Die Mission und das Wirken Jesu Christi

Aus einer Ansprache, die am 18. August 1998 bei einer Andacht an der Brigham-Young-Universität gehalten wurde. Den englischen Text finden Sie in voller Länge unter speeches.byu.edu.


Russell M. Nelson
Dass wir Jesus verehren, lässt sich am besten dadurch an den Tag legen, dass wir bestrebt sind, ihm nachzueifern.

Als einer der „besonderen Zeugen des Namens Christi in aller Welt“ (LuB 107:23) erfülle ich meine Berufung wohl am besten, indem ich Jesus Christus verkündige und Zeugnis von ihm ablege. Eingangs möchte ich die gleiche Frage stellen, die er an die Pharisäer gerichtet hat: „Was denkt ihr über den Messias? Wessen Sohn ist er?“ (Matthäus 22:42.)

Diese Fragen kommen mir oft in den Sinn, wenn ich mit Politikern und Vertretern verschiedener Religionsgemeinschaften zusammenkomme. Manche erkennen Jesus als einen großen Lehrer an. Andere halten ihn für einen Propheten. Wieder andere kennen ihn überhaupt nicht. Das sollte uns eigentlich nicht überraschen. Schließlich kennen nur wenige Menschen die wiederhergestellten Evangeliumswahrheiten, die wir kennen. Die Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage sind nur eine kleine Minderheit unter den Christen.

Unsere Lage wurde vor Jahrhunderten von Nephi vorausgesehen:

„Und es begab sich: Ich sah die Kirche des Lammes Gottes, und sie war an Zahl nur klein … ich sah aber auch, dass die Kirche des Lammes, nämlich die Heiligen Gottes, ebenfalls über das ganze Antlitz der Erde verbreitet war; und ihre Herrschaft auf dem Antlitz der Erde war nur gering. …

Und es begab sich: Ich, Nephi, sah die Macht des Lammes Gottes, dass sie auf die Heiligen der Kirche des Lammes herabkam und auf das Bundesvolk des Herrn, das über das ganze Antlitz der Erde zerstreut war; und sie waren mit Rechtschaffenheit und mit der Macht Gottes in großer Herrlichkeit ausgerüstet.“ (1 Nephi 14:12,14.)

Diese Rechtschaffenheit, diese Macht und diese Herrlichkeit – ja, all unsere reichen Segnungen – rühren daher, dass wir den Herrn Jesus Christus kennen, ihm gehorchen, ihm dankbar sind und ihn lieben.

Während seines so kurzen Erdenlebens hat der Erlöser zwei grundlegende Aufgaben erfüllt. Einerseits war es sein „Werk und [seine] Herrlichkeit, die Unsterblichkeit und das ewige Leben des Menschen zustande zu bringen“ (Mose 1:39). Die andere Aufgabe fasste er so zusammen: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (Johannes 13:15.)

Seine erste Aufgabe bezeichnen wir als das Sühnopfer. Dieses zu vollbringen, war seine erhabene Mission auf Erden. Den Menschen im alten Amerika erklärte der auferstandene Herr seinen Auftrag:

„Ich [bin] in die Welt gekommen …, um den Willen meines Vaters zu tun, denn mein Vater hat mich gesandt.

Und mein Vater hat mich gesandt, damit ich auf das Kreuz emporgehoben würde und damit ich, nachdem ich auf das Kreuz emporgehoben worden sei, alle Menschen zu mir zöge.“ (3 Nephi 27:13,14.)

Im Zuge dieser Predigt offenbarte er seine zweite Aufgabe, nämlich uns ein Vorbild zu sein: „Ihr wisst, was ihr in meiner Kirche tun müsst; denn die Werke, die ihr mich habt tun sehen, die sollt ihr auch tun.“ (3 Nephi 27:21.)

Seine erste Aufgabe habe ich als seine Mission bezeichnet. Die zweite möchte ich als sein Wirken bezeichnen. Auf diese beiden Komponenten seines Lebens – seine Mission und sein Wirken – möchte ich nun eingehen.

