Das Leben und das geistliche Wirken von David O. McKay

Lehren der Präsidenten der Kirche: David O. McKay, 2011


Im April 1951 wurde David Oman McKay mit 77 Jahren der neunte Präsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. In den fast 20 Jahren seiner Amtszeit wurde er von den Mitgliedern der Kirche und anderen Menschen in der ganzen Welt als Prophet Gottes verehrt. Er forderte die Mitglieder immer wieder auf, mehr wie Christus zu werden und durch ihre Worte und ihr Beispiel das Evangelium zu verbreiten, und die Kirche gewann in der ganzen Welt viele Mitglieder hinzu. Nicht nur durch das, was er sagte, sondern auch durch seine äußere Erscheinung hinterließ Präsident McKay stets einen nachhaltigen Eindruck. Viele Menschen, die ihm begegneten, meinten, er spreche und verhalte sich nicht nur wie ein Prophet, sondern er sehe auch wie einer aus. Selbst in den späteren Jahren war er mit dem welligen weißen Haar eine imposante Erscheinung. Er strahlte das rechtschaffene Leben, das er führte, auch aus.

Ein Vermächtnis und eine Kindheit der hohen Ideale

Als Generalautorität sprach David O. McKay in seinen Ausführungen oft dankbar über das Vermächtnis, das seine Eltern ihm mitgegeben hatten, und über ihr Beispiel. Die Familie seines Vaters David McKay hatte sich 1850 in Thurso, Schottland, der Kirche angeschlossen. 1856 fuhr die Familie nach Amerika. Nachdem sie dann drei Jahre lang gearbeitet und gespart hatte, reiste sie nach Utah weiter und kam im August 1859 in Salt Lake City an.1

Im selben Jahr wie die Familie McKay in Schottland (1850) nahm in Merthyr Tydfil in Südwales die Familie von David O. McKays Mutter, Jennette Evans, das wiederhergestellte Evangelium an. Wie die Familie McKay fuhr die Familie Evans 1856 nach Amerika und kam 1859 in Utah an. Beide Familien ließen sich bald darauf in Ogden nieder, wo David McKay und Jennette Evans einander kennen und lieben lernten. Sie heirateten am 9. April 1867 und wurden von Elder Wilford Woodruff im Endowment House gesiegelt.2

Am 8. September 1873 kam in dem kleinen Ort Huntsville in Utah David O. McKay zur Welt – das dritte Kind und der erste Sohn von David und Jennette. Seine Kindheit verlief glücklich, aber nicht ohne Schwierigkeiten. 1880 stellten verschiedene Ereignisse den Glauben der Familie schwer auf die Probe und sorgten dafür, dass David O. McKay rascher als andere erwachsen wurde. Seine beiden älteren Schwestern, Margaret und Ellena, starben innerhalb weniger Tage – die eine an rheumatischem Fieber und die andere an einer Lungenentzündung. Etwa ein Jahr darauf wurde sein Vater nach Schottland auf Mission berufen. David McKay war sich zunächst nicht sicher, ob er die Berufung annehmen konnte, weil er ja dann seine Frau (die gerade ein weiteres Kind erwartete) allein mit der Verantwortung für die Familie und die Farm zurücklassen musste. Als Jennette allerdings von der Berufung erfuhr, stand ihre Meinung sofort fest: „Natürlich musst du die Berufung annehmen; du brauchst dir um mich keine Sorgen zu machen. David O. und ich werden es schon schaffen!“3 Mit diesem Ansporn und der Zusicherung, dass Nachbarn und Verwandte helfen wollten, nahm David McKay die Berufung an. Zum Abschied sagte er dem siebenjährigen David O., er solle sich „um Mama kümmern“.4

Dank der klugen Führung durch Jennette McKay, der harten Arbeit vieler und der Segnungen des Herrn florierte die McKay-Farm trotz der zweijährigen Abwesenheit von David McKay. In dieser Zeit wie überhaupt ihr Leben lang wachte Jennette McKay sorgsam über das geistige Wohlergehen der Kinder: „Das Familiengebet hatte in der Familie McKay einen festen Platz, und als Jennette mit den Kindern allein zurückblieb, spielte es wohl im täglichen Leben eine noch wichtigere Rolle als vorher. David [O.] lernte, morgens und abends das Familiengebet zu sprechen, und er lernte auch, wie wichtig die Segnungen des Himmels für die Familie sind.“5

Präsident McKay sprach häufig über seine Mutter als Vorbild, dem es nachzueifern galt. Einmal sagte er: „Ich kann mir keine weibliche Tugend vorstellen, die meine Mutter nicht besaß. … Ihre Kinder und alle anderen, die sie gut kannten, fanden sie wunderschön und würdevoll. Trotz ihrer Lebhaftigkeit war sie ausgeglichen und beherrscht. Ihre dunkelbraunen Augen spiegelten jedes aufkeimende Gefühl sofort wider, auch wenn sie sich immer völlig im Griff hatte. … In ihrer Zärtlichkeit und wachsamen Fürsorge, der liebevollen Geduld und der Treue gegenüber der Familie und dem, was recht ist, war sie mir in meiner Kindheit und ist sie auch jetzt, nach all diesen Jahren noch, das größte Vorbild.“6

Als David O. McKay einmal gebeten wurde, den bedeutendsten Mann zu nennen, dem er je begegnet sei, sagte er ohne zu zögern: „Mein Vater.“7 Nach der Rückkehr von der Mission diente sein Vater von 1883 bis 1905 als Bischof der Gemeinden Eden und Huntsville.8 David McKay erzählte seinem Sohn viel von seinen Erlebnissen und gab ihm Zeugnis. Präsident McKay hat berichtet: „Als Junge saß ich da und hörte das Zeugnis des Mannes, den ich mehr schätzte und verehrte als jeden anderen Mann auf der Welt, und seine Gewissheit prägte sich meiner jungen Seele ein.“9 Die Überzeugungskraft des Beispiels und des Zeugnisses seines Vaters bestärkten ihn, während er in der Erkenntnis der Wahrheit heranwuchs.

