Die Abwägung von Wahrheit und Toleranz

Aus einer Ansprache, die am 11. September 2011 bei einer CES-Fireside gehalten wurde. Den englischen Test finden Sie in voller Länge unter mormonnewsroom.org/article/-truth-and-tolerance-elder-dallin-h-oaks.


Dallin H. Oaks

Ob es eine Wahrheit gibt und worin sie besteht, gehört zu den Grundfragen des irdischen Lebens. Jesus erklärte dem römischen Statthalter Pilatus, er sei dazu in die Welt gekommen, „dass [er] für die Wahrheit Zeugnis ablege“. Der Nichtgläubige erwiderte: „Was ist Wahrheit?“ (Johannes 18:37,38.) Zu einem früheren Zeitpunkt hatte der Heiland gesagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Johannes 14:6.) In neuzeitlicher Offenbarung verkündete er: „Wahrheit ist Kenntnis von etwas, wie es ist und wie es war und wie es kommen wird.“ (LuB 93:24.)

Wir glauben daran, dass es absolute Wahrheiten gibt, etwa die, dass Gott existiert und dass durch seine Gebote unmissverständlich festgelegt ist, was richtig und was falsch ist. Wir wissen, dass die Existenz Gottes und die Existenz absoluter Wahrheiten ganz wesentlich für das Leben auf dieser Erde sind, ob man nun an diese Tatsachen glaubt oder nicht. Wir wissen auch, dass es das Böse gibt und dass manches einfach ganz und gar und in alle Ewigkeit falsch ist.

Erschütternde Berichte, wie weit verbreitet Diebstahl und Korruption in der zivilisierten Gesellschaft sind, zeugen von einer moralischen Leere, in der viele kaum ein Gespür dafür haben, was richtig und was falsch ist. Ausschreitungen, Plünderungen und Betrügereien haben vielfach die Frage aufkommen lassen, ob westlichen Ländern die moralische Grundlage verloren geht, die sie ihrem jüdisch-christlichen Erbe verdanken.1

Man muss sich um unsere moralische Grundlage in der Tat Sorgen machen. Wir leben in einer Welt, in der immer mehr einflussreiche Persönlichkeiten die Überzeugung äußern, dass nichts absolut richtig oder falsch sei und dass alle Befugnisse und Verhaltensregeln vom Menschen festgelegt werden und vor Gottes Geboten durchaus Vorrang haben dürfen. Und dementsprechend handeln sie auch. Viele bezweifeln gar, dass es einen Gott gibt.

Der moralische Relativismus, ein Denkmodell, demzufolge jeder Mensch selbst bestimmen kann, was richtig und was falsch ist, ist für viele in den Vereinigten Staaten und anderen westlichen Ländern inoffiziell zum Glaubensbekenntnis geworden. Im Extremfall sind Untaten, die bisher örtlich begrenzt waren und verborgen wurden wie ein Geschwür, jetzt legal und werden stolz zur Schau gestellt. Unter dem Eindruck dieses Denkmodells haben sich viele aus der heranwachsenden Generation egoistischen Vergnügungen verschrieben – Pornografie, Unehrlichkeit, unflätiger Sprache und freizügiger Kleidung. Sie bemalen und durchstechen den Körper wie nach heidnischem Brauch und geben sich entwürdigender sexueller Zügellosigkeit hin.

Viele religiöse Führer erklären, dass es Gott gibt und dass er der oberste Gesetzgeber ist. Er hat verfügt, dass manche Verhaltensweisen absolut richtig und wahr sind und andere absolut falsch und irrig.2 Die Propheten in der Bibel und im Buch Mormon haben diese Zeit vorhergesehen, in der die Menschen „mehr dem Vergnügen als Gott zugewandt“ sind (2 Timotheus 3:4) und in der sie wahrhaftig Gott leugnen (siehe Judas 1:4; 2 Nephi 28:5; Moroni 7:17; LuB 29:22).

In dieser beunruhigenden Lage stehen wir, die wir an Gott und die damit einhergehende Tatsache glauben, dass manches absolut richtig oder falsch ist, vor der Herausforderung, in einer gottlosen und immer unmoralischeren Welt zu leben. In dieser Lage sind wir alle – insbesondere die heranwachsende Generation – verpflichtet, uns zu erheben und klar und deutlich zu bekräftigen, dass Gott existiert und dass durch seine Gebote absolute Wahrheiten festgelegt worden sind.

