Kapitel 11

Wahre Größe

Lehren der Präsidenten der Kirche: Howard W. Hunter


Sich in kleinen alltäglichen Dingen beständig zu bemühen führt zu wahrer Größe.

Aus dem Leben von Howard W. Hunter

Präsident Howard W. Hunter hat betont, dass wahre Größe nicht aus weltlichem Erfolg resultiert, sondern aus „tausenden kleinen Taten und Opfern, in denen sich unsere Bereitschaft wiederspiegelt, für andere und für den Herrn unser Leben zu geben oder – wie es heißt – zu verlieren“1. Präsident Hunter hat sein Leben stets an dieser Lehre ausgerichtet. Statt nach dem Rampenlicht und dem Beifall anderer zu streben, hat er täglich gute Taten vollbracht und Opfer gebracht, die häufig unbeachtet blieben.

Ein Beispiel dafür war, wie fürsorglich er sich um seine Frau kümmerte, als sich ihr Gesundheitszustand über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren stetig verschlechterte. Anfang der 70er Jahre litt Claire Hunter hin und wieder an Kopfschmerzen und Gedächtnisverlust. Später hatte sie mehrere kleine Schlaganfälle, durch die ihr das Sprechen schwerfiel und sie ihre Hände nicht richtig benutzen konnte. Als sie ständig betreut werden musste, sorgte Präsident Hunter für sie so gut er konnte, kam jedoch auch seinen Pflichten als Apostel nach. Er sorgte dafür, dass tagsüber jemand bei ihr war, am Abend aber war er für sie da.

Nach einer Gehirnblutung im Jahr 1981 konnte Claire nicht mehr gehen und nicht mehr sprechen. Trotzdem half Präsident Hunter ihr manchmal aus dem Rollstuhl und hielt sie fest, damit sie – wie auch in früheren Jahren – zusammen tanzen konnten.

Nach einer weiteren Gehirnblutung bestanden die Ärzte darauf, dass sie in ein Pflegeheim eingewiesen wird. Dort verbrachte sie die letzten 18 Monate ihres Lebens. In dieser Zeit besuchte Präsident Hunter sie jeden Tag, außer, wenn er im Auftrag der Kirche verreisen musste. Sobald er wieder nach Hause kam, machte er sich direkt vom Flughafen auf den Weg zu ihr, um mit ihr zusammen zu sein. Die meiste Zeit über lag sie in einem tiefen Schlaf oder sie erkannte ihn nicht. Dennoch sagte er ihr weiterhin, wie sehr er sie liebte, und sorgte dafür, dass sie sich wohlfühlte.

Elder James E. Faust vom Kollegium der Zwölf sagte später, dass Präsident Hunters „liebevolle Fürsorge für seine Frau Claire in den mehr als zehn Jahren, in denen es ihr nicht gut ging, die edelste Aufopferung eines Mannes für eine Frau war, die viele von uns in ihrem Leben gesehen haben“2.

Nach Präsident Hunters Tod wurden im Ensign in diesen Artikel über sein Leben seine Aussagen über wahre Größe zitiert, und es wurde zusammengefasst, wie sie sein Leben geprägt haben:

„Obwohl er aufgrund seiner tiefen Bescheidenheit nie diesen Vergleich anstellen würde, ist Präsident Hunter seiner eigenen Definition von Größe gerecht geworden. Seine Größe zeigte sich in seinem Leben immer wieder darin, dass er hart arbeitete, nach einer Niederlage stets einen neuen Versuch wagte und seinem Nächsten helfend zur Seite stand, ohne dabei von anderen Anerkennung ernten zu wollen. Diese Eigenschaften spiegelten sich in seinen Erfolgen auf den verschiedensten Tätigkeitsfeldern wider, unter anderem Musik, Recht, Wirtschaft, internationale Beziehungen, Holzbearbeitung und vor allem ein ‚tüchtiger und treuer Diener‘ des Herrn sein [Matthäus 25:21]. …

