Kapitel 21: Nach Vollkommenheit streben

"Kapitel 21: Nach Vollkommenheit streben," Lehren der Präsidenten der Kirche: Harold B. Lee, (2001)


Einleitung

Präsident Harold B. Lee hat erklärt, wie wichtig es ist, dass wir in dem Bemühen um Vollkommenheit dem Beispiel des Erretters nacheifern:

„Ich bin davon überzeugt, dass unser Meister nicht bloß relativ dachte, als er sagte: ,Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.‘ [Matthäus 5:48.] … Würden Sie annehmen, dass der Erretter da ein Ziel vorgab, das unmöglich zu erreichen ist, womit er unser Bemühen um ein vollkommenes Leben ja verspotten würde? Es ist uns unmöglich, schon hier in der Sterblichkeit die Vollkommenheit, von der der Meister sprach, zu erreichen, aber wir legen in diesem Leben die Grundlage, auf der wir in Ewigkeit aufbauen; deshalb müssen wir darauf bedacht sein, dass unsere Grundlage auf Wahrheit, Rechtschaffenheit und Glauben beruht. Damit wir dieses Ziel erreichen, müssen wir die Gebote Gottes halten und bis ans Ende unseres Lebens treu sein und dann auch über das Grab hinaus in Rechtschaffenheit und Erkenntnis weitergehen, bis wir so werden, wie der Vater im Himmel ist. …

„… [Der Apostel Paulus] hat dargelegt, wie der Weg zur Vollkommenheit verläuft. Er hat in Bezug auf Jesus gesagt: ,Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt; zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden.‘ (Hebräer 5:8,9.) …

„… Lassen wir also keinen Tag vergehen, ohne aus dem großen Buch des Lebens [Christi] seinen Weg zu einem vollkommenen Leben zu lernen und ihn zu gehen, um zu unserem ewigen Ziel zu gelangen.“ 1

Lehren von Harold B. Lee

Inwiefern hilft uns das Wissen um das, was uns noch fehlt, in dem Bemühen um Vollkommenheit?

Es gibt drei wesentliche Punkte, die nötig sind, einen Menschen dazu zu inspirieren, dass er ein christliches Leben führt – beziehungsweise, um es genauer in der Sprache der heiligen Schriften auszudrücken, vollkommener so zu leben, wie der Meister gelebt hat. Der erste wesentliche Punkt ist dieser: Wer unterwiesen werden und ein vollkommenes Leben führen will, muss sich dessen bewusst werden, was er braucht.

Der reiche junge Mann musste nicht lernen, wie man von Mord oder von mordlustigen Gedanken umkehrt. Er musste nicht lernen, wie man vom Ehebruch, von Stehlen, Lügen, Betrügen oder von der Missachtung der Mutter umkehrt. All dies hatte er ja, wie er sagte, von Jugend an beachtet. Seine Frage lautete vielmehr: „Was fehlt mir noch?“ [Siehe Matthäus 19:16–22.]

Der Meister, mit seiner raschen Auffassungsgabe und der Macht des großen Lehrers, sah deutlich, wie es um den jungen Mann bestellt war: er musste seine Liebe zu weltlichen Dingen überwinden, seine Neigung, auf Reichtümer zu vertrauen. Und dann verschrieb Jesus ihm das wirksame Heilmittel: „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach.“ (Matthäus 19:21.)

Der Apostel Paulus hörte bei seiner dramatischen Bekehrung, als er auf dem Weg nach Damaskus von dem Licht geblendet wurde, … eine Stimme, die ihm sagte: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ [Apostelgeschichte 22:7.] Und aus tiefster, demü- tiger Seele stellte Saul die Frage, die sich immer stellt, wenn man spürt, dass man etwas braucht: „Herr, was soll ich tun?“ [Apostelgeschichte 22:10.] …

Enos, der Enkel Lehis, berichtet davon, wie er vor Gott mit sich rang, ehe er Sündenvergebung erlangte. Wir erfahren nicht, inwiefern er gesündigt hatte, aber anscheinend hatte er seine Sünden freimütig bekannt. Und dann sagte er: „Und meine Seele hungerte. …“ [Enos 1:4.] Dieses Bewusstsein seines tiefen Bedürfnisses, das Insichgehen hatte ihm aufgezeigt, was ihm fehlte und was er brauchte.

