2014
Der Herr hat einen Plan für uns!
November 2014


Der Herr hat einen Plan für uns!

Wenn wir so weiterleben wie jetzt, werden sich dann die verheißenen Segnungen einstellen?

Was für ein Vorzug es doch ist, diesen historischen Augenblick mitzuerleben, da die Sprecher bei der Generalkonferenz sich auch ihrer Muttersprache bedienen können. Als ich das letzte Mal von diesem Pult aus sprach, hatte ich Bedenken, weil mein Englisch nicht akzentfrei ist. Jetzt mache ich mir eher Sorgen, wie schnell ich Portugiesisch spreche. Ich will versuchen, nicht schneller zu sein als die Untertitel.

Jeder von uns hat früher oder später Entscheidungen von großer Tragweite zu treffen. Soll ich diesen oder jenen Beruf ausüben? Soll ich auf Mission gehen? Ist das der richtige Ehepartner für mich?

Dies sind Situationen in unterschiedlichen Lebensbereichen, in denen eine kleine Richtungsänderung weitreichende Folgen für die Zukunft haben kann. Präsident Dieter F. Uchtdorf hat das so ausgedrückt: „Ich habe in meinem jahrelangen Dienst für den Herrn … erfahren, wie oft sich der Unterschied zwischen Glück und Unglück für den Einzelnen, für eine Ehe oder für eine Familie auf eine Abweichung von nur wenigen Graden zurückführen lässt.“ („Nur ein paar Grad“, Liahona, Mai 2008, Seite 58.)

Wie können wir diese kleinen Fehler in unserer Kalkulation vermeiden?

Mit einer persönlichen Erfahrung will ich meine Botschaft veranschaulichen.

Ende der 80er Jahre bestand unsere junge Familie aus meiner Frau Mônica, zweien unserer vier Kinder und mir. Wir lebten in São Paulo in Brasilien, ich arbeitete für eine gute Firma, hatte mein Studium abgeschlossen und war vor kurzem erst als Bischof unserer Gemeinde entlassen worden. Alles im Leben schien so gut zu laufen, wie man es sich nur wünschen konnte – bis uns eines Tages ein alter Freund besuchte.

Am Ende seines Besuches machte er eine Bemerkung und stellte eine Frage, die mich verunsicherte. Er sagte: „Carlos, alles scheint für dich hervorragend zu laufen, deine Familie, deine Karriere und dein Dienst in der Kirche, aber“ – und dann kam die Frage – „wenn du so weiterlebst wie jetzt, werden sich dann die Segnungen, die dir in deinem Patriarchalischen Segen verheißen wurden, einstellen?“

Ich hatte noch nie in dieser Form über meinen Patriarchalischen Segen nachgedacht. Ich las ihn von Zeit zu Zeit, aber niemals, um mir anzusehen, welche Segnungen mir für die Zukunft verheißen waren, und zu beurteilen, ob ich gerade entsprechend lebte.

Nach seinem Besuch ging ich aufmerksam meinen Patriarchalischen Segen durch und fragte mich: „Wenn wir so weiterleben wie jetzt, werden sich dann die verheißenen Segnungen einstellen?“ Ich dachte nach und hatte schließlich das Gefühl, dass einige Veränderungen notwendig seien – insbesondere, was meine Ausbildung und meinen Beruf betraf.

Es ging nicht darum, was richtig oder falsch war, sondern was gut und was besser war, wie Elder Dallin H. Oaks es uns mit diesen Worten aufgezeigt hat: „Wenn wir zwischen mehreren Entscheidungen abwägen, müssen wir bedenken, dass es nicht ausreicht, wenn etwas gut ist. Andere Entscheidungen sind besser und wieder andere sind am besten.“ („Gut, besser, am besten“, Liahona, November 2007, Seite 105.)

Wie können wir nun sicherstellen, dass wir die beste Entscheidung treffen?

Hier sind einige Grundsätze, die mir klar geworden sind.

Grundsatz 1: Wir müssen unsere Möglichkeiten abwägen und dabei das Ende im Blick haben

Wenn wir Entscheidungen treffen, die sich auf unser Leben oder das unserer Lieben auswirken können, ohne auch die Folgen gut im Blick zu haben, birgt das Risiken in sich. Wenn wir jedoch die möglichen Folgen dieser Entscheidungen in die Zukunft projizieren, erkennen wir deutlicher, welchen Weg wir in der Gegenwart einschlagen sollen.