Der vierzehnte Präsident der Kirche erfüllte die Absichten des Herrn ebenso selbstlos und selbstverständlich wie auch seine Aufgaben als Schuljunge, junger Vater, aufopferungsvoller Bischof und unermüdlicher Apostel. Der Weingarten des Herrn, wie Howard W. Hunter ihn sah, bedarf beständiger Pflege und alles, was sein Meister von ihm erwartete, war, dass er ein ‚tüchtiger und treuer Diener‘ ist. Dieser Aufgabe kam Präsident Hunter mit wahrer Größe nach. Dabei schenkte er stets dem Beispiel des Erretters Beachtung, dem er bis zum Ende diente.“3

Howard und Claire Hunter

Howard und Claire Hunter

Lehren von Howard W. Hunter

1

Die weltliche Definition von Größe ist oft irreführend und kann schädliche Vergleiche bewirken

Viele Heilige der Letzten Tage sind glücklich und erfreuen sich an den Möglichkeiten, die das Leben zu bieten hat. Dennoch befürchte ich, dass einige unter uns unglücklich sind. Einige von uns haben das Gefühl, dass wir den an uns gestellten Erwartungen nicht gerecht werden. Besondere Sorgen bereiten mir diejenigen, die rechtschaffen gelebt haben, aber meinen, sie hätten versagt, nur weil sie in der Welt oder in der Kirche nicht das erreicht haben, was andere geschafft haben. Jeder von uns möchte in seinem Leben in gewisser Weise Größe erlangen. Warum auch nicht? Jemand bemerkte einmal, dass sich in jedem von uns schreckliches Heimweh nach unserem celestialen Zuhause bemerkbar macht. (Siehe Hebräer 11:13-16; LuB 45:11-14.)

Wenn wir erkennen, wer wir sind und was wir einst werden können, haben wir die Gewissheit, dass mit Gott nichts unmöglich ist. Von der Zeit an, da wir lernen, dass wir ein Sonnenstrahl Jesu sein sollen, bis hin zu der Zeit, da wir uns noch näher mit den Grundsätzen des Evangeliums befassen, wird uns beigebracht, nach Vollkommenheit zu streben. Es ist also für uns nichts Neues, wenn wir davon sprechen, etwas erreichen zu müssen. Die Schwierigkeiten treten erst dann auf, wenn die aufgeblasenen Erwartungen der Welt den Maßstab für Größe ändern.

Was ist wahre Größe? Was macht jemanden groß?

Wir leben in einer Welt, die ihre eigene Art der Größe zu verehren scheint und die ihre ganz eigene Art von Helden hervorbringt. Aus einer vor kurzem durchgeführten Umfrage unter jungen Leuten zwischen 18 und 24 Jahren geht hervor, dass die heutige Jugend die „starken Alleinkämpfer bevorzugt, die sämtliche Schwierigkeiten überwinden“, und dass sie ganz klar darum bemüht ist, den „Schönen und Reichen“ nachzueifern. In den 50er Jahren gehörten Winston Churchill, Albert Schweitzer, Präsident Harry Truman, Königin Elizabeth und Helen Keller, die taubblinde Schriftstellerin und Lektorin, zu den Helden. Das waren Persönlichkeiten, die entweder Einfluss auf die Geschichte hatten oder die für ihr inspirierendes Leben bekannt waren. Heute sind unter den ersten zehn Helden viele berühmte Schauspieler und Unterhaltungskünstler, was einen Wandel in unserer Einstellung widerspiegelt. (Siehe U.S. News & World Report, 22. April 1985, Seite 44–48.)

Es stimmt zwar, dass die weltlichen Helden nicht besonders lange in Erinnerung bleiben, aber es mangelt niemals an Gewinnern und anderen, die Großartiges erreichen. Beinahe täglich hören wir von Sportlern, die Rekorde brechen, von Wissenschaftlern, die fantastische neue Geräte, Maschinen und Prozesse erfinden, und von Ärzten, die auf neue Art und Weise Leben retten. Ständig hören wir von besonders begabten Musikern und Entertainern und ungewöhnlich talentierten Künstlern, Architekten und Baumeistern. Durch Zeitschriften, Reklametafeln und Fernsehwerbung werden wir mit Bildern von Leuten mit perfekten Zähnen und makellosem Erscheinungsbild bombardiert, die modische Kleidung tragen und etwas tun, was für „erfolgreiche“ Menschen eben typisch ist.

