Sich bemühen, andere glücklich zu machen

Lehren der Präsidenten der Kirche: Heber J. Grant, 2011


Der wahre Schlüssel zu einem glücklichen Leben findet sich, wenn man seinen Mitmenschen hilft und ihnen Mut macht.

Aus dem Leben von Heber J. Grant

Präsident Heber J. Grant sprach kaum je über das, was er tat, um seinen Mitmenschen zu dienen. Bisweilen jedoch sprachen andere von den guten Taten, die sie ihn hatten tun sehen. In der Hauptsache erlebte seine Familie mit, wie er diente. Seine Angehörigen waren ja auch die hauptsächlichen Nutznießer. Seine Tochter Lucy Grant Cannon erzählt, wie freigebig und freundlich er stets zu seinen Kindern und Enkeln gewesen ist:

„Vater hat einen ausgeprägten Familiensinn. Er legt stets großes Interesse für seine Kinder und deren Familien an den Tag. Er hilft ihnen, selbst wenn es für ihn ein großes Opfer bedeutet. Oft sagt er: ‚Hilf dem Setzling; die Eichen können sich um sich selbst kümmern.‘

Zu jedem Geburtstag erhält jedes Kind und Enkelkind einen Brief und einen Scheck von ihm – entweder persönlich oder per Post. Zu Weihnachten, zu Neujahr und auch zu anderen Anlässen bekommen wir Bücher und Schecks, Bilder oder sonst eine kleine Aufmerksamkeit. Diese Geschenke gehen stets Hand in Hand mit seiner Liebe und seinem Segen. Sie sind wie ein Segensgruß an uns.“1

Lucy berichtet auch, wie liebevoll sich ihr Vater um sie gekümmert hatte, als sie an Diphtherie erkrankt war:

„Selbst nach 43 Jahren treten mir noch Tränen der Dankbarkeit in die Augen, da ich dieses hier schreibe und daran zurückdenke, wie zärtlich Vater während meiner Krankheit zu mir gewesen ist. Viele von Ihnen wissen vielleicht, dass ich mit zwölf Jahren schwer krank war. Damals waren wir gerade in Washington. Ich wäre bestimmt gestorben, wäre da nicht der Krankensegen gewesen und hätten die Knechte des Herrn nicht Gottes Macht auf mich herabgerufen. Obwohl wir zwei Krankenschwestern hatten, verließ mein Vater während der Wochen, als ich so krank war, selten mein Zimmer – weder tags noch nachts. Als es mir dann besser ging, las er mir stundenlang vor. Er kaufte mir Geschenke und Leckereien, sobald ich sie wieder essen konnte, und sorgte so liebevoll für mich wie die zärtlichste Mutter.

Als wir Washington verließen, war ich noch so schwach, dass ich nicht gehen konnte. Mein Vater trug mich zum Zug und kümmerte sich die ganze Heimfahrt um mich. Selbst die sanfteste Berührung und die rücksichtsvollste Pflege einer Krankenschwester hätte nicht besser sein können. Wir kamen zur Weihung des Tempels nach Salt Lake City zurück. Er trug mich mehrmals durch den ganzen Tempel. Daheim folgten dann noch Wochen der Genesung und obwohl sich alle in der Familie gern um mich kümmerten, wollte ich doch, dass er bei mir bliebe, und das tat er auch gern. Und was ich da über mich sage, war auch nicht anders, wenn eine meiner Schwestern krank war.“2

Präsident Grant diente aber nicht nur seiner Familie. Lucy berichtet:

„Kurz vor Weihnachten bereitete ich gerade einige kleine Geschenke für eine bedürftige Familie vor. Mein Vater kam herein. Ich zeigte ihm die Sachen und erzählte ihm, was ich von der Mutter dieser Familie erfahren hatte. Ich erwähnte auch, dass ich meine Tempelkleider bereitlegen müsse, denn ich wollte sie der Frau leihen, damit sie am Tag darauf in den Tempel gehen könne. Als sie mir am nächsten Tag die Tempelkleidung zurückbrachte, sagte sie, dass mein Vater beim Eingang zum Tempel auf sie gewartet habe. Er hatte die Frau nie zuvor gesehen und erkannte sie nur aufgrund meiner Beschreibung. Er sprach sie an und überreichte ihr einen Briefumschlag und wünschte ihr frohe Weihnachten. In dem Umschlag waren zwanzig Dollar.“3

