Kapitel 4: Das Erbe der Pioniere – Glaube und Opferbereitschaft

Lehren der Präsidenten der Kirche: Gordon B. Hinckley, 2016


Ob Sie nun von Pionieren abstammen oder sich erst gestern der Kirche angeschlossen haben: Sie sind ein Teil des großen Ganzen, von dem diese Männer und Frauen geträumt haben. … Sie haben die Grundlage gelegt. Unsere Aufgabe besteht nun darin, darauf aufzubauen.

Aus dem Leben von Gordon B. Hinckley

Bei der Weihung des Columbus-Ohio-Tempels sprach Präsident Gordon B. Hinckley über seine Pioniervorfahren. Er erzählte später:

„Während ich im celestialen Saal saß, dachte ich an meinen Urgroßvater. … Kurz davor hatte ich seine Grabstätte in Kanada, nördlich der Grenze zu New York, besucht. … Er war im Alter von gerade einmal 38 Jahren gestorben.“

Als Präsident Hinckleys Urgroßvater verstarb, war sein Sohn Ira, der Präsident Hinckleys Großvater werden sollte, noch keine drei Jahre alt. Iras Mutter heiratete bald darauf wieder und zog innerhalb weniger Jahre zunächst nach Ohio und dann nach Illinois. Sie starb 1842 und ließ Ira mit 13 Jahren als Waise zurück. Präsident Hinckley erzählte weiter:

„Mein Großvater [Ira Hinckley] ließ sich in Nauvoo taufen und … durchquerte später während des Zugs [der Pioniere] nach Westen die Prärie.“ Während dieser Reise im Jahr 1850 starben Iras „junge Frau und sein [Halbbruder] am selben Tag. Er fertigte grobe Särge an und beerdigte die beiden. Dann nahm er seine kleine Tochter auf den Arm und trug sie bis ins [Salzsee-]Tal.

Auf Bitten von Brigham Young errichtete er Cove Fort, war er der erste Präsident des Pfahles Fillmore [in Utah] und tat tausend andere Dinge, um dieses Werk voranzubringen.

Dann kam mein Vater. … Er wurde Präsident des größten Pfahls der Kirche mit über 15.000 Mitgliedern.“

Präsident Hinckleys Gedanken wanderten bald von seinen Vorfahren zu seinen Nachkommen. Er sagte weiter:

„Während ich im Tempel saß und über das Leben dieser drei Männer nachdachte, sah ich zu meiner Tochter hinunter und zu ihrer Tochter, die meine Enkelin ist, und zu ihren Kindern, meinen Urenkeln. Plötzlich erkannte ich, dass ich mich in der Mitte dieser sieben Generationen befand – drei vor mir und drei nach mir.

Da ging mir in diesem heiligen Haus durch den Sinn, wie gewaltig die Verpflichtung war, die auf mir lag, all das, was ich als Erbe von meinen Vorfahren erlangt hatte, an die Generationen weiterzugeben, die nun nach mir kommen.“1

Präsident Hinckley brachte nicht nur seinen Dank für seine eigenen Pioniervorfahren und das Erbe der Pioniere aus der Anfangszeit der Kirche zum Ausdruck, sondern betonte auch immer wieder, dass die Mitglieder der Kirche in aller Welt Pioniere der heutigen Zeit sind. 1997 sagte er zu den Heiligen in Guatemala: „In diesem Jahr gedenken wir des 150. Jahrestags der Ankunft der Mormonenpioniere im Salzseetal Sie legten einen langen Weg mit Planwagen und Handkarren zurück. Sie waren Pioniere. Aber auch heute gibt es Pioniere. Überall auf der Welt gibt es Pioniere und auch Sie gehören zu diesen Pionieren.“2 Zu den Heiligen in Thailand sagte er: „Sie sind Pioniere, weil Sie das Werk des Herrn in diesem wunderbaren Land voranbringen.“3 Bei einem Besuch in der Ukraine im Jahr 2002 drückte er sich ähnlich aus: „Die Kirche hatte in ihrer Anfangszeit ihre Pioniere. Sie sind jetzt die Pioniere dieser Zeit.“4