Dadurch, dass wir ständig mit dem weltlichen Maßstab für Größe konfrontiert werden, ist es nur verständlich, dass wir uns mit dem vergleichen, was andere sind – oder zu sein scheinen – und auch unseren Besitz mit dem anderer vergleichen. Es stimmt, dass Vergleiche auch von Vorteil sein können und dass sie uns motivieren und dazu bringen können, viel Gutes zu bewirken und unser Leben zu verbessern. Oftmals stellen wir jedoch unrealistische und unangebrachte Vergleiche auf, durch die wir uns dann unzulänglich oder erfolglos fühlen, und wir lassen uns dadurch die Freude nehmen. Aufgrund dieser Gefühle begehen wir manchmal Fehler und konzentrieren uns zu sehr auf Misserfolge. Dabei ignorieren wir dann Aspekte unseres Lebens, in denen Elemente wahrer Größe vorhanden sein können.4

Mann hilft einer älteren Frau

Wahre Größe resultiert aus tausenden kleinen Taten und Opfern, in denen sich unsere Bereitschaft widerspiegelt, für andere und für den Herrn unser Leben zu geben oder – wie es heißt – zu verlieren.

2

Sich in kleinen alltäglichen Dingen beständig zu bemühen, führt zu wahrer Größe

1905 machte Präsident Joseph F. Smith folgende tiefgründige Aussage über wahre Größe:

„Die Dinge, die wir außergewöhnlich, bemerkenswert oder ungewöhnlich nennen, mögen vielleicht Geschichte machen, aber sie stellen nicht das echte Leben dar.

Wahre Größe liegt letztlich darin, dass wir das, was Gott dem Menschen als alltägliches Los bestimmt hat, gut machen. Ein guter Vater oder eine gute Mutter zu sein ist etwas Größeres als ein guter General oder Staatsmann zu sein.“ (Juvenile Instructor, 15. Dezember 1905, Seite 752.)

Diese Aussage wirft eine Frage auf: Was hat Gott dem Menschen als alltägliches Los bestimmt? Sicherlich gehört dazu, dass wir alles Notwendige tun, damit wir ein guter Vater, eine gute Mutter, ein guter Sohn oder eine gute Tochter, ein guter Schüler oder Student, ein guter Mitbewohner oder ein guter Nachbar sind. …

Sich in kleinen alltäglichen Dingen beständig zu bemühen führt zu wahrer Größe. Insbesondere sind es die tausenden kleinen Taten und Opfer, in denen sich unsere Bereitschaft widerspiegelt, für andere und für den Herrn unser Leben zu geben oder gar zu verlieren. Dazu gehört auch, dass wir Erkenntnis vom Vater im Himmel und vom Evangelium erlangen. Außerdem sollen wir andere zum Evangelium bringen und sie in die Gemeinschaft seines Reiches aufnehmen. All dies erhält von der Welt für gewöhnlich keine Aufmerksamkeit und wird auch nicht von ihr geachtet.5

3

Der Prophet Joseph Smith vollbrachte jeden Tag gute Taten und kümmerte sich um andere

An Joseph Smith erinnert man sich im Allgemeinen nicht als General, Bürgermeister, Architekt, Herausgeber oder Präsidentschaftskandidat. Wir gedenken seiner als Prophet der Wiederherstellung – als jemand, der sich der Liebe Gottes verschrieben hat und bemüht war, dessen Werk voranzubringen. Der Prophet Joseph Smith legte jeden Tag christliches Verhalten an den Tag. Er kümmerte sich um die kleinen Dinge, um die täglichen guten Taten und um andere Menschen. Als 13-jähriger Junge begleitete Lyman O. Littlefield das Zionslager auf dem Weg nach Missouri. Später berichtete er von dieser kleinen, aber dennoch persönlich bedeutsamen Tat des Propheten:

„Die Reise war für alle unglaublich mühsam. Das körperliche Leiden und das ständige Wissen um die Verfolgung unserer Brüder, zu denen wir reisten, um ihnen beizustehen, ließen mich eines Tages in Melancholie verfallen. Während sich das Lager für die Abreise bereit machte, saß ich müde und niedergeschlagen am Straßenrand. Der Prophet war der geschäftigste Mann im Lager; doch immer, wenn er mich sah, nahm er sich ungeachtet seiner vielen Aufgaben die Zeit, mir Trost zuzusprechen. Er legte mir die Hand auf den Kopf und sagte: ‚Gibt es keinen Platz für dich, mein Junge? Falls nicht, müssen wir welchen machen.‘ Das hat einen Eindruck bei mir hinterlassen, den ich in all den Jahren nicht vergessen habe.“ (George Q. Cannon, Life of Joseph Smith the Prophet, Deseret Book Co., Salt Lake City 1986, Seite 344.)

Ein anderes Mal sandte Gouverneur Carlin aus Illinois den Sheriff des Kreises Adams, Thomas King, und mehrere andere aus, um den Propheten festzunehmen und den Boten von Gouverneur Boggs aus Missouri auszuliefern. Dabei wurde Sheriff King todkrank. In Nauvoo nahm der Prophet den Sheriff mit zu sich nach Hause und kümmerte sich vier Tage lang wie ein Bruder um ihn. (Ebda., Seite 372.) Kleine, wohlgemeinte und dennoch bedeutsame Taten waren für den Propheten keine Seltenheit.

Über die Eröffnung des Ladens [vom Propheten Joseph Smith] in Nauvoo schrieb Elder George Q. Cannon:

„Der Prophet zögerte nicht, sondern wurde sogleich kaufmännisch und handwerklich tätig. In dem Evangelium, das er verkündete, ging es sowohl um die zeitliche Errettung als auch um die geistige Erhöhung, und er war bereit, seinen Teil der praktischen Arbeit zu erfüllen. Dies tat er, ohne dabei an persönlichen Gewinn zu denken.“ (Ebda., Seite 385.)

In einem Brief schrieb der Prophet Joseph Smith:

„Der [rote Backsteinladen in Nauvoo] war zum Bersten gefüllt, und ich habe den ganzen Tag hinter der Theke gestanden und so stetig, wie man es sich bei einem Angestellten nur vorstellen kann, Waren ausgegeben, um denen zu helfen, die zu Weihnachten und Neujahr ohne ihr übliches Festessen auskommen mussten, weil ihnen ein klein wenig Zucker, Melasse, Rosinen und so weiter fehlte. Ich machte mir damit auch selbst eine Freude, denn ich bin sehr gern für die Heiligen da und der Diener aller. Dabei hoffe ich, dass ich zu der vom Herrn bestimmten Zeit erhöht werde.“ (Ebda., Seite 386.)

Über dieses Geschehen sagte George Q. Cannon:

„Was für ein Anblick! Ein Mann, der vom Herrn dazu auserwählt wurde, das Fundament für seine Kirche zu legen und deren Prophet und Präsident zu sein, wartet wie ein Diener froh und glücklich auf seine Brüder und Schwestern. … Es gab keinen Tag, an dem Joseph nicht spürte, dass er Gott diente und Gunst in den Augen Jesu Christi fand, indem er anderen – selbst ‚dem Geringsten von diesen‘ – freundlich und aufmerksam begegnete.“ (Ebda., Seite 386.)6

Joseph Smith hilft einem älteren Mann

Der Prophet Joseph Smith legte jeden Tag christliches Verhalten an den Tag. Er kümmerte sich um die kleinen Dinge, um die täglichen guten Taten und um andere Menschen.