Die Mission Jesu Christi: das Sühnopfer

Seine Mission war das Sühnopfer. Diese Mission konnte nur er erfüllen. Als Sohn einer irdischen Mutter und eines unsterblichen Vaters war er der Einzige, der freiwillig sein Leben hingeben und es wieder aufnehmen konnte (siehe Johannes 10:14-18). Die herrlichen Folgen seines Sühnopfers waren unbegrenzt und ewig. Er nahm dem Tod den Stachel, sodass die Trauer am Grab nicht von Dauer ist (siehe 1 Korinther 15:54,55). Dass das Sühnopfer seine Aufgabe war, war schon vor der Schöpfung und dem Fall bekannt. Es sollte nicht nur die Auferstehung und die Unsterblichkeit der gesamten Menschheit zustande bringen, sondern auch die Vergebung unserer Sünden ermöglichen – gemäß den von ihm festgelegten Bedingungen. Somit bereitet das Sühnopfer den Weg dafür, dass wir mit dem Heiland und mit unserer Familie auf ewig vereint sein können. Diese Aussicht bezeichnen wir als das ewige Leben – die größte Gabe, die Gott dem Menschen gewähren kann (siehe LuB 14:7).

Niemand sonst konnte das Sühnopfer vollbringen. Niemand anders, und hätte er noch so großen Reichtum und große Macht, könnte jemals auch nur eine einzige Seele erretten – nicht einmal seine eigene (siehe Matthäus 19:24-26). Und von niemand anderem wird erwartet und niemandem ist es gestattet, für die ewige Errettung eines anderen Menschen Blut zu vergießen. Jesus hat dies „ein für alle Mal“ vollbracht (Hebräer 10:10).

Das Sühnopfer wurde zur Zeit des Neuen Testaments vollbracht, doch viele Ereignisse aus dem Alten Testaments deuten bereits auf dessen umfassende Bedeutung hin. Adam und Eva wurde geboten, als „Sinnbild für das Opfer des Einziggezeugten des Vaters“ Opfer darzubringen (siehe Mose 5:7). Wie? Durch das Vergießen von Blut. Aus eigener Erfahrung bestätigten sie die Schriftstelle, dass „die Lebenskraft des Fleisches … im Blut [sitzt]“ (Levitikus 17:11).

Ein Arzt weiß, dass Probleme auftreten, sobald irgendein Organ nicht mehr durchblutet wird. Wird das Bein nicht mehr richtig durchblutet, kann ein Gangrän die Folge sein. Wird das Gehirn nicht durchblutet, kann es zu einem Schlaganfall kommen. Fließt das Blut nicht mehr richtig durch ein Herzkranzgefäß, kann ein Herzinfarkt entstehen. Wird eine Blutung nicht gestillt, tritt der Tod ein.

Adam, Eva und Generationen nach ihnen machten die Erfahrung, dass ein Tier verendet, wenn sein Blut vergossen wird. Für ihr rituelles Opfer war aber nicht bloß irgendein Tier gut genug. Es musste ein Erstling der Herde sein und außerdem makellos (siehe beispielsweise Exodus 12:5). Diese Voraussetzungen symbolisierten das Opfer, das das makellose Lamm Gottes letztlich vollbringen sollte.

Adam und Eva erhielten das Gebot: „Darum sollst du alles, was du tust, im Namen des Sohnes tun, und du sollst umkehren und Gott im Namen des Sohnes anrufen immerdar.“ (Mose 5:8.) Von diesem Tag an bis zur Mitte der Zeiten war das Tieropfer ein Sinnbild und sozusagen ein Schatten des bevorstehenden Sühnopfers des Gottessohnes.

Als das Sühnopfer vollbracht war, war durch dieses große und letzte Opfer das Gesetz des Mose erfüllt (siehe Alma 34:13,14) und daher wurde auch der Brauch, Tiere zu opfern, hinfällig, der gezeigt hatte, dass „die Lebenskraft des Fleisches … im Blut [sitzt]“ (Levitikus 17:11). Jesus hat erklärt, dass die Bestandteile der bisherigen Opferbräuche durch das Sühnopfer aufgehoben worden waren und nun das Abendmahl symbolisch daran erinnert. Beachten Sie wiederum den Bezug zu Leben, Fleisch und Blut:

„Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.

Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag.“ (Johannes 6:53,54.)

