Dritter Stock, letzte Tür

Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft

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    Gott belohnt diejenigen, die ihn ernsthaft suchen, wir müssen also weiter anklopfen. Schwestern, geben Sie nicht auf. Suchen Sie Gott mit ganzem Herzen.

    Meine lieben Schwestern, liebe Freundinnen, wie glücklich wir uns doch schätzen können, uns wieder unter der Leitung und Führung unseres lieben Propheten und Präsidenten, Thomas S. Monson, zu dieser weltweiten Konferenz zu versammeln. Präsident, wir haben Sie lieb und wir beten für Sie. Wir wissen, dass Ihnen die Schwestern in der Kirche sehr am Herzen liegen.

    Es ist mir eine große Freude, an dieser wunderbaren Versammlung der Generalkonferenz teilzunehmen, die den Schwestern in der Kirche gewidmet ist.

    Schwestern, wenn ich Sie sehe, muss ich sofort an die Frauen denken, die so großen Einfluss auf mein Leben hatten: meine Großmutter und meine Mutter, die als Erste der Einladung gefolgt sind, zu kommen und zu sehen, worum es in der Kirche geht.1 Dann ist da meine geliebte Frau Harriet, in die ich mich auf den ersten Blick verliebt habe. Und Harriets Mutter, die sich der Kirche angeschlossen hat, kurz nachdem ihr Mann an Krebs gestorben war. Schließlich meine Schwester, meine Tochter, meine Enkeltochter und meine Urenkelin – sie alle haben einen läuternden Einfluss auf mich. Sie bringen wahrhaftig Sonnenschein in mein Leben. Sie inspirieren mich dazu, ein besserer Mensch und ein einfühlsamerer Führer der Kirche zu werden. Wie anders wäre mein Leben ohne sie!

    Es stimmt mich auch deshalb sehr demütig, weil ich weiß, dass dieser Einfluss in der ganzen Kirche millionenfach vorhanden ist, nämlich durch die Fähigkeiten, die Talente, die Intelligenz und das Zeugnis von Frauen wie Ihnen, Frauen voller Glauben.

    Manche von Ihnen fühlen sich vielleicht eines solch großen Lobes nicht würdig. Sie meinen vielleicht, Sie seien zu unbedeutend und hätten keinen nennenswerten Einfluss auf andere. Womöglich betrachten Sie sich nicht einmal als eine Frau voller Glauben, weil Sie manchmal mit Zweifeln oder Ängsten zu kämpfen haben.

    Heute möchte ich zu all denen sprechen, die schon einmal so empfunden haben – und das schließt wahrscheinlich jeden von uns mit ein. Ich möchte über den Glauben sprechen – was Glaube ist, was er kann und was er nicht kann und was wir tun müssen, um die Macht des Glaubens in unserem Leben wirken zu lassen.

    Was ist Glaube?

    Glaube ist eine feste Überzeugung von etwas, was wir für wahr halten – eine Überzeugung, die so stark ist, dass sie uns dazu bringt, etwas zu tun, was wir sonst nicht tun würden. „Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“2

    Für einen Gläubigen ergibt das Sinn, aber Menschen, die nicht glauben, finden das eher verwirrend. Sie schütteln den Kopf und fragen: „Wie kann man sich einer Sache, die man nicht sieht, sicher sein?“ Für sie ist das ein Beweis für die Irrationalität von Religion.

    Sie verstehen einfach nicht, dass man nicht nur mit den Augen sehen, nicht nur mit den Händen fühlen, nicht nur mit den Ohren hören kann.

    Es lässt sich vergleichen mit dem, was ein kleines Mädchen erlebte, als es mit seiner Großmutter spazieren ging. Das kleine Mädchen war ganz begeistert vom Gesang der Vögel, und es wies seine Großmutter auf jedes Zwitschern hin.

    „Hörst du das?“, fragte das kleine Mädchen immer wieder. Aber die Großmutter war schwerhörig und konnte das Zwitschern nicht hören.

    Schließlich ging die Großmutter in die Hocke und sagte: „Es tut mir leid, mein Schatz. Oma hört nicht so gut.“

    Ganz aufgebracht nahm das kleine Mädchen das Gesicht der Großmutter in die Hände, schaute ihr tief in die Augen und sagte: „Oma, hör einfach besser hin!“

    Aus dieser Geschichte können Nichtgläubige wie Gläubige einiges lernen. Nur weil wir etwas nicht hören können, bedeutet das nicht, dass es nichts zu hören gibt. Zwei Menschen können die gleiche Ansprache hören oder die gleiche Schriftstelle lesen, und der eine spürt das Zeugnis des Geistes und der andere nicht.

