Das Leben und das geistliche Wirken von George Albert Smith

Lehren der Präsidenten der Kirche: George Albert Smith, 2010


Eines Tages, während seiner Amtszeit als Präsident der Kirche, erhielt George Albert Smith ein Foto mit folgender Notiz: „Ich schicke Ihnen dieses Bild, weil es Sie so zeigt, wie wir Sie uns vorstellen.“ Es war ein Bild von Präsident Smith, wie er eine Mutter und ihre vier kleinen Kinder begrüßte. An jenem Tag war Präsident Smith in Eile gewesen, um noch einen Zug zu erwischen, als ihn die Mutter in der Hoffnung aufhielt, ihre Kinder würden die Gelegenheit haben, einem Propheten Gottes die Hand zu schütteln. Ein Beobachter hielt diesen Moment auf dem Foto fest.

In der Notiz stand weiter: „Der Grund, warum wir [dieses Bild] so schätzen, ist der, dass Sie, obwohl Sie so beschäftigt waren und es eilig hatten, zum Auto und dann zum wartenden Zug zu kommen, sich trotzdem die Zeit genommen haben, einem jeden Kind dieser Familie die Hand zu schütteln.“1

Freundliche Taten wie diese waren typisch für das Leben und das geistliche Wirken von George Albert Smith. Ob er einem Nachbarn, der im Glauben wankte, seine Liebe und Aufmunterung entgegenbrachte oder umfangreiche Wohlfahrtsbemühungen organisierte, damit der Hunger Tausender gestillt wurde – George Albert Smith lebte nach dem Gebot des Herrn: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Markus 12:31.)

Kindheit und Jugend, 1870–1890

George Albert Smith wurde am 4. April 1870 als Sohn von John Henry Smith und Sarah Farr in einfachen Verhältnissen in Salt Lake City geboren. Die Familie Smith hatte ein großes Vermächtnis, was den Dienst im Reich Gottes betrifft. George Alberts Vater gehörte später noch dem Kollegium der Zwölf Apostel und der Ersten Präsidentschaft an. Sein Großvater und Namensvetter, George A. Smith, war ein Cousin des Propheten Joseph Smith und gehörte zu den ersten Pionieren der Kirche, die 1847 im Salzseetal ankamen; er war auch Apostel und Ratgeber von Präsident Brigham Young. George Alberts Urgroßvater, John Smith, war Patriarch der Kirche und der erste Pfahlpräsident in Salt Lake City. Sein Großvater mütterlicherseits, Lorin Farr, war der erste Bürgermeister von Ogden in Utah und der erste Pfahlpräsident in dieser Stadt.

George Albert Smith liebte und bewunderte seine Eltern. Er zollte seinem Vater Anerkennung dafür, dass er ihm beigebracht hatte, sich um Menschen in Not zu kümmern,2 und er lobte seine Mutter für die Opfer, die sie gebracht hatte, um ihre Kinder im Evangelium zu erziehen. „Obwohl wir sehr arm waren“, erinnerte er sich, „und mein Vater auf Mission war, als ich fünf war, kann ich mich nicht erinnern, dass sich meine Mutter je beklagt hätte, und ich sah sie nie auch nur eine Träne vergießen wegen der Umstände, unter denen sie lebte. Sie konnte mit einem Dollar so viel anfangen wie niemand sonst, den ich kannte. …

Als mein Vater von zu Hause fort auf Mission war, nahm meine Mutter seinen Platz ein, und sie war in seiner Abwesenheit tatsächlich das Oberhaupt der Familie. Wir kamen zum Gebet zusammen, sprachen den Segen für das Essen, und wenn einer krank war, rief sie die Ältesten, weil sie großen Glauben an die heiligen Handlungen des Evangeliums hatte. Sie nahm es mit dem Zehntenzahlen immer sehr genau, und so weit ich es ermessen konnte, beschlich sie nie der leiseste Gedanke, dass es sich um einen Irrtum handeln könnte und das ,Mormonentum‘ vielleicht nicht wahr sei. Sie glaubte aus tiefster Seele daran.“3

George Albert Smith erinnerte sich besonders gut daran, dass seine Mutter ihm beibrachte, zu beten und darauf zu vertrauen, dass Gott antwortet. „Wenn ich über den Einfluss nachdenke, den meine Mutter auf mich hatte, als ich ein kleiner [Junge] war, empfinde ich Ehrfurcht und bin zu Tränen gerührt. … Ich weiß noch, als wäre es erst gestern gewesen, dass sie mich an der Hand nahm und wir die Treppe in den ersten Stock hinaufgingen. Dort kniete ich vor ihr und hielt ihre Hand, als sie mir das Beten beibrachte. Ich danke Gott für solche Mütter, die im Herzen den Geist des Evangeliums tragen und den Wunsch, anderen ein Segen zu sein. Ich könnte Ihnen auch heute noch die Worte des Gebets wiederholen, obwohl es doch so viele Jahre her ist, seit ich es gelernt habe. Es gab mir die Gewissheit, dass ich einen Vater im Himmel habe, und ließ mich wissen, dass er unser Beten hört und darauf Antwort gibt. Als ich älter wurde, wohnten wir noch immer in einem zweistöckigen Fachwerkhaus, und wenn der Wind heftig wehte, wackelte das ganze Haus, als ob es umkippen würde. Manchmal hatte ich zu viel Angst, um schlafen zu gehen. Mein Bett stand ganz allein in einem kleinen Zimmer und oft kletterte ich wieder hinaus, kniete mich hin und bat meinen Vater im Himmel, gut auf das Haus aufzupassen, es zu beschützen, damit es nicht auseinanderbrach, und dann kroch ich in mein kleines Bett zurück, völlig gewiss, dass ich vor allem Bösen bewahrt bliebe, als ob ich die Hand meines Vaters hielte.“4

Rückblickend auf seine Kindheit sagte George Albert Smith:

„Meine Eltern lebten in sehr einfachen Verhältnissen, aber ich danke meinem Schöpfer von ganzem Herzen, dass er mich zu ihnen gesandt hat. …

Ich habe schon als Kind gelernt, dass dies das Werk des Herrn ist. Ich habe gelernt, dass es lebende Propheten auf der Erde gibt. Ich habe auch gelernt, dass die Inspiration des Allmächtigen diejenigen beeinflusst, die so leben, dass sie sich ihrer erfreuen können. …

Ich bin dankbar für mein Geburtsrecht, dankbar für meine Eltern, die mich das Evangelium Jesu Christi gelehrt und mir zu Hause ein Beispiel gegeben haben.“5

George Albert Smith war als glücklicher Junge bekannt, der stets zu Scherzen aufgelegt war. Seine Freunde mochten seine fröhliche Art, und er hatte Spaß daran, ihnen auf der Harmonika, dem Banjo oder der Gitarre eines der vielen spaßigen Lieder vorzuspielen, die er kannte. Allerdings machte er auch Erfahrungen, die ihm halfen, großes Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln, das für sein junges Alter bemerkenswert war. Mit zwölf Jahren besuchte er die Brigham-Young-Akademie, wo er einige Ratschläge bekam, die sich sehr auf sein Leben auswirken sollten. Später erzählte er:

„Glücklicherweise unterrichtete mich unter anderem Dr. Karl G. Mäser, dieser herausragende Erzieher, der der Gründer unserer großartigen kirchlichen Schulen war. … Ich kann mich nicht mehr an vieles erinnern, was in dem Jahr, als ich dort war, unterrichtet wurde, aber eines werde ich wohl nie vergessen. Ich habe es schon oft erwähnt. … Dr. Mäser stand eines Tages auf und sagte:

,Ihr werdet nicht nur für das, was ihr tut, zur Rechenschaft gezogen werden, sondern müsst euch auch für jeden einzelnen eurer Gedanken verantworten.‘

Da ich noch ein Junge war und auf meine Gedanken nie sonderlich geachtet hatte, war mir überhaupt nicht klar, was ich tun sollte, und das beunruhigte mich. Es ließ mich überhaupt nicht mehr los. Ungefähr eine Woche oder zehn Tage später begriff ich plötzlich, was er meinte. Ich erkannte die Philosophie, die dahintersteckte. Auf einmal wurde mir klar, was er sagen wollte: Der Grund, weshalb man für seine Gedanken zur Rechenschaft gezogen wird, ist natürlich der, dass das irdische Leben, wenn es vorüber ist, die Summe aller Gedanken ist, die man hatte. Diese eine Anregung war mein Leben lang ein großer Segen für mich und hat oftmals dazu geführt, unangebrachte Gedanken zu vermeiden, weil mir klar war, dass ich einst, wenn mein Lebenswerk getan wäre, das Produkt meiner Gedanken sein würde.“6

Der junge George Albert übernahm zu Hause große Verantwortung, als sein Vater, der zwei Jahre im Kollegium der Zwölf Apostel tätig gewesen war, 1882 zum Präsidenten der Europäischen Mission berufen wurde. Die Abwesenheit seines Vaters John Henry verlangte es, dass George Albert mithalf, die Familie zu versorgen. Mit 13 bewarb er sich bei einem kircheneigenen Produktionsunternehmen und Kaufhaus in Salt Lake City, aber der Geschäftsführer sagte ihm, der Betrieb könne es sich nicht leisten, jemanden einzustellen. George Albert erwiderte, dass er nicht um Bezahlung gebeten hatte, sondern nur um Arbeit. Er fügte hinzu: „Ich weiß, wenn ich etwas wert bin, dann werde ich auch bezahlt.“7 Seine positive Einstellung brachte ihm eine Stelle als Fabrikarbeiter ein. Er verdiente 2,50 Dollar pro Woche, und seine gute Arbeitsmoral verhalf ihm bald zu einer besseren Anstellung in dem Unternehmen.