4

Wahre Größe resultiert aus Standhaftigkeit in den schwierigen Zeiten des Lebens und aus guten Taten, die oftmals unbemerkt bleiben

In den meisten Fällen legen wir schon wahre Größe an den Tag, wenn wir unsere Berufung als Sekretär im Ältestenkollegium oder als FHV-Lehrerin erfüllen oder wenn wir ein liebevoller Nachbar oder ein Freund sind, der gut zuhört. Wahre Größe ist, wenn man angesichts der üblichen Herausforderungen des Lebens – und auch angesichts von Misserfolgen – weiterhin sein Bestes gibt. Auch gehört dazu, dass man in längeren Lebensphasen mit Problemen ausharrt und standhaft bleibt, vor allem, wenn der Fortschritt und das Glück anderer und die eigene ewige Errettung davon abhängen.

Wir alle möchten in unserem Leben in gewisser Weise Größe erlangen. Viele haben bereits Großartiges zustande gebracht, und andere sind dabei, Größe zu erlangen. Ich möchte Sie dazu anspornen, dass Sie zu dem werden, der Sie sein sollen, und dass Sie immer daran denken, wer Sie sind. Lassen Sie sich von der Illusion der flüchtigen weltlichen Größe nicht überwältigen. Viele Menschen verlieren wegen solcher Versuchungen ihre Seele. Ihr guter Ruf ist es nicht wert, verkauft zu werden – zu keinem Preis. Wer wahre Größe besitzt, bleibt immer treu: „Treu in dem Glauben, den Eltern uns lehrten, treu stets der Wahrheit, die Helden begehrten.“ (Gesangbuch, Nr. 166.)

Ich bin sicher, dass es unter uns viele großartige, unbemerkte und in Vergessenheit geratene Helden gibt. Ich rede von denjenigen unter Ihnen, die still und beständig ihren Aufgaben nachkommen. Ich rede von denjenigen, die immer zur Stelle und bereit sind, zu helfen. Ich meine den ungewöhnlichen Mut der Mutter, die sich – Stunde um Stunde, Tag und Nacht – um ihr krankes Kind kümmert, während ihr Mann sich seiner Arbeit oder Ausbildung widmet. Ich meine auch diejenigen, die Blut spenden oder ehrenamtlich mit älteren Menschen arbeiten. Ich denke da an all diejenigen von Ihnen, die ihren Pflichten im Priestertum und in der Kirche nachkommen, und an die Studenten, die regelmäßig ihren Eltern schreiben, um sich für ihre Liebe und Unterstützung zu bedanken.

Ich spreche auch von denen, die in anderen Glauben entfachen und den Wunsch wecken, ihr Leben am Evangelium auszurichten – diejenigen, die dabei mitwirken, das Leben anderer in physischer, gesellschaftlicher und geistiger Hinsicht aufzubauen und zu formen. Ich spreche von denjenigen, die ehrlich und freundlich sind, die fleißig ihren täglichen Aufgaben nachkommen und die darüber hinaus noch Diener des Herrn und Hirten seiner Schafe sind.

Damit möchte ich keineswegs die großen Errungenschaften der Welt schmälern, denen wir so viele Möglichkeiten sowie Kultur, Ordnung und Begeisterung verdanken. Ich möchte lediglich den Vorschlag machen, dass wir versuchen, uns im Leben noch mehr auf das zu konzentrieren, was den größten Wert hat. Denken Sie immer daran, dass es der Erretter war, der gesagt hat: „Der Größte von euch soll euer Diener sein.“ (Matthäus 23:11.)7

5

Wahre Größe erfordert, dass man über einen längeren Zeitraum beständige, kleine und manchmal auch ganz gewöhnliche Schritte geht

Jeder von uns hat schon einmal erlebt, wie jemand schlagartig – beinahe über Nacht – wohlhabend oder erfolgreich geworden ist. Obgleich sich diese Art von Erfolg bei einigen einstellt, ohne dass sie schwere Zeiten durchmachen mussten, glaube ich, dass es so etwas wie plötzliche Größe nicht gibt. Es ist ein langwieriger Prozess, sich wahre Größe anzueignen. Auf diesem Weg kann es gelegentlich auch Rückschläge geben. Das Endergebnis ist vielleicht nicht immer für jedermann sichtbar, doch es wird stets von einem verlangt, dass man sich über einen längeren Zeitraum bemüht ‒ in kleinen, manchmal gewöhnlichen und einfachen Schritten. Wir sollten immer daran denken, dass es der Herr war, der gesagt hat: „Werdet nicht müde, Gutes zu tun.“ (LuB 64:33.)