Wenn Präsident Hinckley über die Pioniere aus der Anfangszeit der Kirche sprach, wollte er weitaus mehr erreichen, als nur den Blick auf diejenigen zu lenken, die in der Vergangenheit gelebt haben. Er schaute in die Zukunft und hoffte, dass der Glaube und die Opfer dieser Heiligen „für uns alle ein großer Ansporn [sind], denn jeder von uns ist in seinem eigenen Leben – oftmals in seiner eigenen Familie – ein Pionier“5.

pioneers leaving Nauvoo

Die Kraft, die unsere Vorfahren im Evangelium angetrieben hat, war die Kraft des Glaubens an Gott.

Lehren von Gordon B. Hinckley

1

Mit Weitblick, Anstrengung und Vertrauen auf die Macht Gottes, die durch sie wirkte, verwirklichten die Pioniere aus der Anfangszeit der Kirche ihren Glauben

Es war Glaube, der die kleine Gruppe der ersten Bekehrten [im Osten der Vereinigten Staaten] dazu brachte, von New York nach Ohio, von Ohio nach Missouri und von Missouri nach Illinois zu ziehen, immer auf der Suche nach Frieden und der Freiheit, Gott so verehren zu können, wie es ihnen das Gewissen gebot.

Mit den Augen des Glaubens schauten sie die schöne Stadt [Nauvoo], als sie durch das Sumpfgebiet bei Commerce in Illinois marschierten. Mit der Überzeugung, dass Glaube ohne Werke tot ist, legten sie das Sumpfland trocken, machten sie Pläne für die Stadt, bauten sie stabile Wohnhäuser und Gebäude für Gottesdienst und Unterricht und, als Krönung, einen prachtvollen Tempel, damals das schönste Bauwerk in ganz Illinois. …

[Schon bald] kam es zu Verfolgung durch gottlosen, blutdürstigen Pöbel. Ihr Prophet wurde ermordet. Ihre Träume zerbrachen. Und wieder war es der Glaube, der sie sich aufraffen ließ, und gemäß dem Plan, den ihr Prophet schon vorher gefasst hatte, machten sie sich abermals für einen Exodus bereit.

Mit Tränen und blutendem Herzen verließen sie ihre gemütlichen Häuser, ihre Werkstätten. Sie blickten zurück auf ihren heiligen Tempel, richteten dann aber voll Glauben ihre Augen nach Westen, ins Unbekannte und Ungewisse. Sie überquerten unter den winterlichen Schneefällen des Februars 1846 den Mississippi und bahnten sich mühsam ihren Weg durch den schlammigen Boden der Prärie von Iowa.

Mit Glauben errichteten sie Winter Quarters am Missouri. Hunderte starben dahin, als Pest, Ruhr und Diphtherie in ihren Reihen wüteten. Aber der Glaube hielt die Überlebenden aufrecht. Sie begruben ihre Angehörigen auf dem Steilufer, und im Frühjahr 1847 machten sie sich in Richtung der Gebirge im Westen auf.

Voll Glauben blickte Brigham Young über das [Salzseetal], damals heiß und dürr, und verkündete: „Dies ist der Ort!“ Wiederum voll Glauben stieß er vier Tage später seinen Stock in den Boden … und sagte: „Hier wird der Tempel unseres Gottes stehen!“ [Der prachtvolle und heilige Salt-Lake-Tempel] ist ein Zeugnis des Glaubens, und nicht nur des Glaubens derer, die ihn erbaut haben, sondern auch des Glaubens derer, die jetzt darin ein großes, selbstloses Werk verrichten, das von Liebe getragen wird.