Mit 18 bekam er Arbeit als Gleisvermesser bei der Eisenbahn. Bei dieser Arbeit schädigte das grelle Sonnenlicht, das im Wüstensand reflektiert wurde, seine Augen. Dies beeinträchtigte das Sehvermögen von George Albert dauerhaft, sodass es ihm schwerfiel, zu lesen, was ihm sein ganzes Leben lang zu schaffen machte.

Mission und Eheschließung, 1891–1894

Präsident Wilford Woodruff berief George Albert Smith im September 1891 auf eine Kurzzeit-Mission in den Süden Utahs. Sein besonderer Auftrag bestand darin, sich um die Jugendlichen der Kirche in diesem Gebiet zu bemühen. So halfen er und sein Mitarbeiter vier Monate lang, Jugendorganisationen in Pfählen und Gemeinden ins Leben zu rufen, sprachen in zahlreichen Versammlungen und hielten die jungen Leute dazu an, nach den Maßstäben der Kirche zu leben.

Nachdem er von seiner Mission zurückgekehrt war, warb er weiter um seine Jugendfreundin Lucy Woodruff, Enkelin von Präsident Wilford Woodruff. Sie waren in derselben Nachbarschaft aufgewachsen, und Lucy waren die Charaktereigenschaften aufgefallen, die George Albert entwickelte. Sie schrieb in ihr Tagebuch, wie sehr sie ihn bewunderte: „Heute Abend gehe ich voller Dankbarkeit gegenüber Gott zu Bett … und bete darum, dass er mir Kraft gibt, damit ich die Liebe dessen, den ich für einen der besten jungen Männer halte, die je über diese Erde gingen, noch mehr verdiene. Seine Güte und Freundlichkeit lassen mir Tränen in die Augen treten.“8

Lucy hatte jedoch viele Verehrer, und einige von ihnen waren wohlhabend und machten ihr ausgefallene Geschenke. Lucy fand allerdings George Alberts Hingabe an den Herrn sehr anziehend. Er schrieb ihr: „Wenn du jemanden heiraten möchtest, um zu Geld zu kommen, dann nicht mich, denn ich habe mich schon vor langer Zeit entschlossen, mich oder mein Leben nicht dem Geldverdienen zu widmen, sondern ich will dem Herrn dienen und seinen Kindern auf dieser Welt helfen.“9 Lucy traf ihre Wahl, und am 25. Mai 1892 wurden sie und George Albert im Manti-Utah-Tempel getraut. George Albert Smiths Vater vollzog die Siegelung. An diesem Tag gab Lucy ihrem Mann ein kleines Medaillon mit ihrem Bild. Er befestigte das Medaillon an der Kette seiner Taschenuhr, wo es seinem Herzen am nächsten war, und trug es fast jeden Tag für den Rest seines Lebens.10

Die Jungvermählten verbrachten nicht einmal einen Monat zusammen, bevor George Albert wieder auf Mission ging; diesmal bestand sein Auftrag darin, im Süden der Vereinigten Staaten das Evangelium zu verkünden. Obwohl sie gewusst hatten, dass seine Abreise bevorstand – die Berufung war drei Wochen vor der Hochzeit eingetroffen – fiel der Abschied schwer. Beide waren überglücklich, als Lucy vier Monate später berufen wurde, an der Seite ihres Mannes im Missionsbüro zu arbeiten, wo Elder Smith seit kurzem als Missionssekretär eingesetzt war.

Der Präsident der Südstaaten-Mission war J. Golden Kimball, der gleichzeitig Mitglied der Siebziger war. Während der Dienstzeit von Elder Smith musste Präsident Kimball zweimal die Mission verlassen, um sich um wichtige Angelegenheiten in Salt Lake City zu kümmern – einmal, kurz nachdem Elder Smith Missionssekretär geworden war, und noch einmal ungefähr ein Jahr später. Beide Male überließ Präsident Kimball die gewaltige Verantwortung, die Mission zu leiten und zu verwalten, Elder Smith und unterstützte und beriet ihn durch eine Vielzahl an Briefen. Insgesamt diente Elder Smith um die 16 Monate als amtierender Präsident der Mission. Es beunruhigte Präsident Kimball, so lange fort zu sein, aber er vertraute seinem jungen Stellvertreter. Er schrieb in einem Brief an Elder Smith: „Ich denke, dass mein Urteilsvermögen und meine Intelligenz, wie begrenzt sie auch sein mögen, mich befähigen, Ihre Redlichkeit und Ihren Wert zu schätzen, und das tue ich ganz gewiss.“11 In einem anderen Brief schrieb er: „Denken Sie immer vor allem daran, dass ich Ihre Arbeit, Ihren Eifer und Ihren guten Geist zu schätzen weiß.“12

Präsident Kimball hatte viele Gelegenheiten, Zeuge von Elder Smiths Eifer und gutem Geist zu werden. Einmal waren die beiden zusammen unterwegs und wurden eingeladen, die Nacht in einer kleinen Blockhütte zu verbringen. Später berichtete George Albert Smith darüber:

„Ungefähr um Mitternacht wurden wir von einem schrecklichen Schreien und Brüllen von draußen geweckt. Wir hörten schmutzige Ausdrücke und setzten uns im Bett auf, um herauszufinden, was da vor sich ging. Es war eine helle Mondnacht und wir konnten draußen viele Leute sehen. Präsident Kimball sprang aus dem Bett und begann, sich anzuziehen. Die Männer hämmerten an die Tür und forderten mit wüsten Beschimpfungen ,die Mormonen‘ auf, herauszukommen, damit sie sie erschießen könnten. Präsident Kimball fragte mich, ob ich nicht aufstehen und mich anziehen wolle, und ich verneinte; ich wolle lieber im Bett bleiben, denn ich sei sicher, der Herr werde uns beschützen. Nach einigen Sekunden flogen in dem Raum die Kugeln umher. Offensichtlich hatte sich die Horde in vier Gruppen aufgeteilt und schoss in die Ecken der Hütte. Splitter flogen in alle Richtungen über unsere Köpfe hinweg. Dann war es ein paar Momente ruhig, worauf eine neue Salve von Schüssen und noch mehr Splitter folgten. Ich empfand keinerlei Angst. Ich blieb ganz ruhig liegen – das war mit das Schrecklichste, was ich je erlebt habe, doch ich war mir sicher, … dass der Herr mich beschützen würde, und das tat er.

Anscheinend waren die Angreifer entmutigt und verschwanden. Als wir am nächsten Morgen die Tür öffneten, lag da ein riesiges Bündel Hickorystöcke, wie sie die Meute benutzte, um auf die Missionare im Süden einzuschlagen.“13

Viele Jahre danach erzählte George Albert Smith dieses Erlebnis seinen Enkelkindern, um sie zu lehren, auf den Herrn zu vertrauen. „Ich möchte euch einprägen“, sagte er, „dass der Herr euch in gefährlichen Zeiten bewahren wird, wenn ihr ihm die Gelegenheit gebt.“14

Das Familienleben

George Albert und seine Frau Lucy wurden im Juni 1894 aus ihrer Mission entlassen. Einige Monate nach ihrer Rückkehr nach Salt Lake City erhielt Lucy von ihrem Großvater, Präsident Wilford Woodruff, einen Segen, in dem er ihr verhieß, dass sie Kinder bekommen würde. Am 19. November 1895 brachte sie eine Tochter zur Welt, die sie Emily nannten; vier Jahre später wurde ihre zweite Tochter, Edith, geboren. Ihr letztes Kind, George Albert Jr., wurde 1905 geboren.

