Die Kraft des Gotteswortes

Aus einer Ansprache, die am 22. März 2011 bei einer Andacht an der Brigham-Young-Universität Hawaii gehalten wurde. Den englischen Text finden Sie in voller Länge unter devotional.byuh.edu/archive.


Elder Michael John U. Teh
Kaum etwas bringt uns größeren geistigen Nutzen als das beständige, tägliche Schriftstudium.

Als ich vor vielen Jahren Bischof war, beschlossen meine Ratgeber und ich, jedes Gemeindemitglied einmal im Jahr zu Hause zu besuchen. Bei einem unserer Besuche mussten wir an einem stillgelegten Eisenbahngleis entlanggehen, an dem auf beiden Seiten kleine Hütten aus Pappkarton aufgereiht waren, nicht größer als zwei mal zwei Meter. Diese winzigen Hütten dienten den Familien als Wohnzimmer, Esszimmer, Schlafzimmer und Küche.

Für die Erwachsenen, die dort leben, läuft jeder Tag gleich ab. Die Männer sind meist arbeitslos oder haben nur Gelegenheitsjobs. Den größten Teil des Tages sitzen sie beisammen an behelfsmäßigen Tischen, rauchen und lassen Bierflaschen herumgehen. Auch die Frauen kommen zusammen. Ihre Gespräche drehen sich um die strittigsten Neuigkeiten des Tages und sind gespickt mit Lästereien und Klatsch. Auch Glücksspiele sind dort bei Jung und Alt ein beliebter Zeitvertreib.

Am meisten bestürzte mich, dass die Menschen anscheinend damit zufrieden waren, ihr ganzes Leben so zu verbringen. Später kam ich zu dem Schluss, dass es wahrscheinlich die Hoffnungslosigkeit war, die den meisten das Gefühl gab, sie seien diesem Schicksal unerbittlich ausgeliefert. Der Anblick dieser Hütten ging mir sehr zu Herzen.

Später erfuhr ich, dass mein Ratgeber, ein Ingenieur, in diesem Viertel aufgewachsen war. Darauf wäre ich nie gekommen. Seine Familie war ganz anders als die Familien, die ich dort gesehen hatte. Alle seine Geschwister hatten eine gute Ausbildung und eine intakte Familie.

Der Vater meines Ratgebers war ein einfacher Mann. Nachdem ich ihn kennengelernt hatte, fragte ich mich: Wie hatte er sich über seine Verhältnisse erhoben? Wie hatte er seine Familie aus diesen Umständen befreit? Wie hatte er eine Vorstellung davon gewonnen, was sein könnte? Wie hatte er Hoffnung gefunden, als alles um ihn so hoffnungslos schien?

Viele Jahre später nahm ich im Manila-Tempel in den Philippinen an einer Zusammenkunft teil, zu der alle in den Philippinen tätigen Missionspräsidenten und deren Frauen eingeladen waren. Als ich einen Raum im Tempel betrat, erwartete mich eine wunderbare Überraschung. Vor mir stand der Vater meines Ratgebers – dieser stille, bescheidene Mann – ganz in Weiß gekleidet.

In diesem Moment sah ich zwei Bilder vor mir. Zunächst einen Mann, der mit seinen Kumpels Bier trinkt und sein Leben vergeudet. Und außerdem den gleichen Mann, in Weiß gekleidet, wie er im Tempel heilige Handlungen vollzieht. Dieser krasse Gegensatz, vor allem das wunderbare zweite Bild, wird mir immer in Herz und Sinn bleiben.

Die Kraft des Wortes

Wie gelang es diesem guten Bruder, sich und seine Familie emporzuheben? Die Antwort liegt in der Kraft des Gotteswortes.

Ich glaube, dass uns kaum etwas größeren geistigen Nutzen bringt als das beständige, tägliche Schriftstudium. In Abschnitt 26 des Buches Lehre und Bündnisse – einer Offenbarung, die gegeben wurde, um den Propheten Joseph Smith und andere „zu stärken, zu ermutigen und zu unterweisen“1 – rät der Herr: „Siehe, ich sage euch: Widmet eure Zeit dem Studium der Schriften.“ (Vers 1.)