Dank des Sühnopfers Jesu Christi werden alle Menschen – ja, alle, die es wollen – erlöst. Der Erretter hat sein Blut für die ganze Menschheit nicht erst am Kreuz, sondern auch schon im Garten Getsemani vergossen. Hier nahm er die Last der Sünden aller Menschen, die je gelebt haben und je leben werden, auf sich. Unter dieser schweren Last blutete er aus jeder Pore (siehe LuB 19:18). Das qualvolle Sühnopfer fand am Kreuz auf Golgota seine Vollendung.

Der Prophet Joseph Smith fasste die Bedeutung des Sühnopfers so zusammen: „Die wesentlichen Grundsätze unserer Religion sind das Zeugnis der Apostel und Propheten über Jesus Christus, dass er gestorben ist, begraben wurde und am dritten Tag wieder auferstanden und dann in den Himmel aufgefahren ist; und alles andere, was mit unserer Religion zu tun hat, ist nur eine Beigabe dazu.“1

Mit dieser Vollmacht und mit tiefer Dankbarkeit verkünde ich Jesus Christus und gebe Zeugnis von ihm.

Das Wirken Jesu Christi: sein Beispiel

Die zweite weitreichende Aufgabe des Herrn im Erdenleben bestand darin, uns als Vorbild zu dienen. Beispielhaftes Leben machte sein irdisches Wirken aus. Dazu zählen auch seine Lehren, seine Gleichnisse und seine Predigten. Dazu gehören ebenso auch seine Wunder, sein liebevolles Wohlwollen und seine Langmut gegenüber den Menschenkindern (siehe 1 Nephi 19:9). Dazu gehört auch, wie er voll Mitgefühl von seiner Priestertumsvollmacht Gebrauch macht. Dazu zählt seine rechtschaffene Entrüstung, als er Sünde verurteilt (siehe Römer 8:3) und als er die Tische der Geldwechsler umstößt (siehe Matthäus 21:12). Auch sein Kummer gehört dazu. Er wurde verspottet, gegeißelt und von seinem Volk abgelehnt (siehe Mosia 15:5) – und er wurde sogar von einem seiner Jünger verraten und von einem anderen verleugnet (siehe Johannes 18:2,3,25-27).

So wunderbar sein Wirken auch war – es ist nicht allein er, der sich durch so etwas auszeichnet. Die Zahl derer, die dem Beispiel Jesu folgen können, ist unbegrenzt. Seine Propheten und Apostel und andere bevollmächtigte Diener haben ähnliche Taten vollbracht. Viele haben um seinetwillen Verfolgung erlitten (siehe Matthäus 5:10; 3 Nephi 12:10). Auch in unserer Zeit sind uns allen Brüder und Schwestern bekannt, die aufrichtig bestrebt sind, dem Beispiel des Herrn nachzueifern – selbst wenn das mitunter einen hohen Preis erfordert.

So soll es auch sein. Das erhofft er sich für uns, denn er hat uns aufgefordert, seinem Beispiel zu folgen. Sein Aufruf ist unmissverständlich:

  • „Was für Männer sollt ihr sein? … So, wie ich bin.“ (3 Nephi 27:27; siehe auch 3 Nephi 12:48.)

  • „Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“ (Matthäus 4:19.)

  • „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (Johannes 13:15; siehe auch Johannes 14:6.)

Diese und andere Schriftstellen wurden nicht als Anregungen verfasst. Es sind göttliche Befehle! Von uns wird erwartet, dass wir seinem Beispiel folgen!

Um unseren Wunsch, ihm zu folgen, zu vertiefen, können wir fünf Aspekte seines Lebens betrachten, die wir uns zum Vorbild nehmen können.

Liebe

Wenn ich Sie fragen würde, welche Eigenschaft sein Leben vor allem auszeichnet, würden Sie wohl die Liebe nennen. Sie umfasst sein Mitgefühl, seine Güte, seine Nächstenliebe, seine Hingabe, seine Vergebungsbereitschaft, seine Barmherzigkeit, seine Gerechtigkeit und noch vieles mehr. Jesus liebte seinen Vater und seine Mutter (siehe Johannes 19:25-27). Er liebte seine Familie und die Heiligen (siehe Johannes 13:1; 2 Thessalonicher 2:16). Er liebte den Sünder, ohne die Sünde zu entschuldigen (siehe Matthäus 9:2; LuB 24:2). Und er hat erklärt, wie wir ihm unsere Liebe zeigen können. Er sagt: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ (Johannes 14:15.) Dass seine Liebe nicht bedingungslos ist, unterstreicht er mit der Aussage: „Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.“ (Johannes 15:10; siehe auch LuB 95:12; 124:87.)

