Kapitel 2

Tragödie oder Bestimmung?

Lehren der Präsidenten der Kirche: Spencer W. Kimball


Wenn wir scheinbarem Unglück, ja, Kummer, Leid und Tod gegenüberstehen, müssen wir auf Gott vertrauen.

Aus dem Leben von Spencer W. Kimball

Schon in seiner frühen Kindheit erfuhr Spencer W. Kimball den Schmerz, den der Tod eines geliebten Menschen mit sich bringt. Seine Schwester Mary starb kurz nach ihrer Geburt, als er acht Jahre alt war. Einen Monat später spürten Spencers Eltern, dass die fünfjährige Fannie, die seit ein paar Wochen krank war, bald sterben werde. Später erzählte Spencer von dem Tag, an dem Fanny starb: „An meinem neunten Geburtstag starb Fannie in Mutters Armen. Wir Kinder wurden in den frühen Morgenstunden geweckt, damit wir dies miterlebten. Ich weiß noch, wie wir im Wohnzimmer waren … Meine liebe Mutter weinte zusammen mit ihrem sterbenden fünfjährigen Kind in ihren Armen und so wie wir alle, die rund um sie standen.“1

Noch schwerer war es für den kleinen Spencer, als er zwei Jahre später gemeinsam mit seinen Geschwistern eines Morgens von der Schule nach Hause gerufen wurde. Sie rannten nach Hause, wo sie der Bischof erwartete. Er scharte sie um sich und sagte ihnen, dass ihre Mutter am Vortag verstorben war. Später sagte Präsident Kimball darüber: „Es kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich brach in Tränen aus und rannte aus dem Haus in den Hof, um allein zu sein. Wo niemand mich sehen und hören konnte, schluchzte und weinte ich. Jedes Mal, wenn ich ‚Mama‘ rief, flossen die Tränen aufs Neue, bis mein Leib völlig ausgetrocknet war. Mama – tot! Das konnte doch nicht stimmen! Das Leben konnte für uns nicht mehr weitergehen. … Mein elfjähriges Herz schien zu bersten.“2

Fünfzig Jahre danach erholte sich Elder Spencer W. Kimball – er gehörte inzwischen zum Kollegium der Zwölf Apostel – weit weg von zu Hause von einer schweren Operation. Als er nicht schlafen konnte, dachte er an den Tag, an dem seine Mutter gestorben war: „Am liebsten würde ich auch jetzt wieder schluchzen … wenn ich nur an diese traurigen Zeiten zurückdenke.“3

Wenn Spencer W. Kimball mit derart traurigen Erlebnissen konfrontiert war, fand er im Gebet und in den Grundsätzen des Evangeliums immer Trost. Schon als Kind wusste er, wohin er sich wenden musste, um Frieden zu finden. Ein Freund der Familie schrieb über die Gebete des kleinen Spencer: „Wie schwer lag doch der Verlust seiner Mutter auf seinem kleinen Herzen, und doch, wie tapfer stellte er sich seinem Kummer und suchte Trost bei der einzigen Quelle.“4

Während seiner Amtszeit fand Präsident Kimball oft tröstliche Worte für diejenigen, die den Verlust eines geliebten Menschen betrauerten. Er gab Zeugnis von ewigen Grundsätzen und versicherte den Heiligen, dass der Tod nicht das Ende des Daseins bedeutet. Bei einer Trauerfeier sagte er einmal:

„Unser Blickfeld ist begrenzt. Mit unseren irdischen Augen können wir nur einige Kilometer weit sehen. Mit unseren irdischen Ohren können wir nur einige Jahre weit hören. Wir sind sozusagen in einem Zimmer eingesperrt, doch wenn unser Lebenslicht erlischt, sehen wir über die Grenzen des irdischen Daseins hinaus. …

Die Wände fallen, die Zeit endet, und der Raum schwindet, wenn wir in die Ewigkeit hineingleiten … und sofort in eine herrliche Welt eindringen, wo es keine Beschränkungen wie hier auf der Erde gibt.“5

Lehren von Spencer W. Kimball

In seiner Weisheit verhindert Gott nicht immer das Unglück.