Auch nach einer Reihe von Schlaganfällen, die Präsident Grant sehr schwächten, fand er noch Mittel und Wege, seinen Mitmenschen zu dienen. Da seine Körperkräfte nachgelassen hatten, bestand sein Freizeitvergnügen vor allem im Autofahren. Fast täglich fuhr er aus und immer lud er Angehörige und Freunde mit ein. Auf diesen Fahrten erwies er oft seinen Mitmenschen seine Liebe. So blieb er etwa beim Krankenhaus stehen oder besuchte Menschen zu Hause.4

Elder John A. Widtsoe vom Kollegium der Zwölf Apostel schrieb einmal in Anerkennung der Verdienste Präsident Grants: „Seine große Liebe galt immer den Menschen. Die Kinder des himmlischen Vaters waren immer sein Anliegen. … Diese Liebe trat nicht bloß im allgemeinen Interesse an der Menschheit zutage, sondern sie zeigte sich darin, wie er am Einzelnen Anteil nahm. Er gab den Armen und Bedürftigen stets von seinem Überfluss ab. Unter denen, die ihn kennen, ist seine herzliche Anteilnahme den Notleidenden gegenüber sprichwörtlich. Er spendet Geld, lässt aber auch Hilfe von Mensch zu Mensch zukommen, wie sie der Stärkere dem Schwachen zukommen lassen kann. Präsident Grant ist freigebig bis zum Äußersten, so wohltätig, wie es nur irgend geht, und folglich auch ein treuer Freund und liebevoll zu seiner Familie. Er erfüllt sein hohes Amt voll Liebe im Herzen für alle und er ruft die Menschen dazu auf, ihre selbstsüchtigen Wünsche abzulegen.“5

Lehren von Heber J. Grant

Unsere Liebe zum Herrn zeigt sich in christusgleichem Dienen.

Was für Männer und Frauen sollen wir denn sein, da wir diese wunderbare Erkenntnis haben, dass Gott lebt, Jesus der Messias ist und Joseph Smith ein Prophet Gottes ist? Wir müssen die ehrlichsten, die tugendhaftesten, die wohltätigsten und die besten Menschen auf Erden sein.6

Vergessen wir eines nicht: Wir sind verpflichtet, dem Herrn treu zu sein und ihm zu dienen. Und dienen, wie es ihm gefällt, kann man nur, indem man seinen Mitmenschen dient.7

Wir bitten alle Mitglieder der Kirche inständig: Lieben Sie Ihre Brüder und Schwestern, ja, alle Völker, wer und wo auch immer sie sind. Vertreiben Sie aus Ihrem Leben den Hass und füllen Sie Ihr Herz mit Nächstenliebe, Geduld, Langmut und Vergebungsbereitschaft.8

Das Evangelium Christi ist ein Evangelium der Liebe und des Friedens, der Geduld und der Langmut, der Nachsicht und der Vergebung, der Güte und der guten Taten, der Nächstenliebe und der brüderlichen Liebe. Habsucht, Geiz, niedriger Ehrgeiz, Machthunger und ungerechte Herrschaft über unsere Mitmenschen können im Herzen eines Heiligen der Letzten Tage oder sonst irgendeines gottesfürchtigen Menschen keinen Platz haben.9

Durch unser Dienen können wir unsere Mitmenschen erheben und ihnen Mut machen.

Ich hörte einmal die Geschichte von einem Bruder (seinen Namen habe ich vergessen), der in den Anfangstagen der Kirche eine Versammlung besuchte. Präsident Brigham Young bat um Spenden, die an den Missouri gesandt werden sollten, damit die Mitglieder sich in Zion sammeln konnten. Er erwartete, dass jeder, der es sich leisten konnte, einen Ochsen oder eine Kuh oder sonst eine Spende gäbe. Ein Bruder sprang auf und sagte: „Ich gebe eine Kuh.“ Ein anderer Bruder sprang auch auf und sagte: „Ich gebe eine Kuh.“ Nun hatte der erste Bruder zwei Kühe und viele Kinder, der zweite Bruder hatte ein halbes Dutzend Kühe und nur einige wenige Kinder. Da kam der Geist [des Teufels] über den ersten Mann und er sagte bei sich: „Schau, mit deinen vielen Kindern kannst du unmöglich mit einer einzigen Kuh dein Auskommen finden. Der andere Mann hat nicht so viele Kinder und sechs Kühe – er könnte sogar zwei Kühe spenden und hätte trotzdem noch genug.“ Er machte sich also auf den Heimweg, ging einige Straßen weit und sein Vorsatz wurde immer schwächer. Schließlich sagte er sich: „Nein, ich tu’s doch nicht.“ Doch da wurde ihm bewusst, dass das ein anderer Geist war, der ihn da versuchte, und wie anders der Geist gewesen war, der ihn dazu bewogen hatte, dem Präsidenten der Kirche zu versprechen, dass er eine Kuh spenden würde. Nun war hier ein Geist, der ihm zuflüsterte, er solle seiner Verpflichtung nicht nachkommen, er solle nicht ehrlich sein, er solle sein Versprechen brechen. Da blieb er stehen und sagte: „Jetzt, Teufel, höre auf damit, oder ich gehe, so wahr ich lebe, zu Bruder Brigham ins Büro und gebe ihm auch die zweite Kuh.“ Da wurde er nicht länger versucht.

