Vergeben und Vergebung erlangen

Aaronisches Priestertum -- Leitfaden 3, 1996


Ziel

Jeder Junge weiß, daß es zur Umkehr gehört, daß man seinen Mitmenschen vergibt. Wenn man nicht vergibt, vergibt der Herr einem nämlich auch nicht.

Vorzubereiten

  1. 1.

    Lesen Sie gebeterfüllt Matthäus 18:23–35; Johannes 3:16 und Lehre und Bündnisse 64:8–10.

  2. 2.

    Sie brauchen:

    1. a)

      Die heiligen Schriften (jeder Junge soll seine heiligen Schriften mitbringen).

    2. b)

      Bild 6, „Glenn Kempton und Tom Powers“.

    3. c)

      Papier und Bleistift für jeden Jungen.

    4. d)

      Buntstifte zum Schriftstellenmarkieren.

Vorschlag für den unterrichtsablauf

Einleitung

Zitat

Erzählen Sie die folgende Geschichte, die von Bischof H. Burke Peterson stammt:

„Ich habe den größten Teil meines Lebens in Zentral-Arizona verbracht. Vor einigen Jahren machten einige Jugendliche aus der dortigen Highschool einen Ausflug in die Wüste, die ja gleich hinter Phoenix beginnt. Sie wissen sicher, daß in der Wüste kaum etwas wächst, nur Buffalogras, Katzenklaue und Grünholz. Hin und wieder sieht man auch einmal einen Kaktus. In der Gluthitze des Sommers, wo die Wüstenpflanzen richtige Dickichte bilden, begegnet man unter Umständen auch einer Klapperschlange. Die jungen Leute also machten ein Picknick und anschließend einige Spiele. Dabei wurde eins der Mädchen von einer Klapperschlange ins Bein gebissen. Dabei pumpt die Schlange ihrem Opfer das Gift direkt aus den Giftzähnen in die Blutbahn.

Das war ein sehr kritischer Augenblick, in dem die richtige Entscheidung lebenswichtig war. Die jungen Leute konnten nämlich sofort damit beginen, das Gift aus dem Bein zu saugen, oder sie konnten der Schlange nachsetzen, um sie zu erschlagen. Das Mädchen und seine Freunde beschlossen, die Schlage zu jagen, die aber sofort im Unterholz verschwand und fünfzehn bis zwanzig Minuten unauffindbar blieb. Schließlich fanden sie sie aber doch noch und vergalten ihr den Biß mit Steinen und Felsbrocken.

Dann aber fiel den jungen Leuten wieder ein, daß ihre Freundin ja gebissen worden war. Sie merkten, daß sie sich unwohl fühlte, da das Gift in der Zwischenzeit ja ungehindert von der Hautoberfläche bis tief ins Gewebe hatte dringen können. Dreißig Minuten später lag das Mädchen in der Notaufnahme einer Klinik. Das Gift hatte sich inzwischen schon weit im Körper ausgebreitet.

Ich erfuhr einige Tage später von diesem Vorfall, und einige junge Mitglieder baten mich, ihre Freundin im Krankenhaus zu besuchen. Als ich das Krankenzimmer betrat, bot sich mir ein schreckliches Bild: Der Fuß des Mädchens war hochgelagert und bis zur Unkenntlichkeit geschwollen. Das Beingewebe war durch das Gift bereits zerstört worden, und einige Tage später mußte ihr das Bein unter dem Knie amputiert werden.

Wie sinnlos war doch das Opfer, das sie gebracht hatte, um Rache zu nehmen! Wieviel besser wäre es doch gewesen, wenn jemand gleich nach dem Biß das Gift aus der Wunde gesaugt hätte, denn jeder, der in dieser Gegend wohnt, weiß genau, wie das geht. …

Auch heute gibt es Menschen, die sozusagen gebissen beziehungsweise gekränkt worden sind. Was ist da zu tun? Was tut man, wenn man von jemandem gekränkt wurde? Das Sicherste und auch einzig Richtige ist, in sich zu gehen und auf der Stelle mit dem Reinigungsprozeß zu beginnen. Klug und glücklich ist, wer das Unreine im Innern sofort wieder beseitigt. … Je länger sich das Gift des Grolls und der Unversöhnlichkeit nämlich in einem befinden, desto stärker und nachhaltiger ist auch die Zerstörung, die sie anrichten. …

Das Gift der Rache, des Nachtragens zerstört die Menschenseele, sofern man sich nicht davon freimacht.“ (Generalkonferenz, Oktober 1983.)

Besprechen

• Inwiefern wirkt Unversöhnlichkeit in uns wie Gift?