Im täglichen Leben lernte Präsident McKay von seinem Vater einiges, was ihn stärkte und sich in dem, was er als Apostel lehrte, widerspiegelte. Er erzählte einmal davon, wie er mit seinen Brüdern Heu eingefahren hatte. Die zehnte Fuhre sollte als Zehnter an die Kirche gehen. Der Vater erklärte den Jungen, dass sie die zehnte Fuhre von einer besseren Stelle holen sollten als die anderen. Er sagte: „Das ist die zehnte Fuhre, und für Gott ist das Beste gerade gut genug.“ Jahre später sagte David O. McKay: „[Das war] die wirkungsvollste Predigt über den Zehnten, die ich je gehört habe.“10 Sein Vater lehrte ihn auch, die Frauen zu respektieren. Präsident McKay sagte einmal zu Jugendlichen: „Ich weiß noch, welche Ermahnung mein Vater mir mitgab, als ich als junger Bursche begann, mit einem Mädchen auszugehen: ‚David, behandle die junge Dame so, wie du dir wünschst, dass ein Junge deine Schwester behandelt.“‘ 11

Später, als Präsident der Kirche, sagte er Folgendes über seine Eltern: „Ich bin dankbar, dass mich meine wundervollen Eltern so weise und sorgsam behütet und erzogen haben … so haben sie mich davon abgehalten, Wege zu beschreiten, die mich in ein völlig anderes Leben geführt hätten! Jedes Jahr empfinde ich tiefere Dankbarkeit und Liebe für meine wachsame, liebe Mutter und meinen wundervollen Vater.“12

Die Jugendzeit

Als junger Mann wurde David O. McKay in die Präsidentschaft seines Diakonskollegiums berufen. Damals hatten die Diakone die Aufgabe, das Gemeindehaus sauber zu halten, Holz für die Öfen im Gemeindehaus zu hacken und darauf zu achten, dass die Witwen der Gemeinde immer genügend Brennholz hatten.13 Er erklärte den Kollegiumsmitgliedern, er „habe sich unfähig gefühlt, sein Amt auszuüben, da er andere gesehen habe, die es besser hätten ausüben können, … [aber] er habe auch das Gefühl gehabt, mit der Hilfe des Herrn könne er es angehen“.14 Diese Einstellung war typisch für die Demut, mit der er sein Leben lang Berufungen annahm.

Als Sohn des Bischofs lernte er die Führer der Kirche kennen, die die Familie zu Hause besuchten. Einmal, im Juli 1887, kam der Patriarch John Smith zu Besuch; er spendete ihm den Patriarchalischen Segen (David O. war damals 13). Nach dem Segen legte Patriarch Smith dem jungen Mann die Hände auf die Schultern und sagte: „Mein Junge, du hast noch etwas anderes zu tun, als mit Murmeln zu spielen.“ David ging später in die Küche und sagte zu seiner Mutter: „Wenn er meint, ich würde nicht mehr mit Murmeln spielen, irrt er sich aber.“ Seine Mutter legte ihre Arbeit beiseite und versuchte ihm zu erklären, was Bruder Smith gemeint hatte. Weder David O. McKay noch seine Mutter wussten, was die Zukunft für ihn bereithielt, aber das Erlebnis deutete schon darauf hin, dass der Herr dem jungen Mann größere Verantwortung auferlegen wollte.15

Als Jugendlicher blieb er immer im Dienst in der Kirche aktiv und gewann an Erkenntnis und Erfahrung hinzu. 1889, mit 15, wurde er in der Gemeinde Huntsville als Sonntagsschulsekretär berufen; dieses Amt hatte er bis 1893 inne, dann wurde er als Sonntagsschullehrer berufen.16 Seine große Liebe zur Sonntagsschule und zum Unterrichten behielt er sein Leben lang.

Ausbildung, Missionsdienst und Heirat

David O. McKay schrieb einmal: „Es gibt im Erdenleben drei wichtige Abschnitte, von denen das Glück auf der Erde und in Ewigkeit abhängen kann, [nämlich] Geburt, Heirat und Berufswahl.“17 Durch seine Geburt und dadurch, dass er in einer rechtschaffenen Familie aufwuchs, war er bereits gesegnet; die klugen Entscheidungen zu seiner Ausbildung und Berufswahl und zu seiner Heirat brachten ihn auf seinem Lebensweg weiter voran.

Nach Beendigung der achten Klasse in Huntsville wechselte er für zwei Jahre an die Weber Stake Academy in Ogden. Im Schuljahr 1893/94 kehrte er dann, mit 20 Jahren, nach Huntsville zurück und unterrichtete an der örtlichen Grundschule. Etwa um diese Zeit schenkte seine Großmutter Evans jedem ihrer noch lebenden Kinder 2500 Dollar. Die Familie McKay hatte nicht viel Geld, und Nachbarn schlugen vor, David O. McKays Mutter Jennette solle das Geld in Aktien investieren. Sie erklärte allerdings unbeirrt: „Jeder Cent dieses Geldes wird in die Ausbildung unserer Kinder gesteckt.“18 Deshalb fuhren er und drei seiner Geschwister (Thomas E., Jeanette und Annie) im Herbst 1894 mit dem Pferdewagen nach Salt Lake City, um an der University of Utah zu studieren. Der Wagen war mit Mehl und Einweckgläsern voll Obst beladen und hinten war eine Milchkuh festgebunden.19

Der Sohn Llewelyn schrieb über die Erlebnisse seines Vaters David O. McKay an der Universität: „Das Studium war wichtig. Die Liebe zum Lernen wuchs immer rascher; er fand gute Freunde, und sein Bewusstsein für die Werte des Lebens vertiefte sich. Er wurde Präsident seines Jahrgangs und Abschiedsredner. … Begeistert trieb er Sport und wurde in der ersten Footballmannschaft der Universität rechter Guard. Das wichtigste Ereignis aus dieser Zeit war die Begegnung mit Emma Ray Riggs.“20