Auf der Titelseite einer Tageszeitung stand: „43 Menschen bei Flugzeugabsturz umgekommen. Keine Überlebenden bei Bergunglück.“ Und tausende Stimmen rufen wie im Chor: „Warum hat der Herr so etwas Schreckliches zugelassen?“

Zwei Autos stießen frontal zusammen, als eines bei Rot über die Kreuzung fuhr. Sechs Menschen kamen ums Leben. Warum hat Gott das nicht verhindert?

Warum stirbt eine junge Mutter an Krebs und hinterlässt acht Kinder? Warum hat der Herr sie nicht geheilt?

Ein kleines Kind ist ertrunken; ein anderes wurde überfahren. Warum?

Eines Tages starb ein Mann plötzlich am Verschluss einer Herzkranzarterie, als er die Treppe hochging. Man fand ihn am Boden zusammengebrochen. Seine Frau rief in tiefer Trauer aus: „Warum? Warum hat der Herr mir das angetan? Hat er denn nicht an meine drei kleinen Kinder gedacht, die einen Vater brauchen?“

Ein junger Mann starb auf Mission, und die Leute fragten kritisch: „Warum hat der Herr diesen jungen Menschen nicht während seiner Zeit als Missionar beschützt?“

Ich wünschte, ich wüsste die Antworten auf diese Fragen, aber ich weiß sie nicht. Ich bin mir sicher, dass wir dies alles eines Tages verstehen und dann ausgesöhnt sein werden. Aber im Moment müssen wir versuchen, es mit Hilfe der Evangeliumsgrundsätze so gut wie möglich zu verstehen.

Hat der Herr das Flugzeug an den Berg gelenkt, um das Leben seiner Insassen zu beenden, gab es ein technisches Problem oder war es menschliches Versagen?

Hat der Vater im Himmel einen Autounfall verursacht, bei dem sechs Menschen in die Ewigkeit abberufen wurden, oder lag es daran, dass der Fahrer die Sicherheitsvorschriften missachtete?

Nimmt Gott einer jungen Mutter das Leben oder gibt er einem Kind ein, es solle in einen Abwasserkanal krabbeln, oder einem anderen, vor ein Auto zu laufen?

Hat der Herr einem Mann einen Herzanfall geschickt? War der Tod des Missionars verfrüht? Beantworten Sie das doch, wenn Sie können. Ich kann es nicht. Ich weiß zwar, dass Gott eine wesentliche Rolle im Leben spielt, aber ich weiß nicht, wie viel er verursacht und wie viel er bloß zulässt. Wie auch immer die Antwort lautet – bei einer anderen Frage bin ich mir sicher:

Hätte der Herr diese Tragödien verhindern können? Die Antwort lautet: Ja. Der Herr ist allmächtig, er hat alle Macht, über unser Leben zu bestimmen, uns Schmerzen zu ersparen, jegliche Unfälle zu verhindern, alle Flugzeuge und Autos zu steuern, uns zu ernähren, zu beschützen, vor Mühsal, Plagen, Krankheit und sogar vor dem Tod zu bewahren, wenn er nur will. Aber er will nicht.

Das sollte uns klar sein, denn dann erkennen wir auch, wie unklug es von uns wäre, wenn wir unsere Kinder vor jeder Anstrengung, Enttäuschung, Versuchung, vor jedem Kummer und Leid bewahren wollten.

Das grundlegende Gesetz des Evangeliums ist Entscheidungsfreiheit und ewige Weiterentwicklung. Würde man uns zwingen, umsichtig und rechtschaffen zu sein, wäre dieses fundamentale Gesetz aufgehoben, und es könnte kein Wachstum geben.6

Vom Blickwinkel der Ewigkeit aus verstehen wir, dass Unglück für unseren ewigen Fortschritt unentbehrlich ist.

Wenn man das Erdenleben als unsere einzige Existenz ansieht, dann wären Schmerz, Trauer, Versagen und ein kurzes Leben wirklich ein Unglück. Doch wenn man das Leben als etwas Ewiges betrachtet, das sich von der vorirdischen Vergangenheit bis in die ewige Zukunft nach dem Tod erstreckt, dann kann man alles, was uns im Leben begegnet, in die richtige Perspektive rücken.