Jesus brachte seine Liebe dadurch zum Ausdruck, dass er diente. Er diente Gott, und er diente den Menschen, unter denen er lebte und wirkte. In beidem sollen wir seinem Beispiel folgen. Wir sollen Gott dienen, „auf allen seinen Wegen“ wandeln und ihn lieben (siehe Deuteronomium 10:12; siehe auch 11:13; Josua 22:5; LuB 20:31; 59:5). Und wir sollen unseren Nächsten lieben, indem wir ihm dienen (siehe Galater 5:13; Mosia 4:15,16). Das beginnt in der Familie. Die tiefe Liebe, die Eltern mit ihren Kindern verbindet, entsteht daraus, dass sie in jener Zeit, da die Kinder völlig auf sie angewiesen waren, immer für sie da gewesen sind. Später haben pflichtbewusste Kinder vielleicht die Gelegenheit, diese Liebe zu erwidern, indem sie sich um ihre betagten Eltern kümmern.

Heilige Handlungen

Ein zweiter Aspekt im beispielhaften Leben Jesu bestand darin, dass er großen Wert auf heilige Handlungen legte. Im Laufe seines irdischen Wirkens hat er immer wieder gezeigt, wie wichtig die errettenden heiligen Handlungen sind. Er ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Selbst Johannes wollte wissen: „Warum?“

Jesus erklärte: „Nur so können wir die Gerechtigkeit … ganz erfüllen.“ (Matthäus 3:15; Hervorhebung hinzugefügt.) Nicht nur die heilige Handlung war unerlässlich, sondern auch das Beispiel, das Jesus und Johannes gaben.

Später führte der Erretter das Abendmahl ein. Er erklärte die Symbolik des Abendmahls und reichte seinen Jüngern die heiligen Symbole (siehe Matthäus 26:26-28; Markus 14:22-24; Lukas 24:30).

Auch der Vater im Himmel hat uns im Hinblick auf heilige Handlungen Anweisungen gegeben, nämlich: „Ihr [müsst] von neuem in das Himmelreich geboren werden, nämlich aus Wasser und aus dem Geist, und müsst durch Blut gesäubert werden, nämlich das Blut meines Einziggezeugten, damit ihr von aller Sünde geheiligt werdet und euch erfreuen könnt an den Worten des ewigen Lebens in dieser Welt und an ewigem Leben in der künftigen Welt, ja, an unsterblicher Herrlichkeit.“ (Mose 6:59.)

In der Zeit nach dem irdischen Wirken des Herrn wurden die höheren, für die Erhöhung erforderlichen Verordnungen offenbart (LuB 124:40-42). Diese heiligen Handlungen werden in seinem heiligen Tempel vollzogen. Heute können Menschen, die sich ausreichend vorbereitet haben, die Waschung, die Salbung und das Endowment empfangen (siehe LuB 105:12,18,33; 110:9; 124:39). Im Tempel kann man an seinen Ehepartner, seine Vorfahren und seine Nachkommen gesiegelt werden (siehe LuB 132:19). Unser Meister ist ein Gott, der sich an Gesetze und an Recht und Ordnung hält (siehe LuB 132:18). Dass er so viel Wert auf heilige Handlungen legte, ist ein wichtiger Aspekt seines beispielhaften Lebens.

Gebet

Der dritte Aspekt des beispielhaften Wirkens des Herrn ist das Beten. Jesus betete zu seinem Vater im Himmel und lehrte auch uns, wie wir beten sollen. Wir sollen durch die Macht des Heiligen Geistes im Namen seines Sohnes Jesus Christus zu Gott, dem ewigen Vater, beten (siehe Matthäus 6:9-13; 3 Nephi 13:9-13; JSÜ, Matthäus 6:9-15). Die Fürbitte Jesu im 17. Kapitel des Johannesevangeliums ist ein wunderschönes Gebet. Hier spricht der Sohn offen mit seinem Vater und betet für seine Jünger, die er liebt. Er gibt uns somit ein Beispiel, wie wir sinnvoll und mitfühlend beten sollen.