Im zweiten Studienjahr mieteten die Geschwister McKay ein Haus an, das Emma Robbins Riggs, der Mutter von Emma Ray Riggs, gehörte. An einem Tag standen Mutter und Tochter am Fenster und sahen zu, wie David O. und Thomas E. McKay mit ihrer Mutter ankamen. Emma Rays Mutter meinte: „Diese zwei jungen Männer werden einmal gute Ehemänner abgeben. Sieh nur, wie aufmerksam sie ihrer Mutter gegenüber sind.“ Emma Ray meinte dazu: „Mir gefällt der dunklere“ – und das war David O. McKay. Er und Emma Ray Riggs sahen einander zwar gelegentlich, aber erst ein paar Jahre später entwickelte sich zwischen ihnen eine ernstere Beziehung.21

Nachdem David O. McKay im Frühjahr 1897 sein Universitätsstudium abgeschlossen hatte, wurde ihm im Kreis Salt Lake eine Stelle als Lehrer angeboten. Er freute sich darüber und wollte nun anfangen, Geld zu verdienen, um seiner Familie helfen zu können. Doch dann wurde er etwa um diese Zeit nach Großbritannien auf Mission berufen. Er nahm die Berufung an.

Am 1. August 1897 wurde er von Präsident Seymour B. Young eingesetzt, als Missionar auf den Britischen Inseln zu dienen. Die erste Zeit auf Mission verbrachte er in Stirling in Schottland, wo die Arbeit nur mühsam und schleppend voranging. Er arbeitete eifrig und wurde am 9. Juni 1898 dazu berufen, über die Missionare in Schottland zu präsidieren. Als er diese Berufung erhielt, bat er den Herrn um Hilfe. Die Aufgaben, die mit diesem Amt verbunden waren, verliehen ihm eine für sein Alter ungewöhnliche Reife und Erfahrung und bereiteten ihn auf seinen zukünftigen Dienst vor.

Ein weiteres wichtiges Ereignis fand drei Monate vor seiner Rückkehr nach Hause statt. Als Jugendlicher hatte er oft um eine geistige Bestätigung seines Zeugnisses gebetet. Am 29. Mai 1899 nahm er an einer denkwürdigen Missionarsversammlung teil. Er berichtet: „Ich erinnere mich daran, als sei es erst gestern gewesen, so intensiv spürte ich damals den Geist. Jeder empfand, dass sich der Geist des Herrn in reichem Maße über uns ergoss. Alle Anwesenden waren wahrhaftig in Herz und Sinn eins. Nie zuvor hatte ich so etwas empfunden. Es war eine Kundgebung, wie ich sie als zweifelnder Jugendlicher im Stillen von Herzen erfleht hatte, und zwar im Gebirge wie im freien Feld. Das verlieh mir die Gewissheit, dass aufrichtiges Beten ‚irgendwann, irgendwo‘ erhört wird. Während der Versammlung stand auf einmal ein Missionar auf und sagte: ‚Brüder, in diesem Raum sind Engel zugegen.‘ So merkwürdig es klingen mag, diese Worte erstaunten niemanden; vielmehr schienen sie völlig angemessen, auch wenn ich mir der Gegenwart der himmlischen Wesen nicht bewusst gewesen war. Ich wusste nur, dass die Gegenwart des Heiligen Geistes mich mit tiefster Dankbarkeit erfüllte.“22 Elder McKay beendete seine Mission ehrenhaft und wurde im August 1899 entlassen.

Während seiner Missionszeit hatte er mit Emma Ray Riggs korrespondiert, die er liebevoll „Ray“ nannte (ihre Eltern hatten sie nach einem Sonnenstrahl, englisch „ray“, benannt). Durch den Briefwechsel zwischen Schottland und Salt Lake City wuchs ihre Freundschaft. Er stellte fest, dass sie ihm in jeder Hinsicht ebenbürtig war – sie war intelligent, konnte gut mit Menschen umgehen und war ein geistig gesinnter Mensch.

Sie hatte ihre Ausbildung fortgesetzt, während er auf Mission war, und nachdem sie ihr Studium der Pädagogik mit dem Bachelor abgeschlossen hatte, nahm sie eine Stelle als Lehrerin an der Madison School in Ogden an.23 Um die gleiche Zeit, im Herbst 1899, nahm er eine Stelle als Lehrer an der Weber Stake Academy an. In dem Schuljahr trafen sie sich häufig in einem Park, der zwischen den beiden Schulen lag. Dort fragte er sie im Dezember 1900, ob sie ihn heiraten wolle. Sie fragte: „Bist du sicher, dass ich die Richtige bin?“ Er sagte, er sei sicher.24 Am 2. Januar 1901 heirateten Emma Ray Riggs und David O. McKay als erstes Paar im 20. Jahrhundert im Salt-Lake-Tempel.

Ein legendärer Pädagoge

1902, mit 28 Jahren, wurde David O. McKay Direktor der Weber Stake Academy. Trotz der vielen Verwaltungsaufgaben war er weiterhin als Lehrer tätig. Ihm lag die Bildung sein Leben lang sehr am Herzen, da er die Meinung vertrat: „Wahre Bildung ist darauf bedacht, aus den Menschen nicht nur gute Mathematiker, kompetente Linguisten, tüchtige Wissenschaftler oder brillante Literaten zu machen, sondern auch ehrliche Menschen, tugendhaft, ausgeglichen, voll brüderlicher Liebe. Sie ist darauf bedacht, Menschen heranzubilden, die Wahrheit, Gerechtigkeit, Weisheit, Güte und Selbstbeherrschung als die herausragendsten Errungenschaften eines erfolgreichen Lebens wertschätzen.“25

Er war der Meinung, Bildung sei für jeden wichtig. Er war in einer Zeit Schuldirektor, als nur wenige Frauen eine höhere Schulbildung erhielten. Über die wichtige Rolle der Frauen schrieb er Folgendes: „Über die Rolle, welche die Frauen bei der Besiedlung des Westens der USA gespielt haben, ist noch nicht viel gesagt worden. Dabei verhalten wir uns genauso, wie die Männer es im Allgemeinen schon immer getan haben. Die Frauen tragen die Last des Haushalts und die Hauptverantwortung für die Kindererziehung; sie inspirieren ihren Mann und ihre Söhne dazu, erfolgreich zu sein; während Letztere in der Öffentlichkeit ihren Applaus erhalten, bleiben die Ehefrauen und Mütter, die in Wirklichkeit Anerkennung und Lob verdienen, lächelnd im Hintergrund, zufrieden mit ihrer Leistung, auch wenn sie nicht gewürdigt wird.“26 Solange er an der Weber Stake Academy beschäftigt war, legte er Nachdruck auf eine gute Ausbildung für beide Geschlechter, und in dieser Zeit schrieben sich immer mehr Schülerinnen für die Sekundarstufe ein.

