Wir sprechen von Christus

Ausreichend heil

Michele Reyes

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    Wie sollte ich, die Einarmige, Windeln wechseln, Essen kochen oder meine Kinder trösten können?

    Mit 17 verlor ich bei einem Autounfall den größten Teil meines linken Arms. Dadurch sollte sich mein Leben für immer ändern. Trotz schwieriger Tage und beschwerlicher Augenblicke habe ich durch dieses läuternde Feuer die Macht des Sühnopfers höchstpersönlich erlebt.

    Mein Leben dreht sich derzeit einzig und allein darum, Ehefrau und Mutter zu sein, und diesen beiden Aufgaben komme ich mit ganzem Herzen nach. Doch bevor meine Kinder zur Welt kamen, habe ich meine Eignung zur Mutterschaft hinterfragt. Wie sollte ich, die Einarmige, Windeln wechseln, Essen kochen oder meine Kinder trösten können? Fünfzehn Jahre später bin ich – mit fünf lieben Kindern – mittendrin im Muttersein. Ich komme gut damit zurecht, und meine Kinder bemerken kaum, dass ich anders bin als andere Mütter. Mein fehlender Arm ist kein Hindernis mehr, er ist vielmehr ein Symbol der Liebe. Für meine Kinder ist es tröstlich, wenn sie sich – abends beim Einschlafen oder wenn sie weinen – an dem Stumpf festhalten können. Diese Anhänglichkeit mag verschiedene Ursachen haben, doch für mich ist sie ein Beweis dafür, dass der Heiland auch etwas Tragisches in etwas Gutes verwandeln kann.

    Ich kann gar nicht beschreiben, wie schön es ist, dass dieser Teil von mir meinen Kindern solchen Trost bieten kann. Die Mutterschaft hat meine Einstellung zu meiner körperlichen Benachteiligung verändert, und ich spüre, wie das Sühnopfer schon begonnen hat, mich zu heilen.

    Die täglichen Anforderungen an eine Mutter erweisen sich hin und wieder als schwierig. Schwere Zeiten sind für mich ein Anlass, über die Tatsache der Auferstehung nachzudenken und über die Fähigkeit des Erlösers, mich zu heilen. Die glaubensstärkenden Berichte, wie Christus Menschen geheilt hat, sind aus diesem Grund für mich von besonderer Bedeutung. Wie der Heiland die Menschen auf dem amerikanischen Kontinent besucht und ihre Kranken heilt, gehört zu meinen Lieblingsstellen. Ich habe mir vorgestellt, wie es wohl gewesen sein mag, zu denen zu gehören, die vom Erlöser geheilt wurden. Der Bericht beginnt mit seiner liebevollen Aufforderung:

    „Habt ihr welche unter euch, die krank sind? Bringt sie her. Habt ihr welche, die lahm sind oder blind oder hinkend oder verkrüppelt … oder die in irgendeiner Weise bedrängt sind? Bringt sie her, und ich werde sie heilen, denn ich habe Mitleid mit euch; mein Inneres ist von Barmherzigkeit erfüllt. …

     Denn ich sehe, dass ihr genügend Glauben habt, sodass ich euch heilen kann. …

     Als er so geredet hatte, ging die ganze Menge einmütig hin, mit ihren Kranken und ihren Bedrängten und ihren Lahmen und mit ihren Blinden und mit ihren Stummen und mit all denen, die auf irgendeine Weise bedrängt waren; und er heilte sie, jeden Einzelnen.“ (3 Nephi 17:7-9.)

    Dieses Ereignis zählt für mich zu den bewegendsten in den heiligen Schriften. Doch meine Sichtweise hat sich verändert, seit ich die Mutterschaft mit einem Arm bereitwillig auf mich genommen habe. Früher dachte ich, ich gehöre wohl zu den Menschen, die sich am meisten auf die Auferstehung freuen und auf die Vorstellung, heil gemacht zu werden. Doch jetzt habe ich es nicht mehr so eilig. Ich merke immer mehr, wie das Sühnopfer schon jetzt in meinem Leben wirkt. Ich habe erkannt, dass die heilende Kraft nicht erst bei der Auferstehung wirksam werden muss. Das Heil-Werden hat bereits begonnen, und zwar an jedem Abend, wenn eines meiner Kinder zärtlich das hält, was mir von meinem Arm geblieben ist, und allmählich einschläft. Diese Erkenntnis war für mich ebenso bedeutsam, wie es eine wundersame körperliche Heilung gewesen wäre. In meinen Augen bin ich derzeit so heil, wie ich sein muss.

    Oben: Foto von Robert Casey