Wie es ist, wenn man spürt, dass man etwas braucht, kommt auch in der Bergpredigt zum Ausdruck, wo der Meister sagt: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmel- reich.“ (Matthäus 5:3.) Vor Gott arm sein bedeutet, dass man in geistiger Hinsicht bedürftig ist, dass man sich in geistiger Hinsicht so verarmt fühlt, dass man sich von Herzen nach Hilfe sehnt. …

Jeder von uns, der Vollkommenheit erlangen will, muss sich irgendwann diese Frage stellen: „Was fehlt mir jetzt noch?“ Dann können wir uns auf den Weg zur Vollkommenheit begeben, der uns nach oben führt. …

Inwiefern hilft es uns in dem Bemühen um Vollkommenheit, wenn wir von neuem geboren sind?

Der zweite wesentliche Punkt im Bemühen um Vollkommenheit findet sich im Gespräch zwischen dem Meister und Nikodemus. Als Nikodemus zu ihm kam, erkannte er, dass auch er nach der Antwort auf eine Frage suchte, die schon viele andere ihm gestellt hatten: „Was muss ich tun, um errettet zu werden?“ Der Meister antwortete: „Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Da sagte Nikodemus: „Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden?“ …“ Jesus antwortete: „Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ (Johannes 3:3–5.)

Man muss „von neuem geboren werden“, wenn man Vollkommenheit erlangen will, um ins Reich Gottes eintreten zu können. Und wie wird man von neuem geboren? Das ist die Frage, die auch Enos stellte. Und Sie kennen die schlichte Antwort, die er erhielt: „Wegen deines Glaubens an Christus, den du nie zuvor gehört oder gesehen hast. Und viele Jahre vergehen, ehe er sich im Fleische kundtun wird; darum gehe hin, dein Glaube hat dich geheilt.“ [Enos 1:8.]

Bruder Marion G. Romney und ich saßen eines Tages im Büro, als ein junger Mann hereinkam. Er stand kurz vor seiner Mission und war auf die übliche Weise interviewt worden und hatte bestimmte Übertretungen aus seiner Jugend gestanden. Aber er sagte zu uns: „Ich finde, es reicht nicht aus, dass ich bekannt habe. Woher weiß ich denn, ob mir vergeben worden ist?“ Mit anderen Worten: „Woher weiß ich, ob ich von neuem geboren bin?“ Er hatte das Gefühl, er könne in seinem derzeitigen Zustand nicht auf Mission gehen.

Wir unterhielten uns, und Bruder Romney sagte: „Mein Sohn, wissen Sie noch, was König Benjamin gesagt hat? Er predigte Menschen, denen seine Worte tief ins Herz drangen, weil sie ,sich selbst in ihrem fleischlichen Zustand erblickt [hatten], geringer als selbst der Staub der Erde. Und sie alle riefen laut wie mit einer Stimme, nämlich: O sei barmherzig, und wende das sühnende Blut Christi an, damit wir Vergebung empfangen für unsere Sünden und damit uns das Herz rein gemacht werde; denn wir glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der Himmel und Erde und alles erschaffen hat und der unter die Menschenkinder herabkommen wird. Und es begab sich: Nachdem sie diese Worte gesprochen hatten, kam der Geist des Herrn über sie, und sie wurden von Freude erfüllt, weil sie Vergebung für ihre Sünden empfangen hatten und weil sie Frieden im Gewissen hatten wegen des überaus großen Glaubens, den sie an Jesus Christus hatten.‘ “ (Mosia 4:2,3.)

Bruder Romney sagte zu ihm: „Mein Sohn, warten und beten Sie, bis Sie durch Ihren Glauben an das Sühnopfer Jesu Christi inneren Frieden gefunden haben. Dann werden Sie wissen, dass Ihre Sünden vergeben worden sind.“ Ohne dies ist, wie Elder Romney erklärte, ein jeder von uns arm dran, und wir wandern im Nebel umher, bis wir von neuem geboren sind. …

Man kann nicht so leben wie Christus, … ohne von neuem geboren zu sein. Ohne diese Reinigung können wir in der Gegen- wart des Heiligen Israels niemals glücklich sein. …

Inwiefern hilft es uns in dem Bemühen um Vollkommenheit, wenn wir nach den Geboten leben?

