Zu seiner Zeit, auf seine Weise

Aus einer Ansprache an neue Missionspräsidenten vom 27. Juni 2001.


Dallin H. Oaks
Offenbarung gibt es wirklich. Sie erfolgt auf die Weise des Herrn und nach seinem Zeitplan.

Ich möchte auf einige Grundsätze eingehen, die für alle Kundgebungen des Geistes gelten – Kundgebungen an denjenigen, der lehrt, an denjenigen, der etwas lernen will, an alle Mitglieder der Kirche.

Zunächst einmal müssen wir uns darüber klar werden, dass der Herr zu der von ihm bestimmten Zeit und auf seine Weise durch den Geist zu uns spricht. Diesen Grundsatz haben viele nicht verstanden. Sie meinen, wenn sie bereit seien und es ihnen gerade passe, könnten sie den Herrn anrufen und er würde ihnen umgehend antworten, und zwar genau so, wie sie es sich vorgestellt haben. Offenbarung erhält man jedoch auf andere Weise.

Wie man sich für Offenbarung bereitmacht

Unseren Bestrebungen, Offenbarung zu empfangen, muss die Bereitschaft zugrunde liegen, alles zu tun, was wir aus eigener Anstrengung und nach eigenem Urteilsvermögen tun können. Das bedeutet, dass man dem Herrn dient und sich ans Werk macht.

Wir dürfen nicht damit aufhören, dem Herrn immer weiter zu dienen und seine Arbeit zu verrichten. Das ist ein wichtiger Schritt dahin, Offenbarung zu empfangen. Beim Schriftstudium ist mir aufgefallen, dass den Kindern Gottes meist dann Offenbarung gegeben wird, wenn sie in Bewegung sind, und nicht dann, wenn sie sich in ihrer Bleibe gemütlich zurücklehnen und darauf warten, dass der Herr ihnen kundtut, was sie als Erstes unternehmen sollen.

Bemerkenswert ist beispielsweise, dass die Offenbarung, die als „das Wort und der Wille des Herrn in Bezug auf das Lager Israel“ bekannt ist (siehe LuB 136:1), nicht in Nauvoo gegeben wurde, als das Kollegium der Zwölf Apostel in den kummervollen Tagen nach dem Märtyrertod des Propheten im Jahr 1844 den Auszug aus Nauvoo plante. Sie wurde auch nicht am Westufer des Mississippi gegeben. Diese Offenbarung wurde erst in Winter Quarters in Nebraska gegeben, nachdem die Heiligen ein hartes Jahr damit zugebracht hatten, von Nauvoo westwärts durch Iowa zu ziehen, wo sie schließlich an den Ufern des Missouri ein Behelfslager eingerichtet hatten. Die Offenbarung, die den Zug der Heiligen über die Prärie regeln sollte, wurde am 14. Januar 1847 gegeben, als die Heiligen bereits etwa ein Drittel des Weges, der sie schließlich in die Gebirgstäler führen sollte, zurückgelegt hatten.

Wir empfangen Eingebungen des Geistes, wenn wir alles getan haben, was wir tun können, wenn wir draußen in der Sonne sind und arbeiten, und nicht, wenn wir im Schatten sitzen und um Weisung bitten, was wir als Erstes in Angriff nehmen sollen. Offenbarung ergeht dann, wenn die Kinder Gottes in Bewegung sind.

Tun wir also, was immer wir tun können. Und dann warten und hoffen wir auf Offenbarung vom Herrn. Er hat seinen eigenen Zeitplan.

Zeitpunkt und Art und Weise

Als ich vor etwa 35 Jahren Präsident der Brigham-Young-Universität war, beabsichtigten wir, den Präsidenten der Vereinigten Staaten dafür zu gewinnen, an der Universität zu sprechen. Es gab bestimmte Termine, die uns gut gepasst hätten, und wir hatten auch eine Vorstellung davon, was er im Laufe seines Besuches sagen und tun sollte. Allerdings waren wir alle klug genug zu wissen, dass man nicht einfach den mächtigsten Mann der Vereinigten Staaten einladen kann, die BYU zu besuchen und dort vor 26.000 Zuhörern zu sprechen – und dann noch Bedingungen für seinen Besuch stellen kann.