George Albert Smith war ein liebevoller Vater, den seine Kinder über alles liebten. Edith schrieb über ihn: „Für mich hatte mein Vater alle Eigenschaften, die einen Vater für seine Tochter liebenswert machen. Er erfüllte alle Erwartungen, die ich in einen Vater setzte.“ Besonders beeindruckend war für seine Kinder die Art, wie George Albert seine geliebte Frau behandelte. „Die Zuneigung meines Vaters zu meiner Mutter und seine rücksichtsvolle Einstellung ihr gegenüber waren wunderschön“, schreibt Edith. „Er ließ keine Gelegenheit aus, ihr seine Wertschätzung zu zeigen. Alles, was sie unternahmen, unternahmen sie gemeinsam, nachdem sie gemeinsam ausführlich darüber gesprochen hatten. Sie war ihm kostbar. … Wir alle bewunderten unsere Mutter, aber ich bin mir sicher, dass wir Kinder sie dank seiner Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit ihr gegenüber noch mehr liebten.“15

Als Vater war George Albert Smith aufrichtig bemüht, seinen Kindern zu helfen, die Freude, die er erfuhr, weil er das Evangelium lebte, selbst zu erfahren. Einmal an Weihnachten, nachdem alle die Geschenke ausgepackt hatten, fragte er seine kleinen Töchter, wie sie es fänden, einige ihrer Spielsachen Kindern zu schenken, die überhaupt keine Weihnachtsgeschenke bekommen hatten. Da sie gerade neue Spielsachen bekommen hatten, waren die Mädchen einverstanden, einige ihrer alten Spielsachen den bedürftigen Kindern zu geben.

„Würdet ihr nicht auch gerne etwas von euren neuen Spielsachen hergeben?“, schlug George Albert behutsam vor.

Seine Töchter zögerten zwar, aber sie waren einverstanden, ein, zwei ihrer neuen Spielsachen herzugeben. Dann nahm George Albert die Mädchen mit zu den Kindern, an die er gedacht hatte, und sie gaben dort ihre Geschenke ab. Das war so inspirierend, dass eines der Mädchen, als sie gingen, mit Begeisterung in der Stimme sagte: „Und jetzt gehen wir los und holen den Rest unserer Spielsachen für sie.“16

Kollegium der Zwölf Apostel, 1903–1945

Am Dienstag, dem 6. Oktober 1903, hatte George Albert Smith einen anstrengenden Arbeitstag und konnte die Generalkonferenzversammlungen, die an diesem Tag stattfanden, nicht besuchen. Als er sein Büro verließ, war die Versammlung am Samstagnachmittag fast vorbei, also machte er sich auf den Heimweg. Er wollte mit seinen Kindern noch auf ein Volksfest gehen.

Als er zu Hause ankam, war er überrascht, eine Menge Besucher vorzufinden, von denen eine Dame auf ihn zukam und ihm herzlich gratulierte.

„Was ist hier eigentlich los?“, fragte er.

„Wissen Sie das denn nicht?“, gab sie zurück.

„Was weiß ich nicht?“

„Na, Sie sind doch als Mitglied des Kollegiums der Zwölf Apostel bestätigt worden“, rief die Besucherin aus.

„Das kann nicht stimmen“, meinte George Albert. „Das muss ein Irrtum sein.“

„Ich habe es selbst gehört“, entgegnete sie.

„Da wird es sich um einen anderen Smith gehandelt haben“, sagte er. „Mit mir hat niemand ein Wort darüber gesprochen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass es stimmt.“

Die Besucherin machte sich verdutzt auf den Weg zurück ins Tabernakel, um nachzufragen, ob sie sich vielleicht geirrt hatte. Dort sagte man ihr, dass sie Recht hatte. George Albert Smith war das zuletzt berufene Mitglied des Kollegiums der Zwölf Apostel.17

Seine Tochter Emily gab diese Begebenheit vor dem Haus der Familie Smith später so wieder: „Es schien, als würden alle Versammelten aus dem Tabernakel über die Wiese zu unserem Haus strömen. Sie weinten und küssten meine Mutter. Alle sagten, dass mein Vater nun Apostel sei, und wir dachten, dass Apostel zu sein das Schlimmste sein musste, was einem widerfahren konnte.“

Nachdem der Bericht sich als wahr herausgestellt hatte, beschloss George Albert Smith dennoch, wie versprochen mit seinen Töchtern zum Volksfest zu gehen, „auch wenn er nicht viel davon mitbekam“, berichtete Emily rückblickend. „Er lehnte die ganze Zeit mit dem Rücken an der Wand und sprach mit den Leuten.“18

Zwei Tage danach, am 8. Oktober 1903, wurde George Albert Smith in den oberen Räumen des Salt-Lake-Tempels von Präsident Joseph F. Smith zum Apostel ordiniert. Nach der Ordinierung wurde er gebeten, zu den anwesenden Mitgliedern des Kollegiums der Zwölf Apostel darüber zu sprechen, was er empfand. „Ich fühle mich schwach und es fehlt mir – gemessen an Männern in reiferen Jahren – an Urteilsvermögen“, sagte er, „aber mein Herz ist am rechten Fleck und ich wünsche mir aufrichtig, dass das Werk des Herrn weiter Fortschritt macht. … Ich habe ein lebendiges Zeugnis von der Göttlichkeit dieses Werks. Ich weiß, dass das Evangelium unter der Leitung und Führung des Herrn selbst auf die Erde kam, und dass diejenigen, die erwählt wurden zu präsidieren, in der Tat seine Diener waren und sind. Ich hoffe und bete, dass ich rein und demütig leben möge, damit ich ein Anrecht auf die Eingebungen und Ermahnungen des Geistes habe und er mich mein Leben lang führt.“19

George Albert Smith gehörte fast 42 Jahre dem Kollegium der Zwölf an, davon zwei Jahre lang als Präsident dieses Kollegiums. Während dieser Zeit erfüllte er viele Aufträge und segnete die Menschen überall auf der Welt in vielfältiger Weise.

Vom Evangelium erzählen und Freunde der Kirche finden

George Albert Smith hatte die natürliche Gabe, den Menschen ihre Befangenheit zu nehmen und Feinde zu Freunden zu machen. Ein ortsansässiger Geschäftsmann, der kein Mitglied der Kirche war, sagte bei seiner Beerdigung über ihn: „Man konnte ihn schnell kennenlernen. Er war ein Mann, den man einfach kennen wollte. Sein freundliches Lächeln, sein herzlicher Händedruck und die menschliche Wärme in seinem Gruß ließen einen innerlich, im Herzen, spüren, wie aufrichtig seine Freundschaft einem selbst und seinen Mitmenschen gegenüber war.“20

Dieses Talent war in einer Zeit, als die Kirche noch recht unbekannt war und von vielen mit Argwohn betrachtet wurde, von unschätzbarem Wert. Als er einmal einen Auftrag in West Virginia ausführte, erfuhr er, dass die Behörden damit drohten, jeden festzunehmen, der dabei ertappt wurde, wie er die Lehren der Mormonen predigte. Elder Smith traf sich mit dem Chef der Stadtverwaltung, Mister Engle, und wirkte darauf hin, dass diese Regelung wieder abgeschafft wurde. Später schrieb er in sein Tagebuch: „Als ich das erste Mal mit Mister Engle sprach, war er schroff und ließ mich kurz und knapp wissen, dass man uns in dieser Stadt nicht duldete. … Ich sagte ihm, dass ich glaubte, dass er falsch unterrichtet sei und mich gerne mit ihm zusammensetzen und alles besprechen würde. … Wir verbrachten einige Zeit damit, die Lehren der Mormonen zu besprechen. Bevor ich ging, war er deutlich weicher geworden, schüttelte mir die Hand und gab mir seine Karte. Als ich ging, war ich mir sicher, einige Vorurteile ausgeräumt zu haben.“21 Drei Tage danach besuchte Elder Smith ihn erneut, und diesmal brachte er ihm ein Buch Mormon mit.22

Elder Smith hielt immer nach Gelegenheiten Ausschau, mit den Menschen über die Kirche zu sprechen. Wann immer seine Aufträge es erforderten, dass er reiste, nahm er in der Hoffnung, etwas weitergeben zu können, einige Exemplare des Buches Mormon sowie Zeitschriften und andere Literatur der Kirche mit. Weil das Buch Mormon eindrucksvoll Zeugnis von Jesus Christus ablegt, betrachtete George Albert Smith es als ideales Weihnachtsgeschenk und verschickte es oft an andersgläubige Bekannte und sogar an Prominente, die er selbst nie getroffen hatte.23 In einem Brief, den er einem solchen Weihnachtsgeschenk beilegte, schrieb er: „In ein paar Tagen wird die Christenheit die Geburt des Heilands feiern, und es ist Brauch, sich zu dieser Zeit seiner Freunde zu erinnern. Ich vertraue deshalb darauf, dass du von mir dieses Buch Mormon annehmen wirst. … Ich glaube auch, dass es dich freuen wird, dieses Buch in deiner Büchersammlung zu haben, und so schicke ich es dir als Weihnachtsgeschenk.“

Er erhielt folgende Antwort: „Das Buch wird in unserem Regal einen Platz bekommen, und wir werden es aufgeschlossen und aufmerksam [von Anfang bis Ende] lesen. Es wird den Blickwinkel all derer, die es sorgfältig lesen, erweitern und zu mehr Toleranz beitragen.“24