Im Buch Mormon lesen wir: „Das Predigen des Wortes … hatte eine mächtigere Wirkung auf den Sinn des Volkes … als das Schwert oder sonst etwas, was ihnen zugestoßen war.“ (Alma 31:5.)

Präsident Boyd K. Packer, Präsident des Kollegiums der Zwölf Apostel, hat gesagt: „Wenn wahre Lehre verstanden wird, ändert sich die Einstellung und das Verhalten. Wenn man sich mit den Lehren des Evangeliums befasst, führt das schneller zu einer Besserung des Verhaltens, als wenn man sich mit Verhaltensmustern befasst.“2

Präsident Ezra Taft Benson (1899–1994) hat erklärt: „Der Herr wirkt von innen nach außen. Die Welt wirkt von außen nach innen. Die Welt möchte die Menschen aus den Elendsvierteln holen. Christus holt das Elend aus den Menschen, und dann lassen sie die Elendsviertel von alleine hinter sich. Die Welt will den Menschen formen, indem sie seine Umwelt ändert. Christus ändert den Menschen, und dieser ändert dann seine Umwelt. Die Welt möchte das menschliche Verhalten formen, aber Christus kann die menschliche Natur ändern.“3

Ich bin in den Philippinen aufgewachsen. Dort war die Bibel, wie ich herausgefunden habe, noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur religiösen Führern zugänglich. Die einfachen Menschen durften die Heilige Schrift weder lesen noch besitzen.

Wir hingegen leben in einer Zeit, da die heiligen Schriften leichter zugänglich sind als je zuvor. Zu keiner Zeit in der Weltgeschichte war es für Gottes Kinder so einfach wie heute, diese heiligen Aufzeichnungen zu genießen. Gedruckte Ausgaben der heiligen Schriften kann man bequem in einem Buchladen oder online erwerben. Elektronische Ausgaben sind jederzeit über das Internet zugänglich und können auf die verschiedensten mobilen Endgeräte heruntergeladen werden. Es war noch nie einfacher, Ansprachen vorzubereiten, Artikel zu verfassen oder nach Informationen zu suchen.

Gott hat uns diese neue Technologie zu einem weisen Zweck gegeben. Aber der Widersacher hat seinen Angriff gestartet und nutzt technische Errungenschaften – die uns nach Gottes Absicht eine Hilfe sein sollen –, um sein Ziel zu verfolgen, dass wir nämlich „so elend seien wie er selbst“ (2 Nephi 2:27).

Daher liegt es an uns, dass wir lernen, das, was der Vater im Himmel uns zur Verfügung gestellt hat, sinnvoll, konsequent und richtig zu nutzen.

Die Heiligkeit des Wortes

Als Heilige der Letzten Tage glauben wir an die heiligen Schriften und schätzen sie, aber manchmal steht unser achtloses Verhalten dazu im Widerspruch. In Lehis Traum wird klar und deutlich beschrieben, was geschieht, wenn man den Wert und die Bedeutung der heiligen Schriften nicht versteht:

„Und ich sah zahllose Scharen von Menschen; viele von ihnen strebten vorwärts, um auf den Pfad zu gelangen, der zu dem Baum führte, bei dem ich stand.

Und es begab sich: Sie kamen herzu und betraten den Pfad, der zu dem Baum führte.

Und es begab sich: Es stieg ein Nebel der Finsternis auf, ja, ein überaus dichter Nebel der Finsternis, sodass diejenigen, die den Pfad betreten hatten, ihren Weg verloren, sodass sie abirrten und verlorengingen.“ (1 Nephi 8:21-23.)