    Andererseits ist die Aufforderung, besser hinzuhören, wohl nicht der beste Weg, wenn uns daran liegt, dass unsere Lieben die Stimme des Geistes kennenlernen und die reiche, ewige und tiefe Schönheit des Evangeliums Jesu Christi erfahren.

    Ein besserer Rat – und zwar für jeden, der mehr Glauben entwickeln möchte – wäre wohl, anders hinzuhören. Der Apostel Paulus fordert uns auf, auf die Stimme zu achten, die zu unserem Geist spricht, nicht nur zu unseren Ohren. Er verkündete: „Der irdisch gesinnte Mensch aber lässt sich nicht auf das ein, was vom Geist Gottes kommt. Torheit ist es für ihn, und er kann es nicht verstehen, weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt werden kann.“3 Oder denken wir vielleicht auch an die Worte des kleinen Prinzen von Saint-Exupéry, nämlich: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“4

    Die Macht und die Grenzen des Glaubens

    Mitunter ist es nicht leicht, Glauben an Geistiges zu entwickeln, während man ja in einer körperlichen Welt lebt. Aber es ist die Mühe wert, weil die Macht des Glaubens sehr viel in unserem Leben bewirken kann. Aus den heiligen Schriften erfahren wir, dass durch Glauben Welten geformt wurden, das Meer geteilt wurde, Tote auferweckt wurden und Flüsse und Berge versetzt wurden.5

    Manch einer fragt sich jedoch: „Wenn Glaube so mächtig ist, warum erhalte ich dann keine Antwort auf mein flehendes Beten? Ich muss kein Meer teilen und keinen Berg versetzen. Ich will doch nur, dass die Krankheit verschwindet oder meine Eltern einander vergeben oder ein Partner für die Ewigkeit mit einem Blumenstrauß in der einen und einem Verlobungsring in der anderen Hand vor meiner Tür auftaucht. Warum kann mein Glaube das nicht vollbringen?“

    Glaube ist machtvoll und führt oft Wunder herbei. Aber wie stark unser Glaube auch sein mag, es gibt zweierlei, was er nicht kann. Zum einen kann er nicht die Entscheidungsfreiheit eines anderen außer Kraft setzen.

    Eine Frau betete jahrelang darum, ihre vom Weg abgeirrte Tochter möge in die Herde Christi zurückkehren. Sie war sehr enttäuscht, dass ihre Gebete anscheinend nicht erhört wurden. Besonders schmerzlich war es, Geschichten von anderen verlorenen Kindern zu hören, die umgekehrt waren.

    Das Problem war aber nicht, dass sie etwa zu wenig betete oder nicht genug Glauben hatte. Sie musste nur erkennen, dass der Vater im Himmel – so schmerzlich es für ihn auch sein mag – niemanden dazu zwingt, den Pfad der Rechtschaffenheit zu gehen. Gott hat schon in der vorirdischen Welt seine Kinder nicht dazu gezwungen, ihm zu folgen. Hier auf unserer Reise durchs Erdenleben wird er es erst recht nicht tun.

    Gott lädt uns ein und redet uns gut zu. Gott streckt uns unermüdlich die Hände entgegen – voller Liebe, Inspiration und Zuspruch. Aber Gott wird uns nie zwingen, denn das würde seinen großen Plan für unser ewiges Wachstum untergraben.

    Das Zweite, was der Glaube nicht kann, ist, dass wir Gott unseren Willen aufzwingen. Wir können Gott nicht dazu zwingen, uns unsere Wünsche zu erfüllen, auch wenn wir uns noch so sehr im Recht fühlen und noch so aufrichtig beten. Denken Sie an das, was Paulus erlebt hat. Er hat den Herrn mehrfach angefleht, ihn von einer persönlichen Prüfung zu befreien, die er als „Stachel [im] Fleisch“ bezeichnete. Aber das entsprach nicht dem Willen Gottes. Mit der Zeit erkannte Paulus, dass seine Prüfung eigentlich ein Segen war, und er dankte Gott, dass er seine Gebete nicht so erhört hatte, wie Paulus es erhofft hatte.6

    Vertrauen und Glaube

    Der Zweck des Glaubens besteht also nicht darin, Gottes Willen zu ändern, sondern uns dazu zu befähigen, nach Gottes Willen zu handeln. Glaube ist Vertrauen – das Vertrauen, dass Gott sieht, was wir nicht sehen können, und dass Gott weiß, was wir nicht wissen.7 Manchmal reicht es eben nicht, nur auf unsere Sicht und unser Urteil zu vertrauen.