Nun zum Schluss der dritte wesentliche Punkt: dem Lernenden helfen, das Evangelium kennenzulernen, indem er danach lebt. Der geistigen Gewissheit, wie sie für die Errettung nötig ist, muss ein Höchstmaß an eigener Anstrengung vorangehen. Vor der Gnade, der freien Gabe der sühnenden Macht des Herrn, muss das persönliche Streben stehen. Ich wiederhole noch einmal, was Nephi gesagt hat: „Wir wissen, dass wir durch Gnade errettet werden – nach allem, was wir tun können.“ [2 Nephi 25:23.] …

… Das gehört mit zu den wesentliche Punkten, wenn Sie ein vollkommenes Leben führen wollen. Man muss sich fest dazu entschließen, nach den Geboten zu leben.

Der Meister beantwortete eine Frage der Juden dazu, wie sie sicher sein konnten, ob seine Mission von Gott war oder ob er bloß irgendein Mensch war. Er hat gesagt: „Wer bereit ist, den Willen Gottes zu tun, wird erkennen, ob diese Lehre von Gott stammt oder ob ich in meinem eigenen Namen spreche.“ (Johannes 7:17.)

Das Zeugnis von der Wahrheit wird niemals dem zuteil, der in einem unreinen Körper lebt. Der Geist des Herrn und Unreinheit können nicht gleichzeitig in einem Menschen wohnen. „Ich, der Herr, bin verpflichtet, wenn ihr tut, was ich sage; tut ihr aber nicht, was ich sage, so habt ihr keine Verheißung.“ (LuB 82:10.) „… Wenn du nicht nach meinem Gesetz lebst, kannst du diese Herrlichkeit nicht erlangen.“ (LuB 132:21.) Immer und immer wieder wird diese Wahrheit in den heiligen Schriften wiederholt.

Alle Grundsätze und Verordnungen des Evangeliums sind in gewissem Sinn nichts als Aufforderungen, das Evangelium zu lernen, indem man praktiziert, was es lehrt. Niemand kennt den Zehnten, bis er den Zehnten zahlt. Niemand kennt das Wort der Weisheit, bis er das Wort der Weisheit hält. Kinder, aber auch Erwachsene bekehren sich nicht zum Zehnten, zum Wort der Weisheit, zur Sabbatheiligung, zum Beten, indem sie hören, wie jemand über diese Grundsätze spricht. Wir lernen das Evangelium, indem wir danach leben. …

Ich möchte zusammenfassend sagen: wir lernen die Lehren des Evangeliums erst dann wirklich kennen, wenn wir die Segnungen erfahren haben, die damit verbunden sind, wenn man nach jedem Grundsatz auch lebt. „Sittliche Lehren selbst“, so hat jemand gesagt, „haben nur eine oberflächliche Wirkung auf den Geist, wenn sie nicht durch das Handeln verstärkt werden.“ Das wichtigste aller Gebote im Evangelium ist das spezielle Gebot, das uns gerade jetzt innerlich am meisten abverlangt, damit wir es halten können. Jeder von uns muss analysieren, was er braucht, und heute anfangen zu überwinden, denn nur wenn wir überwinden, ist uns ein Platz im Reich unseres Vaters sicher. 2

Inwiefern sind die Seligpreisungen die „Verfassung für ein vollkommenes Leben“?

Sie sollen wissen, welche „Schritte“ wir gehen können, um unser Leben an der Fülle auszurichten, die uns zu einem würdigen Bürger oder „Heiligen“ im Reich Gottes macht. Die beste Antwort findet man durch die Beschäftigung mit dem Leben Jesu in den heiligen Schriften. … Christus kam nicht nur in die Welt, um für die Sünden der Menschheit zu sühnen, sondern auch, um der Welt ein Beispiel für den Maßstab der Vollkommenheit zu geben, den das Gesetz Gottes und der Gehorsam gegenüber dem Vater fordern. In seiner Bergpredigt vermittelt der Meister uns eine Offenbarung seines Charakters, der ja vollkommen war, … und damit hat er uns auch eine Blaupause für unser Leben gegeben. …

In jener unvergleichlichen Bergpredigt hat Jesus uns acht verschiedene Möglichkeiten dafür genannt, wie wir … Freude erfahren können. Jede seiner Verkündigungen beginnt mit dem Wort „selig“. … Diese Verkündigungen des Meisters werden in der christlichen Welt als die Seligpreisungen bezeichnet. … Sie stellen tatsächlich die Verfassung für ein vollkommenes Leben dar.