Gesellschaftliches Engagement

George Albert Smith forderte die Mitglieder der Kirche auf, sich im Gemeinwesen zu engagieren und ihren Einfluss geltend zu machen, um die Zustände in der Welt zu verbessern. Er selbst war trotz seiner Berufung als Generalautorität, die ihn sehr beanspruchte, in mehreren Verbänden tätig. Er wurde zum Präsidenten des International Irrigation Congress (Internationaler Kongress für Bewässerung) und des Dry Farming Congress (Kongress für Trockenlandwirtschaft) gewählt und sechsmal in Folge zum Vizepräsidenten der National Society of the Sons of the American Revolution (Nationale Vereinigung der Söhne der amerikanischen Revolution) gewählt. Als starker Befürworter der Luftfahrt als eine Möglichkeit für Generalautoritäten, ihre Reiseaufträge besser zu erfüllen, gehörte George Albert Smith dem Aufsichtsrat der Fluggesellschaft Western Air Lines an. Er engagierte sich auch im US-Pfadfinderverband Boy Scouts of America und erhielt 1934 den Silbernen Büffel, die höchste Pfadfinderauszeichnung. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg übernahm er für den Bundesstaat Utah den Vorsitz in der Armenian and Syrian Relief Campaign (Hilfsaktion zugunsten von Armenien und Syrien) und vertrat den Bundesstaat in der International Housing Convention, deren Zweck es war, Unterkünfte für Menschen bereitzustellen, die durch den Krieg obdachlos geworden waren.25

Vor seiner Berufung als Apostel war George Albert Smith politisch aktiv und setzte sich eifrig für Belange und Kandidaten ein, von denen er glaubte, dass sie die Gesellschaft verbessern würden. Als er Generalautorität wurde, nahm sein Engagement in der Politik zwar ab, er setzte sich aber nach wie vor für Ziele ein, von denen er überzeugt war. Zum Beispiel half er 1923 mit, ins Abgeordnetenhaus des Bundesstaats Utah einen Gesetzentwurf einzubringen, der es ermöglichte, dass eine Heilanstalt für Tuberkulose-Patienten gebaut werden konnte.26

Sein Mitgefühl für andere wurde besonders an seinem Wirken als Präsident der Society for the Aid of the Sightless (Gesellschaft für Blindenhilfe) offenbar – ein Amt, das Elder Smith von 1933 bis 1949 ausübte. Da er selbst unter einer Sehbehinderung litt, konnte er sich sehr gut in Blinde hineinversetzen. Er leitete die Veröffentlichung des Buches Mormon in Blindenschrift und rief ein Programm ins Leben, bei dem Blinden geholfen wurde, Blindenschrift zu lernen und auch sonst mit ihrer Behinderung besser zurechtzukommen. Dank seiner Bemühungen wuchs er den Menschen, um die er sich bemühte, ans Herz. Eine Frau, die der Society for the Aid of the Sightless angehörte, drückte ihre Bewunderung durch ein Gedicht aus, das Elder Smith zu seinem 70. Geburtstag überreicht wurde:

Wenn unser Leben hart und schwer
und bitt’re Tränen fallen,
der kalte Winter schaudern macht
und leere Echos hallen –
dann suche ich voll Zuversicht
den Weg zu einem Herzen,
das mich versteht und mit mir fühlt
und trägt mit mir die Schmerzen.
Ein Herz, in dem die Weisheit wohnt,
die Liebe und Geduld;
das an mich blinden Menschen glaubt
und spricht von Gottes Huld. …
Ich kenne seine Züge nicht,
die zart und liebevoll,
doch seine Weisheit spüre ich,
tut meinem Herzen wohl.
In seiner Seel der Friede lebt,
er stillt in mir die Pein.
Wir finden Ruhe im Gebet,
wir sind niemals allein.
Sein Glaube schenkt uns neue Kraft,
wir folgen blind dem Pfad;
weil er sein Leben Gott geweiht,
erhebt uns, was er tat.27

Krankheiten und andere Prüfungen

Die meiste Zeit seines Lebens war George Albert Smith nicht bei besonders guter Gesundheit. Obwohl er gerne schwamm, ritt und sich anderweitig körperlich ertüchtigte, war sein Körper anfällig und oftmals geschwächt. Neben seinen chronischen Augenproblemen litt George Albert Smith sein Leben lang an Magen- und Rückenschmerzen, ständiger Erschöpfung, Herzbeschwerden und vielen anderen gesundheitlichen Problemen. Der Stress und Druck, den seine vielen Aufgaben mit sich brachten, forderten ihren Tribut, und anfänglich war er nicht gewillt, einen Gang zurückzuschalten, um seine Gesundheit zu schützen. Infolgedessen rang er von 1909 bis 1912 mit einer schweren Erkrankung, die ihn ans Bett fesselte und es ihm unmöglich machte, seinen Pflichten im Kollegium der Zwölf Apostel nachzukommen. Diese Zeit war für Elder Smith, der sich verzweifelt danach sehnte, seine Arbeit wieder aufzunehmen, eine große Prüfung. Der Tod seines Vaters im Jahr 1911 und eine schlimme Grippeerkrankung seiner Frau erschwerten Elder Smiths Genesung zusätzlich.

Viele Jahre später erzählte er von einem Erlebnis, das er in dieser Zeit hatte:

„Vor einigen Jahren war ich schwer krank. Ich glaube, dass mich alle, außer meiner Frau, schon aufgegeben hatten. … Ich war so schwach, dass ich mich kaum bewegen konnte. Es war ein mühseliges und anstrengendes Unterfangen für mich, wenn ich mich nur im Bett umdrehen wollte.

Unter diesen Umständen verlor ich eines Tages das Bewusstsein und dachte, ich wäre bereits ins Jenseits übergetreten. Ich sah mich selbst, wie ich einem großen, schönen See den Rücken zugewandt hatte und einen großen Wald betrachtete. Niemand war in Sicht, kein Boot auf dem See und nichts, woraus sich irgendwie schließen ließ, wie ich dorthin gekommen war. Ich erkannte – oder schien zu erkennen –, dass ich mein Lebenswerk vollendet hatte und heimgekehrt war. …

Ich begann, die Gegend zu erkunden, und bald fand ich einen Pfad durch den Wald, der anscheinend kaum benutzt worden war und fast gänzlich von Gras bedeckt war. Ich folgte dem Pfad, und nachdem ich einige Zeit gegangen war und eine beachtliche Strecke durch den Wald zurückgelegt hatte, sah ich einen Mann auf mich zukommen. Der Mann war sehr hochgewachsen und ich ging schneller, um zu ihm zu kommen, denn ich erkannte, dass es mein Großvater [George A. Smith] war. Zu Lebzeiten hatte er über 300 Pfund gewogen; man kann sich also denken, dass er sehr groß war. Ich erinnere mich, wie glücklich ich war, ihn kommen zu sehen. Ich war nach ihm benannt worden und immer stolz darauf gewesen.

Als mein Großvater bis auf wenige Schritte herangekommen war, blieb er stehen. Also blieb auch ich stehen. Dann – und ich möchte, dass die Jungen und Mädchen und die jungen Leute dies niemals vergessen – schaute er mich sehr ernst an und sagte:

,Ich möchte wissen, was du aus meinem Namen gemacht hast.‘

Alles, was ich je getan hatte, lief wie ein Film vor mir ab – alles. Schnell war in dieser lebhaften Rückschau der Moment erreicht, als ich dort stand. Mein ganzes Leben war an mir vorbeigezogen. Ich lächelte meinen Großvater an und sagte:

,Ich habe mit deinem Namen nichts getan, dessen du dich schämen müsstest.‘

Er kam auf mich zu, nahm mich in die Arme, und genau in diesem Augenblick kam ich wieder zu Bewusstsein. Mein Kissen war so nass, als ob jemand Wasser darübergeschüttet hätte – nass von Tränen der Dankbarkeit dafür, dass ich ohne Scham hatte antworten können.