    Diese Lektion habe ich als Pilot gelernt, wenn ich an manchen Tagen durch dichten Nebel oder dichte Wolken fliegen musste und nur wenige Meter weit sehen konnte. Ich musste mich auf die Instrumente verlassen, die mir anzeigten, wo ich war und in welche Richtung ich flog. Ich musste auf die Stimme der Flugsicherung hören. Ich musste mich von jemandem leiten lassen, der präzisere Informationen hatte als ich. Jemandem, den ich nicht sehen konnte, dem zu vertrauen ich aber gelernt hatte. Jemandem, der sehen konnte, was ich nicht sehen konnte. Um sicher an meinem Ziel anzukommen, musste ich vertrauen und entsprechend handeln.

    Glaube bedeutet, dass wir nicht nur auf Gottes Weisheit vertrauen, sondern auch auf seine Liebe. Es bedeutet, darauf zu vertrauen, dass Gott uns auf vollkommene Weise liebt, dass alles, was er tut – jeder Segen, den er schenkt, und jeder Segen, den er, zumindest eine Zeit lang, zurückhält – unserem ewigen Glück dient.8

    Mit einem solchen Glauben wissen wir, dass alles am Ende Sinn ergibt, auch wenn wir jetzt nicht verstehen, weshalb manches geschieht oder weshalb manche Gebete nicht erhört werden. „Gott [führt] bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten.“9

    Alles wird in Ordnung gebracht werden. Alles wird gut werden.

    Wir können sicher sein, dass wir Antworten erhalten, und wir können gewiss sein, dass wir nicht nur mit den Antworten zufrieden sein werden, sondern auch überwältigt von der Gnade, der Barmherzigkeit, der Großzügigkeit und der Liebe, die der Vater im Himmel für uns, seine Kinder, empfindet.

    Klopfen Sie einfach weiter an

    Bis dahin gehen wir mit dem Glauben, den wir haben, unseren Weg10 und bemühen uns stets darum, ihn zu vergrößern. Das ist manchmal kein einfaches Bestreben. Wer ungeduldig ist, wer nicht entschlossen ist, wer nachlässig ist, für den ist der Glaube schwer fassbar. Wer sich leicht entmutigen oder ablenken lässt, erfährt wohl kaum, was Glaube ist. Glaube wird dem zuteil, der demütig ist, der eifrig ist, der ausharrt.

    Er wird dem zuteil, der den Preis der Glaubenstreue zahlt.

    Dies zeigt sich in dem Erlebnis zweier junger Missionare, die in Europa tätig waren, in einem Gebiet, in dem es nur sehr wenige Bekehrtentaufen gab. Es wäre sicher verständlich gewesen, wenn sie gemeint hätten, sie könnten da nicht viel ausrichten.

    Aber diese beiden Missionare hatten Glauben, und sie waren entschlossen. Sie hatten die Einstellung, dass es nicht an ihnen liegen sollte, wenn niemand ihrer Botschaft zuhörte. Sie wollten ihr Bestes geben.

    Eines Tages hatten sie das Gefühl, sie sollten die Bewohner eines gut gepflegten vierstöckigen Wohnhauses ansprechen. Sie fingen im Erdgeschoss an, klopften an jede Tür und stellten ihre errettende Botschaft von Jesus Christus und der Wiederherstellung seiner Kirche vor.

    Das Wohnhaus, in dem Schwester Uchtdorf als Kind lebte

    Niemand im Erdgeschoss wollte ihnen zuhören.

    Wie leicht wäre es gewesen, zu sagen: „Wir haben es versucht. Hören wir hier auf. Versuchen wir es in einem anderen Haus.“

    Aber diese beiden Missionare hatten Glauben und waren bereit zu arbeiten, also klopften sie auch im ersten Stock an jede Tür.

    Wieder wollte niemand zuhören.

    Im zweiten Stock war es nicht anders. Ebenso im dritten Stock – bis sie an die letzte Tür im dritten Stock klopften.

    Die Tür wurde geöffnet, ein Mädchen lächelte sie an und bat sie zu warten, es wolle seiner Mutter Bescheid sagen.

