Wir wollen unsere Geschenke abholen

Walter Emilio Posada Rodriguez, Kolumbien

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    Als ich Mitglied der Distriktspräsidentschaft war, half ich bei der Koordinierung eines Projekts. Die Mitglieder unseres Distrikts spendeten Spielzeug für arme Kinder in der Stadt Soacha in Kolumbien. Die Beteiligung seitens der Mitglieder war groß. Nicht alle Geschenke waren neu, aber die meisten waren in einem guten Zustand.

    Als wir die Geschenke in die Busse geladen hatten, die uns nach Soacha bringen sollten, brachte mir ein Mädchen noch einen Plastikball, der schon recht abgenutzt und verkratzt war. Ich hielt den Ball in der Hand und fragte mich, warum jemand einen so ramponierten Ball spendete. Ein wenig verächtlich warf ich ihn unter den Sitz.

    Als wir ankamen, sangen unsere Jugendlichen Weihnachtslieder. Die Musik und die Weihnachtsmützen, die die Jugendlichen trugen, lockten viele Kinder an. Als wir begannen, die Geschenke zu verteilen, riefen die Kinder weitere Kinder herbei. Bald hatten wir alle Geschenke verteilt.

    Als wir schon wieder aufbrechen wollten, sah ich einen etwa achtjährigen Jungen, der mit seinem kleinen Bruder an der Hand auf uns zu rannte. Als sie uns erreicht hatten, sagte der ältere Junge: „Wir wollen unsere Geschenke abholen.“ Dies sagte er so unschuldig, dass es mich tief berührte. Ich suchte nach Worten.

    Ich erklärte ihm, dass wir keine Geschenke mehr hatten. Er antwortete: „Es macht nichts, wenn mein Geschenk fehlt, aber für meinen Bruder muss noch eines da sein.“

    Da fiel mir der Ball ein, den ich achtlos unter den Sitz geworfen hatte. Ich sagte den Jungen, ich hätte noch ein Geschenk, es sei aber wirklich nichts Besonderes.

    „Es ist egal, was es ist“, erwiderte er. „Das ist das Geschenk für meinen Bruder.“

    Ich ging in den Bus und holte den Ball. Als ich ihn dem kleinen Jungen in die Hand drückte, war er außer sich vor Freude. Er hüpfte auf und ab und rief dankbar: „Ein Ball! Das ist genau das, was ich mir vom Christkind gewünscht habe.“ Er tanzte weiter fröhlich herum, als er und sein Bruder mit ihrem kostbaren Geschenk losmarschierten.

    Ich stand stumm da, und mir stiegen die Tränen in die Augen, als ich tiefen Frieden und Dankbarkeit verspürte. Wie liebevoll und selbstlos der ältere Bruder sich um seinen kleinen Bruder gekümmert hatte, ging mir sehr nahe. Und im Stillen hoffte ich, ich wäre ebenso eifrig darum besorgt, anderen Gutes zu tun, wie dieser Junge eifrig darum besorgt war, seinem kleinen Bruder etwas Gutes zu tun.

    Während die Jungen fröhlich davonzogen, musste ich daran denken, wie sehr der Heiland uns liebt. Er vergaß nicht einmal einen armen kleinen Jungen aus den Bergen, der sich zu Weihnachten einfach nur einen Ball gewünscht hatte.