Ich habe viele Male darüber nachgedacht und möchte euch sagen, dass ich mich seither noch mehr als je zuvor bemüht habe, diesem Namen Ehre zu machen. Deshalb möchte ich den Jungen und Mädchen, den Jungen Männern und den Jungen Damen, der Jugend der Kirche und der ganzen Welt sagen: Ehrt euren Vater und eure Mutter. Haltet den Namen, den ihr tragt, in Ehren.“28

Schließlich kam Elder Smith allmählich wieder zu Kräften; er ging aus dieser Prüfung mit erneuerter Dankbarkeit für sein Zeugnis von der Wahrheit hervor. Den Heiligen sagte er bei einer späteren Generalkonferenz: „In den vergangenen Jahren habe ich ein finsteres Tal durchschritten und war dem Jenseits so nahe, dass ich mir sicher bin, dass ich [ohne] den besonderen Segen des Vaters im Himmel nicht mehr hier wäre. Aber nicht einen Augenblick lang ist das Zeugnis verblasst, mit dem mich der Vater im Himmel gesegnet hat. Je näher ich der anderen Seite kam, umso größer wurde meine Gewissheit, dass das Evangelium wahr ist. Nun, da mein Leben bewahrt wurde, freue ich mich, bezeugen zu können, dass ich weiß, dass das Evangelium wahr ist, und mit ganzer Seele danke ich dem Vater im Himmel, dass er mir das offenbart hat.“29

Verschiedene körperliche Gebrechen und andere Widrigkeiten plagten Elder Smith auch in den folgenden Jahren. Seine vielleicht größte Prüfung stellte sich ein, als seine Frau Lucy in den Jahren 1932 bis 1937 an Arthritis und Neuralgien litt. Sie hatte schlimme Schmerzen und bedurfte ab 1937 nahezu ständiger Pflege. Ein Herzinfarkt im April 1937 kostete sie fast das Leben und danach war sie noch schwächer als zuvor.

Obwohl sich Elder Smith unablässig um Lucy sorgte, kam er seinen Pflichten so gut er konnte nach. Am 5. November 1937 sprach er beim Trauergottesdienst für einen Freund, und als er sich nach seiner Ansprache hinsetzte, reichte ihm jemand eine Notiz, in der stand, er solle sofort nach Hause kommen. Später schrieb er in sein Tagebuch: „Ich verließ die Kapelle sofort, aber meine geliebte Frau hatte ihren letzten Atemzug schon getan, bevor ich zu Hause eintraf. Sie starb, während ich beim Trauergottesdienst sprach. Ganz gewiss – ich habe eine hingebungsvolle Gefährtin verloren und werde ohne sie sehr einsam sein.“

Lucy und George Albert Smith waren zum Zeitpunkt ihres Todes etwas mehr als 45 Jahre verheiratet gewesen. Sie starb mit 68 Jahren. Natürlich vermisste er seine Frau sehr, obgleich er wusste, dass ihre Trennung nur vorübergehend war. Aus diesem Wissen zog er Kraft. „Obwohl die ganze Familie sehr trauert“, schrieb er, „tröstet uns die Gewissheit, dass wir wieder mit Mutter vereint sein werden, wenn wir im Glauben treu bleiben. Sie war eine hingebungsvolle, hilfsbereite, rücksichtsvolle Ehefrau und Mutter. Sie hat sechs Jahre lang auf die eine oder andere Weise sehr gelitten, und ich bin mir sicher, dass sie dort drüben mit ihrer Mutter und anderen Lieben glücklich sein wird. … Der Herr ist in höchstem Maße gütig und hat dem Tod jeglichen Schrecken genommen, wofür ich außerordentlich dankbar bin.“30

Präsident der Europäischen Mission

1919 berief Präsident Heber J. Grant, der kurz davor als Präsident der Kirche bestätigt worden war, Elder Smith zum Präsidenten der Europäischen Mission. In einer Generalkonferenzansprache nur wenige Tage vor seiner Abreise sagte Elder Smith:

„Ich möchte Ihnen, meine Brüder und Schwestern, sagen, dass es eine Ehre für mich ist – nein, es ist mehr als das, ich empfinde es als sehr großen Segen für mich –, dass der Herr mich aus der schlechten Verfassung, in der ich mich noch vor kurzem befunden habe, emporgehoben und meine Gesundheit in einem Maße wiederhergestellt hat, dass die führenden Brüder meinen, dass es mir möglich sei, eine Mission im Ausland zu erfüllen. …

Nächsten Mittwoch werde ich den Zug zur Küste nehmen und dann über den Ozean dorthin reisen, wohin ich berufen worden bin. Ich danke Gott, dass er mir diese Gelegenheit gibt. Ich bin dankbar, dass mir die Erkenntnis von der Wahrheit in die Seele gedrungen ist.“31

Damals erholte sich Europa noch vom Ersten Weltkrieg, der erst ein paar Monate zuvor zu Ende gegangen war. Wegen des Krieges gab es nur sehr wenige Missionare in Europa, und eine der Aufgaben von Elder Smith bestand darin, die Anzahl der Missionare zu erhöhen. Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage im Nachkriegs-Europa waren die Behörden jedoch nicht gewillt, die notwendigen Visa zu gewähren. Verschlimmert wurde die Sache dadurch, dass es noch immer viele falsche Vorstellungen von den Heiligen der Letzten Tage und viele Vorurteile gegen sie gab. Elder Smith kam mit zahlreichen Regierungsvertretern und anderen prominenten Persönlichkeiten zusammen, um die Kirche in ein besseres Licht zu rücken. Oft erklärte er den Zweck der Missionsarbeit in Europa und auf der ganzen Welt folgendermaßen: „Halten Sie an allem Guten fest, was Sie haben, auch an allem, was Ihnen Gott gegeben hat, um Ihr Leben zu bereichern, und dann teilen wir Ihnen etwas mit, was Ihr Glück vermehrt und Ihnen noch mehr Zufriedenheit verschafft.“32 Laut einem Missionar, der unter seiner Führung tätig war, „gewann er ihre Achtung und Freundschaft durch seine meisterhaft freundliche Art und bekam Zugeständnisse in Bezug auf die Missionare, die zuvor verwehrt geblieben waren“33.

1921, am Ende seiner Mission, hatte Elder Smith die Anzahl der Missionare in Europa erhöht und einige falsche Vorstellungen über die Heiligen der Letzten Tage ausgeräumt. Außerdem hatte er Freunde für die Kirche gewonnen und blieb mit ihnen noch viele Jahre lang brieflich in Verbindung.

Bewahrung historischer Stätten der Kirche

George Albert Smith erzählte gern von der Kirche und den bedeutenden Ereignissen in ihrer Geschichte. Seine ganze Amtszeit hindurch unternahm er viel, um diese Geschichte zu bewahren, indem er Denkmäler errichten und Stätten mit Bezug zur Geschichte der Kirche kennzeichnen ließ. Einer seiner Mitarbeiter schrieb: „Er war davon überzeugt, dass er einen wichtigen Dienst erfüllte, indem er die jüngere Generation auf die Errungenschaften ihrer Vorfahren aufmerksam machte.“34

Als junger Apostel reiste er nach Palmyra im Bundesstaat New York und verhandelte im Namen der Kirche über den Ankauf der Farm von Joseph Smith Sr. In New York besuchte er auch einen Mann namens Pliny Sexton, dem der Hügel Cumorah gehörte, der Ort, wo Joseph Smith die Goldplatten bekommen hatte. Mister Sexton war nicht gewillt, das Land an die Kirche zu verkaufen, aber er und Elder Smith wurden dennoch Freunde. Zum Teil war es dem guten Verhältnis zwischen den beiden zu verdanken, dass die Kirche das Grundstück schließlich doch erwerben und dort ein Denkmal weihen konnte.

1930, in dem Jahr, als das 100-jährige Bestehen der Kirche gefeiert wurde, half Elder Smith mit, die Utah Pioneer Trails and Landmarks Association ins Leben zu rufen und wurde zum ersten Präsidenten dieser Vereinigung gewählt. Im Laufe der nächsten 20 Jahre errichtete diese Organisation über 100 Denkmäler und Gedenktafeln, von denen viele an den Pionierzug ins Salzseetal erinnern. Elder Smith nahm bei den meisten dieser Denkmäler die Weihung selbst vor.35

Einmal erklärte er schriftlich, warum die Kirche so sehr an historischen Stätten interessiert ist: „Üblicherweise werden zum Gedenken an besondere Menschen Denkmäler errichtet. Ebenso verdienen es bedeutende Ereignisse, dass an sie durch den Bau von Denkmälern erinnert wird. … Viele interessante Begebenheiten sind in Vergessenheit geraten und man hat es für wünschenswert erachtet, die Orte des Geschehens auf geeignete Weise zu kennzeichnen, damit die Aufmerksamkeit eines jeden, der diese Stätten aufsucht, auf wichtige Geschehnisse gelenkt wird.“36

Als Enkel eines Mannes, der mit den Pionieren zu Fuß nach Utah gekommen war, empfand Elder Smith vor den Mitgliedern der Kirche aus der Anfangszeit, die so viel für ihren Glauben geopfert hatten, tiefe Achtung. Bei einer Ansprache, die er vor der FHV hielt, erzählte er, was er erlebt hatte, als er die Route der Handkarrenpioniere zurückverfolgte:

„Wir kamen zu dem Streckenabschnitt, wo die Handkarrenabteilung Martin so hohe Verluste erlitten hatte. Wir suchten den Ort, wo die Abteilung ihr Lager aufgeschlagen hatte, so exakt es uns möglich war, auf. Die Nachkommen dieser Pioniergruppe halfen mit, eine Gedenktafel zu errichten. Dann kamen wir nach Rock Creek, wo wir bereits im Jahr zuvor eine vorläufige Markierung angebracht hatten. Zu dieser besonderen Zeit des Jahres wuchsen überall schöne wilde Blumen – die wilde Iris gab es im Überfluss –, und einige Mitglieder der Gruppe pflückten diese Blumen und legten sie sorgsam auf dem Steinhügel ab, den wir im Jahr zuvor errichtet hatten. … Hier waren 15 Mitglieder dieser Kirche, die an Hunger und Unterkühlung gestorben waren, in einem gemeinsamen Grab bestattet worden.