Zu verstehen, wer wir sind, warum wir hier sind und was der Herr von uns in diesem Leben erwartet, verhilft uns zu dem größeren Weitblick, den wir brauchen.

In den heiligen Schriften finden wir Beispiele dafür, wie größerer Weitblick deutlicher hat erkennen lassen, welcher Weg einzuschlagen war.

Mose sprach mit dem Herrn von Angesicht zu Angesicht, erfuhr vieles über den Erlösungsplan und verstand dadurch seine Rolle als Prophet der Sammlung Israels besser.

„Und Gott sprach zu Mose, nämlich: Siehe, ich bin der Herr, der allmächtige Gott …

Und ich werde dir das Werk meiner Hände zeigen …

Und ich habe eine Arbeit für dich, Mose, mein Sohn.“ (Mose 1:3,4,6.)

Dank dieser Erkenntnis war Mose in der Lage, viele schwere Jahre in der Wüste durchzustehen und Israel in dessen Heimat zurück zu führen.

Lehi, der bedeutende Prophet aus dem Buch Mormon, hatte einen Traum und erfuhr aus seiner Vision, dass es seine Aufgabe war, seine Familie in ein verheißenes Land zu führen.

„Und es begab sich: Der Herr gebot meinem Vater, ja, in einem Traum, er solle seine Familie nehmen und in die Wildnis ziehen. …

Und er ließ sein Haus zurück und das Land seines Erbteils und sein Gold und sein Silber und seine Kostbarkeiten.“ (1 Nephi 2:2,4.)

Lehi blieb seiner Vision treu, trotz der Schwierigkeiten, die die Reise mit sich brachte, und obwohl er das angenehme Leben in Jerusalem aufgeben musste.

Ein weiteres großartiges Beispiel ist der Prophet Joseph Smith. Dank vieler Offenbarungen, angefangen mit der ersten Vision, war er in der Lage, seine Mission – die Wiederherstellung von allem – zu erfüllen (siehe Joseph Smith – Lebensgeschichte 1:1-26).

Wie steht es denn mit uns? Was erwartet der Herr von jedem von uns?

Uns muss kein Engel erscheinen, damit wir Erkenntnis erlangen. Wir haben die heiligen Schriften, den Tempel, lebende Propheten, unseren Patriarchalischen Segen, inspirierte Führer und vor allem das Recht, persönliche Offenbarung zu empfangen, die unsere Entscheidungen lenkt.

Grundsatz 2: Wir müssen auf die Herausforderungen vorbereitet sein, die noch kommen

Die besten Wege im Leben sind selten die einfachsten. Oft ist es genau umgekehrt. Wir können uns am Beispiel der Propheten orientieren, die ich gerade erwähnt habe.

Mose, Lehi und Joseph Smith hatten keinen leichten Lebensweg, auch wenn sie richtige Entscheidungen getroffen hatten.

Sind wir gewillt, den Preis für unsere Entscheidungen zu zahlen? Sind wir bereit, unsere behagliche Umgebung aufzugeben, um einen besseren Ort zu erreichen?

Um auf die Erfahrung mit meinem Patriarchalischen Segen zurückzukommen: Ich kam damals zu dem Schluss, ich solle mich weiterbilden und mich um ein Stipendium einer amerikanischen Universität bewerben. Falls die Wahl auf mich fiele, würde es unumgänglich werden, dass ich meinen Job aufgab, unser gesamtes Hab und Gut verkaufte und in die Vereinigten Staaten umzog, um dort zwei Jahre lang als Stipendiat zu studieren.

Als erste Herausforderungen hatte ich verschiedene Tests, wie den TOEFL und den GMAT, zu bestehen. Die Vorbereitung dauerte drei lange Jahre. Ich wurde häufig abgelehnt und einige Male vertröstet, bevor ich schließlich an einer Universität angenommen wurde. Ich erinnere mich noch an den Telefonanruf, den ich am Ende des dritten Jahres von einem Mann erhielt, der für die Stipendien zuständig war.