Jeder Heilige der Letzten Tage soll nach Möglichkeit Träger und nicht Bürde sein.10

Ich kann mich noch erinnern, wie ich einmal in der State Bank saß und einen älteren Bruder namens John Furster vorbeigehen sah. Er war einer der ersten, die sich in Skandinavien hatten taufen lassen. Als er an meinem Fenster vorüberging, flüsterte der Geist mir zu: „Gib ihm zwanzig Dollar.“ Ich ging zum Kassierer und ließ mir gegen Quittung 20 Dollar geben. Ich lief hinaus und holte Mr. Furster vor dem ZCMI ein. Ich gab ihm die Hand und drückte ihm dabei die zwanzig Dollar in die Hand. Jahre später hörte ich, dass Bruder Furster an jenem Morgen gebetet hatte, er möge genügend Geld haben, um nach Logan fahren und dort Tempelarbeit verrichten zu können. Damals war der Salt-Lake-Tempel ja noch nicht fertig. Die zwanzig Dollar waren genau die Summe, die er brauchte. Jahre später bedankte er sich bei mir für das Geld und die Tränen liefen ihm dabei über die Wangen.

Als ich einmal in meinem Büro saß, hatte ich die Eingebung, ich solle zu Schwester Emily Woodmansee gehen und ihr fünfzig Dollar leihen. Ich tat dies auch und sah, dass es ihr selbst am Allernötigsten fehlte. … Ich wünsche mir nichts so sehr, als dass mein Sinn für derartige Eingebungen empfänglich bleibt.11

Jedes freundliche Wort macht es einem leichter, ein weiteres freundliches Wort zu sprechen. Jede Hilfestellung, die Sie aufgrund Ihrer Kenntnisse einem anderen geben, versetzt Sie in die Lage, noch weiteren Menschen zu helfen. Gute Taten werden zur Gewohnheit. Manchen Leuten fehlt es so völlig an Freundlichkeit und gutem Willen, dass ich mitunter den Eindruck habe, sie meinen: Wenn ich jetzt etwas Nettes sage oder tue, dann werde ich später nie wieder etwas Nettes sagen oder tun können. Wer aus seinem vollen Getreidespeicher einen oder zwei Säcke weggibt, der hat um so viel weniger darin. Wer aber jemandem, der in Not ist und sich im Lebenskampf abmüht, ein freundliches Wort sagt oder etwas Gutes tut, dessen Fähigkeit nimmt zu und er kann es hinfort noch besser. Gehen Sie nicht verschlossenen Mundes durchs Leben – mit Lippen, die kein freundliches, ermutigendes Wort sprechen können –, und auch nicht mit einem Herzen, das sich sträubt, etwas für andere zu tun. Machen Sie sich zum Wahlspruch: Versuche stets, einem anderen zu helfen, seine Last zu tragen.12

Dienen ist der Schlüssel dazu, wie man wahrhaft glücklich wird.