Ist es nicht weise, dass wir Prüfungen bekommen, um sie zu bewältigen, Aufgaben, um etwas zu leisten, Arbeit, um die Muskeln zu stählen, Sorgen, um die Seele zu prüfen? Werden wir nicht Versuchungen ausgesetzt, um unsere Kräfte zu erproben, Krankheiten, um Geduld zu lernen, dem Tod, um unsterblich zu werden und um verherrlicht werden zu können?

Wenn all die Kranken, für die wir beten, geheilt würden, all die Rechtschaffenen geschützt und die Bösen vernichtet, wäre der ganze Plan des Vaters zunichte gemacht und ein fundamentaler Grundsatz des Evangeliums – die Entscheidungsfreiheit – aufgehoben. Niemand müsste nach dem Glauben leben.

Wenn ein Wohltäter umgehend Freude, Frieden und Belohnung erhalten würde, gäbe es nichts Böses mehr. Alle täten Gutes – aber nicht, weil es recht ist, Gutes zu tun. Die Stärke würde nicht erprobt, der Charakter nicht entwickelt, die Kraft würde nicht zunehmen, es gäbe keine Entscheidungsfreiheit, sondern nur satanische Herrschaft.

Wenn all unsere Gebete sofort gemäß unseren selbstsüchtigen Wünschen und unserem begrenzten Verstand erhört würden, gäbe es Leid, Kummer, Enttäuschungen, ja selbst den Tod kaum oder gar nicht, und wenn es sie nicht gäbe, gäbe es auch keine Freude, keinen Erfolg, keine Auferstehung, gäbe es weder ewiges Leben noch Gottsein.

„Denn es muss notwendigerweise so sein, dass es in allen Dingen einen Gegensatz gibt … Rechtschaffenheit … Schlechtigkeit … Heiligkeit … Elend … Gutes … Böses.“ (2 Nephi 2:11.)

Wir Menschen würden nur zu gern den körperlichen und geistigen Schmerz aus unserem Leben vertreiben und ständig sorgenfrei und behaglich leben; wenn wir aber der Sorge und dem Leid die Tür verschlössen, würden wir auch unsere besten Freunde und Wohltäter ausschließen. Das Leid macht aus den Menschen in dem Maß Heilige, wie sie Geduld, Langmut und Selbstbeherrschung lernen. …

Mir gefällt die Strophe in dem Lied „O fest wie ein Felsen“:

Wenn durch tiefe Leiden du rufst mich zu gehn

und Stürme von Prüfungen wild mich umwehn,

so wirst du in Schmerzen nicht fern von mir sein,

dann will ich mein Herz dir zur Heiligung weihn. [Siehe Gesangbuch, Nr. 56.]

Und Elder James E. Talmage hat geschrieben: „Keine Pein, die Mann und Frau auf der Erde ertragen müssen, bleibt ohne positive Auswirkungen, wenn sie mit Geduld ertragen wird.“

Andererseits kann uns das alles mit heftiger Wucht zerstören, wenn wir unserer Schwäche nachgeben, wenn wir jammern und kritisch werden.

„Kein Schmerz, den wir erdulden, keine Prüfung, die wir durchmachen, ist vertan. Dies alles dient unserer Erziehung, der Entwicklung solcher Eigenschaften wie Geduld, Glaube, innere Stärke und Demut. Alles, was wir erleiden und erdulden, vor allem, wenn wir dabei geduldig sind, formt unseren Charakter, macht unser Herz rein, erweitert uns die Seele und macht uns liebevoller und milder, würdiger, Gottes Kind genannt zu werden … und durch Kummer und Leid, Mühe und Trübsal machen wir die Entwicklung durch, für die wir ja hierher gekommen sind und die uns unserem Vater und unserer Mutter im Himmel ähnlicher macht.“ (Orson F. Whitney.)

Es gibt Menschen, die verbittern, wenn sie zuschauen müssen, wie ihre Lieben Qualen, endlose Pein und körperlichen Schmerz erleiden. Einige werfen dem Herrn vor, er sei herzlos, gleichgültig und ungerecht. Darüber können wir doch gar nicht urteilen! …

Die Macht des Priestertums ist grenzenlos, doch erlegt Gott in seiner Weisheit jedem von uns gewisse Beschränkungen auf. Ich kann in dem Maße, wie ich mich mehr und mehr verbessere, die Macht des Priestertums ausschöpfen, und doch bin ich dankbar dafür, dass ich auch mit dem Priestertum nicht alle Kranken heilen kann. Vielleicht würde ich dann Menschen heilen, die eigentlich sterben sollen. Ich könnte Menschen, die leiden sollen, von Leid erlösen. Ich fürchte, dann könnte ich Gottes Absichten durchkreuzen.