Sie wissen, dass es Zeiten und Orte gibt, wo man dem Vater im Himmel näherzukommen scheint. Als wir – die Nachkommen der Pioniere, die damals bei der Durchquerung der Prärie sowohl mit sommerlicher Hitze als auch mit winterlicher Kälte zu kämpfen hatten – in dem kleinen Tal von Rock Creek um das Lagerfeuer saßen, wo das Unglück über die Handkarrenabteilung Willie hereingebrochen war, erzählten wir einander von den Erlebnissen unserer Vorfahren. … Das war ein freudiger Anlass. Wir ließen die Vergangenheit zu unser aller Wohl wieder aufleben. …

Es war so, als befänden wir uns buchstäblich in der Gegenwart derjenigen, die alles, was sie hatten, gegeben hatten, damit wir die Segnungen des Evangeliums haben können. Uns schien es, als sei der Herr gegenwärtig.

Wir vergossen Tränen – ich bezweifle, dass in unserer Gruppe von 30, 40 Personen auch nur ein Auge trocken blieb – und der Einfluss, der dank unserer kleinen Zusammenkunft zu spüren war, drang allen ins Herz. Als wir wieder aufbrachen, nahm eine unserer lieben Schwestern mich am Arm und sagte: ,Bruder Smith, von jetzt an werde ich ein besserer Mensch sein.‘ Diese Frau … gehörte zu den Besten, aber ihr erging es wohl wie den meisten von uns: Wir hatten das Gefühl, dass wir in mancherlei Hinsicht den Idealen, denen wir im Innersten verpflichtet sein sollten, noch nicht ganz gerecht geworden waren. Die Menschen, die hier begraben waren, hatten als Beweis für ihren Glauben an die Göttlichkeit dieses Werkes nicht nur etliche Tage ihres Lebens gegeben, sondern auch das Leben selbst. …

Wenn die Mitglieder dieser Organisation [der FHV] genauso treu sind wie diejenigen, die in der Prärie begraben liegen – die sich ihren Problemen mit Glauben an den Herrn gestellt haben –, werden sie ihren vielen Verdiensten noch etwas hinzufügen und mit ihren Lieben in der Huld eines liebevollen Vaters stehen.“37

Präsident der Kirche, 1945–1951

Früh am Morgen des 15. Mai 1945, als Elder Smith in einem Zug in den östlichen Vereinigten Staaten unterwegs war, wurde er von einem Bahnbeamten mit folgender Nachricht geweckt: Präsident Heber J. Grant, der damalige Präsident der Kirche, war verstorben. So schnell wie möglich nahm Elder Smith einen Zug zurück nach Salt Lake City. Nur wenige Tage später wurde George Albert Smith – das dienstälteste Mitglied des Kollegiums der Zwölf Apostel – als achter Präsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage eingesetzt.

In seiner ersten Generalkonferenzansprache als Präsident der Kirche sagte er zu den Heiligen, die ihn gerade bestätigt hatten: „Ich frage mich, ob sich hier noch jemand so schwach und klein fühlt wie der Mann, der vor Ihnen steht.“38 Ähnliches sagte er im Beisein von Angehörigen: „Ich habe dieses Amt nicht angestrebt. Ich habe mich ihm nicht gewachsen gefühlt. Nun aber wurde es mir übertragen, und ich werde es so gut ich kann ausfüllen. Ich möchte euch sagen: Was auch immer ihr in der Kirche tut, sei es als Heimlehrer oder als Pfahlpräsident, wenn ihr es so gut macht wie ihr nur könnt, dann ist euer Amt genauso wichtig wie das meine.“39

Viele fanden, dass Präsident Smiths Talente einmalig gut zu seiner Berufung passten. Eine der Generalautoritäten brachte dieses Vertrauen kurz nach Präsident Smiths Bestätigung zum Ausdruck: „Es wird oft gesagt, dass der Herr einen bestimmten Menschen für eine ganz eigene Mission erweckt. … Ich kann nicht sagen, welche ganz eigene Mission vor Präsident George Albert Smith liegt. Eins weiß ich aber: Zu keinem Zeitpunkt in der Weltgeschichte gab es einen größeren Bedarf an brüderlicher Liebe als jetzt. Weiterhin weiß ich, dass niemand, den ich kenne, die Menschheit – in ihrer Gesamtheit wie auch jeden Einzelnen – inniger liebt als Präsident George Albert Smith.“40

Hilfe für die Bedürftigen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg

Der Zweite Weltkrieg endete nur wenige Monate, nachdem George Albert Smith Präsident der Kirche geworden war. Der Krieg hatte Tausenden in Europa die Heimat und ihr Hab und Gut genommen, und Präsident Smith mobilisierte schnell die Wohlfahrtsmittel der Kirche, um Hilfe zu leisten. Präsident Gordon B. Hinckley sagte später über diese Anstrengungen: „Ich war unter denjenigen, die nächtelang am Welfare Square hier in Salt Lake City Waren auf Güterwaggons verluden, die die Lebensmittel zum Hafen brachten, von wo sie ausgeschifft wurden. Als [1955] der Tempel in der Schweiz geweiht wurde und viele Heilige aus Deutschland zum Tempel kamen, hörte ich einige von ihnen unter Tränen und voller Dankbarkeit über die Lebensmittel sprechen, die ihnen das Leben gerettet hatten.“41

Präsident Smith wusste auch, dass die Menschen in der Welt nach solch einem verheerenden Krieg auch geistiger Stärkung bedurften. Daher leitete er Schritte ein, um in den Ländern, wo der Krieg der Missionsarbeit vorläufig ein Ende gesetzt hatte, wieder Missionen ins Leben zu rufen. Außerdem hielt er die Heiligen an, ihr Leben am Evangelium des Friedens auszurichten. „Der beste Beweis für unsere Dankbarkeit“, sagte er kurz nach Kriegsende, „besteht zu dieser Zeit darin, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun, um Glück in diese traurige Welt zu bringen. Wir sind ja alle Kinder unseres Vaters, und wir unterliegen alle der Verpflichtung, diese Welt durch unser Leben zu einem glücklicheren Ort zu machen.

Wir wollen allen, die es brauchen, Freundlichkeit und Anerkennung entgegenbringen und diejenigen nicht vergessen, die nichts mehr haben. In unserer Zeit, in der wir uns am Frieden erfreuen, wollen wir auch diejenigen nicht vergessen, die ihre Lieben hergeben mussten, um damit zum Teil den Preis für den Frieden zu entrichten. …

Ich bete darum, dass sich die Menschen Gott zuwenden und seinen Wegen gehorsam sind und dadurch die Welt vor weiteren Konflikten und vor Zerstörung bewahren. Ich bete, dass der Friede, den nur der Vater im Himmel gewähren kann, im Herzen und im Zuhause derjenigen verbleiben möge, die trauern.“42

Mehr Möglichkeiten, das Evangelium zu verkünden

Präsident Smith verkündete das Evangelium weiterhin bei jeder Gelegenheit, und diese Gelegenheiten nahmen mit seiner neuen Stellung zu. Im Mai 1946 besuchte er als erster Präsident der Kirche die Heiligen in Mexiko. Er traf Mitglieder der Kirche, sprach bei einer großen Konferenz, setzte sich mit mehreren hochrangigen Beamten in Mexiko in Verbindung und sprach mit ihnen über das wiederhergestellte Evangelium. Bei einem Besuch beim mexikanischen Staatspräsidenten Manuel Camacho erklärten Präsident Smith und seine Begleiter: „Wir kommen mit einer besonderen Botschaft für Sie und Ihr Volk. Wir sind hier, um Ihnen von Ihren Vorfahren und vom wiederhergestellten Evangelium Jesu Christi zu erzählen. … Wir haben ein Buch, das … von einem großartigen Propheten handelt, der mit seiner Familie und einigen anderen Jerusalem 600 Jahre vor Christus verlassen hat, und … in dieses große Land Amerika kam, das ihm als ,verheißenes Land, das vor allen anderen Ländern erwählt ist‘ bekannt war. Im Buch Mormon wird auch vom Erscheinen Jesu Christi auf diesem Kontinent berichtet. Er gründete seine Kirche und wählte seine zwölf Jünger aus.“

