Der Hirt liebt auch die Verirrten von Herzen

Präsident James E. Faust wurde am 12. März 1995 als Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft bestätigt. Diese Berufung hatte er inne, bis er am 10. August 2007 verstarb. Diese Ansprache, die er bei der Frühjahrs-Generalkonferenz 2003 hielt, wird in diesem Heft als einer der Artikel zum Thema „Stärkung der Familie“ abgedruckt.


Präsident James E. Faust
Den zutiefst bekümmerten Eltern, die rechtschaffen sind und ihre ungehorsamen Kinder eifrig und gebeterfüllt unterwiesen haben, sagen wir: Der gute Hirt wacht über sie.

Liebe Brüder und Schwestern und Freunde, ich wende mich heute mit einer Botschaft der Hoffnung und des Trosts an die unglücklichen Eltern, die ihr Bestes getan haben, um ihre Kinder voll Liebe und Hingabe in Rechtschaffenheit zu erziehen, die aber verzweifeln, weil ihr Kind sich auflehnt oder verleitet worden ist, einen Weg des Bösen, der Vernichtung zu gehen. Wenn ich an Ihre Seelenqual denke, fallen mir diese Worte Jeremias ein: „Ein Geschrei ist in Rama zu hören … Rahel weint um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen.“ Der Herr erwiderte darauf diese tröstlichen Worte: „Verwehre deiner Stimme die Klage … Denn es gibt einen Lohn für deine Mühe … Sie werden zurückkehren aus dem Feindesland.“1

Ich muss zu Beginn Zeugnis davon geben, dass das Wort des Herrn an die Eltern in dieser Kirche im 68. Abschnitt des Buches Lehre und Bündnisse enthalten ist, nämlich in dieser beachtenswerten Unterweisung: „Und weiter: Wenn Eltern in Zion oder einem seiner organisierten Pfähle Kinder haben und sie nicht lehren, die Lehre von der Umkehr, vom Glauben an Christus, den Sohn des lebendigen Gottes, und von der Taufe und der Gabe des Heiligen Geistes durch Händeauflegen zu verstehen, wenn sie acht Jahre alt sind, so sei die Sünde auf dem Haupt der Eltern.“2 Die Eltern sind angewiesen, ihre Kinder zu lehren, „zu beten und untadelig vor dem Herrn zu wandeln“.3 Als Vater, Großvater und Urgroßvater betrachte ich dies als das Wort des Herrn, und als Diener Jesu Christi bitte ich die Eltern inständig: Befolgen Sie diesen Rat so gewissenhaft, wie Sie nur können.

Welche Eltern sind gute Eltern? Doch wohl diejenigen, die sich liebevoll, gebeterfüllt und aufrichtig bemühen, ihre Kinder durch ihr Beispiel und ihre Unterweisung zu lehren, „zu beten und untadelig vor dem Herrn zu wandeln“4. Das gilt auch dann, wenn manche ihrer Kinder ungehorsam oder weltlich gesinnt sind. Kinder kommen mit einem eigenen Geist und einer ausgeprägten Persönlichkeit zur Welt. Manche Kinder „wären für alle Eltern und unter allen Umständen eine Herausforderung. … Hingegen gibt es vielleicht andere, die fast jedem Vater und jeder Mutter ein Segen und eine Freude wären.“5 Erfolgreich sind die Eltern, die Opfer gebracht und sich abgemüht haben, in der Situation in ihrer Familie das Beste zu tun.

Wie sehr Eltern ihre Kinder lieben, lässt sich nicht messen. Es gibt keine Beziehung, die dieser gleichkäme. Diese Liebe ist sogar stärker als die Sorge um das eigene Leben. Die Liebe der Eltern zu ihrem Kind ist beständig, sie überdauert auch Kummer und Enttäuschung. Alle Eltern hoffen und beten, dass ihre Kinder kluge Entscheidungen treffen. Kinder, die gehorsam und verantwortungsbewusst sind, bedeuten für ihre Eltern nie endenden Stolz und Zufriedenheit.