Paulus schrieb an die Hebräer: „Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“ (Hebräer 11:1.) All die großen Leistungen, die ich angesprochen habe, waren zuerst nichts anderes als ein „Feststehen in dem, was man erhofft, und ein Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“. Aber mit Weitblick, Anstrengung und Vertrauen auf die Macht Gottes, die durch sie wirkte, konnten sie ihren Glauben verwirklichen.6

Die Kraft, die unsere Vorfahren im Evangelium angetrieben hat, war die Kraft des Glaubens an Gott. Es war dieselbe Kraft, durch die der Auszug aus Ägypten, die Durchquerung des Roten Meeres, die lange Wanderung durch die Wüste und die Niederlassung Israels im verheißenen Land möglich wurde. …

Ein solcher Glaube an den lebendigen Gott und an seinen lebendigen, auferstandenen Sohn muss unbedingt hell in uns brennen, denn dies war der große Glaube, der unsere Vorfahren angetrieben hat.

Sie hatten eine Vision, die jenseits aller anderen Erwägungen lag und diese nichtig machte. Als sie in den Westen kamen, waren sie tausend Meilen – tausend mühsame Meilen [1.600 Kilometer] – von den nächsten Siedlungsgebieten im Osten und 800 Meilen [knapp1.300 Kilometer] von denen im Westen entfernt. Sie schöpften ihre Kraft aus der persönlichen Erkenntnis, dass Gott ihr ewiger Vater ist, auf den sie voll Glauben blicken können. Sie glaubten an diesen bedeutsamen Auftrag aus den heiligen Schriften: „[Blicke] auf Gott … und [lebe].“ (Alma 37:47.) Voller Glauben bemühten sie sich, seinen Willen zu tun. Voller Glauben lasen sie göttliche Weisung und nahmen sie an. Voller Glauben arbeiteten sie bis zum Umfallen – stets mit der Überzeugung, dass sie ihm, ihrem Vater und ihrem Gott, Rechenschaft ablegen werden müssen.7

Hinter uns liegt eine glorreiche Geschichte. Sie ist reich an Heldentum, Grundsatztreue und unerschütterlichem Vertrauen; sie ist das Ergebnis von Glauben. Vor uns liegt eine große Zukunft, und sie fängt heute an. Wir können nicht stillstehen, wir können nicht langsamer werden, wir können nicht dahinschlendern oder kleinere Schritte machen.8

2

Die Pioniere aus der Anfangszeit der Kirche blickten mit dem großen Traum von Zion in die Zukunft

Es ist nur recht, dass wir innehalten, um denen, die die Grundlage für dieses große Werk gelegt haben, ehrfürchtig Respekt zu zollen. … Ihr großes Ziel war Zion [siehe LuB 97:21; Mose 7:18]. Sie sangen darüber. Sie träumten davon. Es war ihre große Hoffnung. Ihre heldenhafte Reise war und bleibt ein unvergleichliches Unterfangen. Zehntausende zogen in Richtung Westen, und überall lauerte jede nur erdenkliche Gefahr. Dazu gehörte auch der Tod, mit dessen unerbittlicher Realität jeder Wagenzug und jede Handkarrenabteilung vertraut war.

Ich habe größte Hochachtung vor Brigham Young. Er sah das Salzseetal in einer Vision, lange bevor er es mit seinen natürlichen Augen sah. Ich bezweifle, dass er sonst dort angehalten hätte. Es gab grüneres Land in Kalifornien und Oregon. Es gab anderswo tieferen und nährstoffreicheren Boden. Es gab an anderen Orten große bewaldete Flächen, viel mehr Wasser und ein ausgeglicheneres und angenehmeres Klima.

Hier gab es zwar Gebirgsbäche, aber keiner davon war sonderlich groß. Der Boden war noch völlig unberührt. Kein Pflug hatte je seine harte, ausgedörrte Oberfläche durchbrochen. Ich bin einfach nur verwundert, dass Präsident Young eine große Gruppe … an einen Ort geführt hat, wo noch nie zuvor gesät und geerntet worden war. …

Diese Pioniere waren von der Reise völlig erschöpft. Es hatte 111 Tage gedauert, sie von Winter Quarters ins Salzseetal zu bringen. Sie waren müde. Ihre Kleidung war zerschlissen. Ihre Tiere waren erschöpft. Das Wetter war heiß und trocken – das heiße Juliwetter. Doch hier standen sie nun, blickten Jahre voraus und träumten den Traum vom Millennium – den großen Traum von Zion.9