In den Jahren, in denen er als Pädagoge und als Direktor an der Weber Stake Academy tätig war, diente er gleichzeitig in der Sonntagsschulleitung des Pfahls Weber, wo er neue Programme entwickelte. Zu der Zeit, als er in die Sonntagsschulleitung berufen wurde, erhielt die Organisation von den Führern der Kirche kaum formelle Weisungen. Als Zweiter Assistent des Superintendenten – zuständig für den Unterricht – begann David O. McKay unverzüglich damit, den Unterricht zu verbessern, wozu er die Methoden benutzte, die er im Beruf kennen gelernt hatte. Ein Sonntagsschullehrer schildert seine Arbeit folgendermaßen:

„Zuerst rief er dazu auf, dass die Pfahlausschussmitglieder wöchentlich eine Versammlung abhielten. Er schulte die Mitglieder darin, für ihren Unterricht eine Gliederung zu erstellen und für jede Lektion ein Ziel festzulegen. Er schulte sie darin, das Ziel systematisch und anschaulich anzugehen. Es kam ihm vor allem darauf an, wie die Lektion durchgenommen wurde und wie man den Bezug zwischen dem Ziel und dem einzelnen Kind herstellte. Darauf folgte eine monatliche … Versammlung, zu der alle Gemeinde-Sonntagsschullehrer und -beamten eingeladen wurden. Sie sollten schon im Voraus die Lektionen lesen, die behandelt wurden. … Infolge dieser … Versammlungen gingen die Lehrkräfte dann mit einem ‚Bündel von Notizen‘ zu jeder der vier Lektionen des kommenden Monats nach Hause. … [Diese] Versammlungen wurden sehr beliebt, und es nahmen regelmäßig 90 bis 100 Prozent der angesprochenen Mitglieder teil.“27

Die Nachricht vom großen Erfolg der Sonntagsschule im Pfahl Weber verbreitete sich rasch. Präsident Joseph F. Smith, der damals außerdem General-Superintendent der Sonntagsschulen war, war von David O. McKays innovativen Ideen zum Unterricht sehr beeindruckt; er bat ihn, einen Artikel für den Juvenile Instructor, eine Sonntagsschulzeitschrift, zu verfassen.28

Apostel des Herrn

Nachdruck auf Lehren und Lernen

Nach sechsjährigem Dienst in der Sonntagsschule des Pfahls Weber wurde David O. McKay am 9. April 1906 mit 32 Jahren zum Apostel ordiniert. Bald darauf wurde er außerdem als Zweiter Assistent des General-Superintendenten der Sonntagsschule berufen. 1909 wurde er Erster Assistent und war dann von 1918 bis 1934 General-Superintendent. Die Innovationen, die er in der Sonntagsschule des Pfahls Weber eingeführt hatte, wurden rasch in der gesamten Kirche umgesetzt. Er erkannte, dass einheitliche Lektionen gebraucht wurden, und schrieb das Buch Ancient Apostles (Apostel in alter Zeit), das als einer der ersten Sonntagsschulleitfäden herauskam.

Elder McKays Name wurde in den Jahren, in denen er dem Kollegium der Zwölf Apostel angehörte, zum Synonym für die Sonntagsschule, und er verfasste noch immer Lektionen für die Sonntagsschule, als er Präsident der Kirche wurde. In dem Bemühen, den Evangeliumsunterricht zu verbessern, legte er häufig Nachdruck auf die Kinder. Um es mit seinen Worten zu sagen: Kinder kommen „rein und unbefleckt vom Vater, ohne angeborene Makel oder Schwächen. … Ihre Seele ist so fleckenlos wie weißes Papier, und die Bestrebungen und Leistungen ihres Lebens prägen sich dort ein“.29 Er war der Meinung, die Sonntagsschule spiele eine wesentliche Rolle, wenn es darum geht, Kinder und Jugendliche zu unterweisen und ihren Charakter zu formen.

Reise um die Welt und Missionspräsidentschaft für Europa

Weitere Erlebnisse bereiteten David O. McKay darauf vor, eines Tages die gesamte Kirche zu leiten. Im Dezember 1920 wurden er und Elder Hugh J. Cannon, der Herausgeber der Improvement Era, von Präsident Heber J. Grant und seinem Ersten Ratgeber, Präsident Anthon H. Lund, dazu eingesetzt, alle Missionen und Schulen der Kirche auf der ganzen Welt zu besuchen. Auf dieser Reise, die ein Jahr dauerte, legten sie rund 90 000 Kilometer zurück (mehr als den doppelten Erdumfang) und unterwiesen und segneten die Mitglieder der Kirche in der ganzen Welt. Obwohl sie seekrank wurden und Heimweh hatten und auf ihrer Reise auf alle möglichen Schwierigkeiten stießen, erfüllten sie ihre Mission erfolgreich und kamen am Heiligabend 1921 wieder zu Hause an. In den Tagen nach ihrer Ankunft erstatteten sie Präsident Grant ausführlich Bericht und wurden ehrenhaft aus ihrer Mission entlassen.30 Anlässlich der ersten Generalkonferenz nach ihrer Rückkehr erklärte Präsident Grant:

„Ich freue mich, dass Bruder McKay heute bei uns ist. Bruder McKay ist seit seiner letzten Konferenz um den ganzen Erdball gereist – er hat unsere Missionen in fast jedem Teil der Erde besucht und ist zurückgekehrt, wie jeder Missionar zurückkehrt, der auszieht, das Evangelium zu verkünden, und der die Menschen in der Welt und die verschiedenen Glaubensrichtungen kennen lernt – mit mehr Licht und Erkenntnis und einem festeren Zeugnis davon, dass das Werk, in dem wir stehen, von Gott ist.“31

Als Elder McKay als Sprecher an die Reihe kam, fasste er seine Reise mit einem eindrucksvollen Zeugnis zusammen: „Als wir abreisten, … dachten wir voller Befürchtungen und Sorgen an die Reise, die da vor uns lag. … Das Bewusstsein unserer Aufgabe, nämlich den Wünschen von Präsident Grant und seinen Ratgebern und den Zwölf, die uns mit dieser Berufung geehrt hatten, nachzukommen, ließ uns den Herrn suchen, wie ich ihn nie zuvor gesucht hatte, und ich möchte heute Nachmittag sagen, dass die Verheißung, die Mose den Israeliten gab, ehe sie den Jordan überquerten, um ins verheißene Land zu gelangen, für uns in Erfüllung gegangen ist. Wenn wir den Herrn von ganzem Herzen gesucht haben, hat er uns geführt und uns beigestanden.“32

Kurz nach der Rückkehr von der Weltreise wurde er als Präsident der Europäischen Mission berufen. Im November 1922 brach er nach Liverpool auf. Während er diese Berufung ausübte, begann er den Slogan „Jedes Mitglied ein Missionar“ zu propagieren, den er auch später als Präsident der Kirche mit Nachdruck verkündete. Als Missionspräsident organisierte er die Missionare neu und teilte sie in Gruppen ein; mehrere Missionare erhielten die Aufgabe, als reisende Älteste mitzuhelfen, die übrigen Missionare in besseren Unterrichtsmethoden zu schulen. Eine der größten Herausforderungen bestand darin, negativen Presseberichten entgegenzutreten. Seine Methode bestand darin, die Herausgeber anzusprechen und mit ihnen zu reden, wobei er sie bat, ihm die Gelegenheit zu geben, die Wahrheit über die Kirche darzulegen. Ein paar Herausgeber lehnten seine Bitte ab, aber viele kamen ihr entgegen.33 Seine geschickte PR-Tätigkeit erwies sich während seiner Zeit als Missionspräsident und während seines übrigen geistlichen Dienstes als großer Segen für die Kirche.

Die Bestätigung als Mitglied der Ersten Präsidentschaft

Im Herbst 1934 wurde David O. McKay als Zweiter Ratgeber von Präsident Heber J. Grant bestätigt. Präsident J. Reuben Clark Jr., der Präsident Grants Zweiter Ratgeber gewesen war, wurde Erster Ratgeber. Auch wenn Präsident McKay bei seiner Berufung in die Erste Präsidentschaft auf einen reichen Schatz an Erfahrung in der Kirche zurückblicken konnte, stimmte ihn die Berufung sehr demütig. Er sagte anlässlich der Bestätigung: „Ich brauche wohl kaum zu sagen, dass ich mich überwältigt fühle. In den letzten Tagen war ich kaum Herr meiner Gedanken und Gefühle. Das leichte Herz, der beschwingte Geist, von denen die hohe Bestimmung, die mir zuteil geworden ist, begleitet sein sollte, waren von einer gewissen Schwere begleitet, ausgelöst durch das Bewusstsein der großen Verantwortung, die mit der Berufung in die Erste Präsidentschaft einhergeht.“34 Selbst nach den vielen Jahren, in denen er schon als Generalautorität gedient hatte, gestand er ein, dass es für ihn immer „eine recht schwere Prüfung darstellte, sich vor eine Zuhörerschaft zu stellen“, da er um die Größe seiner Aufgaben wisse.35

In Präsident McKays ersten Jahren in der Ersten Präsidentschaft machte die Weltwirtschaftskrise auch den Mitgliedern zu schaffen. 1936 gab die Erste Präsidentschaft offiziell das „Sicherheitsprogramm“ der Kirche bekannt, den Vorläufer des Wohlfahrtsprogramms. Präsident McKay, der den Wohlfahrtsgedanken nachdrücklich befürwortete, betonte, dass geistige Gesinnung und Wohlfahrt zusammengehören: „Es ist eins, denen, die nicht genug anzuziehen haben, Kleidung zu schenken, denen, deren Tisch nur dürftig gedeckt ist, zu essen zu geben, und denen, die verzweifelt sind, weil sie zum Nichtstun verurteilt sind, etwas zu tun zu geben, aber letztlich ist der größte Segen, der mit dem Sicherheitsplan der Kirche verbunden ist, geistiger Natur. Im Geben kommt die geistige Gesinnung stärker zum Ausdruck als im Nehmen. Der größte geistige Segen rührt daher, dass man einander hilft.“36

Nach dem Tod von Präsident Grant im Jahre 1945 wurde George Albert Smith Präsident der Kirche. Er berief Präsident McKay als seinen Zweiten Ratgeber. Präsident McKay hatte im Wesentlichen die gleichen Aufgaben wie zuvor, aber es kamen immer neue Möglichkeiten und Herausforderungen hinzu. Eins der anspruchsvollsten Projekte, die er in Angriff nahm, war der Vorsitz für die Feierlichkeiten zum hundertjährigen Bestehen des Staates Utah. Die monatelange Planung bescherte ihm reichlich zusätzliche Arbeit. Die Feierlichkeiten, die sich auf den ganzen Bundesstaat erstreckten und im Juli 1947 ihren Höhepunkt fanden, wurden als großer Erfolg bejubelt. Eine Lokalzeitung berichtete:

„Rodney C. Richardson, der Koordinator für die Feierlichkeiten zum hundertjährigen Bestehen von Kalifornien, kam nach Salt Lake City, um die Feierlichkeiten in Utah zu studieren, die seiner Meinung nach landesweit am besten geplant waren: ‚Vor allem waren die Feierlichkeiten in Utah nicht kommerziell ausgerichtet. Es waren wirklich historische Feiern.‘ Aber Lob kam nicht nur aus Kalifornien, sondern auch andere Bundesstaaten schrieben und baten um Pläne und weitere Unterlagen zu den Feierlichkeiten.“37

Präsident George Albert Smiths Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends, und so mussten seine beiden Ratgeber viele zusätzliche Aufgaben übernehmen. Im Frühjahr 1951 beschlossen Präsident McKay und seine Frau Emma Ray, mit dem Auto von Salt Lake City nach Kalifornien zu fahren, um sich ein bisschen wohlverdienten Urlaub zu gönnen. Sie übernachteten am ersten Abend in St. George, Utah. Nachts wachte Präsident McKay mit dem deutlichen Gefühl auf, er solle nach Salt Lake City zurückkehren. Ein paar Tage darauf hatte Präsident George Albert Smith einen Schlaganfall; er starb am 4. April 1951.

Prophet einer weltweiten Kirche

Missionsarbeit und Wachstum der Kirche

Nachdem David O. McKay 45 Jahre als Apostel gedient hatte, wurde er am 9. April 1951 der neunte Präsident der Kirche. Stephen L Richards und J. Reuben Clark Jr. wurden seine Ratgeber. 1952 stellte die Erste Präsidentschaft den ersten offiziellen Missionierungsplan für die Vollzeitmissionare vor. Das Programm sollte den Vollzeitmissionaren helfen, effektiver zu arbeiten, indem es ihnen eine Standardvorgehensweise für die Lektionen vorgab, die sie den an der Kirche Interessierten vermitteln sollten. Die fünf Lektionen waren wie folgt unterteilt: „Das Buch Mormon“, „Historische Grundlagen für die Wiederherstellung“, „Lehren, die die Kirche von anderen Kirchen unterscheiden“, „Die Aufgaben eines Mitglieds der Kirche“ und „Mitglied der Kirche werden“.38

Neun Jahre darauf, 1961, berief David O. McKay das erste Seminar für alle Missionspräsidenten ein. Man erklärte ihnen, sie sollten die Familien dazu anhalten, ihre Freunde und Nachbarn zu sich einzuladen, damit sie von den Missionaren unterwiesen werden konnten.39 Er legte Nachdruck auf den Slogan „Jedes Mitglied ein Missionar“ und forderte jedes Mitglied auf, sich dazu zu verpflichten, jedes Jahr wenigstens ein neues Mitglied zur Kirche zu bringen. In dem Jahr wurde auch eine Sprachschule für die neu berufenen Missionare gegründet. Dank dieser Initiativen wuchsen die Zahl der Mitglieder und die Zahl der Vollzeitmissionare rapide. Auf seine Weisung wurden weltweit neue Pfähle gegründet – in Argentinien, Australien, Brasilien, Deutschland, England, Guatemala, Mexiko, den Niederlanden, Samoa, Schottland, der Schweiz, Tonga und Uruguay, sodass sich die Zahl der Pfähle mehr als verdoppelte (auf rund 500). 1961 wurden die Mitglieder des Ersten Siebzigerkollegiums zu Hohen Priestern ordiniert, damit dem gewaltigen Wachstum der Kirche Rechnung getragen werden konnte und diese Brüder über Pfahlkonferenzen präsidieren konnten. 1967 wurde das neue Amt des Regionalrepräsentanten der Zwölf eingeführt.

Seine Reisen als Präsident

Präsident McKay unternahm weitere Reisen als alle seine Vorgänger zusammengenommen. 1952 trat er die erste von mehreren wichtigen Reisen an – eine neunwöchige Reise nach Europa, wo er neun Länder und mehrere Missionen besuchte. Beim ersten Halt in Schottland weihte er in Glasgow das erste Gemeindehaus des Landes. Auf dieser Reise hielt er mit den Mitgliedern der Kirche rund 50 Versammlungen ab; er gab zahlreiche Interviews und traf Würdenträger aus vielen Ländern.40 1954 besuchte er die isolierte Mission in Südafrika – und war damit die erste Generalautorität, die dieses Land besuchte. Auf dem zweiten Teil seiner Reise besuchte er die Mitglieder der Kirche in Südamerika. 1955 besuchte er den Südpazifik und fuhr später, im Sommer desselben Jahres, zusammen mit dem Tabernakelchor noch einmal nach Europa.

Er hatte das Gefühl, seine Reisen „bewirkten, dass die Mitglieder sich deutlicher dessen bewusst wurden, dass sie nicht allein auf weiter Flur waren, sondern tatsächlich einer großen Kirche angehörten“.41 Zum ersten Mal wurde die Kirche wirklich zur globalen Institution. Präsident McKay erklärte: „Gott segne die Kirche. Sie besteht in der ganzen Welt. Ihr Einfluss sollte in allen Ländern zu spüren sein. Möge der Geist Gottes die Menschen überall beeinflussen, sodass sie das Herz dem guten Willen und dem Frieden zuwenden.“42

Weitere Tempel

Als Präsident McKay 1952 in Europa war, traf er Vorkehrungen für den Bau neuer Tempel; es waren die ersten Tempel, die außerhalb der Vereinigten Staaten und Kanadas gebaut wurden. Der Bern-Tempel in der Schweiz wurde 1955 geweiht und der London-Tempel in England 1958. Während seiner Amtszeit wurden auch der Los-Angeles-Kalifornien-Tempel (1956), der Hamilton-Tempel in Neuseeland (1958) und der Oakland-Kalifornien-Tempel (1964) geweiht. Auf seine Weisung wurden für das Endowment Filme angefertigt, sodass die heilige Handlung jetzt in verschiedenen Sprachen empfangen werden konnte.

