Weihnachten in uns

Aus dem Artikel „A Mission Christmas“, Church News, 17. Dezember 2011, Seite 10


Jeffrey R. Holland
Halten Sie an Ihrem Glauben fest. Sehen Sie das Gute an Ihrer jetzigen Situation. Machen Sie jemandem eine Freude. Suchen Sie Christus – abseits von Geschenkpapier und Lametta.

Weihnachten in uns

Wahrscheinlich erinnert sich jeder an das erste Weihnachten fern vom Elternhaus. Vielleicht war man auf Mission oder beim Militär, oder man war wegen seines Studiums oder der Arbeit an Weihnachten nicht zuhause. Aus welchem Grund auch immer, das erste Weihnachtsfest fern von daheim bleibt wohl jedem klar in Erinnerung. Meine Erinnerung an diese Erfahrung widme ich all denen, die schon einmal Weihnachten fern von zuhause verbracht haben oder dieses Jahr fern von zuhause verbringen.

Ich war damals auf Mission. 19 Jahre lang hatte ich Weihnachten im Kreis meiner Familie und meiner Freunde verbracht. In meiner jugendlichen Selbstbezogenheit war mir sicher nie der Gedanke gekommen, das Weihnachtsfest könne auch einmal anders verbracht werden.

Doch als im Jahr 1960 die Weihnachtszeit anbrach, war ich eine halbe Welt weit entfernt von meiner Familie. Ich war noch keine drei Monate in England und wurde am 1. Dezember ins Missionsbüro beordert, um Elder Eldon Smith abzuholen, der gerade aus Champion in Alberta, Kanada, eingetroffen war. Er wurde mein erster Juniormitarbeiter. Wir wurden beauftragt, in der konservativen Stadt Guildford in Surrey die Missionsarbeit aufzunehmen. In dieser Gegend waren noch nie Missionare der Kirche Jesu Christi gewesen, und unseres Wissens gab es nur ein einziges Mitglied irgendwo dort in der Gegend. Wir waren jung, unerfahren und ein wenig eingeschüchtert von der Größe der Aufgabe, aber nicht verzagt.

Wir meldeten uns bei der Polizeibehörde, suchten nach einer Unterkunft, und da es uns zunächst nicht gelang, das einzige Mitglied zu finden, stürzten wir uns in die Arbeit, die uns vertraut war: Wir klopften an Türen. Wir klopften morgens an Türen, wir klopften mittags an Türen, wir klopften nachmittags an Türen, und wir klopften abends an Türen. Wir fuhren mit dem Fahrrad durch die Straßen, und das im wohl verregnetsten englischen Dezember, den es je gegeben hatte – oder zumindest kam es uns so vor. Wir waren morgens nass, wir waren mittags nass, wir waren nachmittags nass und wir waren abends nass, aber wir klopften weiterhin an Türen. Und fast niemand ließ uns hinein.

So ging es weiter bis Heiligabend, an dem die Menschen noch weniger gewillt waren, zwei Missionaren „aus den Kolonien“ zuzuhören. Am Abend kehrten wir erschöpft, doch dem Herrn treu ergeben, zurück in unser gemietetes Zimmer und hielten eine Weihnachtsandacht ab. Wir sangen ein Weihnachtslied und sprachen das Anfangsgebet. Wir lasen einander aus den heiligen Schriften vor und hörten eine Kassette mit dem Titel Die wahre Weihnachtsgeschichte an. Dann sangen wir ein zweites Weihnachtslied, sprachen das Schlussgebet und gingen schlafen. Wir waren zu müde, um von weihnachtlichen Köstlichkeiten zu träumen.

Am Weihnachtsmorgen studierten wir wie sonst auch in den heiligen Schriften und öffneten dann die zwei, drei Pakete, die trotz unserer Versetzung bei uns eingetroffen waren. Dann gingen wir hinaus, um wiederum an Türen zu klopfen. Wir klopften am Vormittag, wir klopften am Mittag, wir klopften am Nachmittag und wir klopften am Abend. Niemand ließ uns hinein.

Dafür, dass es so ereignislose Weihnachten waren – zweifellos weniger festlich als alle vorherigen und alle seither –, will es schon etwas heißen, dass diese Weihnachtszeit 1960 bis heute (nach über 50 Jahren!) noch immer zu meinen schönsten Weihnachtserinnerungen gehört. Der Grund dafür ist wohl, dass ich damals zum ersten Mal im Leben wirklich verstanden habe, was Weihnachten bedeutet, anstatt es nur zu genießen. Zum ersten Mal war die Botschaft von der Geburt und dem Leben Christi – seine Botschaft und seine Mission und sein Opfer für andere – wirklich zu mir durchgedrungen.

Eigentlich hätte mir dieser Zusammenhang schon in jüngeren Jahren bewusst werden müssen, aber dem war nicht so, zumindest nicht deutlich genug. Aber an jenen Weihnachtstagen in England habe ich es – als stets frierender und durchnässter, ein wenig überforderter 19-Jähriger – endlich begriffen. Meiner Mission habe ich es zu verdanken, dass Weihnachten, wie auch viele andere Aspekte des Evangeliums, mir seit dieser Erfahrung von Jahr zu Jahr immer mehr bedeuten.

Ich grüße von Herzen in dieser Weihnachtszeit alle Missionare, alle Militärangehörigen, alle Studenten und alle Angestellten und Reisenden, die an Weihnachten nicht zuhause sein werden, wie es in einem bekannten englischen Weihnachtslied heißt.1 Halten Sie an Ihrem Glauben fest. Sehen Sie das Gute an Ihrer jetzigen Situation. Machen Sie jemandem eine Freude. Suchen Sie Christus – abseits von Geschenkpapier und Lametta. Und Sie werden feststellen: Ungeachtet aller äußeren Umstände ist Weihnachten – ebenso wie das Reich Gottes – in Ihnen (siehe Fußnote zu Lukas 17:21).

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    Anmerkung

  1.   1.

    James „Kim“ Gannon, „I’ll Be Home for Christmas“, 1943