Hätte ich grenzenlose Macht, aber mein Blick und mein Verständnis wären begrenzt, dann hätte ich Abinadi vielleicht vor den Flammen gerettet, als er auf dem Scheiterhaufen stand, und ich hätte ihm damit vielleicht nicht wieder gutzumachenden Schaden zugefügt. Er starb als Märtyrer und erhielt den Lohn eines Märtyrers, nämlich die Erhöhung.

Gerne hätte ich Paulus vor seinen Schmerzen bewahrt, wenn ich grenzenlose Macht hätte. Sicher hätte ich ihn von seinem „Stachel“ im Fleisch erlöst [2 Korinther 12:7]. Dadurch hätte ich vielleicht die Absichten des Herrn vereitelt. Dreimal hatte er den Herrn darum gebeten, ihm den „Stachel“ zu nehmen, aber der Herr hatte seine Gebete nicht beantwortet [siehe 2 Korinther 12:7-10]. Paulus hätte oft auf Abwege geraten können, wäre er redegewandt, gesund, stattlich und frei von dem Leiden gewesen, das ihn derart demütig machte. …

Ich fürchte, ich hätte die Kugeln, die den Körper des Propheten und des Patriarchen trafen, in eine andere Bahn gelenkt, wäre ich am 27. Juni 1844 im Gefängnis in Carthage gewesen. Vielleicht hätte ich ihnen Leid und Schmerzen erspart, hätte ihnen aber auch den Märtyrertod und ihren Lohn genommen. Ich bin froh, dass ich diese Entscheidung nicht treffen musste.

Mit einer derartig unkontrollierten Macht hätte ich sicher auch den Wunsch gehabt, Jesus das Leid in Getsemani, die Beschimpfungen, die Dornenkrone, die Demütigungen vor Gericht und die körperlichen Verletzungen zu ersparen. Ich hätte seine Wunden versorgt und geheilt und ihm kühlendes Wasser anstelle des Essigs gegeben. Ich hätte ihn von Leid und Tod gerettet und so der Welt sein sühnendes Opfer genommen.

Ich würde es nicht wagen und die Verantwortung auf mich nehmen, einen meiner Lieben ins Leben zurückzuholen. Christus hat selbst anerkannt, dass sein eigener Wille sich nicht mit dem des Vaters deckte, als er darum betete, der Leidenskelch möge an ihm vorübergehen; doch fügte er hinzu: „Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.“ [Lukas 22:42.]7

Der Tod kann die Tür zu herrlichen Möglichkeiten öffnen.

Für denjenigen, der stirbt, geht das Leben weiter, seine Entscheidungsfreiheit bleibt bestehen, und der Tod, der uns als Tragödie erscheint, könnte eine getarnte Segnung sein. …

Wenn wir einen frühen Tod als Unglück, Katastrophe oder Tragödie bezeichneten, sagen wir damit nicht, dass das irdische Dasein einem früheren Eintritt in die Geisterwelt und der künftigen Errettung und Erhöhung vorzuziehen ist? Wäre die Sterblichkeit der bestmögliche Zustand, so müsste der Tod eine Enttäuschung sein, doch lehrt uns das Evangelium, dass nur die Sünde etwas Tragisches ist, nicht aber der Tod. „Gesegnet sind die Toten, die … im Herrn sterben.“ (LuB 63:49.)

Wir wissen nur so wenig. Unser Urteilsvermögen ist so begrenzt. Wir urteilen über die Wege des Herrn von unserem eigenen begrenzten Blickwinkel aus.

Ich hielt einmal beim Trauergottesdienst für einen Studenten der Brigham-Young-Universität, der im Zweiten Weltkrieg gefallen war, eine Rede. Hunderttausende junge Männer waren damals vorzeitig durch diesen verheerenden Krieg in die Ewigkeit getrieben worden, und ich erklärte, dass ich daran glaube, dieser rechtschaffene junge Mann sei in die Geisterwelt gerufen worden, um diesen benachteiligten Seelen das Evangelium zu verkünden. Das mag nicht auf alle zutreffen, die sterben, aber ich hatte das Gefühl, dass es bei ihm so war.