Viele Lehrer an den Schulen und Hochschulen lehren diesen ethischen Relativismus und handeln auch dementsprechend. Damit beeinflussen sie die Einstellung vieler junger Menschen, die als Lehrer unserer Kinder nachrücken oder über Medien und Unterhaltungsangebote die Einstellung der Öffentlichkeit prägen. Dieser moralische Relativismus leugnet in seinem Denkmodell das, was Millionen gläubiger Christen, Juden und Muslime für grundlegend halten, und diese Tatsache stellt uns alle vor gravierende Probleme. Was ein Gläubiger da machen sollte, führt mich zum zweiten Schwerpunkt meiner Ausführungen, nämlich der Toleranz.

Toleranz wird definiert als wohlwollende und gerechte Einstellung gegenüber ungewohnten oder von der eigenen Ansicht abweichenden Meinungen oder Bräuchen sowie denjenigen gegenüber, die ihnen anhängen. Da die modernen Verkehrs- und Kommunikationsmittel fremde Menschen und fremde Vorstellungen uns allen nähergebracht haben, brauchen wir alle mehr Toleranz.

Dass wir dieser Diversität ausgesetzt sind, macht unser Leben sowohl reicher als auch komplizierter. Es ist eine Bereicherung, fremde Völker kennenzulernen, denn es führt uns die wunderbare Vielfalt der Kinder Gottes vor Augen. Unterschiedliche Kulturen und Wertvorstellungen zwingen uns aber auch, zu überlegen, was sich mit der Kultur und den Werten des Evangeliums verträgt und was nicht. Auf diese Weise verstärken Unterschiede das Konfliktpotenzial; sie verlangen uns ab, dass wir gründlicher überlegen, was es mit der Toleranz auf sich hat. Was ist Toleranz, wann muss man sie üben und wann darf man sie nicht üben?

Diese Fragen zu beantworten fällt denjenigen, die an die Existenz Gottes und an absolute Wahrheit glauben, schwerer als denjenigen, die an einen moralischen Relativismus glauben. Je weniger jemand an Gott glaubt und je weniger Grundsätze er als ethisch unumstößlich ansieht, desto weniger ergeben sich Situationen, in denen seine Toleranz den Vorstellungen oder Bräuchen anderer gegenüber gefordert wird. Beispielsweise braucht sich ein Atheist keine Gedanken darüber machen, welches gottlose oder gotteslästerliche Verhalten toleriert werden kann und gegen welches man angehen sollte. Ein Mensch, der nicht an Gott oder an absolute Wahrheit in sittlichen Fragen glaubt, kann sich für den tolerantesten aller Zeitgenossen halten. Bei ihm ist fast alles erlaubt. In so einer Glaubenswelt wird fast jedes Verhalten und fast jeder Mensch toleriert. Leider haben einige von denen, die dem moralischen Relativismus anhängen, offenbar jedoch Schwierigkeiten damit, diejenigen zu tolerieren, die darauf beharren, dass es einen Gott gibt, der zu respektieren ist, und dass bestimmte ethische Prinzipien eingehalten werden sollten.

Drei absolute Wahrheiten

Was bedeutet also Toleranz für uns und andere Gläubige und wann ist es für uns besonders schwer, Toleranz zu üben? Ich möchte mit drei absoluten Wahrheiten beginnen. Ich lege sie zwar als Apostel des Herrn Jesus Christus dar, bin aber überzeugt, dass die meisten Gläubigen diese Meinung teilen.