Wir wussten, dass eine Einladung an den Präsidenten sinngemäß nur lauten konnte: „Wir heißen Sie willkommen, wann immer Sie kommen können und wie viel Zeit Sie auch hier verbringen wollen und was immer Sie bei Ihrem Besuch auch sagen und tun wollen. Wir passen alle Termine und alle weiteren Planungen entsprechend an.“

Wenn dies also die Art und Weise ist, wie 26.000 Menschen den mächtigsten Mann des Landes ansprechen müssen, dann ist es doch nicht verwunderlich, dass es einem Einzelnen – wie wichtig er auch sein mag – nicht zusteht, dem allmächtigen Herrscher des Universums Bedingungen zu stellen oder einen Zeitpunkt für sein Erscheinen oder eine Mitteilung vorzugeben.

Ebendiesen Grundsatz hat der Herr seinen Kindern in der großartigen Offenbarung kundgetan, die in Abschnitt 88 des Buches Lehre und Bündnisse abgedruckt ist. Hier sagt der Herr: „Naht euch mir, und ich werde mich euch nahen; sucht mich eifrig, dann werdet ihr mich finden; bittet, und ihr werdet empfangen; klopfet an, und es wird euch aufgetan werden.“ (Vers 63.)

Als Nächstes weist der Herr darauf hin, dass unser ganzer Körper mit Licht erfüllt wird und wir alles erfassen können, wenn wir unser Auge nur auf die Herrlichkeit Gottes richten. Auf diese Weisung folgt die wunderbare Verheißung: „Darum heiligt euch, damit euer Sinn nur auf Gott gerichtet sei, dann werden die Tage kommen, da ihr ihn sehen werdet; denn er wird für euch den Schleier von seinem Angesicht nehmen, und es wird zu seiner eigenen Zeit sein und auf seine eigene Weise und gemäß seinem eigenen Willen.“ (Vers 68; Hervorhebung hinzugefügt.)

Der in dieser Offenbarung genannte Grundsatz gilt für jegliche Kundgebung vom Vater im Himmel. Geistiges lässt sich nicht erzwingen.

In den meisten Fällen bedeutet „auf seine eigene Weise“ nicht etwa ein donnerndes Eingreifen oder ein blendendes Licht, sondern vielmehr das, was in den heiligen Schriften als „sanftes, leises Säuseln“ oder „leise, sanfte Stimme“ bezeichnet wird (siehe 1 Könige 19:12; 1 Nephi 17:45; LuB 85:6). Manche haben diesen Grundsatz falsch verstanden. Das hat zur Folge, dass sie ausschließlich großartige Kundgebungen erhoffen, wie sie in den heiligen Schriften aufgezeichnet sind, und die leise, sanfte Stimme, die ihnen etwas zuflüstert, überhaupt nicht wahrnehmen. Das ist in etwa so, als ob man sich nur von einem Lehrer etwas erklären ließe, der mit lauter Stimme spricht, und sich weigert, selbst die klügste Unterweisung anzunehmen, nur weil sie im Flüsterton erteilt wird.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass der Herr selten mit lauter Stimme spricht. Wenn er zu uns spricht, dann fast immer im Flüsterton.

Erleuchtung und Frieden

Eine der besten Erklärungen, wie der Heilige Geist zu uns spricht, findet man in der Offenbarung, die Oliver Cowdery im April 1829 in Harmony in Pennsylvania erhalten hat. In dieser Offenbarung sagt der Herr zu Oliver Cowdery:

„Ja, siehe, ich werde es dir in deinem Verstand und in deinem Herzen durch den Heiligen Geist sagen, der über dich kommen wird und der in deinem Herzen wohnen wird.

Nun siehe, dies ist der Geist der Offenbarung.“ (LuB 8:2,3; Hervorhebung hinzugefügt.)

Der Prophet Joseph Smith hat den Geist der Offenbarung als „reine Intelligenz“ beschrieben, die plötzlich einen Gedanken in uns auftauchen lässt.1 In einer anderen Offenbarung wurde Oliver Cowdery darauf hingewiesen, dass er den Herrn befragt habe, und „sooft du gefragt hast, hast du von meinem Geist Belehrung empfangen“ (LuB 6:14). Wie empfing er nun diese Belehrung? „Siehe, du weißt, dass du mich gefragt hast und ich deinen Verstand erleuchtet habe“, erklärte ihm der Herr (Vers 15; Hervorhebung hinzugefügt). Der Herr wiederholte diese Aussage in einer Offenbarung an Hyrum Smith: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Ich werde dir von meinem Geist geben, der dir den Verstand erleuchten wird und der dir die Seele mit Freude erfüllen wird.“ (LuB 11:13; Hervorhebung hinzugefügt.) Hier wird sehr gut beschrieben, wie uns der Herr etwas durch seinen Geist kundtut.