Wissen

Der vierte Aspekt des Beispiels Jesu besteht darin, wie er sein göttliches Wissen angewandt hat. Wie bereits erwähnt, erkennen viele Nichtchristen an, dass Jesus ein großer Lehrer war. Das war er auch. Doch wodurch zeichneten sich seine Lehren wirklich aus? War er ein begabter Lehrer in den Bereichen Technik, Mathematik oder Naturwissenschaft? Als Schöpfer dieser Welt und weiterer Welten (siehe Mose 1:33) hätte er das sicher sein können. Als Verfasser heiliger Schriften hätte er bestimmt die Kunst des Schreibens perfekt unterrichten können.

Was ihn jedoch vor allen anderen Lehrern auszeichnete, ist die Tatsache, dass er Wahrheiten von ewiger Bedeutung lehrte. Nur er konnte uns den Zweck unseres Lebens offenbaren. Nur durch ihn konnten wir von unserem vorirdischen Dasein und unserem Potenzial nach diesem Leben erfahren.

Bei einer Gelegenheit erklärte der größte aller Lehrer seinen skeptischen Zuhörern einmal, dass es drei Zeugen für ihn gab:

  • Johannes den Täufer,

  • die Werke, die Jesus vollbracht hatte,

  • das Wort Gottes, des ewigen Vaters (siehe Johannes 5:33-37).

Dann nannte er noch einen vierten Zeugen: „Erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen das ewige Leben zu haben; gerade sie legen Zeugnis über mich ab.“ (Johannes 5:39.)

Das Wort meint scheint hier auf den ersten Blick fehl am Platz zu sein. Aber es ist von großer Bedeutung für das, was Jesus damit sagen wollte. Er wusste, dass viele seiner Zuhörer tatsächlich meinten, in den heiligen Schriften das ewige Leben zu haben. Doch das war ein Irrtum. Die heiligen Schriften allein können uns nicht das ewige Leben schenken. Natürlich sind die heiligen Schriften machtvoll, aber diese Macht kommt von Jesus selbst. Er ist das Wort: Logos. Die Macht des ewigen Lebens ruht in ihm, der „im Anfang … das Wort [war], und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1:1; siehe auch 2 Nephi 31:20; 32:3). Da seine Skeptiker in ihrer Haltung so störrisch waren, tadelte er sie: „Und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, um das [ewige] Leben zu haben.“ (Johannes 5:40.)

Der Meister könnte uns mit seinem göttlichen Wissen völlig überrumpeln, aber das tut er nicht. Er achtet unsere Entscheidungsfreiheit. Er lässt uns die Freude, selbst etwas zu entdecken. Er fordert uns auf, von unseren Fehlern umzukehren. Er lässt uns die Freiheit erleben, die daraus resultiert, dass wir seinem göttlichen Gesetz bereitwillig gehorchen. Ja, die Art und Weise, wie er sein Wissen einsetzt, ist für uns ein großes Beispiel.

Ausdauer

Der fünfte Aspekt des irdischen Wirkens des Herrn ist seine Entschlossenheit, bis ans Ende auszuharren. Er entzog sich nie seiner Aufgabe. Auch wenn das Leid, das er ertrug, unser Vorstellungsvermögen übersteigt, gab er nie auf. Durch immer schwierigere Prüfungen führte er seinen Auftrag, für die Sünden aller Menschen zu sühnen, zu Ende. Seine letzten Worte am Kreuz waren: „Es ist vollbracht!“ (Johannes 19:30.)

Der Bezug zu unserem Leben

Diese fünf Aspekte seines Wirkens können auch wir in die Tat umsetzen. Gewiss lässt sich die Tatsache, dass wir Jesus verehren, am besten dadurch an den Tag legen, dass wir bestrebt sind, ihm nachzueifern.