Anzunehmen, es genüge, den Weg zu betreten, ohne sich dann auch unbeirrbar an der eisernen Stange festzuhalten, ist töricht und führt sicher zur Vernichtung. Nephi hat erklärt, was es heißt, sich an der eisernen Stange festzuhalten: „Darum müsst ihr mit Beständigkeit in Christus vorwärtsstreben, erfüllt vom vollkommenen Glanz der Hoffnung und von Liebe zu Gott und zu allen Menschen. Wenn ihr darum vorwärtsstrebt und euch am Wort von Christus weidet und bis ans Ende ausharrt, siehe, so spricht der Vater: Ihr werdet ewiges Leben haben.“ (2 Nephi 31:20; Hervorhebung hinzugefügt.)

Betrachten wir doch einmal diejenigen, die den Baum erreichen wollten und wussten, wie wichtig die eiserne Stange dabei war:

„Wer auf das Wort Gottes [hört] und daran [festhält, der wird] niemals zugrunde gehen; auch [können] die Versuchungen und die feurigen Pfeile des Widersachers sie nicht mit Blindheit schlagen, um sie weg ins Verderben zu führen.“ (1 Nephi 15:24.)

Im Buch Alma lesen wir:

„Es ist vielen gegeben, die Geheimnisse Gottes zu kennen; doch ist ihnen das strenge Gebot auferlegt, nichts mitzuteilen außer gemäß dem Maß seines Wortes, das er den Menschenkindern zugesteht, gemäß der Beachtung und dem Eifer, die sie ihm widmen.

Und darum empfängt der, der sein Herz verhärtet, das kleinere Maß des Wortes; und wer sein Herz nicht verhärtet, dem wird das größere Maß des Wortes gegeben, bis es ihm gegeben ist, die Geheimnisse Gottes zu erkennen, bis er sie völlig kennt.

Und denen, die ihr Herz verhärten, wird das kleinere Maß des Wortes gegeben, bis sie nichts von seinen Geheimnissen wissen; und dann werden sie vom Teufel gefangen genommen und nach seinem Willen zur Vernichtung hinabgeführt.“ (Alma 12:9-11.)

Ich meine, wenn man es versäumt, regelmäßig in den heiligen Schriften zu lesen, verhärtet man auf gewisse Weise sein Herz. Verfolgt man diesen Kurs weiter, erhält man das kleinere Maß des Wortes und wird, so befürchte ich, schließlich nichts mehr von den Geheimnissen Gottes wissen. Doch wenn wir täglich die heiligen Schriften in uns aufnehmen, entwickeln wir mehr geistige Kraft und Erkenntnis, entlarven die Täuschungen des Teufels und entdecken die Schlingen, die er ausgelegt hat, um uns zu fangen.

Stellen Sie sich doch einmal diese Fragen und achten Sie darauf, was der Heilige Geist Ihnen in Herz und Sinn gibt:

  • Nehme ich mir Zeit, jeden Tag in den heiligen Schriften zu lesen?

  • Wenn nicht, woran liegt es?

  • Ist dieser Grund für den Herrn annehmbar?

Ich fordere Sie auf, sich zum täglichen Schriftstudium zu entschließen. Gehen Sie heute Abend nicht zu Bett, ohne in den Schriften gelesen zu haben. Wenn Sie darin lesen, vertieft sich Ihr Wunsch, den Willen des Herrn zu tun und Änderungen in Ihrem Leben vorzunehmen.

Man muss die Schriften immer wieder für sich entdecken

Präsident Spencer W. Kimball

„Ich bin überzeugt davon, dass jeder irgendwann im Leben die heiligen Schriften für sich entdecken muss – und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder.“

Präsident Spencer W. Kimball (1895–1985), Lehren der Präsidenten der Kirche: Spencer W. Kimball, Seite 74

Quellenangaben anzeigen

    Anmerkungen

  1.   1.

    Lehre und Bündnisse 24, Einleitung

  2.   2.

    Boyd K. Packer, „Fürchtet euch nicht“, Liahona, Mai 2004, Seite 79

  3.   3.

    Ezra Taft Benson, „Born of God“, Ensign, Oktober 1985, Seite 6