Wahre innere Größe entsteht nie durch Zufall oder durch eine einmalige Leistung oder Anstrengung. Vielmehr bedarf sie der Entwicklung des Charakters. Sie erfordert, dass wir unter den täglichen Entscheidungen zwischen Gut und Böse eine Vielzahl richtiger Entscheidungen treffen. Elder Boyd K. Packer hat dazu gesagt: „Im Laufe der Jahre summieren sich diese kleinen Entscheidungen und zeigen dann deutlich, was wir wertschätzen.“ (Ensign, November 1980, Seite 21.) Diese Entscheidungen zeigen aber auch ganz deutlich, was wir sind.8

6

Alltägliche Aufgaben haben oft den größten positiven Einfluss auf andere

Wenn wir unser Leben bewerten, ist es wichtig, dass wir nicht nur unsere Leistungen begutachten, sondern auch die Umstände, unter denen wir sie erbracht haben. Wir alle sind unterschiedlich und einmalig. Jeder von uns hat das Rennen des Lebens von einem anderen Startpunkt aus begonnen. Wir alle haben unterschiedliche Talente und Fähigkeiten. Jeder hat mit seinen eigenen Schwierigkeiten und Einschränkungen zu kämpfen. Aus diesem Grund sollten wir bei einer Selbsteinschätzung und der Bewertung unserer Errungenschaften nicht nur die Größe, das Ausmaß und die Anzahl unserer Erfolge berücksichtigen. Wir sollten auch die vorhandenen Rahmenbedingungen und den Einfluss beachten, den wir durch unsere Bemühungen auf andere hatten.

Durch diesen letzten Aspekt unserer Selbsteinschätzung, nämlich den Einfluss, den wir durch unser Leben auf das Leben anderer hatten, können wir besser verstehen, warum einige der alltäglichen und gewöhnlichen Arbeiten im Leben mehr Wertschätzung verdient haben. Im Vergleich zu den Dingen, die die Welt mit Größe in Verbindung bringt, sind es die täglichen Aufgaben, denen wir nachkommen, die den größten positiven Einfluss auf das Leben anderer haben.9

7

Indem wir das tun, was Gott für wichtig bestimmt hat, werden wir zu wahrer Größe geführt

Mir scheint, dass die Art der Größe, von der unser Vater im Himmel möchte, dass wir sie anstreben, für alle in Reichweite ist, die nach dem Evangelium leben. Wir haben unzählige Gelegenheiten, die vielen einfachen und kleinen Taten zu vollbringen, die uns letztendlich groß machen werden. Für all diejenigen, die sich für ihre Familie, ihre Mitmenschen und den Herrn aufopfern, lautet der beste Rat, einfach weiterzumachen.

Allen, die das Werk des Herrn auf so mannigfaltige, stille, aber dennoch bedeutende Weise voranbringen, die das Salz und die Stärke der Erde sowie das Rückgrat einer jeden Nation sind, möchten wir einfach sagen, dass wir Sie bewundern. Wenn Sie bis ans Ende ausharren und im Zeugnis von Jesus tapfer sind, werden Sie wahre Größe erreichen und eines Tages in der Gegenwart unseres Vaters im Himmel leben.

Präsident Joseph F. Smith hat einmal gesagt: „Tauschen wir das wahre Leben nicht gegen ein künstliches ein.“ (Juvenile Instructor, 15. Dezember 1905, Seite 753.) Führen wir uns stets vor Augen, dass wir letztlich zu wahrer Größe geführt werden, wenn wir das tun, was Gott als wichtig, erforderlich und notwendig bestimmt hat, selbst wenn die Welt all dies als unwichtig und unbedeutend erachtet.

Bemühen wir uns, stets die Worte des Apostels Paulus im Gedächtnis zu behalten, vor allem, wenn wir unzufrieden mit unserem Leben sind und das Gefühl haben, überhaupt keine Größe erreicht zu haben. Er schrieb:

„Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, uns, die wir nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem Unsichtbaren ausblicken; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig.“

(2 Korinther 4:17,18.)