Aber was ist, wenn ein Kind, das von glaubenstreuen, liebenden Eltern erzogen worden ist, sich auflehnt oder in die Irre geht? Gibt es dann Hoffnung? Für den Kummer der Eltern über ein rebellisches Kind gibt es fast keinen Trost. König Davids dritter Sohn, Abschalom, tötete einen seiner Brüder und führte eine Rebellion gegen seinen Vater an. Abschalom wurde von Joab getötet. Als König David von Abschaloms Tod hörte, weinte er und brachte seine Trauer zum Ausdruck: „Mein Sohn Abschalom, mein Sohn, mein Sohn Abschalom! Wäre ich doch an deiner Stelle gestorben, Abschalom, mein Sohn, mein Sohn!“6

Solche elterliche Liebe kommt auch im Gleichnis vom verlorenen Sohn zum Ausdruck. Als der rebellische Sohn nach Hause zurückkehrte, nachdem er sein Erbe durch sein lasterhaftes Leben aufgebraucht hatte, ließ der Vater das Mastkalb schlachten und feierte die Rückkehr des verlorenen Sohns und sagte zu seinem gehorsamen Sohn, dem dies missfiel: „Jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.“7

Ich glaube fest an die folgende tröstliche Aussage von Elder Orson F. Whitney [1855–1931]:

„Der Prophet Joseph Smith hat verkündet – und nie hat er tröstlichere Lehre verkündet –, dass die Siegelung glaubenstreuer Eltern für die Ewigkeit und die gottgegebenen Verheißungen, die ihnen für den standhaften Dienst in der Sache der Wahrheit gelten, nicht nur sie selbst erretten, sondern auch ihre Nachkommen. Manche der Schafe mögen abirren, aber der Blick des Hirten ruht auf ihnen, und früher oder später werden sie spüren, wie die Greifarme der göttlichen Vorsehung sie erfassen und sie in die Herde zurückziehen. Ob in diesem oder im künftigen Leben, sie werden zurückkehren. Sie werden der Gerechtigkeit ihre Schulden bezahlen müssen; sie werden für ihre Sünden leiden, und viele gehen einen dornigen Weg, aber wenn er sie zuletzt, wie den verlorenen Sohn, der Reue empfand, zum Herzen und in die Obhut des liebenden und vergebungsbereiten Vaters zurückführt, wird die schmerzliche Erfahrung nicht vergebens gewesen sein. Betet für eure sorglosen und ungehorsamen Kinder; haltet sie mit eurem Glauben fest. Hört nicht auf, zu hoffen und zu vertrauen, bis ihr die Errettung durch Gott seht.“8

Ein Prinzip in dieser Aussage wird häufig übersehen, nämlich, dass sie vollständig umkehren und „für ihre Sünden leiden“ und „der Gerechtigkeit ihre Schulden bezahlen“ müssen. Ich weiß, dass jetzt die Zeit ist, da wir uns darauf vorbereiten müssen, „Gott zu begegnen“9. Und wenn die widerspenstigen Kinder nicht in diesem Leben umkehren, ist es dann möglich, dass die Bande der Siegelung stark genug sind, sodass sie doch noch umkehren können? Im Buch Lehre und Bündnisse steht:

„Die Toten, die umkehren, werden erlöst werden, indem sie den Verordnungen des Hauses Gottes gehorsam sind, und werden, sobald sie die Strafe für ihre Übertretungen bezahlt haben und reingewaschen sind, gemäß ihren Werken einen Lohn empfangen; denn sie sind Erben der Errettung.“10

Wir wissen, dass der verlorene Sohn sein Erbe verschleudert hatte und nichts mehr übrig war, als er ins Haus seines Vaters zurückkehrte. Dort wurde er in der Familie wieder willkommen geheißen, aber sein Erbe war fort.11 Die Barmherzigkeit beraubt die Gerechtigkeit nicht, und die Siegelung der glaubenstreuen Eltern kann nur dann auf die widerspenstigen Kinder Anspruch erheben, wenn sie umkehren, sodass das Sühnopfer Christi für sie wirksam wird. Umkehrwillige Kinder werden Errettung und alles, was damit einhergeht, erlangen, aber zur Erhöhung gehört noch viel mehr. Man muss sie sich voll und ganz verdienen. Die Frage, wer erhöht wird, müssen wir dem Herrn und seiner Barmherzigkeit überlassen.

Es gibt nur sehr wenige, deren Rebellion und böses Tun so schlimm sind, dass „ihre Sünden ihnen alle Kraft zur Umkehr geraubt haben“12. Auch dieses Urteil müssen wir dem Herrn überlassen. Er sagt uns: „Ich, der Herr, vergebe, wem ich vergeben will, aber von euch wird verlangt, dass ihr allen Menschen vergebt.“13

Vielleicht können wir in diesem Leben gar nicht völlig ermessen, wie stark das Band der Siegelung rechtschaffener Eltern an ihre Kinder ist. Es kann gut sein, dass mehr hilfreiche Kräfte am Werk sind, als wir wissen.14 Ich glaube, dass die Familie eine starke Anziehungskraft ausübt und der Einfluss unserer geliebten Vorfahren auch von jenseits des Schleiers her fortbesteht.

