Zu Rate sitzen

Michael Magleby

Direktor der Abteilung Lehrplan, Priestertum und Familie

Drucken Weitergeben
    man in priesthood quorum council meeting

    Vorwort von Elder M. Russell Ballard vom Kollegium der Zwölf Apostel

    Als Apostel habe ich schon häufig darauf hingewiesen, wie viel Kraft in den Ratsgremien steckt und welche Bedeutung sie haben – ob im Pfahl, in der Gemeinde, in einer Hilfsorganisation oder in der Familie. Rat zu halten ist wohl die wirksamste Art und Weise, zu einem guten Ergebnis zu kommen.

    Diesen Monat werden einfache, aber wichtige Änderungen im Lehrplan eingeführt, mit dem sich die Kollegien des Melchisedekischen Priestertums sowie die Frauenhilfsvereinigung sonntags in ihrer jeweiligen Organisation befassen. Wir beschäftigen uns nicht nur mit den Worten der lebenden Propheten aus der jeweils letzten Generalkonferenz, sondern sitzen auch gemeinsam zu Rate (siehe LuB 107:89), um konkrete Belange und Bedürfnisse anzusprechen.

    Wenn wir lernen, uns effektiver miteinander zu beraten, segnet Gott uns vermehrt mit Inspiration und Einsicht und mit größerer Kraft, sein Werk zu vollbringen.

    Vor der Erschaffung der Welt vollbrachte der Vater im Himmel sein Werk durch Räte (siehe LuB 121:32). Seit der Zeit Adams und Evas hält das Volk Gottes Rat, um Rat von Gott zu erhalten. Gott hat sich sogar selbst als „Mensch des Rates“ bezeichnet (Mose 7:35). Zu Beginn dieser Evangeliumszeit begann Joseph Smith, die „Ordnung der Räte aus alter Zeit“1 wiederherzustellen. Heute wird die Kirche auf allen Ebenen durch Ratsgremien geführt.

    In den vergangenen Monaten haben sich Führer der Kirche miteinander beraten, wie die sonntäglichen Versammlungen des Melchisedekischen Priestertums und der Frauenhilfsvereinigung gestärkt werden können. Das Ergebnis ist ein neuer Lehrplan mit dem Titel Komm und folge mir nach! – Für das Melchisedekische Priestertum und die Frauenhilfsvereinigung. Darin wird vermehrt Gebrauch von Generalkonferenzansprachen gemacht, und die Kraft des Rathaltens wird auf die Priestertumskollegien und die Frauenhilfsvereinigung ausgeweitet.

    „Wir haben auch mit dem bisherigen Lehrplan schon viel Gutes erreicht“, erklärt Elder Christoffel Golden von den Siebzigern, der an dieser Änderung mitgewirkt hat. „Doch der Herr möchte, dass wir Fortschritt machen. Die Verlagerung darauf, dass wir uns mit den Worten der lebenden Propheten befassen und zu Rate sitzen, wird uns noch weiter voranbringen.“

    Vor kurzem haben die FHV-Präsidentschaft und einige Siebziger Rat gehalten und besprochen, inwiefern man durch Ratsversammlungen Offenbarung fördert, mehr Einigkeit schafft und an Kraft gewinnt. Sie schlagen die folgenden Leitlinien vor und gehen davon aus, dass Sie basierend darauf Lösungen entwickeln, die für Sie, Ihre Gemeinde oder Ihren Zweig und Ihr Kollegium oder die Frauenhilfsvereinigung am besten geeignet sind.

    Kraft durch die Ausrichtung auf ein Ziel

    „Da ihr euch versammelt habt … und euch einig seid, was diese eine Sache betrifft, und den Vater in meinem Namen gebeten habt, werdet ihr ebenso empfangen.“ (LuB 42:3.)

    Ratsversammlungen bieten uns die Gelegenheit, „gemeinsam den Willen des Herrn zu erforschen“2. Mit anderen Worten: Es reicht nicht, sich einfach nur über Ideen auszutauschen. Wenn wir uns beraten, fördern wir Offenbarung, damit wir herausfinden können, was der Herr von uns in unserer konkreten Situation möchte. Wir empfangen eher Offenbarung, wenn wir Folgendes beherzigen:

    1.) Schwerpunkt: Beginnen Sie mit einem bestimmten, relevanten Problem oder Bedürfnis. Wenn wir uns auf ein einziges Problem oder Bedürfnis konzentrieren, können wir eher sinnvoll Fortschritt machen. Außerdem schaffen wir es dann leichter, nicht nur die leicht erkennbaren Symptome wahrzunehmen (also was geschieht), sondern tiefer nach den eigentlichen Ursachen zu forschen (also welchen Einfluss etwas hat und warum). Beispielsweise könnte man besprechen, wie man den Jugendlichen helfen kann, eine persönliche Verbindung zu Gott herzustellen, anstatt sich lediglich darüber auszulassen, wie viel Zeit die Jugendlichen mit elektronischen Geräten verbringen.