Vor kurzem war ich bei den alten Anlegestellen in Liverpool in England. Es war praktisch nichts los an dem Freitagmorgen, als wir dort waren. Einst ging es dort jedoch zu wie in einem Bienenstock. Während des 19. Jahrhunderts liefen Zehntausende unserer Mitglieder über dieselben Pflastersteine, über die auch wir gingen. Sie kamen aus allen Regionen der Britischen Inseln und aus den Ländern Europas – Bekehrte, die sich der Kirche angeschlossen hatten. Sie kamen mit einem Zeugnis auf den Lippen und mit Glauben im Herzen. War es schwer für sie, ihr Zuhause zu verlassen und sich ins Ungewisse einer neuen Welt aufzumachen? Natürlich war es das! Aber sie waren voller Optimismus und Begeisterung. Sie gingen an Bord von Segelschiffen. Sie wussten, dass die Überfahrt bestenfalls gefährlich sein würde. Schon bald mussten sie feststellen, dass es größtenteils ganz elendig zuging. Woche für Woche waren sie in beengten Unterkünften zusammengepfercht. Sie ertrugen Stürme, Krankheit und Übelkeit. Viele starben unterwegs und wurden auf See bestattet. Es war eine beschwerliche, fürchterliche Reise. Ja, sie hatten Zweifel. Doch ihr Glaube erhob sich über diese Zweifel. Ihr Optimismus erhob sich über ihre Ängste. Sie hatten ihren Traum von Zion und waren auf dem Weg, ihn zu verwirklichen.10

3

Die Rettung der Pioniere der Handkarrenabteilungen Willie und Martin verdeutlicht, worum es im Evangelium Jesu Christi geht

Versetzen Sie sich in die Zeit … im Oktober 1856 zurück. Am Samstag[, dem 4. Oktober,] kamen Franklin D. Richards und eine Handvoll Begleiter hier im [Salzseetal] an. Sie waren mit starken Gespannen und leichten Wagen von Winter Quarters aufgebrochen und hatten nicht lange gebraucht. Bruder Richards suchte unverzüglich Präsident Young auf. Er berichtete, dass sich Hunderte von Männern, Frauen und Kindern auf dem langen Weg … [zum Salzseetal] befanden. Die meisten zogen Handkarren. … Vor ihnen lag noch ein Weg, der sie bergauf bis zur kontinentalen Wasserscheide führte, hinter der sie aber auch noch viele, viele Meilen zurücklegen mussten. Sie steckten in einer verzweifelten Lage. … Sie mussten alle umkommen, wenn sie nicht gerettet wurden.

Ich glaube, in jener Nacht hat Präsident Young nicht geschlafen. Ich glaube, er hatte ständig das Bild jener notleidenden … Menschen vor Augen.

Am nächsten Morgen … sagte [er] zu den Mitgliedern:

„Ich will jetzt den Mitgliedern unser heutiges Thema nennen und den Ältesten, die sprechen werden, den Text vorgeben. … Er lautet folgendermaßen … Viele unserer Brüder und Schwestern befinden sich mit Handkarren draußen auf der Prärie, wahrscheinlich sind viele jetzt noch siebenhundert Meilen [1.100 Kilometer] von hier entfernt. Wir müssen sie herbringen, und wir müssen ihnen Hilfe schicken. Der Text lautet: ‚Bringt sie her!‘

Das ist meine Religion; das gebietet mir der Heilige Geist, der mit mir ist. Wir müssen sie retten.

Ich rufe heute die Bischöfe herbei. Ich warte nicht bis morgen, auch nicht bis übermorgen, ich brauche 60 gute Maultiergespanne und 12, 15 Wagen. Ich will keine Ochsen schicken. Ich will gute Pferde und Maultiere. Sie sind in diesem Territorium, und wir müssen sie herholen. Außerdem 12 Tonnen Mehl und 40 gute Fuhrleute, zusätzlich zu denen, die die Gespanne lenken.