Betrachten wir sie doch ein paar Augenblicke lang. Vier von ihnen haben mit uns selbst zu tun, mit unserem inneren Leben, und es geht darum, vollkommen zu werden und innere Freude zu finden.

Selig, die arm sind vor Gott.

Selig die Trauernden.

Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit.

Selig, die ein reines Herz haben. [Siehe Matthäus 5:3,4,6,8.]

Arm sein vor Gott

Wer arm ist vor Gott, spürt, dass er in geistiger Hinsicht bedürftig ist, dass er in jeder Hinsicht auf den Herrn angewiesen ist – ob es um Kleidung, Essen, die Luft, die er atmet, die Gesundheit, das Leben geht; ihm ist bewusst, dass kein Tag ohne das Gebet der innigen Danksagung vergehen darf, ohne die Bitte um Weisung und Vergebung und Kraft für das, was der Tag erfordert. Wenn einem Jugendlichen seine geistigen Bedürfnisse bewusst werden, wenn an einem gefährlichen Ort sein Leben in Gefahr ist, dann fühlt er sich vielleicht zur Quelle der Wahrheit hingezogen und lässt sich in der Stunde seiner schwersten Prüfung vom Geist des Herrn leiten. Es ist so traurig, wenn jemand, aufgrund seines Reichtums oder seiner Bildung oder seiner weltlichen Position, meint, für ihn gäbe es dieses geistige Bedürfnis nicht. [Vor Gott arm sein] ist das Gegenteil von Stolz oder Einbildung. … Wenn man voll Demut seine geistigen Bedürfnisse spürt, ist man bereit für die Adoption in der Kirche des Erstgeborenen, wo man dann zu den Auserwählten Gottes gehört [siehe LuB 76:54; 84:34].

Trauern

Um zu trauern, wie der Meister es hier vermitteln will, muss man die „gottgewollte Traurigkeit haben“, die „Sinnesänderung zum Heil“ verursacht und nicht bereut zu werden braucht und verbietet, dass man sich dem Tun, das die Traurigkeit veranlasst hat, wieder zuwendet [siehe 2 Korinther 7:10]. Dann kann man sich, so wie der Apostel Paulus, seiner Bedrängnis rühmen, denn man weiß: … „Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewäh- rung, Bewährung Hoffnung“ (siehe Römer 5:3,4). Man muss bereit sein, „einer des anderen Last zu tragen, damit sie leicht sei“. Man muss bereit sein, mit den Trauernden zu trauern und diejenigen zu trösten, die Trost brauchen (siehe Mosia 18:8,9). Wenn eine Mutter in ihrer Einsamkeit um die widerspenstige Tochter trauert, muss man es sich voll Anteilnahme verbieten, den ersten Stein zu werfen. … Das Trauern mit den Alten, der Witwe und dem Waisen muss uns dazu bewegen, ihnen den Trost zu schenken, den sie brauchen. Mit einem Wort, man muss sein wie der Zöllner und nicht wie der Pharisäer. „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ [Siehe Lukas 18:10–13.] Der Lohn dafür ist der herrliche Trost für die eigene Seele, der mit der Vergebung der eigenen Sünden einhergeht.

Hungern und dürsten

Haben Sie jemals so sehr nach Essen gehungert oder nach Wasser gedürstet, dass schon eine Kruste hartes Brot oder ein Schluck abgestandenes Wasser Ihnen als das kostbarste Gut erschienen? Wenn Sie schon so gehungert haben, verstehen Sie vielleicht ein bisschen, was der Meister meint, wenn er sagt, wir sollten nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten. Dieser Hunger und Durst führt diejenigen, die fern von zu Hause sind, dahin, dass sie die Gemeinschaft mit den Heiligen beim Abendmahl suchen und den Herrn an seinem Tag verehren, wo immer sie auch sind. So werden wir zu inbrünstigem Beten bewegt und dazu, dass wir in den heiligen Tempel gehen und dort ehrfürchtig sind. Jemand, der den Sabbat heiligt, ist von beständiger Freude erfüllt, die begehrenswerter ist als das flüchtige Vergnügen, das mit dem Tun verbunden ist, das den Geboten Gottes zuwiderläuft. Wenn man „mit aufrichtigem Herzen“ fragt, „mit wirklichem Vorsatz“ und im Glauben an Christus, tut er uns durch die Macht des Heiligen Geistes die Wahrheit kund, und durch die Macht des Heiligen Geistes können wir von allem wissen, ob es wahr ist (siehe Moroni 10:4,5). …