    2.) Blickwinkel: Formulieren Sie das Problem oder Bedürfnis als Frage. Wenn man einen Sachverhalt als Frage formuliert, kann man eher zu Einsichten gelangen, die sich auf die Lehre gründen. Man kann zum Beispiel fragen: „Wie können wir die Situation auf hilfreiche und heilsame Weise ansprechen?“ oder „Welche Lehre kann uns helfen, das Problem zu lösen, wenn wir sie besser verstehen?“

    3.) Kraft: Bemühen Sie sich um Offenbarung. Man kann zwar im Rat mithilfe von Brainstorming Lösungen suchen, doch der eigentliche Zweck des Rats besteht darin, Gottes Willen zu erforschen. Wir sollen nicht einfach nur bewährte Methoden auflisten oder sagen: „So haben wir das aber in meiner alten Gemeinde gemacht.“ Elder David A. Bednar vom Kollegium der Zwölf Apostel hat erklärt, dass es nicht darum geht, eine Versammlung abzuhalten, sondern Offenbarung zu empfangen.3 Wenn wir uns miteinander beraten, werden uns machtvolle Lösungen offenbart, die uns zum Handeln bewegen.

    Kraft durch Beteiligung

    „Bestimmt unter euch einen zum Lehrer, und lasst nicht alle auf einmal Wortführer sein; sondern lasst immer nur einen reden, und lasst alle seinen Worten zuhören, sodass, wenn alle geredet haben, alle durch alle erbaut worden sein mögen und ein jeder das gleiche Recht habe.“ (LuB 88:122.)

    In Ratsversammlungen begegnen und verbinden sich die Interessen des Einzelnen und der Organisation – also der Gemeinde oder des Zweiges – auf einzigartige Weise, besonders dann, wenn die Teilnehmer dies verstehen:

    1.) Jedes Mitglied des Ratsgremiums spielt eine wichtige Rolle. Jedes Mitglied des Rats soll sich rege beteiligen, das Gespräch jedoch nicht dominieren. Paulus hat gesagt: „Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich.“ (1 Korinther 12:21,22.)

    2.) Die Ratsmitglieder sind darum bemüht, Erhellendes beizutragen. Der Prophet Joseph Smith hat gesagt: „Jeder, der zu einem Punkt, der einem Rat vorgelegt wird, einen Einwand erhebt, soll sich vorher vergewissern, dass er das Thema erhellen und nicht verfinstern wird und dass sein Einwand auf Rechtschaffenheit gegründet ist.“4

    3.) Die Ratsmitglieder bemühen sich, eins zu sein. Auch wenn sie unterschiedliche Sichtweisen haben, sollen sich die Ratsmitglieder vereint darum bemühen, „vom Heiligen Geist geleitet [zu] werden“5. Joseph Smith hat einmal in einer Ratsversammlung erklärt: „Um Offenbarung und die Segnungen des Himmels empfangen zu können, müssen wir unsere Gedanken auf Gott richten, Glauben ausüben und eines Herzens und eines Sinnes sein.“6

    Relief Society council meeting

    Kraft durch einen Aktionsplan

    „Jedermann [soll] in der Lehre und dem Grundsätzlichen, was die Zukunft betrifft, gemäß der sittlichen Selbständigkeit handeln …, die ich ihm gegeben habe.“ (LuB 101:78.)

    Eine Ratsversammlung ist erst dann vollständig, wenn ein Plan aufgestellt worden ist, wie die empfangene Offenbarung in die Tat umgesetzt werden soll. Die Ratsmitglieder müssen aufgefordert werden, sich bestimmte Ziele zu setzen und an diesen zu arbeiten. „Am Ende Ihrer Ratsversammlung müssen Aufgaben verteilt werden“, erklärt Jean B. Bingham, Präsidentin der Frauenhilfsvereinigung. „Die wichtigste Arbeit geschieht zwischen den Versammlungen.“

    Der Leiter (oder die Leiterin) des Rats lenkt die Ratsmitglieder dahingehend, dass man zu Verständnis und Übereinstimmung gelangt. Außerdem hilft der Leiter, Aufgaben zu verteilen und festzuhalten, auf die man dann später wieder zurückkommt. Sharon Eubank, Erste Ratgeberin in der FHV-Präsidentschaft, fügt hinzu: „In uns steckt Kraft. Wenn wir uns zum Handeln verpflichten, heiligt der Herr unsere Bemühungen (siehe LuB 43:9). Freiwillig Aufgaben übernehmen und später Bericht erstatten, das ist die Substanz unseres Handelns als Bundesvolk.“

    Die Rolle des Leiters

    „Der Prediger war nicht besser als der Hörer, und der Lehrer war um nichts besser als der Lernende; und so waren sie alle gleich.“ (Alma 1:26.)