Erstens sind alle Menschen Brüder und Schwestern unter Gott, und sie werden in ihrer jeweiligen Religion dazu angehalten, einander zu lieben und Gutes zu tun. Präsident Gordon B. Hinckley (1910–2008) hat diesen Gedanken für die Mitglieder unserer Kirche so formuliert: „Wir alle [die wir verschiedenen Religionen angehören] glauben, dass Gott unser Vater ist, auch wenn wir unterschiedliche Auffassungen von ihm haben. Wir alle gehören einer riesigen Familie an, der Menschheit. Wir sind Söhne und Töchter Gottes und somit Brüder und Schwestern. Wir müssen uns mehr um beiderseitigen Respekt bemühen, um eine nachsichtige Haltung, um gegenseitige Toleranz – ungeachtet der Lehren und Philosophien, zu denen wir uns bekennen.“3

Beachten Sie, dass Präsident Hinckley von beiderseitigem Respekt und von Toleranz gesprochen hat. Das Zusammenleben mit beiderseitigem Respekt vor der Verschiedenheit des anderen stellt in der heutigen Welt eine Herausforderung dar. Dass man mit Unterschieden lebt, ist jedoch – und hier verkünde ich eine zweite absolute Wahrheit – genau das, was das Evangelium Jesu Christi von uns verlangt.

Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, sagte Jesus (siehe Matthäus 13:33). Im Sauerteig geht die Hefe in einer großen Masse unter, bis alles durchsäuert ist und durch ihre Wirkung aufgeht. Unser Erlöser erklärte auch, dass seine Anhänger in der Welt bedrängt würden (siehe Johannes 16:33), dass ihre Anzahl und ihre Herrschaft gering sein würden (siehe 1 Nephi 14:12) und dass sie gehasst werden würden, weil sie nicht von der Welt seien (siehe Johannes 17:14). Aber eben das ist unsere Aufgabe. Wir sind dazu berufen, mit anderen Kindern Gottes, die unsere Überzeugung und unsere Wertvorstellungen nicht teilen und die nicht wie wir Bündnispflichten eingegangen sind, zusammenzuleben. Wir sollen in der Welt sein, aber nicht von der Welt.

Da es den Nachfolgern Jesu Christi geboten ist, wie der Sauerteig zu sein, müssen wir uns um die Toleranz derjenigen bemühen, die uns dafür hassen, dass wir nicht von der Welt sind. Dazu gehört, dass wir manchmal Gesetze in Frage stellen müssen, die unsere Freiheit, unserem Glauben nachzugehen, einschränken würden, und zwar im Vertrauen auf unser verfassungsmäßiges Recht auf freie Religionsausübung. Die große Frage ist, „ob die Anhänger der verschiedenen Glaubensrichtungen in der Lage sind, ihr Verhältnis zu Gott und zueinander zu regeln, ohne dass sich der Staat einmischen muss“.4 Darum brauchen wir Verständnis und Unterstützung, wenn wir für Religionsfreiheit eintreten müssen.

Aber auch wir müssen unseren Mitmenschen gegenüber Toleranz üben und sie respektieren. Wie der Apostel Paulus sagte, soll ein Christ „nach dem streben, was zum Frieden … beiträgt“ (Römer 14:19) und nach Möglichkeit „mit allen Menschen Frieden [halten]“ (Römer 12:18). Folglich sollten wir darauf achten, all das Gute anzuerkennen, was wir bei allen Menschen und in vielen Ansichten und Gebräuchen vorfinden, die von unseren abweichen. Wie steht es im Buch Mormon?

„Alles, was gut ist, [kommt] von Gott …

Darum ist alles, was einlädt und lockt, Gutes zu tun und Gott zu lieben und ihm zu dienen, von Gott eingegeben.

Darum gebt acht, … damit ihr nicht etwa urteilt, … das, was gut und von Gott ist, sei vom Teufel.“ (Moroni 7:12-14.)

Eine solche Einstellung gegenüber Unterschieden wird zu Toleranz und auch zu Respekt führen.

Unsere Toleranz und unser Respekt gegenüber anderen und ihrer Überzeugung sind kein Grund, unsere Verpflichtung gegenüber den Wahrheiten, die wir erkannt, und den Bündnissen, die wir geschlossen haben, aufzugeben. Das ist eine dritte absolute Wahrheit. Wir sind zu aktiven Teilnehmern im Krieg zwischen Wahrheit und Irrtum bestimmt. Es gibt keinen neutralen Standpunkt. Wir müssen für die Wahrheit eintreten, auch wenn wir Toleranz üben und Ansichten und Vorstellungen respektieren müssen, die von den unseren abweichen, so wie wir gleichfalls auch deren Vertreter respektieren.

