Das schönste Weihnachtslied

Die Verfasserin lebt in Washington.


Ihr Liedvortrag gefiel mir nicht besonders, bis mir bewusst wurde, für wen sie sang.

Illustration von Dan Burr

Es war die übliche Weihnachtsfeier, wie sie in einer Kirchengemeinde stattfindet: rote und grüne Papiertischdecken, Essen auf Papptellern, herumspringende Kinder, fröhliches Geplauder. Irgendwie war es jemandem gelungen, etwas Ruhe hineinzubringen, damit die Speisen gesegnet werden konnten. Dann begannen alle zu essen. Gleich sollte das Programm beginnen.

Es war nicht meine Gemeinde. Ich war mit einer Freundin bei der Weihnachtsfeier ihrer Gemeinde, also kannte ich kaum jemanden. Eigentlich hatten wir nicht lange bleiben wollen, aber die Mutter meiner Freundin redete uns zu, uns doch noch das Programm anzusehen.

Als Erstes zogen die PV-Kinder mit ihrem Goldflitter-Heiligenschein auf die Bühne. Sie sangen ein Lied und verließen dann einander schubsend und kichernd die Bühne, wobei sie eine Spur von Goldflitter hinterließen.

Nun spielten zwei Pianisten fröhliche Weihnachtslieder. Der erste spielte das Lied „Herbei, o ihr Gläubigen“ (Gesangbuch, Nr. 139) – fehlerfrei. Der andere, ein kleiner Junge, setzte sich ans Klavier und blickte über die Schulter bekümmert zu seiner Mutter, die begann, den Takt leise zu zählen. Der Junge seufzte, drehte sich zum Klavier und spielte so gut er es eben konnte sein Weihnachtslied.

Als Nächstes stand eines meiner Lieblingslieder auf dem Programm: „C-h-r-i-s-t-m-a-s“.

Ich sah auf und sah eine Schwester in gebeugter Haltung mit unbeholfenen Schritten aufs Klavier zugehen, die eine Hand eng an den Körper gepresst. Sie stand in schiefer Haltung neben dem Klavier und formte ein einseitiges Lächeln, ehe sie das Lied anstimmte. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich mich fragte, ob das wohl etwas werden würde.

„Als ich ein kleines Kind war, bedeutete Weihnachten nur eins“, sang sie. In dem Lied geht es darum, dass ein Kind lernt, Christmas [Weihnachten] richtig zu buchstabieren, und dabei auch erfährt, worum es an Weihnachten wirklich geht.

Ihr Mund hing auf einer Seite herunter, und sie hatte Schwierigkeiten, die Worte deutlich auszusprechen.

Vorsichtig sah ich mich im Raum um und beobachtete die Gesichter der Gemeindemitglieder. Niemand schien verlegen zu sein. Alle lächelten und lauschten aufmerksam.

Die Schwester sang weiter und wandte das Gesicht nach oben, als fixierte sie einen bestimmen Punkt an der Decke. Nach ein paar Augenblicken schaute ich ebenfalls zur Decke, entdeckte aber nichts Außergewöhnliches. Als ich wieder zu ihr hinsah, bemerkte ich glitzernde Tränen in ihren Augen.

Nach ihrem Vortrag ertönte lebhafter Applaus. Ihre Wangen röteten sich. Als sie zu ihrem Stuhl zurückging, berührten viele sie am Arm oder an der Schulter, um ihr aufrichtig zu danken. Eine Schwester, die in meiner Nähe saß, dankte ihr für ihren schönen Gesang, worauf sie leise erwiderte: „Danke. Ich hoffe, es hat ihm gefallen.“

Ihm? Für wen hatte sie gesungen? Kaum hatte ich in Gedanken die Frage formuliert, kannte ich auch schon die Antwort. Sie hatte nicht für die gesungen, die hier im Raum saßen. Ihr ging es nicht um das Wohlwollen des Publikums. Sie hatte für den Erlöser gesungen, um ihn zu preisen.

Seit dieser Weihnachtsfeier sind viele Weihnachtsfeste vergangen und ich habe das Lied „C-h-r-i-s-t-m-a-s“ unzählige Male gehört, vorgetragen von Sängern mit gut ausgebildeter Stimme. Aber die Version, die ich damals gehört habe, eine eher ungewöhnliche Darbietung, die aber aus tiefstem Herzen kam, ist mir am deutlichsten in Erinnerung geblieben.