• Wie können wir uns von diesem Gift befreien?

Vergebungsbereitschaft, Gottes Liebesgabe

Schriftstelle/Besprechen

Lassen Sie einen Jungen Johannes 3:16 vorlesen.

• Was hat der himmlische Vater getan, damit der Mensch ewiges Leben haben kann? (Weil er die Menschen liebt und zu ihnen barmherzig ist, hat er seinen einziggezeugten Sohn hingegeben, damit wir umkehren und Sündenvergebung erlangen können.)

Zitat

Lassen Sie einen Jungen das folgende Zitat von Elder Marion D. Hanks vorlesen:

„Gott ließ Jesus Christus in der Mitte der Zeit auf die Erde kommen, um den Menschen zu zeigen, wie sehr er sie liebt und daß diese Liebe sehr wichtig für sie ist. Der Vater hat immer aus Liebe gehandelt, aber der Plan erforderte einen Erlöser, dessen Leben der Liebe Gottes in höchstem Maß Ausdruck verleihen und dessen Opfer wiederum die Liebe zum Vater und zu seinen Brüdern und Schwestern deutlich machen sollte – eine Liebe, die ihresgleichen sucht. Er brachte das Opfer und vollendete seine Mission. …

Er vermittelte seinen Jüngern nicht nur einen Einblick in seine ewige Macht und sein Gottsein, sondern erteilte ihnen auch klare Weisungen dazu, wie ein Kind Gottes leben soll.“ („Failing Never“, Ensign, September 1975, Seite 74.)

Die Geburt Jesu Christi war Ausdruck der Liebe Gottes und seiner Barmherzigkeit, sie war ein Geschenk der Liebe an alle Menschen. Sein Sühnopfer ermöglicht es uns, in die Gegen- wart des himmlischen Vaters zurückzukehren und ewiges Leben zu erlangen. Durch sein Beispiel hat Jesus gezeigt, wie der himmlische Vater wirklich ist, nämlich schnell bereit zu vergeben, voller Liebe und Barmherzigkeit, geduldig, langmütig, gütig und gerecht. Jesus Christus ist das vollkommene Beispiel, nach dem wir unser Leben ausrichten müssen.

Ein Jünger zeichnet sich auch durch Vergebungsbereitschaft aus

Schriftstelle/Besprechen

Jesus hat seinen Jüngern ans Herz gelegt, daß sie einander vergeben, ihre Feinde lieben und diejenigen segnen sollten, die sie haßten. Er hat sogar deutlich gesagt, daß die Sünde dessen, der anderen nicht vergibt, größer ist als die Sünde, die der andere begangen hat.

Lassen Sie einen Jungen Lehre und Bündnisse 64:9,10 vorlesen, und fordern Sie die Jungen auf, diese Verse zu markieren.

• Wie schwerwiegend ist es, wenn man seinen Mitmenschen nicht vergibt?

• Wem muß man vergeben?

Zitat

Jesus selbst hat uns beispielhaft gezeigt, wie man Menschen vergibt, die einen gekränkt und einem Schmerz zugefügt haben. Bischof Robert L. Simpson hat gesagt:

„Die Bibel berichtet, daß kein Mensch jemals solchen Demütigungen, Schmerzen und Qualen ausgesetzt war, wie sie der Erretter der Welt in seinen letzten Lebensstunden ertragen mußte.

Er wurde für Vergehen angeklagt, die er nicht begangen hatte; er wurde von jemand verraten, den man zu seinem engsten Freundeskreis zählen würde. Und dann wurde er noch vor ein sogenanntes Gericht gestellt, das einen Richterspruch verhängte, der von politischen Erwägungen und der Rücksicht auf die öffentliche Meinung geprägt war, aber nicht von Gerechtigkeit.“

• Wie ist es wohl, wenn man von einem Freund verraten wird?

• Wie würdet ihr reagieren, wenn man euch fälschlich eines Verbrechens beschuldigte?

Aber Jesus Christus mußte noch mehr leiden, nachdem man falsche Anklagen gegen ihn erhoben hatte und er von einem Freund verraten worden war. Lesen Sie weiter vor:

„Dann überschlugen sich die schmerzlichen Ereignisse geradezu: Er mußte den langen Weg nach Golgota gehen und dabei das schwere Kreuz selbst tragen. Die Menge, die den Weg säumte, verspottete ihn und spuckte ihn an. Dann bot man ihm zu trinken an, und zwar einen mit Essig getränkten Schwamm, der an einer Lanze aufgespießt war. Und schließlich hing er dann am Kreuz, blutend und mit zerschlagenem Körper, noch immer von seinen Feinden verhöhnt. Und in dieser Situation bat Christus dann, wahrscheinlich leise, aber mit großer Ehrfurcht: ,Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.‘ (Lukas 23:34.)“ (Generalkonferenz, Oktober 1966.)