Ich will euch sagen, dass all euer Glaube, eure Religion und euer Glaubensbekenntnis nicht einen einzigen von euch im celestialen Reich unseres Gottes erretten werden, wenn ihr nicht genau die Grundsätze verwirklicht, die ich euch jetzt lehre. Geht und bringt die Leute her, die jetzt noch da draußen auf der Prärie sind.“ (Aus: LeRoy R. Hafen und Ann W. Hafen, Handcarts to Zion, 1960, Seite 120f.)

An jenem Nachmittag sammelten die Frauen Lebensmittel, Bettzeug und Kleidung in großen Mengen.

Am nächsten Morgen wurden die Pferde beschlagen und die Wagen repariert und beladen.

Am darauffolgenden Morgen, am Dienstag, brachen 16 Wagengespanne nach Osten auf. Bis Ende Oktober waren 250 Gespanne unterwegs, um Hilfe zu bringen.11

Als die Rettungskräfte auf die erschöpften Heiligen stießen, wurden sie wie Engel aus dem Himmel angesehen. Die Leute brachen vor Dankbarkeit in Tränen aus. Wer mit einem Handkarren gekommen war, wurde in einen Planwagen gesetzt, damit er schneller zur Gemeinde in Salt Lake City befördert werden konnte.

Etwa zweihundert waren umgekommen, aber tausend wurden gerettet.12

handcart rescue

Als die Rettungskräfte auf die erschöpften Heiligen stießen, wurden sie wie Engel aus dem Himmel angesehen.

Die Geschichten von den unterwegs steckengebliebenen Heiligen und von ihrem Leiden und Sterben werden … immer und immer wieder erzählt werden. Die Geschichten von ihrer Rettung müssen immer und immer wieder erzählt werden. Sie handeln vom Wesenskern des Evangeliums Jesu Christi. …

Ich bin dankbar, dass wir keine Brüder und Schwestern haben, die im Schnee steckengeblieben sind, die unterwegs erfrieren, während sie sich bemühen, … zu ihrem Zion in den Bergen zu gelangen. Aber es gibt Menschen, und es sind nicht wenige, die sich in einer verzweifelten Lage befinden und die um Hilfe schreien.

Es gibt in dieser Welt so viele Menschen, die hungrig sind und Not leiden. Ich bin dankbar, dass ich sagen kann, dass wir vielen helfen, die nicht unserem Glauben angehören, die sich aber in großer Not befinden und denen wir helfen können. Aber wir brauchen gar nicht so weit hinauszugehen. Auch unter unseren Mitgliedern gibt es Menschen, die vor Schmerz und Leid und Einsamkeit und Angst weinen. Wir haben die große und feierliche Verpflichtung, uns ihrer anzunehmen und ihnen zu helfen, sie aufzuheben, ihnen zu essen zu geben, wenn sie hungrig sind, und ihrem Geist Nahrung zu geben, wenn sie nach Wahrheit und Rechtschaffenheit dürsten.

Es gibt so viele junge Leute, die ziellos umherirren und den traurigen Weg der Drogen, der Gangs, der Unmoral und all der vielen anderen Übel gehen, die damit verbunden sind. Es gibt Witwen, die sich nach einer freundlichen Stimme und nach der besorgten Anteilnahme sehnen, aus der die Liebe spricht. Da sind diejenigen, in denen einmal das Feuer des Glaubens gebrannt hat, das aber inzwischen erloschen ist. Viele von ihnen möchten gern zurückkommen, wissen aber nicht so recht, wie. Sie brauchen eine freundliche Hand, die sich ihnen entgegenstreckt. Mit ein wenig Mühe können viele von ihnen wieder an den Tisch des Herrn zurückgebracht werden und sich dort laben.