Er sagte: „Carlos, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Die gute ist, dass Sie dieses Jahr unter den drei ersten sind.“ Nur einer wurde damals angenommen. „Die schlechte ist, dass einer der anderen Kandidaten der Sohn einer wichtigen Persönlichkeit ist, der andere der Sohn einer anderen wichtigen Persönlichkeit und der Dritte sind Sie.

Ich antwortete rasch: „Und ich … ich bin ein Sohn Gottes.“

Glücklicherweise gaben die irdischen Eltern nicht den Ausschlag, und ich wurde in diesem Jahr, es war 1992, angenommen.

Wir sind Kinder des allmächtigen Gottes. Er ist unser Vater, er liebt uns und er hat einen Plan für uns. Wir leben nicht hier auf Erden, um bloß unsere Zeit zu vergeuden, alt zu werden und zu sterben. Gott möchte, dass wir wachsen und unser Potenzial ausschöpfen.

Präsident Thomas S. Monson hat es so ausgedrückt: „Jede[r] von Ihnen, ob alleinstehend oder verheiratet, unabhängig von Ihrem Alter, hat die Möglichkeit, zu lernen und geistig zu wachsen. Erweitern Sie Ihre Kenntnisse, und zwar in intellektueller und in geistiger Hinsicht, bis zum vollen Maß Ihres gottgegebenen Potenzials.“ („Die große Stärke der FHV“, Der Stern, Januar 1998, Seite 99.)

Grundsatz 3: Wir müssen mit denen, die wir lieben, über unsere Vision sprechen

Lehi unternahm mehr als nur ein paar Versuche, um Laman und Lemuel verständlich zu machen, wie wichtig die Veränderungen waren, die sie vornahmen. Die Tatsache, dass sie an der Vision ihres Vaters nicht teilhatten, führte dazu, dass sie im Laufe der Reise murrten. Nephi dagegen suchte den Herrn, damit auch er sehen konnte, was sein Vater gesehen hatte.

„Und es begab sich: Nachdem ich, Nephi, alle die Worte meines Vaters vernommen hatte über das, was er in einer Vision geschaut hatte, … da wünschte ich, … dass auch ich das alles sehen und vernehmen und wissen möge durch die Macht des Heiligen Geistes.“ (1 Nephi 10:17.)

Dank dieser Vision war Nephi nicht nur imstande, die Schwierigkeiten der Reise zu meistern, sondern auch, seine Familie zu führen, als dies notwendig wurde.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass es sich auf unsere Lieben auswirkt, wenn wir uns für einen bestimmten Weg entscheiden, und manche unterliegen sogar mit uns gemeinsam den Folgen dieser Entscheidung. Ideal ist es, wenn sie sehen können, was wir sehen, und unsere Überzeugung teilen. Das ist nicht immer möglich, aber wenn es eintritt, geht die Reise viel leichter vonstatten.

Bei der persönlichen Erfahrung, die ich zur Veranschaulichung genutzt habe, brauchte ich zweifellos die Unterstützung meiner Frau. Die Kinder waren noch klein und konnten nicht viel dazu sagen, aber die Unterstützung meiner Frau war sehr wichtig. Ich erinnere mich, dass ich die Änderung meiner Pläne erst gründlich mit Mônica durchsprechen musste, bis sie sich damit angefreundet hatte und voll und ganz dahinter stand. Diese gemeinsame Vision veranlasste sie nicht nur, die Veränderung zu unterstützen, sondern auch, entscheidend zu ihrem Gelingen beizutragen.

Ich weiß, dass der Herr für unser Leben etwas vorhat. Er kennt uns. Er weiß, was das Beste für uns ist. Nur weil alles gut läuft, sollten wir nicht meinen, wir brauchten nicht hin und wieder darüber nachzudenken, ob es nicht noch besser sein könnte. Wenn wir so weiterleben wie jetzt, werden sich dann die verheißenen Segnungen einstellen?

Gott lebt. Er ist unser Vater. Der Erlöser Jesus Christus lebt, und ich weiß, dass wir durch sein sühnendes Opfer die Kraft finden können, unsere täglichen Herausforderungen zu überwinden. Im Namen Jesu Christi. Amen.