Präsident Howard W. Hunter (1907–1995) hat einmal gesagt: „Umkehr ist nichts als Heimweh der Seele, und die ununterbrochene, wachsame Fürsorge der Eltern ist das schönste irdische Sinnbild der nie versagenden Vergebungsbereitschaft Gottes.“ Ist die Familie nicht die treffendste Analogie zur Mission des Erretters?15

Von unseren Eltern können wir viel darüber lernen, was es heißt, Eltern zu sein. Meine Liebe zu meinem Vater nahm erheblich zu, wenn er freundlich, geduldig und verständnisvoll war. Als ich das Auto der Familie beschädigt hatte, war er sanftmütig und vergebungsbereit. Aber seine Söhne konnten mit deutlichen Strafen rechnen, wenn sie sich nicht strikt an die Wahrheit hielten oder Regeln immer wieder übertraten, vor allem aber, wenn wir unserer Mutter nicht mit Respekt begegneten. Mein Vater ist nun schon fast fünfzig Jahre tot, aber es fehlt mir immer noch sehr, dass ich ihn nicht mehr um seinen weisen, liebevollen Rat bitten kann. Ich gebe zu, dass ich seinen Rat häufig in Frage gestellt habe, aber an seiner Liebe zu mir gab es nie einen Zweifel. Ich wollte ihn niemals enttäuschen.

Bei dem Bemühen, als Eltern unser Bestes zu geben, ist es wichtig, dass wir liebevoll, aber fest für Disziplin sorgen. Wenn wir unsere Kinder nicht zur Disziplin anhalten, kann die Gesellschaft das übernehmen, und zwar auf eine Art und Weise, die weder uns noch unseren Kindern gefällt. Zur Disziplin gehört, dass wir unsere Kinder arbeiten lehren. Präsident Gordon B. Hinckley (1910–2008) hat einmal gesagt: „Zu den bedeutendsten Werten gehört … die Tugend ehrlicher Arbeit. Wissen ohne Anstrengung bringt keinen Gewinn. Wissen mit Anstrengung macht das Genie aus.“16

Die Fallen des Satans finden immer weitere Verbreitung, weshalb es immer schwieriger wird, Kinder zu erziehen. Die Eltern müssen deshalb ihr Bestes geben und die Hilfe in Anspruch nehmen, die der Dienst und die Aktivität in der Kirche ihnen vermitteln können. Wenn die Eltern sich falsch verhalten und auch nur hin und wieder vom Weg abkommen, nehmen ihre Kinder sich daran möglicherweise ein Beispiel.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, den es zu erwähnen gilt. Ich bitte die Kinder, die sich ihren Eltern entfremdet haben, auf ihre Eltern zuzugehen, selbst wenn ihre Eltern nicht ihr Bestes gegeben haben. Kinder, die ihre Eltern mit kritischem Blick betrachten, tun gut daran, diesen weisen Rat Moronis zu beherzigen: „Verurteilt mich nicht wegen meiner Unvollkommenheit, auch nicht meinen Vater wegen seiner Unvollkommenheit, auch nicht diejenigen, die vor ihm geschrieben haben; sondern dankt vielmehr Gott, dass er euch unsere Unvollkommenheit kundgetan hat, damit ihr lernt, weiser zu sein, als wir es gewesen sind.“17

Als Moroni 1823 dem jungen Propheten Joseph Smith erschien, zitierte er den folgenden Vers bezüglich der Mission Elijas: „Und er wird die Verheißungen, die den Vätern gemacht worden sind, den Kindern ins Herz pflanzen, und das Herz der Kinder wird sich ihren Vätern zuwenden.“18 Ich hoffe, dass alle Kinder letztlich ihrem Vater und auch ihrer Mutter das Herz zuwenden.

Ein wundervolles Ehepaar, das ich in meiner Jugend kannte, hatte einen Sohn, der rebellisch war und sich der Familie entfremdet hatte. Aber später söhnte er sich mit den Eltern aus und war das fürsorglichste ihrer Kinder. Wenn wir älter werden, wird die Anziehungskraft unserer Eltern und Großeltern von jenseits des Schleiers stärker. Es ist ein wundervolles Erlebnis, wenn sie uns in unseren Träumen erscheinen.

