Als ich mich in der Verbotenen Stadt verirrte

Sarah Keenan

Die Verfasserin lebt in Utah.

Drucken Weitergeben

    Ich hatte in meinem Leben den Geist schon verspürt, aber ich hatte noch nie eine konkrete Eingebung empfangen, erst recht keine Wegbeschreibungen.

    lost in the forbidden city

    Illustration von Vlad Gusev

    Ich befand mich mitten in der Verbotenen Stadt in Peking. Nur wenige Minuten zuvor war ich noch von Freunden und Lehrern umgeben gewesen, doch plötzlich fand ich mich völlig alleine wieder.

    Im gleichen Augenblick wurde mir klar, in welcher Gefahr ich mich befand. Als 15-jährige Amerikanerin, die alleine umherwanderte, fiel ich in dem geschäftigen Palastmuseum auf wie ein bunter Hund. Ich war auf Klassenfahrt in China, und unsere Lehrer und die Reiseführer hatten uns viele Male vor den möglichen Gefahren gewarnt, wenn man in einem fremden Land umherreist und nicht vorsichtig ist.

    Ich lief umher und drängte mich durch Touristengruppen von Chinesen und Ausländern hindurch, stellte mich auf die Zehenspitzen und hielt Ausschau nach den rot-weißen T-Shirts, die jeder aus unserer Gruppe trug. Doch ich sah nichts. Ohne dass ich es bemerkt hatte, hatte sich meine Gruppe davongemacht, und ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung alle gegangen waren. Also setzte ich mich hin und beobachtete die Ein- und Ausgänge. Zehn Minuten vergingen, und bald waren dreißig und schließlich fünfundvierzig Minuten verstrichen. Aber ich konnte niemanden aus meiner Gruppe entdecken.

    Plötzlich ergriff jemand meine Hand. Als ich aufblickte, sah ich eine kleine Frau, die einen leicht wirren Blick und lange Fingernägel hatte. Sie zog mich an der Hand. „Komm mit“, sagte sie in gebrochenem Englisch. „Hübsches Mädchen, folge mir.“

    Mir drehte sich der Magen um. „Lassen Sie mich los!“, rief ich und zog meine Hand zurück. Ehe sie meine Hand wieder ergreifen konnte, rannte ich durch einen der Ausgänge und gelangte in einen anderen Teil der Stadt.

    Ich jagte immer weiter, bis ich mich erst recht verlaufen hatte. Dann setzte ich mich auf eine Stufe abseits der Menschenmengen und brach in Tränen aus. Ich kannte zwar ein paar Worte auf Chinesisch, aber gewiss nicht genug, um jemanden nach dem Weg zu unserem Hotel zu fragen, das sich zudem noch auf der entgegengesetzten Seite der riesigen Stadt Peking befand. Abgesehen davon wusste ich in diesem Moment nicht einmal, wo es zum Ausgang ging.

    Tränenüberströmt sprach ich ein Gebet. Ich gab zu, dass es unklug von mir gewesen war, mich von der Gruppe auch nur für einen kleinen Moment zu entfernen. Ich bat den himmlischen Vater, mir zu helfen, meine Gruppe wiederzufinden.

    Dann stand ich wieder auf und ging in die Richtung zurück, woher ich gekommen war. Ich empfing nicht sofort eine Offenbarung und wusste auch gar nicht, wie sich so eine Offenbarung anhören oder anfühlen würde, selbst wenn ich sie empfangen würde. Ich hatte in meinem Leben schon öfter den Geist verspürt – so ein warmes Gefühl, wenn ich jemandem geholfen oder eine Ansprache in der Kirche gehört hatte. Aber ich hatte noch nie eine konkrete Eingebung empfangen, erst recht keine Wegbeschreibungen. Ohne den Weg zu kennen, ging ich weiter und sprach fortwährend ein Gebet im Herzen.

    Schließlich erreichte ich eine Straßengabelung. Ich wollte gerade rechts abbiegen, da flüsterte mir eine Stimme zu: „Bleib stehen.“

    Die Stimme war so sanft, dass ich sie beinahe für meine eigenen Gedanken gehalten hätte. Aber in der Stimme schwang eine Zuversicht mit, die ich ganz sicher gerade nicht empfand. „Setz dich auf die Bank“, sprach die Stimme. Ich blickte umher und sah inmitten der Straßengabelung eine Bank. Ich ging also zu der Bank und setzte mich hin. Nur drei Minuten später tauchte jemand in einem rot-weißen T-Shirt in der Menge auf, das mir sehr bekannt vorkam, und winkte mir zu. Es war unsere Reiseführerin für jenen Tag!

    Ich sprang von der Bank auf, auf der ich saß. Ich war so glücklich, dass ich die Frau fast umarmt hätte.

    „Wir suchen schon seit einer Stunde nach dir!“, rief sie aus. „Wo warst du nur?“

    Als wir zurück zur Gruppe gingen, erzählte ich ihr alles, was mir widerfahren war, von der Trennung von der Gruppe bis zu der Entscheidung, mich auf die Bank zu setzen, statt an der Gabelung rechts abzubiegen.

    „Da hast du aber Glück gehabt“, sagte sie. „Wärst du rechts entlanggegangen, hättest du dich noch weiter von der Gruppe entfernt. Da die Stadt so groß ist, hätte ich dich niemals gefunden.“

    Wir blieben noch einige Wochen in China und ich gab mir große Mühe, mich nicht wieder zu verlaufen. Aber ich musste oft an die Stimme des Geistes denken, die leise zu mir gesprochen hatte. Noch nie zuvor hatte ich eine derartige Eingebung erhalten, aber der Herr wusste, was ich in diesem Moment hören musste, damit ich nicht in die falsche Richtung ging. Mir wurde auch klar, wie einfach es gewesen wäre, der Stimme keine Beachtung zu schenken, wenn ich nicht genau hingehört hätte.

    Seither habe ich den Geist schon oft auf verschiedene Weise als Warnung vor körperlichen und geistigen Gefahren vernommen. Manchmal habe ich erlebt, was darauf folgt, wenn man dieser Stimme gehorcht oder eben nicht – so wie an jenem ersten Tag in der Verbotenen Stadt. Aber noch häufiger habe ich die Folgen nicht erkennen können. Doch eines ich habe gelernt: Wenn ich demütig bin und zuhöre, hilft der Herr mir, die Eingebungen des Geistes zu erkennen. Er leitet mich dann dorthin zurück, wo ich hingehöre. Mit Gott bin ich niemals alleine.