Die Auswirkungen unseres treuen Dienens können wir nicht voraussehen und wir wissen auch nicht, wann uns oder denjenigen, mit denen wir zusammen sind, dereinst auch solch ein Dienst erwiesen wird. Der Lohn kommt vielleicht nicht sofort, aber später trägt er Zinsen. Ich glaube, dass wir nie etwas verlieren, wenn wir dienen und Opfer bringen und das Rechte tun.13

Der wahre Schlüssel zum Glück besteht darin, dass man andere glücklich macht. Mir tut der selbstsüchtige Mensch Leid, der nicht weiß, welche Freude es macht, wenn sich jemand bedankt, weil man ihm im Lebenskampf geholfen hat.14

Dienen ist das wahre Geheimnis eines glücklichen Lebens und macht uns für das Jenseits bereit.15

Ich bin davon überzeugt, dass man Frieden und Glück findet, wenn man seinen Mitmenschen dient. Dienen ist meiner Ansicht nach der wahre Schlüssel zum Glück, denn wenn wir Arbeiten wie etwa Missionsarbeit verrichten, können wir unser Leben lang zurückblicken auf das, was wir auf Mission geleistet haben. Wenn wir etwas Nettes tun, empfinden wir tiefe Zufriedenheit und Freude, gewöhnliche Vergnügungen hingegen verblassen.16

Es ist ein von Gott gegebenes Gesetz: In dem Maß, wie wir dienen, wie wir uns in der Kirche und außerhalb der Kirche einsetzen – was wir willens sind, für die Kirche und für die zu tun, denen wir außerhalb unserer kirchlichen Verpflichtungen etwas schulden –, in dem Maß nehmen wir an der Gnade Gottes und an der Liebe Gottes zu. Wir können die Absichten, für die wir hierher auf die Erde geschickt worden sind, immer besser erfüllen.17

Möge der Herr mit Ihnen allen sein, Brüder und Schwestern, wo immer Sie auch leben. Möge sein Frieden in Ihrem Herzen wohnen und möge sein Geist Sie inspirieren, im Dienst am Bruder und am Nächsten immer mehr zuwege zu bringen.18

Anregungen für Studium und Diskussion

  1. Inwiefern finden wir den wahren „Schlüssel zum Glück“, wenn wir andere glücklich machen?

  2. Was für Gründe kann es geben, dass wir nicht die Initiative ergreifen und unserem Nächsten dienen? Was können wir tun, um beim Dienen mehr Freude zu empfinden?

  3. Wie können wir einem Kind oder einem Jugendlichen helfen, den Wunsch zu entwickeln, seinen Mitmenschen zu dienen?

  4. Wie können wir lernen, die Bedürfnisse unserer Mitmenschen besser zu erkennen?

  5. Was bedeutet es, „nach Möglichkeit Träger und nicht Bürde“ zu sein?

  6. Inwiefern machen wir uns durch Dienen „für das Jenseits bereit“?

  7. Was können wir konkret an Einfachem tun, um beim Dienen Präsident Grants Beispiel nachzueifern? Wie können wir ungeachtet unserer Lebensumstände dienen?

Quellenangaben anzeigen

    Anmerkungen

  1.   1.

    „A Father Who Is Loved and Honored“, Improvement Era, November 1936, Seite 680.

  2.   2.

    Improvement Era, November 1936, Seite 682.

  3.   3.

    Improvement Era, November 1936, Seite 682.

  4.   4.

    Francis M. Gibbons, Heber J. Grant: Man of Steel, Prophet of God, 1979, Seite 222f.; siehe auch Improvement Era, November 1936, Seite 684.

  5.   5.

    „The Living Prophet“, Improvement Era, November 1926, Seite 7.

  6.   6.

    Gospel Standards, Hg. G. Homer Durham, 1941, Seite 4.

  7.   7.

    James R. Clark, Hg., Messages of the First Presidency of The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints, 6 Bände, 1965–1975, 5:223.

  8.   8.

    Botschaft von der Ersten Präsidentschaft, Generalkonferenz, Oktober 1939; vorgelesen von Präsident Heber J. Grant.

  9.   9.

    Botschaft von der Ersten Präsidentschaft, Generalkonferenz, April 1942; vorgelesen von Präsident J. Reuben Clark jun.

  10.   10.

    „Settlement“, Improvement Era, Januar 1941, Seite 56.

  11.   11.

    Brief von Heber J. Grant an N. L. Nelson vom 1. April 1914, im Archiv des Family and Church History Department, Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.

  12.   12.

    „Have a Purpose in Life“, Improvement Era, Februar 1902, Seite 289f.

  13.   13.

    Gospel Standards, Seite 356.

  14.   14.

    Improvement Era, Februar 1902, Seite 290.

  15.   15.

    Gospel Standards, Seite 187.

  16.   16.

    Gospel Standards, Seite 187.

  17.   17.

    Gospel Standards, Seite 186f.

  18.   18.

    Messages of the First Presidency, 5:311.