Es ist sehr unfair und unfreundlich, gewissenhafte, glaubenstreue Eltern zu verurteilen, weil sich einige ihrer Kinder auflehnen oder sich von den Lehren und der Liebe ihrer Eltern entfernen. Die Ehepaare, die in ihren Kindern und Enkeln Trost und Zufriedenheit finden, können sich glücklich schätzen. Wir müssen aber auf die würdigen, rechtschaffenen Eltern, die sich mit ihren ungehorsamen Kindern abmühen und deswegen leiden, Rücksicht nehmen. Ein Freund von mir hat immer gesagt: „Wenn du mit deinen Kindern noch nie Probleme hattest, dann warte mal ab.“ Niemand kann mit Gewissheit sagen, was die Kinder unter bestimmten Umständen tun werden. Wenn meine weise Schwiegermutter sah, dass andere Kinder sich schlecht benahmen, sagte sie immer: „Ich sage niemals, meine Kinder würden das nicht tun, denn im selben Augenblick, wo ich das sage, könnte es doch geschehen!“ Wenn Eltern wegen ihrer ungehorsamen und widerspenstigen Kinder trauern, dürfen wir auf keinen Fall „den ersten Stein werfen“19.

Eine Frau, Mitglied der Kirche, schrieb von dem Kummer, den ihr Bruder den Eltern verursachte. Er ließ sich auf Drogen ein. Er widersetzte sich allen Bestrebungen, ihn zu erziehen und zu disziplinieren. Er war unehrlich und widerspenstig. Anders als der verlorene Sohn kam dieser Sohn nicht aus eigenem Antrieb nach Hause. Vielmehr wurde er von der Polizei aufgegriffen und war dadurch gezwungen, die Folgen seines Verhaltens zu tragen. Zwei Jahre lang unterstützten die Eltern das Behandlungsprogramm, durch das es Bill schließlich gelang, von den Drogen zu lassen. Zusammenfassend meinte Bills Schwester: „Ich finde, dass meine Eltern außergewöhnlich sind. Sie haben sich in der Liebe zu Bill nie erschüttern lassen, obwohl sie gegen das waren, was er sich selbst und der Familie antat, und es sogar hassten. Aber sie hatten sich ihren Kindern so sehr verpflichtet, dass sie Bill in jeder Hinsicht unterstützten, damit er die schwere Zeit überstand, bis er endlich festeren Boden unter den Füßen hatte. Sie praktizierten das tiefere, empfindsamere, umfassendere Evangelium Christi, indem sie den liebten, der in die Irre gegangen war.“20

Seien wir nicht überheblich, sondern demütig und dankbar, wenn unsere Kinder gehorsam sind und die Lehren des Herrn achten. Den zutiefst bekümmerten Eltern, die rechtschaffen sind und ihre ungehorsamen Kinder eifrig und gebeterfüllt unterwiesen haben, sagen wir: Der gute Hirt wacht über sie. Gott kennt Ihren tiefen Kummer, er versteht Sie. Es gibt Hoffnung. Lassen Sie sich von diesen Worten Jeremias trösten: „Es gibt einen Lohn für deine Mühe“, und Ihre Kinder können „zurückkehren aus dem Feindesland“21. Das bezeuge ich und darum bete ich im Namen Jesu Christi. Amen.

Quellenangaben anzeigen

    Anmerkungen

  1.   1.

    Jeremia 31:15,16

  2.   2.

    Lehre und Bündnisse 68:25

  3.   3.

    Lehre und Bündnisse 68:28

  4.   4.

    Lehre und Bündnisse 68:28

  5.   5.

    Howard W. Hunter, „Parents’ Concern for Children“, Ensign, November 1983, Seite 65

  6.   6.

    2 Samuel 19:1

  7.   7.

    Lukas 15:32

  8.   8.

    Orson F. Whitney, Frühjahrs-Generalkonferenz 1929

  9.   9.

    Alma 34:32

  10.   10.

    Lehre und Bündnisse 138:58,59

  11.   11.

    Siehe Lukas 15:11-32

  12.   12.

    Alonzo A. Hinckley, Herbst-Generalkonferenz 1919

  13.   13.

    Lehre und Bündnisse 64:10

  14.   14.

    Siehe John K. Carmack, „Wenn unsere Kinder irregehen“, Der Stern, März 1999, Seite 28ff.

  15.   15.

    The Teachings of Howard W. Hunter, Hg. Clyde J. Williams, Seite 32

  16.   16.

    Teachings of Gordon B. Hinckley, Seite 704

  17.   17.

    Mormon 9:31

  18.   18.

    Joseph Smith – Lebensgeschichte 1:39

  19.   19.

    Harold B. Lee, Decisions for Successful Living, Seite 58

  20.   20.

    „With Love from the Prodigal’s Sister“, Ensign, Juni 1991, Seite 19

  21.   21.

    Jeremia 31:16