Toleranz gegenüber Verhalten

Aber auch wenn wir Toleranz gegenüber anderen und ihrer Überzeugung üben und sie respektieren, wozu auch ihr Recht gehört, ihre Ansicht zu erläutern und zu verfechten, wird von uns nicht erwartet, falsches Verhalten zu respektieren und zu tolerieren. Da wir der Wahrheit gegenüber verpflichtet sind, müssen wir uns um Abhilfe bemühen, wenn es um Verhaltensweisen geht, die falsch sind. Das ist ziemlich leicht bei extremen Verhaltensweisen, die von den meisten Gläubigen und Ungläubigen als falsch oder unannehmbar angesehen werden.

Bei weniger extremen Verhaltensweisen, wo selbst die Gläubigen uneins sind, ob sie falsch sind, ist die Art und das Ausmaß dessen, was zu tolerieren ist, weit schwieriger zu bestimmen. So schrieb mir eine Schwester aus der Kirche über ihre Sorge, dass die Auffassung der Welt, was Toleranz sei, offenbar immer mehr darauf hinauslaufe, dass man einen schlechten Lebensstil tolerieren müsse. Sie fragte mich, wie der Herr wohl Toleranz definiere.5

Präsident Boyd K. Packer, Präsident des Kollegiums der Zwölf Apostel, hat erklärt: „Der Begriff Toleranz steht nicht für sich allein. Es gehört ein Objekt dazu und eine Reaktion, damit er als Tugend gilt. … Toleranz wird oft eingefordert, aber selten erwidert. Hüten Sie sich vor dem Begriff Toleranz. Das ist eine sehr instabile Tugend.“6

Diese inspirierte Warnung weist uns darauf hin, dass Toleranz gegenüber Verhaltensweisen für jemanden, der an absolute Wahrheiten glaubt, eine Medaille mit zwei Seiten ist. Toleranz oder Respekt steht auf einer Seite der Medaille, Wahrheit aber stets auf der anderen. Man kann die Medaille Toleranz nicht besitzen oder betrachten, ohne beider Seiten gewahr zu sein.

Der Erlöser hat diesen Grundsatz befolgt. Als er der Frau gegenüberstand, die beim Ehebruch ertappt worden war, sprach Jesus tröstende Worte voller Toleranz: „Auch ich verurteile dich nicht.“ Und als er sie dann fortschickte, sprach er gebieterisch Worte voller Wahrheit: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Johannes 8:11.) Wir alle sollten uns von diesem Beispiel, wie man sowohl tolerant ist als auch die Wahrheit spricht, aufrichten und bestärken lassen: freundlich in der Formulierung, doch fest in der Wahrheit.

Ein weiteres Mitglied der Kirche schrieb nachdenklich: „Ich höre oft, wie der Name des Herrn missbraucht wird. Ich habe auch Bekannte, die mir sagen, dass sie mit ihrem Freund zusammenleben. Ich habe festgestellt, dass die Sabbatheiligung im Grunde genommen der Vergangenheit angehört. Wie kann ich befolgen, was ich gelobt habe – nämlich als Zeuge aufzutreten –, ohne diese Menschen zu kränken?“7

Ich beginne mit unserem persönlichen Verhalten. Wenn wir die manchmal konkurrierenden Anforderungen, die Wahrheit und Toleranz in diesen drei Bereichen – Fluchen, ohne Trauschein zusammenleben, den Sabbat nicht heilighalten – und vielen anderen an uns stellen, gegeneinander abwägen, dürfen wir mit uns selbst nicht tolerant sein. Wir müssen uns von dem leiten lassen, was die Wahrheit erfordert. Wir müssen stark sein, wenn es darum geht, die Gebote und unsere Bündnisse zu halten, und wir müssen umkehren und besser werden, wenn es uns nicht recht gelingt.

Präsident Thomas S. Monson hat gesagt: „Das Gesicht der Sünde verbirgt sich heute oft hinter der Maske der Toleranz. Lasst euch nicht täuschen; hinter der Fassade warten Kummer, Elend und Schmerz. … Wenn euch sogenannte Freunde drängen, etwas zu tun, wovon ihr wisst, dass es falsch ist, dann tretet für das Rechte ein, auch wenn ihr ganz allein dasteht.“8

In ähnlicher Weise steht im Umgang mit unseren Kindern oder anderen, deren Unterweisung uns obliegt, die Verpflichtung zur Wahrheit ganz oben. Selbstverständlich können alle Erziehungsversuche nur Früchte tragen, wenn man anderen ihre Entscheidungsfreiheit lässt. Zu unserer Unterweisung müssen also stets Liebe, Geduld und gutes Zureden gehören.

