Botschaft von der Ersten Präsidentschaft

Zielen wir auf die Mitte!

Präsident Dieter F. Uchtdorf

Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft

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    Woman shooting bow and arrow

    Foto © Serg Myshkovsky/Getty Images

    Neulich habe ich ein paar Leute beobachtet, die sich in der Kunst des Bogenschießens übten. Allein vom Zuschauen wurde mir schon klar, dass man Zeit braucht und viel üben muss, wenn man den Umgang mit Pfeil und Bogen wirklich beherrschen will.

    Ich glaube nicht, dass man sich als Bogenschütze einen Namen machen kann, wenn man auf eine leere Wand schießt und dann um jeden Pfeil eine Zielscheibe malt. Man muss die Kunst schon lernen, wie man eine Zielscheibe anvisiert und ins Schwarze trifft.

    Malen wir Zielscheiben?

    Es mag ein wenig abwegig erscheinen, erst zu schießen und dann eine Zielscheibe zu malen, aber unser Verhalten in anderen Bereichen des Lebens ähnelt manchmal genau dem.

    Als Mitglieder der Kirche neigen wir manchmal dazu, uns auf Programme, Themen oder gar Lehren zu fixieren, die uns interessant, wichtig oder angenehm erscheinen. Es erscheint so einfach, eine Zielscheibe um sie herum zu malen und uns dann einzureden, wir würden auf die Mitte des Evangeliums zielen.

    Zu allen Zeiten haben wir von Propheten Gottes ausgezeichneten Rat und Inspiration erhalten. Auch die verschiedenen Veröffentlichungen, Handbücher und Leitfäden der Kirche weisen uns den Weg und verschaffen uns Klarheit. Wie einfach wäre es, sich ein Lieblingsthema aus dem Evangelium herauszupicken, ein paar Kreise drumherum zu malen und dann zu behaupten, man hätte die Mitte des Evangeliums getroffen.

    Der Erretter gibt uns Klarheit

    Diese Erscheinung gibt es nicht erst seit heute. In früheren Zeiten verbrachten religiöse Führer eine Unmenge Zeit damit, hunderte von Geboten aufzulisten, ihnen einen Stellenwert zuzuweisen und darüber zu beratschlagen, welches von ihnen das wichtigste sei.

    Eines Tages versuchte eine Gruppe Religionsgelehrter, den Erretter in solch eine Diskussion zu verwickeln. Sie baten ihn, sich zu einer Frage zu äußern, in der sich nur wenige einigen konnten.

    „Meister“, fragten sie ihn, „welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?“

    Wir alle wissen, was Jesus erwiderte: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.

    Das ist das wichtigste und erste Gebot.

    Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

    An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.“1

    Bitte beachten Sie den letzten Satz: „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.“

    Der Erretter hat uns nicht nur die Zielscheibe gezeigt, sondern auch, wo die Mitte ist.

    Ins Schwarze treffen

    Als Mitglieder der Kirche geloben wir, den Namen Jesu Christi auf uns zu nehmen. Wenn wir diesen Bund schließen, verknüpfen wir damit, dass wir über Gott noch mehr erfahren, ihn lieben, unseren Glauben an ihn mehren, ihn ehren, auf seinen Wegen wandeln und als Zeugen für ihn standhaft bleiben wollen.

    Je mehr wir über Gott erfahren und seine Liebe zu uns spüren, desto mehr wird uns bewusst, dass das unbegrenzte Opfer Jesu Christi ein Geschenk Gottes ist. Und Gottes Liebe regt uns dazu an, den Weg wahrer Umkehr einzuschlagen, der uns zum Wunder der Vergebung führt. Dieser Vorgang befähigt uns dann, mehr Liebe und Mitgefühl für unsere Mitmenschen aufzubringen. Wir lernen, hinter den äußeren Anschein zu schauen. Wir widerstehen der Versuchung, anderen ihre Sünden, Unzulänglichkeiten, Fehler, politischen oder religiösen Ansichten, ihre Nationalität oder Hautfarbe vorzuwerfen oder sie danach zu beurteilen.

    Wir sehen in jedem, der uns begegnet, ein Kind unseres himmlischen Vaters – einen Bruder oder eine Schwester.

    Wir wenden uns anderen verständnisvoll und liebevoll zu, selbst wenn sie nicht unbedingt sonderlich liebenswert erscheinen. Wir trauern mit den Trauernden und trösten diejenigen, die des Trostes bedürfen.2

    Und wir erkennen, dass es gar nicht nötig ist, uns darüber den Kopf zu zermartern, welches Ziel im Evangelium das richtige ist.

    Die zwei wichtigsten Gebote sind das Ziel. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.3 Wenn wir das akzeptieren, ergibt sich all das Gute, was es sonst noch gibt, wie von selbst.

    Wenn unser ganzes Sinnen und Trachten vor allem darauf ausgerichtet sind, den allmächtigen Gott noch mehr zu lieben und uns von Herzen anderen zuzuwenden, können wir sicher sein, dass wir das richtige Ziel erkannt haben und ins Schwarze zielen. Dann werden wir wahre Jünger Jesu Christi.