Lassen Sie einen Jungen Lehre und Bündnisse 64:8 vorlesen.

• Wer ist ein Jünger Christi? (Jemand, der Christus nachfolgt, der an ihn glaubt.)

Arbeiten Sie heraus, daß ein Jünger Christi nicht nur an Christus glaubt und ihm nachfolgt, sondern auch so handelt und lebt, wie Jesus Christus es vorgelebt hat.

• Warum hat der Herr seine Jünger schwer bedrängt und gezüchtigt? (Sie waren streitsüchtig und stritten miteinander, anstatt einander zu vergeben und im Herzen eins zu sein, wodurch sich ein Jünger Christi ja auszeichnen soll.)

Schriftstelle/Besprechen

Lassen Sie drei Jungen aus Matthäus 18:23–35 das Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger vorlesen. Sie können dabei jedem Jungen eine bestimmte Rolle zuteilen:

  1. 1.

    Der König, der seinem Diener erst drohte, ihm dann aber vergab.

  2. 2.

    Der Diener, dem vergeben wurde, der dann aber selbst einem zweiten Diener nicht vergeben wollte.

  3. 3.

    Der zweite Diener.

Sie können das Gleichnis noch einmal lesen lassen und besprechen, was diese Verse aussagen. Stellen Sie dazu die folgenden Fragen:

  • Wen stellt der König dar? (Den himmlischen Vater.)

  • Wen stellt der unbarmherzige Diener dar? (Diejenigen, die nicht bereitwillig vergeben.)

  • Wen stellt der zweite Diener dar? (Jeden, der einen anderen gekränkt oder ihm Unrecht getan hat.)

  • Was muß man laut diesem Gleichnis tun, damit der himmlische Vater einem vergibt?

  • Was kann man aus diesem Gleichnis für das eigene Verhalten lernen?

Vergeben, damit einem vergeben wird

Schriftstelle/Besprechen

Lassen Sie einen Jungen Lehre und Bündnisse 64:9 vorlesen.

• Warum verbleibt die größere Sünde auf dem, der seinem Bruder nicht vergibt?

Machen Sie den Jungen folgendes klar: Wenn wir nicht vergeben, übertreten wir das größte Gebot, nämlich das Gebot, Gott und unsere Mitmenschen zu lieben. Wenn wir uns also weigern, unsere Mitmenschen zu lieben und ihnen zu vergeben, verbleibt die größere Sünde auf uns.

Zitat/Besprechen

Elder Marion D. Hanks hat einmal gefragt: „Ist es nicht die reinste Anmaßung, wenn man Gott um Vergebung bittet und auch Vergebung erwartet und dann selbst nicht vergibt? Offen und im Innern?“ (Generalkonferenz, Oktober 1973.)

• Wie vergibt man jemand offen und im Innern?

• Wenn man gekränkt worden ist, wie kann man dann ungute Gefühle, Wut und Rachegelüste überwinden, damit man wirklich vergeben kann?

• Inwiefern kann das Beten uns helfen, unseren Mitmenschen zu vergeben?

• Inwiefern fällt es uns leichter, zu vergeben, wenn wir wissen, warum Jesus Christus vergeben hat?

Schriftstelle/Tafel Besprechen

Lassen Sie einen Jungen Lehre und Bündnisse 64:10 vorlesen.

• Warum müssen wir ohne Ausnahme allen Menschen vergeben? (Damit der Herr uns vergeben kann, müssen wir schnell bereit sein, denen zu vergeben, die uns Unrecht getan haben.)

Schreiben Sie Vergebungsbereitschaft oben an die Tafel.

• Habt ihr euch schon einmal gewünscht, daß euch jemand vergibt, dem ihr Unrecht getan habt?

Lassen Sie die Jungen erzählen, wie ihnen vorher zumute war und wie ihnen zumute war, als man ihnen vergeben hatte.

Quiz

Geben Sie jedem Jungen Papier und Bleistift. Die Jungen sollen oben auf die Seite schreiben: „Fällt mir das Vergeben schwer?“ und anschließend die Zahlen von eins bis acht untereinander reihen. Erklären Sie, daß Sie jetzt ein kurzes Quiz über ihre Vergebungsbereitschaft durchführen werden. Die Jungen sollen alle Fragen ehrlich mit Ja oder Nein beantworten; sie brauchen ihre Antworten niemandem zu zeigen.