Wenn wir schrittweise begreifen, wer Jesus ist und was er für uns getan hat, erfassen wir zumindest ansatzweise, wie folgerichtig jenes erste und wichtigste Gebot ist: „Du [sollst] den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.“ (Markus 12:30.) Mit anderen Worten: Alles, was wir denken, tun und sagen, soll von unserer Liebe zu ihm und seinem Vater durchdrungen sein.

Fragen Sie sich: „Gibt es jemanden, den ich mehr liebe als den Herrn?“ Vergleichen Sie dann Ihre Antwort mit diesen Aussagen des Herrn:

  • „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.“

  • „Wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.“ (Matthäus 10:37.)

Die Liebe zur Familie und zu Freunden, so groß sie auch sein mag, wird noch viel tiefer, wenn sie in der Liebe zu Jesus Christus verankert ist. Durch ihn gewinnt die Liebe der Eltern zu ihren Kindern tiefere Bedeutung in diesem und im nächsten Leben. Alle von Liebe geprägten Beziehungen werden in ihm noch weiter gesteigert. Die Liebe zu unserem Vater im Himmel und zu Jesus Christus schenkt uns das Licht, die Inspiration und die Motivation, andere auf heiligere Weise zu lieben.

Bei den heiligen Handlungen wird der Schwerpunkt auf einen Dienst gelegt, der von ewigem Wert ist. Die Eltern sollten vor Augen haben, welche heilige Handlung jedes ihrer Kinder als nächste benötigt. Die Heimlehrer sollen ebenfalls daran denken, welche heilige Handlung bei den Familien, die sie betreuen, als nächste ansteht.

Das Beispiel, das Jesus im Hinblick auf das Gebet gegeben hat, zeigt uns, dass das persönliche Gebet, das Familiengebet und die gebeterfüllte Erfüllung unserer Aufgaben in der Kirche Teil unseres Lebens werden sollen. Den Willen des Vaters zu kennen und zu tun schenkt uns große geistige Kraft und Zuversicht (siehe LuB 121:45). Wir wollen auf der Seite des Herrn stehen.

Das Wissen „von Dingen, wie sie wirklich sind, und von Dingen, wie sie wirklich sein werden“ (Jakob 4:13), lässt uns nach wahren Grundsätzen und Lehren handeln. Dieses Wissen bringt unser Verhalten auf eine höhere Ebene. Ein Verhalten, das sonst vielleicht von selbstsüchtigen Wünschen oder nur auf Basis von Gefühlen ausgelöst worden wäre, weicht einer Tat, die vom Verstand und von richtigen Grundsätzen geprägt ist.

Die Entschlossenheit, bis ans Ende auszuharren, bedeutet etwa auch, dass wir nicht darum bitten, aus einer Berufung entlassen zu werden. Sie bedeutet, dass wir ein würdiges Ziel weiterhin unbeirrt verfolgen. Sie bedeutet, dass wir einen lieben Menschen, der in die Irre gegangen ist, niemals aufgeben. Und sie bedeutet, dass wir die ewigen Familienbande immer wertschätzen, auch in schwierigen Zeiten, bei Krankheit, Behinderung oder Tod.

Von ganzem Herzen bete ich darum, dass der Einfluss des Herrn, der in uns eine Wandlung herbeiführt, sich tiefgreifend auf Ihr Leben auswirkt. Jeder von uns kann durch die Mission und das Wirken Jesu gesegnet werden – jetzt und für immer.

Der Erretter hat sein Blut für die ganze Menschheit nicht erst am Kreuz vergossen, wo die Pein des Sühnopfers vollendet wurde, sondern auch schon im Garten Getsemani.

Was Jesus vor allen anderen Lehrern auszeichnete, war, dass er Wahrheiten von ewiger Bedeutung lehrte. Nur er konnte uns den Zweck unseres Lebens offenbaren.

Beispielhaftes Leben machte Jesu irdisches Wirken aus. Dazu zählen auch seine Lehren, seine Gleichnisse und seine Predigten. Dazu gehört, dass er voll Mitgefühl von seiner Priestertumsvollmacht Gebrauch machte.

Quellenangaben anzeigen

    Anmerkung

  1.   1.

    Lehren der Präsidenten der Kirche: Joseph Smith, Seite 55