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Eine Pionierfamilie kniet im Schnee, Gemälde von Michael T. Malm

John Linford war 43, als er und seine Frau Maria und drei ihrer Söhne die Entscheidung trafen, ihren Heimatort Gravely in England zu verlassen und sich auf eine Reise von tausenden Kilometern zu begeben, um sich den Heiligen im Tal des großen Salzsees anzuschließen. Sie ließen den vierten Sohn, der sich gerade auf Mission befand, zurück, verkauften ihr Hab und Gut und gingen in Liverpool an Bord der Thornton.

Die Überfahrt nach New York und die weitere Reise über Land nach Iowa verliefen ereignislos. Die Schwierigkeiten begannen jedoch kurz nach dem Aufbruch in Iowa City am 15. Juli 1856. Die Linfords und andere Mitglieder, die mit der Thornton nach Amerika gekommen waren, gehörten zur unglückseligen Handkarrenabteilung von James G. Willie.

Das raue Wetter und die Strapazen machten vielen in der Abteilung zu schaffen, darunter auch John. Er wurde schließlich so krank und schwach, dass er im Handkarren mitgezogen werden musste. Als die Abteilung endlich in Wyoming ankam, hatte sich sein Zustand erheblich verschlechtert. Am 21. Oktober traf ein Rettungstrupp aus Salt Lake City ein. Nur wenige Stunden vor ihrer Ankunft war Johns irdische Reise zu Ende gegangen. Er war früh am Morgen nahe dem Ufer des Sweetwater gestorben.

Bedauerte John es, dass er ein angenehmes, leichtes Leben gegen die Kämpfe, die Entbehrungen und die Mühsal der Reise eingetauscht hatte, um seine Familie nach Zion zu bringen?

„Nein, Maria“, sagte er zu seiner Frau, kurz bevor er starb. „Ich bin froh, dass wir hergekommen sind. Ich werde unsere Ankunft in Salt Lake nicht erleben, aber du und die Jungen, ihr werdet sie erleben. Ich bedaure nichts von dem, was wir durchgemacht haben, wenn unsere Jungen nur in Zion aufwachsen und dort ihre Familie großziehen können.“1

Maria und ihre Söhne erreichten ihr Ziel. Als Maria fast 30 Jahre später starb, hinterließen sie und John ein Vermächtnis des Glaubens, des Dienens, der Hingabe und der Opferbereitschaft.

Ein Heiliger der Letzten Tage zu sein bedeutet, ein Pionier zu sein, denn ein Pionier ist jemand, „der vorausgeht, um anderen, die folgen, den Weg zu bereiten“2. Ein Pionier zu sein bedeutet auch zu erleben, was es heißt, Opfer zu bringen. Die Mitglieder der Kirche werden heute nicht mehr aufgefordert, ihre Heimat zurückzulassen und nach Zion aufzubrechen, aber oft müssen sie alte Gewohnheiten, langjährige Traditionen oder liebgewonnene Freunde zurücklassen. Manche müssen womöglich die schmerzliche Entscheidung treffen, Angehörige zurückzulassen, die sich gegen ihre Mitgliedschaft in der Kirche stellen. Ein Heiliger der Letzten Tage geht jedoch vorwärts und betet darum, dass liebe Angehörige und Freunde mit der Zeit seine Entscheidung verstehen und akzeptieren.

Der Weg eines Pioniers ist nicht leicht, aber wir treten in die Fußstapfen des größten Pioniers überhaupt, nämlich des Erlösers, der uns vorausgegangen ist und uns den Weg gezeigt hat, dem wir folgen sollen.

Er lädt uns ein: „Komm und folge mir nach!“3

Er verkündet: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“4

Er ruft uns zu: „Komm[t] zu mir.“5

Der Weg kann uns viel abverlangen. Manchen fällt es schwer, den Hohn und die geschmacklosen Äußerungen törichter Menschen zu ertragen, die Keuschheit, Ehrlichkeit und den Gehorsam gegenüber Gottes Geboten ins Lächerliche ziehen. Die Welt hat das Festhalten an Grundsätzen schon immer gering geschätzt. Als Noach angewiesen wurde, die Arche zu bauen, blickte das törichte Volk zum wolkenlosen Himmel auf und spottete höhnisch – bis der Regen einsetzte.

Auf dem amerikanischen Kontinent, vor vielen Jahrhunderten, zweifelten und stritten die Ungehorsamen, bis Zarahemla vom Feuer verzehrt, Moronihach unter Erde begraben und Moroni vom Wasser verschlungen wurde. All der Hohn und der Spott, die Derbheit und die Sünde waren vergangen. Stattdessen herrschten düsteres Schweigen und dichte Finsternis. Gott war mit seiner Geduld am Ende, die Zeit war abgelaufen.

Maria Linford verlor nie ihren Glauben, trotz der Verfolgung in England, trotz der Beschwernisse der langen Reise zu dem „Ort, den Gott für uns bestimmt“6, trotz aller folgenden Prüfungen, die sie für ihre Familie und für die Kirche ertrug.

1937 stellte Elder George Albert Smith (1870–1951) bei einer Gedenkfeier am Grab von Maria ihren Nachkommen die Frage: „Wollt ihr dem Glauben eurer Vorfahren treu bleiben? … Strengt euch an, euch all der Opfer, die sie für euch gebracht haben, würdig zu erweisen!“7

Mögen wir in unserem Bestreben, Zion im Herzen, in der Familie, in der Nachbarschaft und in unserem Land aufzubauen, den unbeirrbaren Mut und den treuen Glauben derer vor Augen haben, die einfach alles dafür gegeben haben, dass wir uns der Segnungen des wiederhergestellten Evangeliums – mitsamt der Hoffnung und der Verheißung durch das Sühnopfer Jesu Christi – erfreuen können.

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Anmerkungen

  1. 1.

    Zitiert in Andrew D. Olsen, The Price We Paid, 2006, Seite 45f., 136f.

  2. 2.

    The Compact Edition of the Oxford English Dictionary, 1971, „pioneer“

  3. 3.

    Lukas 18:22

  4. 4.

    Johannes 14:6

  5. 5.

    Johannes 7:37; siehe auch 3 Nephi 9:22

  6. 6.

    „Kommt, Heilge, kommt!“, Gesangbuch, Nr. 19

  7. 7.

    Zitiert in Olsen, The Price We Paid, Seite 203f.