Lesen Sie jetzt die folgenden Fragen vor:

  1. 1.

    Sagst du manchmal: „Ich bin bereit zu vergeben, aber ich kann nicht vergessen?“

  2. 2.

    Freust du dich manchmal insgeheim, wenn jemand, den du nicht leiden kannst, Pech hat?

  3. 3.

    Hast du manchmal den Wunsch, es jemandem heimzuzahlen?

  4. 4.

    Gibt es jemanden, dem du aus dem Weg gehst und mit dem du nicht sprichst?

  5. 5.

    Schmollst du ein paar Tage, wenn du auf jemanden wütend bist?

  6. 6.

    Sprichst du manchmal unfreundlich über jemand, der dich gekränkt hat?

  7. 7.

    Gibt es in deiner Familie jemanden, auf den du wegen etwas wütend bist?

  8. 8.

    Wenn du dich mit deinen Geschwistern streitest, holst du dann Vergangenes wieder hervor?

Lassen Sie die Jungen über die Fragen nachdenken, die sie mit Ja beantwortet haben. Erklären Sie, daß Vergeben nicht einfach ist, daß es aber für uns sehr wichtig ist, Vergeben zu lernen. Hier können wir nämlich unter Beweis stellen, ob wir unsere Mitmenschen wirklich lieben.

Bild und Beispiel

Sagen Sie den Jungen, daß der Friede, den man spürt, wenn man anderen Menschen vergibt, ganz deutlich in einer Geschichte zum Ausdruck kommt, die Präsident Spencer W. Kimball einmal erzählt hat. 1918 wurden drei Polizeibeamte umgebracht, als sie mehrere Verbrecher verhaften wollten. Einer der Beamten war der Vater von Glenn Kempton. Später wurden die Mörder verhaftet und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

• Was würdet ihr für jemand empfinden, der euren Vater umgebracht hat?

• Warum wäre es schwer, ihm zu vergeben?

Bruder Kempton hat Präsident Kimball folgendermaßen geschildert, was er erlebt hat:

„Als ich noch ein Kind war, keimten in meinem Herzen Haß und Groll gegen den Mörder meines Vaters auf, nämlich Tom Powers, der gestanden hatte, meinen Vater erschossen zu haben.

Die Jahre vergingen schnell. Ich wuchs heran, aber noch immer lastete dieser Haß auf mir. Als ich die Highschool beendet hatte, wurde ich auf Mission berufen, und zwar in die Eastern-States-Mission. Dort eignete ich mir schnell mehr Evangeliumskenntnis an, und auch mein Zeugnis von der Kirche vertiefte sich, denn ich brachte die ganze Zeit damit zu, mich mit dem Evangelium zu beschäftigen und es zu verkünden. Als ich eines Tages gerade im Neuen Testament las, stieß ich auf Matthäus 5:43–45. …

Da also stand es: Jesus Christus sagt, daß wir vergeben sollen. Das galt auch für mich. Immer wieder las ich diese Verse, und es gab keinen Zweifel daran: wir müssen vergeben. Es dauerte gar nicht lange, bis ich in Abschnitt 64 im Buch Lehre und Bündnisse, Vers 9 und 10, noch mehr zu diesem Thema fand, nämlich in den Worten Jesu Christi.

Nun wußte ich zwar nicht, ob Tom Powers Umkehr geübt hatte, aber ich wußte doch, daß ich nach meiner Rückkehr mit ihm zusammentreffen mußte. Diese Entschluß faßte ich, noch ehe ich meine Mission beendet hatte.

Als ich nach Hause zurückgekehrt war, lernte ich in der Kirche ein nettes Mädchen kennen. Wir heirateten, und der Herr segnete uns mit fünf Kindern. Die Jahre vergingen schnell, und der Herr ließ es uns wohl ergehen, doch ich hatte jedesmal ein schlechtes Gewissen, wenn ich an das Treffen dachte, zu dem ich es nicht hatte kommen lassen.

Vor einigen Jahren, kurz vor Weihnachten, also zu einer Zeit, wo die Liebe Christi in reichem Maße ausgegossen und in uns der Wunsch wach wird, anderen Menschen etwas zu schenken und ihnen zu vergeben, unternahm ich mit meiner Frau einen kurzen Ausflug nach Phoenix. Als wir am späten Nachmittag unsere Besorgungen erledigt hatten, machten wir uns auf den Heimweg. Auf der Rückfahrt sagte ich zu meiner Frau, ich würde gern wenden und lieber über Florence nach Hause fahren. In Florence befindet sich nämlich das Staatsgefängnis von Arizona. Meine Frau war gerne damit einverstanden.