Ich wende mich nun unserer Verpflichtung zu Wahrheit und Toleranz in persönlichen Beziehungen mit denjenigen zu, die in unserem Beisein fluchen, ohne Trauschein zusammenleben oder den Sabbat nicht angemessen einhalten.

Unsere Verpflichtung der Toleranz gegenüber erfordert, dass wir uns von keiner dieser Verhaltensweisen – oder anderen, die wir für eine Abweichung von der Wahrheit halten – je zu hässlichen Worten oder lieblosen Taten hinreißen lassen. Unsere Verpflichtung zur Wahrheit geht jedoch mit einem eigenen Bündel an Bedingungen und auch an Segnungen einher. Wenn wir „untereinander die Wahrheit“ reden und wenn wir „uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten“ (siehe Epheser 4:15,25), handeln wir als Diener des Herrn Jesus Christus und verrichten sein Werk. Engel werden uns beistehen und er wird seinen Heiligen Geist senden, um uns zu leiten.

In so heiklen Fragen sollten wir zuerst überlegen, ob – und inwieweit – wir unseren Mitmenschen offenlegen müssen, was wir im Hinblick auf ihr Verhalten als wahr erkannt haben. In den meisten Fällen können wir diese Entscheidung davon abhängig machen, wie unmittelbar wir persönlich davon betroffen sind.

Wenn jemand in unserem Beisein ständig flucht, ist das Grund genug, ihn auf die Tatsache hinzuweisen, dass wir das anstößig finden. Wenn ein Ungläubiger in unserer Abwesenheit flucht, haben wir wohl keinen Anlass, ihn darauf hinzuweisen.

Ohne Trauschein zusammenzuleben ist, wie wir wissen, eine schwere Sünde, die ein Mitglied der Kirche nicht begehen darf. Wenn das jemand aus unserem Umfeld macht, kann er es im Stillen tun oder von uns erwarten, dass wir es dulden, fördern oder überhaupt erst ermöglichen. Beim Abwägen zwischen Wahrheit und Toleranz kann die Toleranz den Ausschlag geben, wenn das Verhalten uns persönlich nicht betrifft. Wenn wir von dem Zusammenleben ohne Trauschein jedoch irgendwie persönlich betroffen sind, müssen wir uns von unserer Verpflichtung zur Wahrheit leiten lassen. Beispielsweise ist es eine Sache, eine schwere Sünde zu ignorieren, wenn sie im Stillen stattfindet, eine ganz andere jedoch, wenn von uns erwartet wird, sie zu fördern oder stillschweigend zu dulden, etwa wenn wir sie in unseren eigenen vier Wänden zulassen.

Was das Heilighalten des Sabbats betrifft, sollten wir vielleicht unsere Überzeugung erläutern, dass die Einhaltung des Sabbats einschließlich der Teilnahme am Abendmahl unserer geistigen Wiederherstellung dient und uns für den Rest der Woche zu besseren Menschen macht. Wir könnten anderen Gläubigen gegenüber auch zum Ausdruck bringen, dass wir dafür dankbar sind, beim Allerwichtigsten eine gemeinsame Basis zu haben: Wir alle glauben an Gott und an die Existenz absoluter Wahrheit, auch wenn wir diese Grundlagen unterschiedlich definieren. Darüber hinaus dürfen wir die Worte des Erlösers nicht vergessen, dass wir Streit meiden sollen (siehe 3 Nephi 11:29,30) und dass unser Beispiel und „unser Predigen die warnende Stimme sein [sollen], jedermann für seinen Nächsten, voll Milde und voll Sanftmut“ (LuB 38:41).

Bei all dem dürfen wir uns nicht erlauben, zu beurteilen, welche Folgen das Verhalten unseres Nächsten für ihn letztlich haben wird. Dieses Urteil steht dem Herrn zu, nicht uns.