Präsident Camacho drückte seine Achtung und Bewunderung für die Heiligen der Letzten Tage, die in seinem Land lebten, aus. Er war sehr am Buch Mormon interessiert und fragte: „Wäre es möglich, dass ich ein Exemplar des Buches Mormon bekomme? Ich habe noch nie davon gehört.“ Präsident Smith überreichte ihm daraufhin eine in Leder gebundene Ausgabe auf Spanisch, in der vorn besonders interessante Stellen aufgeführt waren. Präsident Camacho erwiderte: „Ich werde das Buch vollständig durchlesen, denn es ist für mich und mein Volk von großem Interesse.“43

Der 100. Jahrestag der Ankunft der Pioniere

Einer der Höhepunkte während der sechsjährigen Amtszeit von George Albert Smith ereignete sich 1947, als die Kirche den 100. Jahrestag der Ankunft der Pioniere im Salzseetal feierte. Präsident Smith war Schirmherr der Feierlichkeiten, die landesweit Aufmerksamkeit auf sich zogen und in der Weihung des Denkmals „Dies ist der Ort“ gipfelten, das sich in Salt Lake City nahe der Stelle befindet, wo die Pioniere das Tal zum ersten Mal betraten. Seit 1930 war Präsident Smith an der Planung eines Denkmals zu Ehren der Leistungen und des Glaubens der Pioniere beteiligt. Er war jedoch auch darauf bedacht, dass auch die frühen Entdecker, Missionare anderer Konfessionen und bedeutende Indianerhäuptlinge aus der Region gewürdigt wurden.

Bei der Weihung des Denkmals „Dies ist der Ort“ fiel George Q. Morris, der damals Präsident der Oststaaten-Mission war, der gute Wille auf, den man der Kirche entgegenbrachte. Diesen schrieb er den Anstrengungen von Präsident Smith zu: „Präsident Smiths Beiträge zu Brüderlichkeit und Toleranz haben sich in diesem Weihungsgottesdienst widergespiegelt. … Das Denkmal selbst ehrt in bildhauerischer Form – soweit möglich mit Skulpturen Einzelner – ungeachtet ihrer Hautfarbe oder Religion die Menschen, die noch vor den Mormonenpionieren zwischen den Gebirgen im Westen Geschichte geschrieben haben. Als das Programm für den Weihungsgottesdienst ausgearbeitet wurde, war es der Wunsch von Präsident Smith, dass neben den Vertretern des Bundesstaates, des Landkreises und der Stadt auch alle bedeutenden Religionsgemeinschaften eingeladen wurden. Ein katholischer Priester, ein protestantischer Bischof, ein jüdischer Rabbiner und Repräsentanten der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage zählten zu den Hauptrednern. Ein Besucher aus dem Osten bemerkte nach dem Programm: ,Heute wurde ich – geistig gesehen – noch einmal getauft. Wovon ich heute Zeuge geworden bin, hätte nirgendwo sonst auf der Welt geschehen können. Der Geist der Toleranz, der heute offenbar wurde, war überwältigend.‘“44

Trotz des Eindrucks, den das fast 20 Meter hohe Denkmal hinterließ, machte Präsident Smith deutlich, dass man die Pioniere am besten dadurch ehrt, dass man ihrem Beispiel an Glauben und Einsatzfreude nacheifert. Im Weihungsgebet für das Denkmal sagte er: „Unser Vater, der du bist im Himmel, … wir stehen heute morgen in deiner Gegenwart auf diesem ruhigen Hügel und schauen auf das große Denkmal, das zur Ehre deiner Söhne und Töchter und ihres Einsatzes errichtet wurde. … Wir bitten dich, du mögest uns mit demselben Geist segnen, der für diese Getreuen kennzeichnend war, die an dich und deinen geliebten Sohn geglaubt haben und die in dieses Tal gekommen sind, weil sie den Wunsch hatten, hier zu leben und dir zu dienen. Wir beten darum, dass wir dich weiter von Herzen verehren und dir dankbar sind.“45

Ein Blick zurück mit 80

Trotz seines fortgeschrittenen Alters war Präsident Smith den Großteil seiner Amtszeit als Präsident in der Lage, seinen Aufgaben ohne die körperlichen Beschwerden, die ihn in der Vergangenheit eingeschränkt hatten, nachzukommen. In einem Artikel, der im April 1950, kurz vor seinem 80. Geburtstag, veröffentlicht wurde, hielt Präsident Smith Rückschau auf sein Leben und zeigte auf, wie sehr Gott ihn getragen und gesegnet hatte:

„In diesen 80 Jahren bin ich um des Evangeliums Jesu Christi Willen über eine Million Meilen in die ganze Welt gereist. Ich war in vielen Gefilden, in vielen Ländern und Nationen; seit meiner Kindheit waren die Menschen mir gegenüber freundlich und hilfsbereit, und zwar Mitglieder der Kirche und Nichtmitglieder gleichermaßen. Überall, wo ich war, habe ich großmütige Männer und Frauen kennengelernt. …

Wenn ich darüber nachdenke, dass ich, obwohl ich ein so schwacher, gebrechlicher Mensch bin, als der Führer dieser großen Kirche berufen wurde, erkenne ich, wie dringend ich Hilfe benötige. Dankbar erkenne ich an, dass mein Vater im Himmel mir geholfen hat und dass mir in meinem Leben viele der besten Männer und Frauen, die auf der Welt zu finden sind – sei es zu Hause oder in der Ferne –, Mut gemacht und mir zur Seite gestanden haben.“

Weiter brachte er zum Ausdruck, wie sehr ihm die Menschen, denen er so viele Jahre gedient hatte, am Herzen lagen:

„Es ist gewiss sehr segensreich, mit einem solchen Volk verbunden zu sein, und aus der Tiefe meiner Seele nehme ich die Gelegenheit wahr, Ihnen allen zu danken, dass Sie so freundlich zu mir waren, und ich möchte Ihnen sagen: Sie werden nie ermessen können, wie sehr ich Sie liebe. Mir fehlen die Worte, um dem Ausdruck zu verleihen. Und das möchte ich für jeden Sohn und jede Tochter des himmlischen Vaters empfinden.

Gemessen an der durchschnittlichen Lebenserwartung hatte ich ein langes Leben, und ich hatte ein glückliches Leben. Wenn alles so verläuft, wie es der Natur entspricht, werden nicht mehr viele Jahre ins Land gehen, bis ich ins Jenseits abberufen werde. Ich sehe diesem Zeitpunkt mit freudiger Erwartung entgegen. Und nach 80 Lebensjahren, in denen ich viele Teile der Welt bereist und viele große und gute Männer und Frauen kennengelernt habe, bezeuge ich Ihnen, dass ich heute besser als je zuvor weiß, dass Gott lebt, dass Jesus der Messias ist, dass Joseph Smith ein Prophet des lebendigen Gottes war und dass die Kirche, die er auf Weisung des himmlischen Vaters gegründet hat – die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage –, … mit der Macht und Vollmacht desselben Priestertums handelt, das von Petrus, Jakobus und Johannes auf Joseph Smith und Oliver Cowdery übertragen worden ist. Ich weiß das, so wahr ich lebe, und mir ist bewusst, dass es eine sehr ernste Angelegenheit ist, Ihnen davon Zeugnis zu geben, und dass ich vom Vater im Himmel dafür und für alles andere, was ich in seinem Namen verkündet habe, zur Rechenschaft gezogen werde. … Mit Liebe und Güte, die ich für Sie alle im Herzen hege, gebe ich Ihnen dieses Zeugnis im Namen Jesu Christi, unseres Herrn.“46

Ein Jahr später – an seinem 81. Geburtstag, dem 4. April 1951 – verstarb George Albert Smith friedlich in seinem Haus. Sein Sohn und seine Töchter waren bei ihm.

Einfache gute Taten

George Albert Smith erreichte während seiner 81 Lebensjahre sehr viel – in der Kirche, in der Gesellschaft und auf der ganzen Welt. Diejenigen aber, die ihn persönlich kannten, behielten vor allem seine vielen, einfachen guten Taten in Erinnerung, die von Demut und Liebe geprägt waren. Präsident David O. McKay, der bei der Beisetzung von Präsident Smith amtierte, sagte über ihn: „Er war wahrlich ein großmütiger Mensch. Am glücklichsten war er, wenn er andere glücklich machen konnte.“47

Elder John A. Widtsoe, der dem Kollegium der Zwölf Apostel angehörte, berichtete einmal davon, was geschah, als er ein Problem lösen wollte, das gleichermaßen bedeutend wie schwierig war:

„Ich saß nach getaner Arbeit ziemlich müde in meinem Büro. … Ich war erschöpft. Gerade da klopfte es an der Tür, und herein kam George Albert Smith. Er sagte: ,Ich bin fertig mit meiner Arbeit und auf dem Weg nach Hause. Da habe ich an dich und die Probleme gedacht, für die von dir eine Lösung erwartet wird. Ich wollte dich aufmuntern und dir etwas Gutes tun.‘

Das war seine Art. … Ich werde es nie vergessen. Wir unterhielten uns eine Weile; dann verabschiedeten wir uns und er fuhr nach Hause. Mein Herz war leichter. Ich war nicht mehr erschöpft.