Meine Brüder und Schwestern, ich hoffe, ich bete, dass jeder von uns … sich fest vornimmt, nach denen zu suchen, die Hilfe brauchen, die sich in einer verzweifelten und schwierigen Lage befinden, und sie voll Liebe in die Arme der Kirche zurückzuholen, wo starke Hände und liebende Herzen sie wärmen und trösten, sie stark machen und sie auf den Weg zu einem glücklichen und produktiven Leben führen.13

4

Jeder von uns ist ein Pionier

Es ist immer gut, in die Vergangenheit zu blicken, damit man die Gegenwart schätzen lernt und Zukunftsperspektiven entwickelt. Es ist gut, wenn man sich mit den Tugenden derer beschäftigt, die uns vorausgegangen sind, damit man daraus Kraft schöpft für das, was vor einem liegt. Es ist gut, wenn man sich mit dem Leben derer befasst, die sich so sehr angestrengt haben und doch in dieser Welt so wenig gewonnen haben, aus deren Träumen und frühen Plänen jedoch, weil sie mit Ausdauer weiterverfolgt wurden, eine große Ernte entstanden ist, deren Nutznießer wir sind. Ihr fantastisches Beispiel kann für uns alle ein großer Ansporn werden, denn jeder von uns ist in seinem eigenen Leben – oftmals in seiner eigenen Familie – ein Pionier. Viele von uns sind jeden Tag Pioniere, weil sie in weit entfernten Teilen der Welt versuchen, eine Grundlage für das Evangelium zu schaffen.14

Wir leisten immer noch Pionierarbeit. Seit … unser Volk Nauvoo verlassen hat und … letztlich im großen Salzseetal angekommen ist, haben wir nie damit aufgehört. Es hatte wahrlich etwas Abenteuerliches. Doch der Zweck all dessen bestand darin, einen Ort zu finden, wo es sich niederlassen und Gott so verehren konnte, wie es ihm das Gewissen gebot.

Heute gehen wir noch immer hinaus in die Welt an Orte, von denen wir [früher] nie gedacht hätten, dass wir dort Zutritt erhalten würden. … Ich habe das Wachstum der Kirche in den Philippinen selbst miterlebt. Ich durfte dort 1961 die Tür für die Missionsarbeit öffnen. Damals war bei einer Versammlung, die wir im Mai 1961 abhielten, gerade einmal ein einheimisches Mitglied unter den Anwesenden. [Im Jahr 1996] waren wir in Manila und hielten dort eine Versammlung … mit rund 35.000 Mitgliedern im großen Araneta Coliseum ab. … Für mich ist das ein Wunder, wenn ich an die Zeit zurückdenke, als wir in den Philippinen, diesem großartigen Land, mit der Arbeit begannen [Näheres dazu finden Sie auf Seite 32].

Wir gehen überall hin und das erfordert Pionierarbeit. Unsere Missionare leben nicht unter den besten Umständen, wenn sie in einige dieser Gebiete gehen, aber sie gehen vorwärts und machen ihre Arbeit, und sie bringt Frucht hervor. Vor langer Zeit hatten wir eine Handvoll Mitglieder, dann hundert, fünfhundert und schließlich tausend Mitglieder.15

Die Zeit der Pionierarbeit in der Kirche ist noch nicht vorbei; sie endete nicht mit Planwagen und Handkarren. … Man findet Pioniere unter den Missionaren, die das Evangelium lehren, und unter den Bekehrten, die sich der Kirche anschließen. Für gewöhnlich hat es keiner von ihnen leicht. Es erfordert immer Opfer. Vielleicht bringt es auch Verfolgung mit sich. Doch dies ist ein Preis, der bereitwillig gezahlt wird. Er ist genauso real wie der Preis, den die Pioniere gezahlt haben, die vor über einem Jahrhundert unter großen Mühen die Prärie überquerten.16

Ob Sie nun von Pionieren abstammen oder sich erst gestern der Kirche angeschlossen haben: Sie sind ein Teil des großen Ganzen, von dem diese Männer und Frauen geträumt haben. Sie haben ein gewaltiges Unterfangen in Angriff genommen. Wir haben die große Verantwortung, ihre Arbeit fortzusetzen. Sie haben die Grundlage gelegt. Wir haben die Pflicht, darauf aufzubauen.

Sie haben uns den Weg gezeigt und sind uns vorausgegangen. Wir müssen den Weg vergrößern und erweitern und befestigen, bis er die ganze Welt umspannt. … Der Glaube war in jenen schwierigen Tagen das Leitprinzip. Der Glaube ist auch heute das Leitprinzip, dem wir folgen müssen.17

President Hinckley with African women, children

Ob Sie nun von Pionieren abstammen oder sich erst gestern der Kirche angeschlossen haben: Sie sind ein Teil des großen Ganzen.