Grundsätze bei öffentlichen Debatten

Wenn ein Gläubiger sich in der Öffentlichkeit äußert, um aufgrund seiner Ansichten die Ausarbeitung oder Durchsetzung von Gesetzen zu beeinflussen, sollten andere Grundsätze gelten.

Erstens: Er muss sich um Inspiration vom Herrn bemühen und überlegen und weise vorschlagen, welche wahren Grundsätze zum Gesetz erhoben und daher auch durchsetzbar werden sollen. Im Allgemeinen sollte man davon absehen, Gesetze oder Verwaltungsmaßnahmen anzustreben, die nur dazu dienen, die jeweils eigenen Ansichten zu fördern – und sei es auch nur implizit –, wie zum Beispiel die Durchsetzung von Formen der Gottesverehrung. Der Gläubige kann weniger Vorsicht walten lassen, wenn es darum geht, dass der Staat Grundsätze schützen soll, die weiter reichen, als lediglich die Ausübung des Glaubens zu erleichtern – zum Beispiel durch Gesetze, die dem Wohl, der Sicherheit und den sittlichen Normen innerhalb der Gesellschaft dienen.

Der Gläubige kann und muss Gesetze anstreben, die die Religionsfreiheit bewahren. Neben zunehmendem moralischem Relativismus ist in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern eine besorgniserregende Abnahme der allgemeinen Wertschätzung von Religion zu beobachten. Einst selbstverständlicher Teil des Lebens in Amerika, gilt die Religion heute vielen als suspekt. Einige einflussreiche Leute stellen sogar in Frage, in welchem Ausmaß unsere Verfassung die freie Religionsausübung schützen sollte, wozu auch das Recht gehört, religiöse Grundsätze zu befolgen und zu predigen.

Dies ist eine sehr wichtige Frage, in der wir, die wir an ein höheres Wesen glauben, das festgelegt hat, welches menschliche Verhalten einer absoluten Norm entsprechend richtig oder falsch ist, zusammenstehen und auf die bewährten Rechte pochen müssen, unsere Religion auszuüben, unsere Überzeugung in Fragen von allgemeinem Interesse zu äußern und in der Öffentlichkeit und vor Gericht an Abstimmungen und Debatten teilzunehmen. Wir müssen den Schulterschluss mit anderen Gläubigen suchen, um die Freiheit zu bewahren und zu stärken, für religiöse Ansichten jedweder Art einzutreten und auch für das Recht, danach zu leben. Zu diesem Zweck müssen wir gemeinsam denselben Weg beschreiten, damit wir uns die Freiheit bewahren, getrennte Wege zu gehen, falls unterschiedliche Glaubensansichten dies erfordern.

Zweitens: Wenn ein Gläubiger seine Ansichten in der Öffentlichkeit vertritt, sollte er gegenüber den Ansichten und Standpunkten derer, die seine Überzeugung nicht teilen, stets tolerant sein. Gläubige müssen sich stets liebevoll ausdrücken und ihren Gegnern mit Geduld, Verständnis und Mitgefühl begegnen. Dem gläubigen Christen ist es geboten, seinen Nächsten zu lieben (siehe Lukas 10:27) und zu vergeben (siehe Matthäus 18:21-35). Er sollte auch stets der Worte des Erlösers gedenken: „Segnet die, die euch fluchen, tut Gutes denen, die euch hassen, und betet für die, die euch böswillig behandeln und euch verfolgen.“ (King-James-Bibel, Matthäus 5:44.)

Drittens: Ein Gläubiger darf sich von dem bekannten Vorwurf nicht abschrecken lassen, dass er die Moral gesetzlich regeln wolle. Viele Rechtsbereiche sind in der jüdisch-christlichen Ethik verankert, und zwar seit Jahrhunderten. Die westliche Zivilisation beruht auf Moral und kann ohne sie nicht existieren. John Adams, der zweite Präsident der Vereinigten Staaten, drückte es so aus: „Unsere Verfassung wurde allein für ein moralisch denkendes und religiös gesinntes Volk geschaffen. Für jedes andere Volk wäre sie völlig unzureichend.“9