Koordinierung und Konsolidierung

1960 gab die Erste Präsidentschaft Elder Harold B. Lee den Auftrag, das Korrelationsprogramm der Kirche ins Leben zu rufen – mit der Absicht, die Programme der Kirche zu koordinieren und zu konsolidieren, Überschneidungen zu reduzieren und Effizienz und Effektivität zu steigern. In einer Ansprache anlässlich der Generalkonferenz sagte Elder Lee, als er das Programm vorstellte: „Dies ist ein Schritt, der … Präsident McKay sehr am Herzen liegt; er gibt uns jetzt, als Präsident der Kirche, die Anweisung, vorwärts zu gehen, auf dass wir unsere Anstrengungen konsolidieren und die Arbeit des Priestertums, der Hilfsorganisationen und der übrigen Einheiten effizienter und effektiver wird, damit wir unsere Zeit und Energie und unsere Anstrengungen für den Hauptzweck einsetzen, zu dem die Kirche gegründet worden ist.“43

Botschafter für die Kirche

Den Menschen anderer Glaubensrichtungen galt Präsident McKay als bedeutender religiöser Führer. Er traf regelmäßig mit den politisch Verantwortlichen in aller Welt und den Vertretern der Staatsmacht vor Ort zusammen. Auch US-Präsidenten besuchten ihn, darunter Harry S. Truman, John F. Kennedy und Dwight D. Eisenhower. Einmal lud Präsident Lyndon B. Johnson, der Präsident McKay häufig anrief, ihn nach Washington, D.C. ein, um sich mit ihm über verschiedene Fragen zu beraten, die ihm zu schaffen machten. Während des Besuchs erklärte Präsident McKay ihm: „Lassen Sie sich von Ihrem Gewissen leiten. Lassen Sie die Menschen wissen, dass Sie aufrichtig sind, dann folgen sie Ihnen auch nach.“44

Geliebter Sprecher und Führer

Schon in seiner Jugend und dann sein Leben lang befasste sich Präsident McKay mit den Worten bedeutender Autoren; er benutzte Zitate, die er auswendig gelernt hatte, häufig in seinen Ansprachen. Beispielsweise erklärte er den Mitgliedern der Kirche: „Wordsworth freute sich von Herzen, als er am Himmel einen Regenbogen sah. Burns tat das Herz weh, als sein Pflug ein Gänseblümchen ausriss. Tennyson konnte aus der ‚brüchigen Mauer‘ eine Blume pflücken und darin das Mysterium entdecken – ‚alles, was Gott und die Menschen sind‘. All diese und weitere große Menschen zeigen uns, dass wir in der Natur die Hand Gottes erkennen können.“45

Die Mitglieder der Kirche hörten Präsident McKay gern sprechen. Er flocht in seine Ansprachen häufig inspirierende Begebenheiten aus seinem Leben ein, und auch der Humor war ihm wichtig. Er erzählte gern die Geschichte von dem Zeitungsjungen, der ihm die Hand gab, ehe er in einen Aufzug stieg. Dann lief der Junge die Treppe hinauf, um den betagten Propheten noch einmal zu grüßen, als er oben aus dem Auszug kam. Der Junge sagte: „Ich wollte Ihnen bloß noch einmal die Hand geben, ehe Sie sterben.“46

In seinen Ansprachen bei den Generalkonferenzen ging es darum, wie wichtig die Familie als Quelle des Glücklichseins und sicherer Schutz gegen Prüfungen und Versuchungen ist. Der Grundsatz „ein Versagen in der Familie lässt sich durch keinen anderweitigen Erfolg wettmachen“, wurde häufig wiederholt, wenn er die Eltern dazu aufrief, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, Einfluss auf ihre Charakterbildung zu nehmen und sie Redlichkeit zu lehren. Er sagte: „Ein reines Herz in einer reinen Familie hat es zum Himmel immer nur so weit, wie ein Flüstern reicht.“47 Er nannte die Familie „die Keimzelle der Gesellschaft“ und sagte: „Eltern sein kommt gleich nach dem Gott sein.“48

Er sprach davon, wie heilig die Ehe ist, und ging häufig darauf ein, wie sehr er seine Kinder und seine Frau Emma Ray liebte. Ihre Ehe, die über 60 Jahre währte, wurde zum Ideal für zukünftige Generationen von Heiligen der Letzten Tage. Er sagte mahnend: „Lehren wir die Jugendlichen, dass die Ehe zu den heiligsten Verpflichtungen gehört, die der Mensch kennt und die er eingehen kann.“49

Als es Mitte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit Präsident McKays Gesundheit immer mehr bergab ging, verbrachte er viel Zeit im Rollstuhl und berief weitere Ratgeber in die Erste Präsidentschaft. Auch wenn er immer schwächer wurde, leitete er noch die Amtsgeschäfte der Kirche und lehrte, führte und inspirierte. Kurz vor seinem Tod sprach er in einer Versammlung im Salt-Lake-Tempel mit den Generalautoritäten der Kirche. Elder Boyd K. Packer, der zugegen war, berichtete später darüber:

„[Präsident McKay] sprach von den heiligen Handlungen des Tempels und zitierte ausführlich daraus. Er erläuterte sie uns. (Das war in Ordnung, da wir uns ja im Tempel befanden.) Nachdem er eine Weile gesprochen hatte, hielt er inne und stand da und schaute, tief in Gedanken, nach oben.

Ich weiß noch, dass er seine großen Hände vor dem Körper verschränkt hielt. So stand er ganz versonnen da, als ob er über eine tiefschürfende Frage nachsann. Dann sagte er: ‚Brüder, ich glaube, endlich beginne ich zu begreifen.‘

Da war er, der Prophet, der über fünfzig Jahre Apostel gewesen war, und noch immer lernte er dazu. Sein Satz ‚Ich glaube, endlich beginne ich zu begreifen‘ war mir ein großer Trost.“50 Auch wenn Präsident McKay das Evangelium durch und durch kannte und in der Kirche erfahren war, war er doch demütig genug, sich dessen bewusst zu sein, dass er noch lernen und in tiefere Ebenen des Verstehens eindringen konnte.

