auf uns zukamen. Einer fragte freundlich, ob sie uns helfen könnten.

Sie fragten auch, ob sie uns besuchen dürften. Ich sagte zu, aber vor allem aus Neugier. Bis dahin hatte ich nicht viel über die Kirche gehört, nur die eine oder andere Bemerkung von anderen Leuten.

Nachdem ich die Missionare zu uns nach Hause eingeladen hatte, sagte ich zu meiner Frau: ‚Mach dir aber keine Hoffnungen. Du brauchst nicht meinen, ich würde mich irgendeiner Kirche anschließen. Ich will eigentlich nur wissen, was sie zu sagen haben.‘

Von da an besuchten uns die Missionare regelmäßig. Ich hatte mir vorgenommen, sie höflich zu bitten, nicht mehr wiederzukommen, sobald sie etwas sagten, was mir nicht richtig vorkam. Aber sie waren sehr freundlich, und es beeindruckte mich, dass sie nie schlecht über andere Kirchen sprachen. Sie waren bei all unseren Gesprächen liebevoll und sehr bemüht, und sie waren geduldig, wenn ich viele Fragen stellte. Wir schlossen sie bald ins Herz.“

Schritt für Schritt bereiteten sich Amado und Evelyn darauf vor, durch Taufe und Konfirmierung Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage zu werden. Evelyns größte Hürde war das Wort der Weisheit. Der Gedanke, für immer auf ihren Kaffee verzichten zu müssen, machte ihr zu schaffen. Amado brauchte keine Gewohnheiten aufzugeben. Er musste nur lernen, an der Wahrheit festzuhalten. Er glaubte das, was die Missionare erklärten, und ihm war bewusst, dass viele Lehren und Gepflogenheiten der Kirche gerade das waren, was ihm und seiner Frau in anderen Kirchen immer gefehlt hatte, wie etwa die ewige Familie, Taufen für Verstorbene oder die Gemeinschaft und die Organisation innerhalb der Kirche. Dennoch zögerte er, sich taufen zu lassen. Er war besorgt, er könne sich der Kirche anschließen und kurz darauf feststellen, dass es die falsche Entscheidung gewesen war.

Doch seine Bedenken zerstreuten sich bald. Evelyn betete um Hilfe und schaffte es, sich das Kaffeetrinken abzugewöhnen. Sie meinte: „Der Kaffee soll mich nicht davon abhalten, Segnungen zu empfangen.“ Zwei Monate lang war Amado noch unschlüssig, doch dann war er bereit, sich taufen zu lassen. Inzwischen hört ihn seine Frau häufig sagen: „Man muss die Lehre annehmen.“

Veränderungen und Segnungen

Amado, Evelyn und Michelle wurden Anfang Juni 2011 getauft und konfirmiert. „Vom Tag unserer Taufe an konnte ich spüren, wie sich nun alles verändert“, berichtet Evelyn. „Meine Familie war in der Kirche vereint. Wir hatten das wiederhergestellte Evangelium gefunden. Wir haben seither Prüfungen und Krankheit erlebt, aber der Vater im Himmel hat uns viele Segnungen geschenkt.“

Amado meint dazu: „Als Erstes fiel mir die Einigkeit in der Familie auf. Das heißt nicht, dass wir zuvor große Probleme gehabt hatten, aber nun herrschte mehr Einigkeit. Die Lehren des Evangeliums waren hilfreich. Als wir von den Führern der Kirche hörten, wie heilig die Familie ist, machten wir uns mehr Gedanken darüber, welchen Stellenwert wir ihr einräumen sollen.“

Ihr Bischof, César Orellana, bemerkte ebenfalls Veränderungen bei Familie Vigil. Bald nach der Taufe ging Amado auf Bischof Orellana zu und sagte: „Wir wollen den Zehnten zahlen, wissen aber nicht, wie.“

Bischof Orellana erklärte ihnen, der Zehnte seien zehn Prozent ihres Einkommens. Amado war beunruhigt. Zu der Zeit hatte Evelyn Arbeit, er aber nicht. „Das Geld reicht nie aus“, erklärte Amado dem Bischof, „aber wir wollen den Zehnten zahlen.“

Bischof Orellana erwiderte: „Bruder, der Herr hat viele Verheißungen gegeben.“ Sie lasen zusammen einige Schriftstellen über die Segnungen, die man empfängt, wenn man treu den Zehnten zahlt, unter anderem auch das, was der Herr durch den Propheten Maleachi verkündet hatte: „Bringt den ganzen Zehnten ins Vorratshaus … Ja, stellt mich auf die Probe damit, spricht der Herr der Heere, und wartet, ob ich euch dann nicht die Schleusen des Himmels öffne und Segen im Übermaß auf euch herabschütte.“ (Maleachi 3:10.)