    Unsere Ratsversammlungen werden besser, wenn wir weltliche Vorstellungen von Führerschaft ablegen. Im Reich des Herrn ist der Leiter derjenige, der allen dient (vgl. Markus 10:44). So hat auch der Leiter des Rats – sei es nun der präsidierende Führungsbeamte oder ein Lehrer – die Aufgabe, Schwerpunkte zu setzen, er selbst steht jedoch nicht im Mittelpunkt. Er vermeidet es, einen Standpunkt zu vertreten, bevor sich andere Ratsmitglieder geäußert haben, oder das Gespräch zu dominieren.

    Der Leiter des Rats spielt eine wichtige Rolle: Er formuliert das Anliegen, regt zum Gespräch an und fordert die Teilnehmer auf, sich zum Handeln zu verpflichten. Der Rat funktioniert besser, wenn der Leiter zuhört, lenkt, auffordert, einen geschützten Rahmen schafft und Anerkennung zollt.

    1.) Zuhören. Ein guter Leiter hört dem Sprecher und dem Heiligen Geist zu. „Die Gabe der Unterscheidung funktioniert besser, wenn man zuhört, anstatt selbst zu reden“, erläutert Elder Bednar.7

    2.) Lenken. Der Leiter des Rats lenkt das Gespräch und lässt zu, dass sich Ideen entwickeln. Bei Bedarf formuliert der Leiter den Gesprächsgegenstand neu oder steuert das Gespräch sanft in die richtige Richtung.

    3.) Auffordern. Der Herr streut oder verteilt sozusagen Offenbarung unter den Mitgliedern des Rats. Wenn alle – auch die Zurückhaltenden – darum gebeten werden, Ideen beizusteuern, vergrößert sich damit die Wahrscheinlichkeit, dass man den Willen des Herrn erkennt.

    4.) Schützen. Der Leiter des Rats sorgt für eine Atmosphäre, in der sich jeder ohne Scheu und auf angemessene Weise äußern kann, da ihm die Teilnehmer am Herzen liegen und er sie vor Kritik und Verurteilung schützt. Heikle Themen müssen auf umsichtige Weise moderiert werden. Vertrauliches bleibt auch vertraulich.

    5.) Anerkennen. Wenn Teilnehmer ihre Gedanken oder Ideen äußern, zollt der Leiter Anerkennung, indem er ihnen dankt und ihren Beitrag mit ähnlichen Ideen verknüpft. Dadurch spüren die Teilnehmer, dass sie zu Offenbarung beitragen, und sind noch mehr darum bemüht, sich konstruktiv zu äußern.

    Neuer Lehrplan, neue Entschlossenheit

    Mit diesem neuen Jahr und dem neuen Lehrplan bricht eine Zeit an, da wir uns erneut verpflichten. Wir sind mit dem wiederhergestellten Evangelium Jesu Christi gesegnet. Wir sollen und dürfen uns um die Führung des Herrn bemühen und sein Werk verrichten. Bei dieser Neuerung in den sonntäglichen Versammlungen des Melchisedekischen Priestertums und der Frauenhilfsvereinigung geht es nicht einfach nur darum, eine Lektion zum Werk des Herrn abzuhandeln. Vielmehr „sitzen wir zu Rate“ und fördern rechtschaffenes Handeln, das „viele Menschen nach Zion treiben [wird], mit Liedern immerwährender Freude“ (LuB 66:11).

    Quellenangaben anzeigen

    Anmerkungen

    1. 1.

      Joseph Smith in „Minutes, 17 February 1834“, josephsmithpapers.org

    2. 2.

      Handbuch 2: Die Kirche führen und verwalten, 2010, Abschnitt 2.4.4

    3. 3.

      Siehe David A. Bednar, „Podiumsdiskussion“, Weltweite Führerschaftsschulung, November 2010, lds.org/broadcasts/archive/worldwide-leadership-training/2010/11?lang=deu

    4. 4.

      Teachings of the Prophet Joseph Smith, Hg. Joseph Fielding Smith, 1976, Seite 94

    5. 5.

      Handbuch 2, Abschnitt 3.3.2

    6. 6.

      Joseph Smith in „Minutes, 27–28 December 1832“, Seite 3, josephsmithpapers.org

    7. 7.

      David A. Bednar, „Podiumsdiskussion“