5

Wir würdigen die Opfer und das Erbe der Pioniere, indem wir ihrem Beispiel folgen und auf ihrer Grundlage aufbauen

Es ist etwas Wunderbares, ein reiches Erbe zu haben, meine Brüder und Schwestern. Es ist großartig, wenn man weiß, dass es Menschen gibt, die einem vorausgegangen sind und den Weg bereitet haben, den man gehen muss, und die die ewigen Grundsätze gelehrt haben, die auch für uns und unsere Nachkommen die Leitsterne im Leben sein sollen. Wir können ihrem Beispiel auch heutzutage folgen. Die Pioniere waren Menschen mit großem Glauben, unerschütterlicher Treue, unglaublichem Fleiß und beständiger, unbeugsamer Redlichkeit.18

Wir sind heute die Nutznießer der großen Anstrengung [jener Pioniere]. Ich hoffe, dass wir dafür dankbar sind. Ich hoffe, wir empfinden tiefe Dankbarkeit für alles, was sie für uns getan haben. …

Von ihnen wurde Großes erwartet, und auch von uns wird Großes erwartet. Wir sehen, was sie aus dem gemacht haben, was sie hatten. Wir haben heute viel mehr, und wir stehen vor der überwältigenden Aufgabe, das Reich Gottes weiter aufzubauen. Es gibt so viel zu tun! Gott hat uns aufgetragen, das Evangelium jedem Land, jedem Geschlecht, jeder Sprache und jedem Volk zu bringen. Wir sollen im Namen des Herrn Jesus Christus lehren und taufen. Der auferstandene Erretter hat gesagt: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“ [Markus 16:15.] …

Diejenigen, die uns vorangegangen sind, haben uns eine feste, wunderbare Grundlage hinterlassen. Nun ist es an uns, darauf ein Bauwerk zu errichten, das durch Christus, der der Schlussstein ist, zusammengehalten wird.19

Sie sind die Frucht all der Planungen und Anstrengungen [der Pioniere]. … Es waren wahrhaft wunderbare Menschen. In der gesamten Geschichte gibt es nichts, was ihrer Leistung gleichkommt. … Gott segne ihr Angedenken, damit es uns zum Guten gereiche. Wenn der Weg einmal schwer zu sein scheint, wenn wir entmutigt sind und meinen, dass alles verloren sei, dann können wir uns an sie erinnern und uns vor Augen führen, wie viel schlechter ihre Umstände waren. Wenn wir uns Gedanken über die Zukunft machen, können wir auf sie und ihren beispielhaften Glauben blicken. …

Mit einem so erstaunlichen Erbe müssen wir einfach vorwärtsgehen. Wir dürfen nicht nachlassen. Wir müssen unser Haupt erheben. Wir müssen in Lauterkeit wandeln. Wir müssen tun, was recht ist, ohne uns wegen der Folgen zu sorgen (siehe „Tu, was ist recht“, Gesangbuch, Nr. 157).20

Anregungen für Studium und Unterricht

Fragen

  • Warum war der Glaube so entscheidend für die Pioniere, die sich im Salzseetal sammeln wollten? (Siehe Abschnitt 1.) Wie haben sie ihren Glauben in die Tat umgesetzt? Wie können wir unseren Glauben in die Tat umsetzen, damit die „große Zukunft“, die vor uns liegt, Wirklichkeit wird?

  • Präsident Hinckley sagt, dass die Pioniere aus der Anfangszeit der Kirche in die Zukunft blickten und Zion ihr „großes Ziel“, ihre „große Hoffnung“ und ihr „Traum“ war (Abschnitt 2). Warum war das Ihrer Meinung nach eine so starke treibende Kraft für die Pioniere aus der Anfangszeit der Kirche? Welche ähnlichen Hoffnungen motivieren uns heute?