Im Herzen rein sein

Wenn man Gott sehen will, muss man rein sein. … Manche, die mit Jesus Umgang hatten, sahen in ihm nur den Sohn des Zimmermanns Josef. Andere hielten ihn wegen seiner Worte für einen Säufer. Wieder andere meinten, er sei von Dämonen besessen. Nur die Rechtschaffenen sahen in ihm den Sohn Gottes. Nur wenn man im Herzen rein ist, kann man Gott sehen, und in gewissem Maße kann man dann auch den „Gott“ beziehungsweise das Gute im Menschen sehen und ihn lieben, weil man eben dieses Gute in ihm sieht. Achten Sie darauf, wer den Mann Gottes oder die gesalbten Führer des Herrn in seiner Kirche kritisiert und schlecht macht. So jemand spricht aus einem unreinen Herzen heraus.

Aber um ins Himmelreich eintreten zu können, müssen wir nicht nur gut sein, sondern auch Gutes tun und zu einem bestimmten Zweck gut sein. Wenn Sie also täglich dem Ziel der Vollkommenheit und der Fülle des Lebens näher kommen wollen, müssen Sie sich auch in den übrigen vier „Artikel“ der Verfassung des Meisters für ein vollkommenes Leben schulen lassen. In diesen Seligpreisungen geht es um die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Selig, die keine Gewalt anwenden.

Selig die Barmherzigen.

Selig, die Frieden stiften.

Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. [Siehe Matthäus 5:5,7,9,10.]

Keine Gewalt anwenden

Jemand, der keine Gewalt anwendet [der sanftmütig ist, wie es in 3 Nephi 12:5 heißt], lässt sich nicht leicht provozieren oder verärgern und ist auch dann, wenn ihm Unrecht geschieht oder man ihn belästigt, langmütig. Sanftmut ist nicht mit Schwäche gleich zu setzen. Der sanftmütige Mensch ist der Starke, der Mächtige, der sich völlig im Griff hat. Es ist der Mensch mit Zivilcourage, wenn es um seine sittliche Überzeugung geht, auch gegen den Druck der Gang oder des Vereins. In Auseinandersetzungen bittet man ihn um Rat und er kann den erbitterten Mob besänftigen. Er ist demütig und plustert sich nicht auf. „Besser ein Langmütiger als ein Kriegsheld.“ (Sprichwörter 16:32.) Er ist der geborene Führer und wird in Heer und Marine, Geschäft und Kirche zum Führer gewählt, wo ihm andere nachfolgen. Er ist das „Salz“ der Erde und wird sie ererben.

Barmherzig sein

Unsere Errettung beruht auf der Barmherzigkeit, die wir anderen erweisen. Unfreundliche und grausame Worte oder will- kürliche Grausamkeit gegenüber Mensch oder Tier, auch wenn es scheinbar um Vergeltung geht, geben dem Betreffenden, wenn er am Tag des Gerichts vor einem irdischen oder himmlischen Gericht steht, auch keinen Anspruch auf Barmherzigkeit. Gibt es überhaupt jemanden, der noch nie durch das schlechte Gerede eines anderen, den er für seinen Freund hielt, verletzt worden ist? Wissen Sie noch, wie schwer es Ihnen gefallen ist, nicht zurückzuschlagen? Gesegnet sind Sie alle, die barmherzig sind, denn Sie werden Erbarmen finden!