    Die Mutter war erst 36 Jahre alt, hatte kurz zuvor ihren Mann verloren und war nicht in der Laune, sich mit Mormonenmissionaren zu unterhalten. Sie sagte ihrer Tochter, sie solle die Missionare wegschicken.

    Aber die Tochter bat sie eindringlich. Es seien so freundliche junge Männer, sagte sie. Es würde doch nur ein paar Minuten dauern.

    Also erklärte sich die Mutter widerstrebend einverstanden. Die Missionare überbrachten ihre Botschaft und gaben der Mutter ein Buch zu lesen – das Buch Mormon.

    Nachdem sie gegangen waren, beschloss die Mutter, wenigstens ein paar Seiten zu lesen.

    Innerhalb weniger Tage las sie das ganze Buch.

    Die Familie von Schwester Uchtdorf mit Missionaren

    Nicht lang danach stieg diese liebe Familie, die ihren Vater verloren hatte, in die Wasser der Taufe.

    Als die kleine Familie den Zweig in Frankfurt besuchte, fiel einem jungen Diakon auf, wie hübsch die eine Tochter war, und er dachte bei sich: Unsere Missionare leisten wirklich gute Arbeit!

    Der junge Diakon hieß Dieter Uchtdorf. Und das bezaubernde Mädchen, das seine Mutter angefleht hatte, die Missionare anzuhören, trägt den schönen Namen Harriet. Wenn sie mich auf meinen Reisen begleitet, schließt sie jeder, der sie kennenlernt, sofort ins Herz. Mit ihrer Liebe zum Evangelium und ihrer strahlenden Persönlichkeit war sie schon vielen Menschen ein Segen. Sie ist wahrhaftig der Sonnenschein meines Lebens.

    Schwester Uchtdorf während einer Ansprache in Norwegen

    Wie oft war ich schon von ganzem Herzen dankbar für die zwei Missionare, die nicht im Erdgeschoss aufgegeben haben! Wie oft habe ich schon meine Dankbarkeit für ihren Glauben und ihre Arbeit zum Ausdruck gebracht. Wie oft habe ich schon dafür gedankt, dass sie weitergemacht haben – bis zum dritten Stock, zur letzten Tür.

    Dann wird euch geöffnet

    Denken wir auf unserer Suche nach beständigem Glauben, in unserem Streben, mit Gott und seinen Absichten verbunden zu sein, doch an die Verheißung des Herrn: „Klopft an, dann wird euch geöffnet.“11

    Geben wir auf, nachdem wir an ein, zwei Türen geklopft haben? Nach ein, zwei Stockwerken?

    Oder suchen wir weiter, bis wir den dritten Stock, die letzte Tür erreicht haben?

    Gott belohnt diejenigen, die ihn ernsthaft suchen12, aber dieser Lohn erwartet uns meist nicht hinter der ersten Tür. Wir müssen also weiter anklopfen. Schwestern, geben Sie nicht auf. Suchen Sie Gott mit ganzem Herzen. Üben Sie Glauben. Wandeln Sie in Rechtschaffenheit.

    Ich verheiße Ihnen: Wenn Sie das tun und durchhalten bis zur letzten Tür im dritten Stock, werden Sie die Antworten bekommen, die Sie suchen. Sie werden Glauben finden. Und eines Tages werden Sie von Licht erfüllt, das „heller und heller [wird] bis zum vollkommenen Tag“13.

    Meine lieben Schwestern in Christus, Gott gibt es wirklich.

    Er lebt.

    Er liebt Sie.

    Er kennt Sie.

    Er versteht Sie.

    Er kennt das stille Flehen Ihres Herzens.

    Er hat Sie nicht verlassen.

    Er wird Sie nicht im Stich lassen.

    Dies ist mein Zeugnis, und ich gebe jeder von Ihnen meinen apostolischen Segen, dass Sie diese erhabene Wahrheit in Herz und Sinn spüren werden. Leben Sie im Glauben, meine lieben Freundinnen und Schwestern, dann wird der Herr, unser Gott, Sie um das Tausendfache wachsen lassen und Sie segnen, wie er es versprochen hat!14

    Es ist mein Glaube, meine Überzeugung und mein sicheres und unerschütterliches Zeugnis, dass dies das Werk Gottes ist. Im heiligen Namen unseres geliebten Erretters, im Namen Jesu Christi. Amen.

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