In seiner Vision über die Erlösung der Toten sah Präsident Joseph F. Smith genau das. Er schreibt:

„Ich nahm wahr, dass der Herr nicht in eigener Person zu den Schlechten und den Ungehorsamen, die die Wahrheit verworfen hatten, hinging, … sondern siehe, aus den Rechtschaffenen stellte er seine Kräfte zusammen … und gab ihnen den Auftrag, hinzugehen und [denen] das Licht des Evangeliums … zu bringen. …

Unser Erlöser … [brachte] in der Welt der Geister … seine Zeit damit [zu], die getreuen Geister …, die im Fleische von ihm Zeugnis gegeben hatten, zu unterweisen und vorzubereiten, damit sie die Erlösungsbotschaft zu all jenen Toten tragen könnten, zu denen er wegen ihrer Widersetzlichkeit und Übertretung nicht in eigener Person hingehen konnte …

Ich sah, dass die getreuen Ältesten dieser Evangeliumszeit nach ihrem Hinscheiden aus dem irdischen Leben mit ihrer Arbeit fortfahren, indem sie das Evangelium der Umkehr und der Erlösung … verkündigen.“ [Siehe LuB 138:29,30,36,37,57.]

So kann der Tod die Tür zu Gelegenheiten öffnen, zu denen auch die Verkündigung des Evangeliums Christi gehört.8

In Zeiten der Prüfung müssen wir Gott vertrauen.

Der Tod öffnet zwar Türen, aber wir sehnen ihn nicht herbei. Wir sind angehalten, für diejenigen, die krank sind, zu beten und unsere Priestertumsvollmacht einzusetzen, um sie zu heilen.

„Und die Ältesten der Kirche, zwei oder mehr, sollen gerufen werden und sollen für ihn beten und ihm in meinem Namen die Hände auflegen; und wenn er stirbt, so stirbt er in mir, und wenn er lebt, so lebt er in mir.

Ihr sollt liebevoll miteinander leben, sodass ihr über den Verlust derer, die sterben, weinen sollt, besonders aber über diejenigen, die nicht die Hoffnung auf eine herrliche Auferstehung haben.

Und es wird sich begeben: Wer in mir stirbt, wird den Tod nicht schmecken, denn er wird ihm süß sein; und wer nicht in mir stirbt, weh ihm, denn sein Tod ist bitter.

Und weiter, es wird sich begeben: Wer den Glauben an mich hat, geheilt zu werden, und nicht für den Tod bestimmt ist, wird geheilt werden.“ (LuB 42:44-48.)

Der Herr hat uns versichert, dass der Kranke geheilt wird, wenn die heilige Handlung vollzogen wird, wenn genug Glauben vorhanden ist und wenn der Kranke „nicht für den Tod bestimmt ist“. Drei Faktoren sind hier also bestimmend, und jedem muss Rechnung getragen werden. Viele lassen die heilige Handlung nicht vollziehen, und sehr viele sind nicht bereit oder nicht fähig, genug Glauben auszuüben. Aber auch der dritte Faktor ist wichtig: Man darf nicht für den Tod bestimmt sein.

Alle müssen einmal sterben. Der Tod ist ein wesentlicher Teil des Lebens. Natürlich sind wir zu keinem Zeitpunkt für diese Veränderung vollkommen bereit. Da wir nicht wissen, wann es so weit ist, kämpfen wir zu Recht darum, unser Leben zu erhalten. Trotzdem brauchen wir keine Angst vor dem Tod zu haben. Wir beten für die Kranken, wir geben den Bedrängten einen Segen, wir flehen den Herrn an, er möge den Schmerz heilen und lindern, das Leben bewahren, den Tod hinauszögern, und das ist auch richtig so, wir tun dies aber nicht, weil die Ewigkeit so schrecklich ist. …

So, wie es in Kohelet (3:2) steht, bin auch ich überzeugt, dass es eine Zeit zum Sterben gibt, aber ich glaube auch, dass viele Menschen „vor ihrer Zeit“ sterben, weil sie sorglos handeln, ihren Körper misshandeln oder missbrauchen, unnötig viel riskieren oder sich dem Zufall, Unfällen oder Krankheiten aussetzen. …

Gott hält unser Leben in der Hand, er führt und segnet uns, aber er gewährt uns Entscheidungsfreiheit. Wir können unser Leben im Einklang mit seinem Plan führen oder aber es durch unsere Torheit verkürzen oder gar beenden.