Frieden stiften

Wer Frieden stiftet, wird ein Kind Gottes genannt werden. Wer Unruhe stiftet, wer gegen Gesetz und Ordnung kämpft, wer den Mob anführt und das Gesetz übertritt, lässt sich von bösen Motiven leiten. Solange er nicht davon ablässt, gilt er als Kind des Satans und nicht Gottes. Halten Sie sich von allen fern, die beunruhigende Zweifel wecken, indem sie Heiliges verspotten, denn sie sind nicht auf Frieden aus, sondern auf Verwirrung. Jemand, der gern streitet und dessen Argumente nicht darauf abzielen, die Wahrheit ans Licht zu bringen, verstößt gegen ein Grundprinzip, das der Meister als wesentlich für ein erfülltes Leben angeführt hat. „Auf Erden ist Friede bei den Menschen“, sang der Engel, der die Geburt des Fürsten des Friedens verkündete [siehe Lukas 2:14]. …

Um der Gerechtigkeit willen Verfolgung erdulden

Um der Gerechtigkeit willen in einer großen Sache verfolgt zu werden, wo Wahrheit und Tugend und Ehre auf dem Spiel stehen, ist gottgleich. Seit jeher hat jede große Sache ihre Märtyrer. Der große Schaden, der mit der Verfolgung einhergehen kann, kommt nicht durch die Verfolgung selbst, sondern durch die Auswirkungen, die sie auf die Verfolgten haben mag, die sich vielleicht von ihrem Eifer für die Rechtschaffenheit ihrer Sache abbringen lassen. Verfolgung entspringt häufig mangelndem Einblick, denn die Menschen widersetzen sich leicht dem, was sie nicht begreifen. Manchmal entspringt die Verfolgung auch bösen Absichten. Aber welche Ursache sie auch hat, Verfolgung gegen diejenigen, die sich einer rechtschaffenen Sache verschrieben haben, ist wohl so weit verbreitet, dass der Meister uns warnt: „Weh euch, wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht.“ (Lukas 6:26.)

… Denken Sie an diese Warnung, wenn Sie beschimpft und verspottet werden, weil Sie sich weigern, Ihre Grundsätze bezüglich der Abstinenz, der Ehrlichkeit und der Moral hinter sich zu lassen, um bei der Menge beliebt zu sein. Wenn Sie sich fest für das Rechte einsetzen, ungeachtet des Gelächters der Menge und sogar physischer Gewalt, werden Sie mit ewiger Freude gesegnet. Wer weiß, ob nicht auch in unserer Zeit manche der Heiligen oder sogar die Apostel wie in früherer Zeit bei der Verteidigung der Wahrheit ihr Leben lassen müssen? Wenn die Zeit kommen sollte, dann gebe Gott, dass sie nicht schwach werden!

Wenn wir gebeterfüllt über all diese Lehren nachsinnen, werden wir entdecken – und manche wird es verblüffen – dass Gottes Maßstab für unseren Wert in seinem Reich nicht die hohe Position ist, die wir hier bei den Menschen oder in seiner Kirche innehatten, auch nicht die Ehren, die wir errungen haben, sondern das Leben, das wir geführt und das Gute, das wir getan haben, und zwar nach der „Verfassung für ein vollkommenes Leben“, die im Leben des Gottessohns offenbart wurde.

Mögen Sie die Seligpreisungen zur Verfassung für Ihr Leben machen und dadurch die darin verheißenen Segnungen erlangen. 3

Anregungen für Studium und Diskussion

  • Wie können wir täglich aus dem Leben Christi lernen, das wie ein großes Lehrbuch ist?

  • Warum ist es wichtig, dass wir uns in dem Bemühen, wie Christus zu werden, häufig fragen, was uns noch fehlt?

  • Welche Erfahrungen haben Ihnen klargemacht, dass wir die Lehren des Evangeliums lernen, indem wir danach leben?

  • Wie wirkt es sich auf unsere Einstellung und unser Verhalten aus, wenn wir uns klarmachen, dass wir alle Segnungen dem Herrn verdanken?

  • Was ist mit der Aussage „Selig die Trauernden“ gemeint?

  • Wie kann die Liebe zu weltlichen Dingen unseren Hunger und Durst nach geistigen Dingen verderben?

  • Inwiefern hilft es uns, das Gute an unseren Mitmenschen zu sehen, wenn wir im Herzen rein sind?

  • Inwiefern macht Gewaltlosigkeit und Sanftmut uns stark?

  • Wie können wir unseren Mitmenschen im täglichen Leben Barmherzigkeit erweisen?

Quellenangaben anzeigen

  •  

    1.  Decisions for Successful Living (1973), 40f., 44.

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    2.  Stand Ye in Holy Places (1974), 208f.

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    3.  Decisions for Successful Living, 55–62.