Die kleinen Dinge sind wichtig. Wir erinnern uns nicht an die Beträge, die die Pharisäer gespendet haben, aber an das Opfer der Witwe. Auch erinnern wir uns nicht an die Macht und Stärke des Heers der Philister, aber an den Mut und die Überzeugung Davids.

Mögen wir uns nie in den alltäglichen Aufgaben entmutigen lassen, die Gott dem Menschen als „übliches Los“ bestimmt hat.10

Anregungen für Studium und Unterricht

Fragen

  • Warum sind wir manchmal etwas verunsichert, wenn es um wahre Größe geht? (Siehe Abschnitt 1.) Warum führt der weltliche Maßstab für Größe bei einigen dazu, dass sie unzufrieden und unglücklich sind?

  • Inwiefern unterscheidet sich Präsident Hunters Maßstab für wahre Größe von dem der Welt? (Siehe Abschnitt 2.) Wie kann Ihnen dieser Maßstab für wahre Größe in Ihrem Leben helfen? Denken Sie über einige konkrete „kleine Dinge“ nach, denen Sie besser noch mehr Zeit und Beachtung schenken sollten.

  • Was beeindruckt Sie an den in Abschnitt 3 beschriebenen kleinen guten Taten von Joseph Smith? Durch welche kleinen guten Taten sind Sie schon einmal gesegnet worden?

  • Sehen Sie sich die Beispiele für wahre Größe aus Abschnitt 4 an. Wie hat jemand, den Sie kennen, schon einmal in einer solchen Weise wahre Größe gezeigt?

  • Was können wir aus den Aussagen in Abschnitt 5 darüber lernen, wie man wahre Größe erreicht?

  • Welche Beispiele kennen Sie für alltägliche Aufgaben, mit denen wir den größten positiven Einfluss auf andere ausüben? (Siehe Abschnitt 6.)

  • Denken Sie über Präsident Hunters Aussagen in Abschnitt 7 nach. Inwiefern führen der Dienst am Nächsten und Opferbereitschaft zu wahrer Größe? Wie hilft es uns, wahre Größe zu erreichen, wenn wir im Zeugnis von Jesus tapfer sind?

Einschlägige Schriftstellen

1 Samuel 16:7; 1 Timotheus 4:12; Mosia 2:17; Alma 17:24,25; 37:6; Moroni 10:32; LuB 12:8; 59:23; 76:5,6; 88:125

Unterrichtshilfe

„Während Sie sich mit Beten auf den Unterricht vorbereiten, … werden [Sie] vielleicht dazu gebracht, gewisse Grundsätze hervorzuheben. Sie erhalten vielleicht eine Einsicht, wie Sie gewisse Ideen am besten im Unterricht vorbringen. Sie finden vielleicht Beispiele, einen Anschauungsunterricht oder eine inspirierende Geschichte aus dem täglichen Leben. Sie können das Gefühl haben, dass Sie jemand Bestimmten einladen sollen, der Ihnen im Unterricht hilft. Sie erinnern sich vielleicht an ein Erlebnis, das Sie erzählen können.“ (Lehren, die größte Berufung, Seite 47f.)

Quellenangaben anzeigen

Anmerkungen

  1. „What Is True Greatness?“, Ensign, September 1987, Seite 71

  2. James E. Faust, „Howard W. Hunter: Man of God“, Ensign, April 1995, Seite 28

  3. „President Howard W. Hunter: The Lord’s ‚Good and Faithful Servant‘“, Ensign, April 1995, Seite 9, 16

  4. „What Is True Greatness?“, Seite 70

  5. „What Is True Greatness?“, Seite 70f.

  6. „What Is True Greatness?“, Seite 71

  7. „What Is True Greatness?“, Seite 71f.

  8. „What Is True Greatness?“, Seite 72

  9. „What Is True Greatness?“, Seite 72

  10. „What Is True Greatness?“, Seite 72