Nachdem sie diese Schriftstellen gelesen hatten, wandte sich Bischof Orellana an den Neubekehrten und sagte: „Wenn Sie entweder nur den Zehnten oder nur Wasser und Strom zahlen können: Zahlen Sie den Zehnten! Wenn Sie entweder den Zehnten oder die Miete zahlen können, zahlen Sie den Zehnten. Selbst wenn Sie dann nicht genügend Geld haben, um Ihre Familie zu ernähren, zahlen Sie den Zehnten. Der Herr wird Sie nicht im Stich lassen.“

Am nächsten Sonntag ging Amado wieder auf Bischof Orellana zu. Dieses Mal stellte er keine Fragen. Er überreichte ihm einfach einen Umschlag und sagte: „Bischof, hier ist unser Zehnter.“

Bischof Orellana sagt rückblickend: „Seit damals haben sie immer treu den Zehnten gezahlt.“ Solange die Familie finanzielle Schwierigkeiten hatte, bekam sie Waren aus dem Vorratshaus des Bischofs. Doch der Herr segnete sie, sodass sie bald für sich selbst sorgen konnten. Evelyn wurde befördert, und Amado fand eine gute Anstellung. Später verlor Evelyn ihre Arbeitsstelle, aber sie zahlten weiterhin den Zehnten und empfingen aufgrund ihrer Glaubenstreue geistige und materielle Segnungen. Einmal fragte Bischof Orellana, wie es der Familie finanziell gehe. Amado erwiderte: „Wir kommen gut zurecht. Manchmal haben wir nicht viel zu essen, aber wir haben genug. Und vor allem vertrauen wir auf den Herrn.“

Nachdem Evelyn und Amado bereits eine Zeit lang den Zehnten gezahlt hatten, unterhielten sie sich mit Bischof Orellana darüber, inwiefern sie gesegnet worden waren. Auf Maleachi 3:10 anspielend, erklärten sie: „Wir haben den Herrn auf die Probe gestellt.“ Und wie Bischof Orellana es ihnen verheißen hatte, hat der Herr sie nie im Stich gelassen.

Eine neue Perspektive

Evelyn und Amado sprechen sehr bewegt von dem Tag, als sie und ihre Kinder im Siegelungsraum knieten. Sie hatten befürchtet, dass ihre Kinder, die ja während des Endowments warten mussten, bis zur Siegelung schon unruhig sein würden. Ihre Sorge galt vor allem dem lebhaften dreijährigen Christian. Doch die Kinder kamen ruhig und andächtig in den Siegelungsraum, als ob sie ganz genau wüssten, warum sie hier waren. Und als es dann so weit war, dass die Kinder an ihre Eltern gesiegelt wurden, ging Christian ohne jede Aufforderung zum Altar und kniete sich neben seine Eltern.

Evelyn erinnert sich an das Bild ihrer Familie in den Spiegeln des Tempels. Auch Amado hat ein Bild vor Augen, nicht nur im Tempel, sondern auch im Alltag. Er ist dankbar, dass sein Leben nun davon geleitet wird, dass sie den Blick auf die Ewigkeit richten – und diesen Blick auf die Ewigkeit scheinen auch Michelle und Christian im Haus des Herrn gespürt zu haben. Und dieser Blickwinkel weitet sich immer mehr. Mittlerweile hat Familie Vigil ein weiteres Kind bekommen: Andrea, die im August im Bund geboren wurde.

Ein Licht auf einem Berg

Familie Vigil hat durch das Sühnopfer Jesu Christi und durch den Einfluss des Tempels in ihrem Heimatland eine grundlegende Wandlung erlebt. Weil eine Plantage in heiligen Boden umgewandelt wurde, ist auch ihr Zuhause heiliger geworden.

In vielerlei Hinsicht steht Familie Vigil für die verheißungsvolle Zukunft des gesamten Landes. In El Salvador leben Millionen guter, redlicher Menschen, die tagtäglich vom Lärm und den Verlockungen der Welt bestürmt werden. Die Mitglieder der Kirche in El Salvador lieben ihr Heimatland, und der Tempel des Herrn, der hier gebaut wurde, macht ihnen Hoffnung. Die Worte, die Präsident Eyring im Weihungsgebet gesprochen hat, stimmen sie zuversichtlich:

„Wir bitten darum, dass dein Segen auf dem Land El Salvador ruhen möge. Berühre das Herz derer, die regieren, damit die Menschen Freiheit und vielerlei Chancen genießen können. Möge Frieden in diesem Land herrschen.

Lass dein Werk in diesem Land gedeihen. Möge die Botschaft des Evangeliums das Herz der Menschen im ganzen Land berühren. Mögen sie zu den Wassern der Taufe kommen und glaubensstark und dir treu bleiben. …

Mit dankbarem Herzen widmen und weihen wir dieses heilige Gebäude und das dazugehörige Gelände der Verwirklichung deines Willens und der Erfüllung deines ewigen Werkes. Möge der Einfluss dieses Tempels im ganzen Land wie ein Licht auf einem Berg erkennbar sein.“1

Ein großer Teil dieses Einflusses ist sicherlich am Engagement und Beispiel von Menschen wie Familie Vigil erkennbar. Mit belegter Stimme und Tränen in den Augen spricht Amado Vigil von den Missionaren, die den Weg bereitet haben, damit er und seine Familie zu Christus kommen und die Segnungen des Tempels empfangen konnten. „Wir hoffen, dass unsere Kinder einmal auf Mission gehen“, sagt er, „damit sie anderen Familien Gutes tun können, so wie diese jungen Männer uns Segen gebracht haben.“

Quellenangaben anzeigen

    Anmerkung

  1.   1.

    „‚May Peace Reign in the Land‘ – Dedicatory Prayer for El Salvador Temple“, Church News, 27. August 2011, ldschurchnews.com