Der Herr wies Oliver Cowdery außerdem auf die Zeit hin, als er gebetet hatte, um herauszufinden, „ob diese Dinge wahr seien“ (LuB 6:22). Der Herr geht näher darauf ein, wie Oliver Cowdery als Antwort auf sein Gebet eine Offenbarung vom Herrn erhalten hat: „Habe ich deinem Sinn nicht Frieden in dieser Angelegenheit zugesprochen? Welch größeres Zeugnis kannst du haben als von Gott?“ (Vers 23; Hervorhebung hinzugefügt.)

Diesen Offenbarungen entnehmen wir, dass Gott sich uns durch die Macht seines Geistes mitteilt, der unseren Verstand erleuchtet und uns im Hinblick auf die Fragen, die wir gestellt haben, Frieden zuspricht.

Offenbarung ist ein Gefühl

Diese Offenbarungen machen auch deutlich, dass man nicht untätig bleiben kann, um vom Geist belehrt zu werden. Oft tritt der Herr erst dann mit uns in Verbindung, wenn wir uns selbst ausführlich mit einer Sache beschäftigt haben. Anschließend erhalten wir dann eine Bestätigung.

Wie das vor sich geht, wurde Oliver Cowdery in einer weiteren Offenbarung erklärt, die im April 1829 in Harmony in Pennsylvania empfangen wurde. Der Herr schildert hier, warum Oliver Cowdery nicht imstande war, das Buch Mormon zu übersetzen:

„Siehe, du hast es nicht verstanden; du hast gemeint, ich würde es dir geben, obschon du dir keine Gedanken gemacht hast, außer mich zu bitten.

Aber siehe, ich sage dir: Du musst es mit deinem Verstand durcharbeiten; dann musst du mich fragen, ob es recht ist, und wenn es recht ist, werde ich machen, dass dein Herz in dir brennt; darum wirst du fühlen, dass es recht ist.“ (LuB 9:7,8; Hervorhebung hinzugefügt.)

Das ist vielleicht eine der wichtigsten, aber auch am häufigsten missverstandenen Lehren im gesamten Buch Lehre und Bündnisse. Die Mitteilungen des Geistes erleben wir oft als Gefühl. Diese Tatsache ist von höchster Wichtigkeit, und trotzdem verstehen manche nicht richtig, was das bedeutet. Ich kenne Menschen, die meinen, sie hätten niemals ein Zeugnis vom Heiligen Geist empfangen, weil niemals ihr Herz in ihnen „gebrannt“ habe. Dieses Brennen gleicht meiner Ansicht nach nicht einer heißen Glut; vielmehr verspürt man Frieden, Wärme, innere Ruhe, etwas Gutes.

Man empfängt nicht ständig Offenbarung

Man empfängt nicht ständig Offenbarung. „Auf die Weise des Herrn“ bedeutet auch, dass es Grenzen dafür gibt, wie oft er durch seinen Geist zu uns spricht. Wer das nicht versteht, lässt sich womöglich in die Irre führen, weil er zu häufig eine Offenbarung erwartet.

Boyd K. Packer, Präsident des Kollegiums der Zwölf Apostel, hat über das Wirken des Geistes gesagt: „Ich habe festgestellt, dass wir nur selten starke, eindrucksvolle geistige Erlebnisse haben.“2

Um diesen Gedanken zu verdeutlichen, lassen Sie uns betrachten, was wir über unsere ersten Eltern erfahren, nachdem sie aus dem Garten von Eden vertrieben und aus der Gegenwart Gottes ausgeschlossen worden waren. Der Herr gab Adam das Gebot, ihm die Erstlinge seiner Herden als Opfer darzubringen. Adam gehorchte. Sprach der Herr daraufhin sogleich zu ihm? In den heiligen Schriften steht: „Und nach vielen Tagen erschien Adam ein Engel des Herrn.“ (Mose 5:6; Hervorhebung hinzugefügt.)

William E. Berrett, einer unserer hervorragendsten Evangeliumslehrer, der in der Verwaltung der Brigham-Young-Universität und für das Bildungswesen der Kirche tätig war, sagte auf die Frage, ob man ständig Offenbarung empfängt: „Wer darum betet, der Geist möge ihn bei jeder Kleinigkeit sofort leiten, öffnet falschen Geistern Tür und Tor, die anscheinend immer bereitstehen, auf unsere Bitten zu antworten und uns zu verwirren. … Ich habe festgestellt, dass gerade diejenigen in der Kirche, die sich in allem eine persönliche Offenbarung erhoffen, ganz verwirrt sind. Sie möchten, dass ihnen der Geist von morgens bis abends bei allem, was sie tun, bestätigt, dass es richtig sei. Ich sage deswegen, dass sie ganz verwirrt sind, weil sie manchmal wohl eine Antwort aus der falschen Quelle erhalten.“3