Sie sehen also, dass Liebe … nicht lediglich ein Wort oder eine Regung im Innern ist. Damit es wahrhaftig Liebe ist, muss sie in die Tat umgesetzt werden. Das hat Präsident Smith bei mir damals getan. Er gab mir von seiner Zeit und seiner Kraft.“48

Elder Matthew Cowley, der ebenfalls dem Kollegium der Zwölf Apostel angehörte und gut mit Präsident Smith befreundet war, würdigte ihn beim Trauergottesdienst mit folgenden Worten:

„Wer auch immer verzweifelt war, krank oder in Not – jedem, der diesem Sohn Gottes begegnete, gereichte es zum Vorteil und er empfing Kraft von ihm. In seiner Gegenwart zu sein, bedeutete geheilt zu werden, wenn nicht körperlich, dann gewiss geistig. …

 Gott holt die Frommen zu sich, und ich bin sicher, dass die kürzeste Reise, die dieser Gottesmann je unternommen hat, diese letzte Reise war. Gott ist Liebe. George Albert Smith ist Liebe. Er ist fromm. Gott hat ihn zu sich genommen. …

Wir können ein Leben wie dieses nicht mit Worten ehren. Sie reichen dafür nicht aus. Es gibt nur eine Art und Weise, wie wir seine Tugend, seinen feinen Charakter, seine tief empfundene Liebe, die er so facettenreich zum Ausdruck brachte, ehren können, nämlich durch das, was wir tun. …

Wir wollen alle ein bisschen vergebungsbereiter sein, ein bisschen einfühlsamer im Umgang miteinander, ein bisschen rücksichtsvoller und großzügiger dem anderen gegenüber.“49

Auf dem Grabstein von George Albert Smith steht folgende Inschrift, die sein von liebevollem Dienen geprägtes Leben treffend zusammenfasst:

„Er verstand und verbreitete die Lehren Christi und setzte sie außergewöhnlich erfolgreich in die Tat um. Er war freundlich, geduldig, weise, tolerant und verständnisvoll. Er zog umher und tat Gutes. Er liebte Utah und Amerika, aber er war nicht provinziell. Er glaubte ohne Vorbehalt, dass es Liebe geben muss und dass ihr Macht innewohnt. Seine Kirche und seine Familie genossen seine uneingeschränkte Zuneigung und er diente ihnen mit Leidenschaft. Doch seine Liebe kannte keine Grenzen; sie schloss alle Menschen, ungeachtet ihrer Hautfarbe, ihres Glaubens oder ihrer Stellung, mit ein. Zu ihnen und über sie sagte er oft: ,Wir sind alle Kinder unseres Vaters.‘“

Quellenangaben anzeigen

    Anmerkungen

  1.   1.

    D. Arthur Haycock, „A Day with the President“, Improvement Era, April 1950, Seite 288

  2.   2.

    Siehe „Pres. Smith’s Leadership Address“, Deseret News, 16. Februar 1946, Kirchenteil, Seite 6

  3.   3.

    „Mothers of Our Leaders“, Relief Society Magazine, Juni 1919, Seite 313f.

  4.   4.

    „To the Relief Society“, Relief Society Magazine, Dezember 1932, Seite 707f.

  5.   5.

    „After Eighty Years“, Improvement Era, April 1950, Seite 263

  6.   6.

    „Pres. Smith’s Leadership Address“, Seite 1

  7.   7.

    Merlo J. Pusey, Builders of the Kingdom, 1981, Seite 209

  8.   8.

    Lucy Woodruffs Tagebuch, 5. Februar 1888, Unterlagen der Familie von George Albert Smith, University of Utah, Karton 138, Buch 1

  9.   9.

    Emily Stewart Smith, „Some Notes about President George Albert Smith“, Mai 1948, Unterlagen der Familie von George Albert Smith, University of Utah, Karton 5, Seite 3

  10.   10.

    Siehe Emily Stewart Smith, „Some Notes about President George Albert Smith“, Seite 5

  11.   11.

    J. Golden Kimball, Brief vom 18. März 1893, Unterlagen der Familie von George Albert Smith, University of Utah, Karton 72, Mappe 12

  12.   12.

    J. Golden Kimball, Brief vom 30. Juni 1893, Unterlagen der Familie von George Albert Smith, University of Utah, Karton 72, Mappe 15

  13.   13.

    „How My Life Was Preserved“, Unterlagen der Familie von George Albert Smith, University of Utah, Karton 121, Scrapbook 1, Seite 43f.

  14.   14.

    „How My Life Was Preserved“, Seite 43

  15.   15.

    Edith Smith Elliott, „No Wonder We Love Him“, Relief Society Magazine, Juni 1953, Seite 366, 368

  16.   16.

    Siehe Builders of the Kingdom, Seite 240

  17.   17.

    Siehe Builders of the Kingdom, Seite 224f.

  18.   18.

    Emily Smith Stewart, in: „Pres. Smith Mementos At Y.“, Deseret News, 14. Oktober 1967, Kirchenteil, Seite 6f.

  19.   19.

    Unterlagen der Familie von George Albert Smith, University of Utah, Karton 100, Mappe 23, Seite 11

  20.   20.

    John F. Fitzpatrick, Frühjahrs-Generalkonferenz 1951

  21.   21.

    Tagebuch von George Albert Smith, 27. Oktober 1906, Unterlagen der Familie von George Albert Smith, University of Utah, Karton 73, Buch 3, Seite 70

  22.   22.

    Siehe Tagebuch von George Albert Smith, 30. Oktober 1906, Unterlagen der Familie von George Albert Smith, University of Utah, Karton 73, Buch 3, Seite 72

  23.   23.

    Siehe Francis M. Gibbons, George Albert Smith: Kind and Caring Christian, Prophet of God, 1990, Seite 208f.

  24.   24.

    Aus: „A Biography of George Albert Smith, 1870 to 1951“ von Glenn R. Stubbs, Doktorarbeit an der Brigham-Young-Universität, 1974, Seite 295

  25.   25.

    Siehe Bryant S. Hinckley, „Greatness in Men: Superintendent George Albert Smith“, Improvement Era, März 1932, Seite 270f.

  26.   26.

    Siehe „A Biography of George Albert Smith“, Seite 283

  27.   27.

    Irene Jones, „The Understanding Heart“, Improvement Era, Juli 1940, Seite 423

  28.   28.

    „Your Good Name“, Improvement Era, März 1947, Seite 139

  29.   29.

    Herbst-Generalkonferenz 1921

  30.   30.

    Tagebuch von George Albert Smith, 5. November 1937, Unterlagen der Familie von George Albert Smith, University of Utah, Karton 74, Buch 11, Seite 83f.

  31.   31.

    Frühjahrs-Generalkonferenz 1919

  32.   32.

    Herbst-Generalkonferenz 1950

  33.   33.

    James Gunn McKay, in: „A Biography of George Albert Smith“, Seite 141

  34.   34.

    George Q. Morris, „Perpetuating Our Ideals through Markers and Monuments“, Improvement Era, April 1950, Seite 284

  35.   35.

    Siehe „Markers and Monuments“, Seite 284

  36.   36.

    Brief an Leslie O. Loveridge, 15. März 1937, Unterlagen der Familie von George Albert Smith, University of Utah, Karton 67, Mappe 25

  37.   37.

    „To the Relief Society“, Relief Society Magazine, Dezember 1932, Seite 705f.

  38.   38.

    Herbst-Generalkonferenz 1945

  39.   39.

    Builders of the Kingdom, Seite 315f.

  40.   40.

    Joseph F. Smith, Herbst-Generalkonferenz 1945; Joseph F. Smith war Patriarch der Kirche und der Enkel von Präsident Joseph F. Smith, dem sechsten Präsidenten der Kirche

  41.   41.

    Gordon B. Hinckley, Frühjahrs-Generalkonferenz 1992

  42.   42.

    „Some Thoughts on War, and Sorrow, and Peace“, Improvement Era, September 1945, Seite 501

  43.   43.

    Siehe Arwell L. Pierce, Frühjahrs-Generalkonferenz 1951

  44.   44.

    „Markers and Monuments“, Seite 284f.

  45.   45.

    „Dedicatory Prayer“, Improvement Era, September 1947, Seite 571

  46.   46.

    „After Eighty Years“, Seite 263f.

  47.   47.

    David O. McKay, Frühjahrs-Generalkonferenz 1951

  48.   48.

    John A. Widtsoe, Frühjahrs-Generalkonferenz 1951

  49.   49.

    Matthew Cowley, Frühjahrs-Generalkonferenz 1951