Die Besuchszeit im Gefängnis war zwar schon vorüber, als wir eintrafen, doch ich ging trotzdem hinein und fragte nach dem Gefängnisaufseher. Man wies mich in sein Büro.

Ich stellte mich vor und äußerte den Wunsch, mit Tom Powers zu sprechen. Auf dem Gesicht des Aufsehers malte sich zuerst großes Erstaunen, doch nach kurzem Zögern sagte er: ,Ich bin sicher, daß sich das arrangieren läßt.‘ Darauf schickte er einen Wächter in den Gebäudeteil, wo Tom Powers untergebracht war. Bald kam der Wächter mit ihm zurück. Wir wurden miteinander bekanntgemacht und dann ins Sprechzimmer geführt. Dort unterhielten wir uns lange Zeit. Unser Gespräch führte zurück zu jenem kalten, grauen Februarmorgen vor nunmehr dreißig Jahren. Wir ließen das ganze schreckliche Geschehen mit unseren Worten noch einmal lebendig werden. So vergingen eineinhalb Stunden. Schließlich sagte ich: ,Tom, Sie haben damals einen Fehler gemacht und große Schuld gegenüber der menschlichen Gesellschaft auf sich geladen. Für diese Schuld müssen Sie meiner Meinung nach weiter büßen, ebenso wie ich weiterhin den Preis dafür zahlen muß, daß ich ohne Vater aufgewachsen bin.‘“

Zeigen Sie Bild 6, „Glenn Kempton und Tom Powers“, und erzählen Sie dann weiter:

„Ich stand auf und streckte ihm die Hand entgegen. Auch er stand auf und ergriff meine Hand. Ich fuhr fort: ,Ich vergebe Ihnen von ganzem Herzen für diesen schrecklichen Fehler.‘

Er senkte den Kopf, und ich ging. Ich weiß nicht, was er in diesem Augenblick empfunden hat; und ich weiß auch nicht, was er heute empfindet, aber ich kann Ihnen bezeugen, daß es herrlich ist, wenn einem Haß und Groll aus dem Herzen weichen und man vergebungsbereit ist.

Ich dankte dem Gefängnisaufseher für sein Entgegenkommen, und als ich sein Büro verließ und die lange Treppe hinunterging, hatte ich die Gewißheit, daß es besser ist zu verzeihen, als sich zu rächen, denn ich hatte den Unterschied nun aus eigener Erfahrung kennengelernt.

Während wir durch die Dämmerung nach Hause fuhren, zog ein sanftes und friedliches Gefühl der Ruhe in mein Herz. Aus reiner Dankbarkeit legte ich meiner Frau den Arm um die Schultern. Sie verstand mich, und ich wußte, daß wir nun am Beginn eines erfüllteren Lebens standen.“ (The Miracle of Forgiveness, Salt Lake City, 1969, Seite 291ff.)

Zum Abschluß

Zeugnis und Auftrag

Geben Sie Zeugnis, daß Jesus Christus uns unsere Sünden vergibt, wenn wir uns taufen lassen und Umkehr üben. Bei der Taufe und auch später, wenn wir das Abendmahl nehmen, versprechen wir, daß wir Jesus Christus nachfolgen und alles tun wollen, was er von uns verlangt. Er erwartet unter anderem von uns, daß wir unseren Mitmenschen vergeben. Der Herr hat uns dafür Freude und Frieden verheißen, und er hat gesagt, daß es für unsere ewige Errettung wichtig ist, daß wir vergeben und selbst Vergebung erlangen.

Lassen Sie die Jungen nun ihr Blatt umdrehen und auf die Rückseite schreiben, was sie in der kommenden Woche tun wollen, um zu vergeben und mehr Liebe für jemanden zu empfinden. Fordern Sie sie auf, im Umgang mit ihren Mitmenschen, vor allem auch in der Familie, vergebungsbereit zu sein. (Hier brauchen Sie großes Einfühlungsvermögen, denn Sie dürfen nicht den Eindruck erwecken, daß Jungen, die möglicherweise mißhandelt werden, sich von ihrer Vergebungsbereitschaft davon abhalten lassen dürfen, mit dem Bischof über ihre Situation zu sprechen.)

Fordern Sie die Jungen auf, über sich nachzudenken. Hat jemand sie auf irgendeine Art und Weise gekränkt? Wenn das der Fall ist, müssen sie ihre Seele rein machen, indem sie dem Betreffenden von ganzem Herzen vergeben. Fordern Sie sie auf, negative Gefühle mit der Hilfe des Geistes zu überwinden.