Nachdem Präsident McKay fast 20 Jahre als Prophet des Herrn gedient hatte, starb er am 18. Januar 1970 in Salt Lake City; seine Frau Emma Ray und fünf der Kinder waren bei ihm. Präsident Harold B. Lee sagte in einem Nachruf, er habe „die Welt reicher und den Himmel herrlicher gemacht, da er beiden einen reichen Schatz gebracht“ habe.51 Über das Vermächtnis von David O. McKay sagte sein Nachfolger, Präsident Joseph Fielding Smith: „Er war ein Mann mit großer geistiger Stärke, ein geborener Führer und ein Mann, den die Mitglieder liebten und die Welt ehrte. Auch in Zukunft werden die Menschen aufstehen und seinen Namen lobpreisen.“52

Quellenangaben anzeigen

    Anmerkungen

  1.   1.

    Siehe Jeanette McKay Morrell, Highlights in the Life of President David O. McKay, 1966, Seite 6ff.

  2.   2.

    Siehe Highlights in the Life of President David O. McKay, Seite 8ff.

  3.   3.

    Llewelyn R. McKay, Home Memories of President David O. McKay, 1956, Seite 6

  4.   4.

    Siehe Highlights in the Life of President David O. McKay, Seite 22f.

  5.   5.

    Siehe Highlights in the Life of President David O. McKay, Seite 24f.

  6.   6.

    Bryant S. Hinckley, „Greatness in Men: David O. McKay“, Improvement Era, Mai 1932, Seite 391; Absatzeinteilung geändert

  7.   7.

    Jay M. Todd and Albert L. Zobell Jr., „David O. McKay, 1873–1970“, Improvement Era, Februar 1970, Seite 12

  8.   8.

    Siehe Francis M. Gibbons, David O. McKay: Apostle to the World, Prophet of God, 1986, Seite 12f.

  9.   9.

    „Peace through the Gospel of Christ“, Improvement Era, März 1921, Seite 405f.

  10.   10.

    Siehe Cherished Experiences from the Writings of President David O. McKay, Hg. Clare Middlemiss, rev. Ausgabe, 1976, Seite 8f.

  11.   11.

    Gospel Ideals, 1953, Seite 459

  12.   12.

    „Expressions of Gratitude and the Importance and Necessity for the Conservation and Training of Youth“, The Instructor, November 1966, Seite 413

  13.   13.

    Siehe Highlights in the Life of President David O. McKay, Seite 28

  14.   14.

    Leland H. Monson, „David O. McKay Was a Deacon, Too“, Instructor, September 1962, Seite 299

  15.   15.

    Siehe Highlights in the Life of President David O. McKay, Seite 26

  16.   16.

    Siehe Highlights in the Life of President David O. McKay, Seite 28

  17.   17.

    David Lawrence McKay, My Father, David O. McKay, 1989, Seite 120

  18.   18.

    Siehe Highlights in the Life of President David O. McKay, Seite 31

  19.   19.

    Siehe Home Memories of President David O. McKay, Seite 8f.

  20.   20.

    Siehe Home Memories of President David O. McKay, Seite 9

  21.   21.

    Siehe My Father, David O. McKay, Seite 1f.

  22.   22.

    Siehe Cherished Experiences from the Writings of President David O. McKay, Seite 4f.; Absatzeinteilung geändert

  23.   23.

    Siehe Home Memories of President David O. McKay, Seite 171

  24.   24.

    Siehe My Father, David O. McKay, Seite 4ff.

  25.   25.

    Treasures of Life, Hg. Clare Middlemiss, 1962, Seite 472

  26.   26.

    „Pioneer Women, Heroines of the World“, Instructor, Juli 1961, Seite 217

  27.   27.

    George R. Hill, „President David O. McKay … Father of the Modern Sunday School“, Instructor, September 1960, Seite 314; Absatzeinteilung geändert

  28.   28.

    Siehe Instructor, September 1960, 314; siehe auch „The Lesson Aim: How to Select It; How to Develop It; How to Apply It“, Juvenile Instructor, April 1905, Seite 242-245

  29.   29.

    „The Sunday School Looks Forward“, Improvement Era, Dezember 1949, Seite 804

  30.   30.

    Siehe Highlights in the Life of President David O. McKay, Seite 66-72

  31.   31.

    Conference Report, April 1922, Seite 16

  32.   32.

    Conference Report, April 1922, Seite 63

  33.   33.

    Siehe Keith Terry, David O. McKay: Prophet of Love, 1980, Seite 89-93

  34.   34.

    Conference Report, Oktober 1934, Seite 89f.

  35.   35.

    Conference Report, Oktober 1949, Seite 116

  36.   36.

    Pathways to Happiness, Hg. Llewelyn R. McKay, 1957, Seite 377; Absatzeinteilung geändert

  37.   37.

    Siehe Highlights in the Life of President David O. McKay, Seite 95f.

  38.   38.

    Siehe Deseret News, Abschnitt „Church“, 9. April 1952, Seite 9

  39.   39.

    Siehe „Every Member a Missionary“, Improvement Era, Oktober 1961, Seite 7ff., 730f.

  40.   40.

    Siehe My Father, David O. McKay, Seite 217-237

  41.   41.

    Gospel Ideals, 1953, Seite 579

  42.   42.

    Conference Report, Oktober 1952, Seite 12

  43.   43.

    Conference Report, Oktober 1961, Seite 81

  44.   44.

    Siehe Highlights in the Life of President David O. McKay, Seite 262-266

  45.   45.

    Conference Report, Oktober 1908, Seite 108

  46.   46.

    Siehe David O. McKay: Apostle to the World, Prophet of God, Seite 232f.

  47.   47.

    Conference Report, April 1964, Seite 5

  48.   48.

    Pathways to Happiness, Seite 117

  49.   49.

    Pathways to Happiness, Seite 113

  50.   50.

    The Holy Temple, 1980, Seite 263

  51.   51.

    Stand Ye in Holy Places: Selected Sermons and Writings of President Harold B. Lee, 1975, Seite 178

  52.   52.

    Conference Report, April 1970, Seite 4