Viertens: Ein Gläubiger darf sich nicht davor scheuen, Gesetze anzustreben, mit denen allgemeine Verhältnisse oder Bestimmungen beibehalten werden sollen, die es ihm erleichtern, so zu leben, wie sein Glaube es erfordert, wenn diese dem Wohl, der Sicherheit oder der Moral der Allgemeinheit ebenfalls zuträglich sind. Zum Beispiel sind in einer demokratischen Gesellschaft oft religiöse Ansichten die Grundlage des Strafrechts und manchmal auch des Familienrechts, und dennoch sind die einzelnen Gesetze historisch fest verankert und werden akzeptiert. Wo die Gläubigen die Mehrheit darstellen, müssen sie jedoch stets auch auf die Ansichten der Minderheit Rücksicht nehmen.

Zu guter Letzt kommt dieses Abwägen von Wahrheit und Toleranz auch in den folgenden Worten von Präsident Hinckley zum Ausdruck: „Gehen wir auf die Menschen in unserem Land, die nicht unserer Kirche angehören, zu. Seien wir gute Mitmenschen – freundlich, großzügig und gütig. Bringen wir uns in allem in der Gesellschaft ein, was gut ist. Es mag Situationen geben, wo es um schwierige Fragen der Moral geht und wir aus grundsätzlichen Erwägungen heraus nicht nachgeben können. Aber in diesen Fällen können wir höflich anderer Meinung sein, ohne unangenehm zu werden. Wir können die Aufrichtigkeit derjenigen anerkennen, deren Einstellung wir nicht akzeptieren können. Wir können über Grundsätze sprechen, ohne den Menschen anzugreifen.“10

Wächter auf dem Turm

In der Bibel steht, es sei eine der Aufgaben eines Propheten, ein „Wächter“ zu sein, der Israel warnt (siehe Ezechiel 3:17; 33:7). In einer Offenbarung fügte der Herr diesen Rat für das heutige Zion hinzu: Stellt einen „Wächter auf dem Turm“ auf, der „den Feind [sieht], solange er noch weit weg [ist]“, und der warnt, um den „Weingarten vor den Händen des Zerstörers“ zu bewahren (LuB 101:45,54).

Ich spreche als einer dieser Wächter. Ich versichere Ihnen, dass meine Worte wahr sind. Ich verkünde: Ich weiß, dass Gott lebt! Ich bezeuge: Jesus Christus ist der Sohn Gottes. Er wurde für die Sünden der Welt gekreuzigt. Er kommt auf jeden von uns zu und bittet uns immer wieder, seinen Frieden anzunehmen, indem wir von ihm lernen und auf seinen Pfaden wandeln (siehe LuB 19:23).

Quellenangaben anzeigen

    Anmerkungen

  1.   1.

    „Is US a Nation of Liars? Casey Anthony Isn’t the Only One“, The Christian Science Monitor, 19. Juli 2011, Seite 20; „Anarchy in the UK“, The Economist, 13. August 2011, Seite 144

  2.   2.

    Siehe zum Beispiel John Paul II: The Encyclicals in Everyday Language, Hg. Joseph G. Donders, 2005, Seite 212f.; siehe auch Who Needs God, Rabbi Harold Kushner, 2002, Seite 78

  3.   3.

    Teachings of Gordon B. Hinckley, 1997, Seite 665

  4.   4.

    Eric Rassbach, zitiert in William McGurn, „Religion and the Cult of Tolerance“, The Wall Street Journal, 16. August 2011, Seite A11

  5.   5.

    Brief an Dallin H. Oaks, 14. Mai 1998

  6.   6.

    Boyd K. Packer, „Be Not Afraid“, Ansprache am Institut Ogden, 16. November 2008, Seite 5; siehe auch Bruce D. Porter, „Defending the Family in a Troubled World“, Ensign, Juni 2011, Seite 12–18

  7.   7.

    Brief an Dallin H. Oaks, 22. Dezember 1987

  8.   8.

    Thomas S. Monson, „Ein Vorbild an Rechtschaffenheit“, Liahona, Mai 2008, Seite 65

  9.   9.

    Zitiert in The Works of John Adams, Second President of the United States, Hg. Charles Francis Adams, 10 Bände, 1850–1856, 9:229

  10.   10.

    Teachings of Gordon B. Hinckley, 1997, Seite 131