  • Was beeindruckt Sie an Präsident Hinckleys Bericht über die Rettung der Pioniere der Handkarrenabteilungen Willie und Martin? (Siehe Abschnitt 3.) Inwiefern kommt Brigham Youngs prophetische Inspiration in seinem Aufruf zur Rettung zum Ausdruck? Was können wir von denen lernen, die seinem Aufruf gefolgt sind? Was können wir heutzutage tun, um diejenigen zu retten und aufzurichten, die in Not sind?

  • Inwiefern fällt es Ihnen leichter, die Gegenwart schätzen zu lernen und Zukunftsperspektiven zu entwickeln, wenn Sie in die Vergangenheit blicken? (Siehe Abschnitt 4.) Inwiefern ist jeder von uns ein Pionier?

  • Warum ist es gut für uns, wenn wir der Pioniere aus der Anfangszeit der Kirche gedenken? (Siehe Abschnitt 5.) Inwiefern profitieren alle Mitglieder der Kirche vom Glauben und den Opfern dieser Pioniere? Wie kann uns das Beispiel dieser Pioniere aus der Anfangszeit der Kirche helfen, wenn wir mit Schwierigkeiten konfrontiert sind?

Einschlägige Schriftstellen

Matthäus 25:40; Ether 12:6-9; LuB 64:33,34; 81:5; 97:8,9; 98:1-3

Unterrichtshilfe

Ein sinnvolles Unterrichtsgespräch bildet in den meisten Fällen die Grundlage des Evangeliumsunterrichts. „Durch ein gut geführtes Unterrichtsgespräch steigern sich Interesse und Aufmerksamkeit der Lernenden. Jeder Anwesende kann dazu angeregt werden, sich aktiv am Lernprozess zu beteiligen. … Stellen Sie Fragen, die zu durchdachten Antworten anregen und dem Einzelnen helfen, wahrhaft über das Evangelium nachzusinnen.“ (Lehren, die größte Berufung, Seite 63.)

Quellenangaben anzeigen

    Anmerkungen

  1.   1.

    „Keep the Chain Unbroken“, Andacht an der Brigham-Young-Universität am 30. November 1999, Seite 2; speeches.byu.edu

  2.   2.

    Ansprache bei der Regionskonferenz Guatemala-Stadt Nord und Süd am 26. Januar 1997, Seite 2; Historisches Archiv der Kirche, Salt Lake City

  3.   3.

    Ansprache bei einer Mitgliederversammlung in Bangkok in Thailand am 13. Juni 2000, Seite 2; Historisches Archiv der Kirche, Salt Lake City

  4.   4.

    Discourses of Gordon B. Hinckley, Volume 2: 2000–2004, 2005, Seite 360f.

  5.   5.

    „The Faith of the Pioneers“, Ensign, Juli 1984, Seite 3

  6.   6.

    „God Grant Us Faith“, Ensign, November 1983, Seite 52f.

  7.   7.

    „The Faith of the Pioneers“, Seite 5f.

  8.   8.

    „God Grant Us Faith“, Seite 53

  9.   9.

    „These Noble Pioneers“, Andacht an der Brigham-Young-Universität am 2. Februar 1997, Seite 1f., speeches.byu.edu

  10.   10.

    „Stay the Course – Keep the Faith“, Ensign, November 1995, Seite 72

  11.   11.

    „Die rettende Hand“, Der Stern, Januar 1997, Seite 82f.

  12.   12.

    „Der Glaube, um Berge zu versetzen“, Liahona, November 2006, Seite 84

  13.   13.

    „Die rettende Hand“, Seite 83

  14.   14.

    „The Faith of the Pioneers“, Seite 3

  15.   15.

    Aus: Go Forward with Faith: The Biography of Gordon B. Hinckley von Sheri L. Dew, 1996, Seite 592

  16.   16.

    Aus: „Present-Day Pioneers: Many Are Still Blazing Gospel Trails“ von Gerry Avant, Church News, 24. Juli 1993, Seite 6

  17.   17.

    „These Noble Pioneers“, Seite 2, 4

  18.   18.

    „These Noble Pioneers“, Seite 2

  19.   19.

    „True to the Faith“, Ensign, Mai 1997, Seite 66f.

  20.   20.

    „These Noble Pioneers“, Seite 2, 6