Der Prophet Joseph Smith hat etwas Ähnliches gesagt. Wenn die Heiligen „am Thron der Gnade“ um etwas bitten, so riet er, sollen sie nicht um etwas Belangloses flehen, sondern „ernstlich um die besten Gaben“4 bitten. Das ist ein wichtiger Grundsatz. Wir beten ständig um Führung, doch wir sollten nicht ständig Offenbarung erwarten. Wir erwarten fortdauernde Offenbarung in dem Sinne, dass wir andauernd gewiss sein können, immer dann Offenbarung zu empfangen, wenn wir nach Führung streben und der Herr sie uns in seiner Weisheit und Liebe angesichts der Umstände gewähren will.

Offenbarung und ein Zeugnis

Ja, es gibt Visionen. Wir können eine Stimme von der anderen Seite des Schleiers hören. Das weiß ich. Aber solche Erlebnisse sind die Ausnahme. Und wer ein solch großartiges, außergewöhnliches Erlebnis gehabt hat, spricht in der Öffentlichkeit nur selten darüber, weil der Herr uns angewiesen hat, dies nicht zu tun (siehe LuB 63:64), und weil uns bewusst ist, dass die Kanäle, durch die Offenbarung fließt, sich schließen, wenn wir solches der Welt kundtun.

Die meisten Offenbarungen, die an die Führer und die Mitglieder der Kirche ergehen, werden durch die „leise, sanfte Stimme“ oder durch ein Gefühl kundgetan und nicht durch eine Vision oder eine Stimme, die konkrete, hörbare Worte spricht. Ich bezeuge, dass diese Art der Offenbarung tatsächlich stattfindet. Sie ist mir eine vertraute, ja, sogar tägliche Erfahrung, die uns im Werk des Herrn anleitet.

Manche Menschen, die diese Grundsätze der Offenbarung nicht verstehen, wollen ihr Zeugnis oder ihren geistigen Fortschritt erst anerkennen, wenn sie etwas Wundersames erleben. Ihnen ist nicht klar, dass die kostbare Offenbarung, durch die man ein Zeugnis erlangt, bei den meisten Menschen – vor allem bei denjenigen, die in der Kirche aufgewachsen sind – kein einmaliges Erlebnis ist, sondern ein allmählicher Vorgang. Elder Bruce R. McConkie (1915–1985) hat dazu gesagt: „Von neuem geboren zu werden vollzieht sich allmählich, abgesehen von einigen wenigen Vorkommnissen, die so wundersam sind, dass sie in den heiligen Schriften aufgezeichnet sind. Doch für die meisten Mitglieder der Kirche gilt, dass wir nach und nach von neuem geboren werden. Wir halten die Gebote und werden von neuem geboren, indem wir mehr Licht und Erkenntnis empfangen und vermehrt den Wunsch haben, rechtschaffen zu leben.“5

Wir müssen uns bewusst machen, dass der Herr zu der von ihm bestimmten Zeit und auf seine Weise zu uns spricht. Gewöhnlich geschieht dies durch die „leise, sanfte Stimme“ der Erleuchtung, von der in den heiligen Schriften die Rede ist. Oft müssen wir einfach nach bestem Urteilsvermögen handeln und uns vom Geist zurückhalten lassen, wenn wir die Grenzen des Zulässigen überschritten haben.

Offenbarung gibt es wirklich. Sie erfolgt auf die Weise des Herrn und nach seinem Zeitplan.

Ich bezeuge, dass diese Grundsätze wahr sind. Wir haben die Gabe des Heiligen Geistes, also das Recht, den Geist des Herrn immer mit uns zu haben, der vom Vater und vom Sohn Zeugnis gibt, uns in die ganze Wahrheit führt, uns alles lehrt und uns an alles erinnert (siehe Johannes 14:26; 16:13).

Quellenangaben anzeigen

    Anmerkungen

  1.   1.

    Lehren der Präsidenten der Kirche: Joseph Smith, Seite 145

  2.   2.

    Boyd K. Packer, That All May Be Edified, 1982, Seite 337

  3.   3.

    William E. Berrett, zitiert in Joseph Fielding McConkie und Robert L. Millet, The Holy Ghost, 1989, Seite 29f.

  4.   4.

    Lehren der Präsidenten der Kirche: Joseph Smith, Seite 144

  5.   5.

    Bruce R. McConkie, „Jesus Christ and Him Crucified“, Brigham Young University 1976 Speeches, 1977, Seite 5