Ich bin davon überzeugt, dass der Herr unsere Geschicke geplant hat. Eines Tages werden wir dies alles recht verstehen, und wenn wir dann aus einer besseren Perspektive zurückblicken, werden wir mit vielen Ereignissen in unserem Leben, die wir jetzt nur schwer verstehen können, zufrieden sein.

Manchmal wüssten wir schon gern, was auf uns zukommt, aber wenn wir genauer darüber nachdenken, wollen wir dann doch lieber einen Tag nach dem anderen annehmen und aus jedem Tag unseres Lebens das Beste machen und ihn genießen. …

Wir haben schon vor unserer Geburt gewusst, dass wir zur Erde kommen werden, um einen Körper zu bekommen, um Erfahrungen zu sammeln und um Freude und Leid, Schmerz und Wohlbefinden, Ruhe und Bedrängnis, Gesundheit und Krankheit, Erfolg und Enttäuschung zu erleben; und wir haben auch gewusst, dass wir sterben werden. Wir haben all das frohen Herzens angenommen und waren bereit, sowohl das Angenehme als auch das Unerfreuliche zu akzeptieren. Begeistert nahmen wir die Möglichkeit wahr, auf die Erde zu kommen, auch wenn es nur für einen Tag oder ein Jahr wäre. Vielleicht war es uns nicht so wichtig, ob wir durch eine Krankheit, einen Unfall oder an Altersschwäche sterben werden. Wir waren bereit, das Leben so anzunehmen, wie es kommen würde und wie wir es uns einrichten und regeln würden; wir taten dies ohne Murren und Klagen und ohne maßlose Forderungen.

Angesichts scheinbaren Unglücks müssen wir auf Gott vertrauen und wissen, dass seine Absichten nicht vereitelt werden, auch wenn es in unserem begrenzten Blickfeld so aussieht. Das Leben bietet uns mit all seinen Schwierigkeiten den großen Vorzug, an Wissen und Weisheit, an Glauben und Werken zuzunehmen und uns darauf vorzubereiten, in Gottes Herrlichkeit zurückzukehren und daran teilzuhaben.9

Anregungen für Studium und Unterricht

Beachten Sie diese Anregungen, wenn Sie sich mit dem Kapitel befassen oder sich auf den Unterricht vorbereiten. Weitere Anregungen siehe Seite vii-xii.

  • Warum bewahrt der Herr uns nicht vor jedem Kummer und Leid? (Siehe Seite 15, 17.)

  • Lesen Sie Seite 17f. und achten Sie darauf, was uns entginge, wenn der Herr nicht zuließe, dass wir Schwierigkeiten erleben. Wie sollen wir auf Schwierigkeiten und Leid reagieren? Wie hat der Herr Sie bei Ihren Schwierigkeiten gestärkt?

  • Lesen Sie den Absatz auf Seite 19, der mit den Worten „Es gibt Menschen, die …“ beginnt. Warum ist es so schwer, mit anzusehen, wie Menschen, die wir lieben, leiden? Was können wir tun, um in solchen Zeiten nicht verbittert oder entmutigt zu werden?

  • Lesen Sie Seite 18-24 noch einmal und achten Sie darauf, was über Priestertumssegen gesagt wird. Wann haben Sie schon einmal die heilende oder tröstende Macht des Priestertums erlebt? Wie können wir damit umgehen, wenn wir erfahren, dass es nicht der Wille des Herrn ist, dass einer unserer Lieben geheilt oder der Tod zurückgehalten wird?

  • Wie würden Sie einem Kind die Lehren Präsident Kimballs über den Tod erklären?

  • Präsident Kimball hat gesagt: „Angesichts scheinbaren Unglücks müssen wir auf Gott vertrauen“ (Seite 24). Wie mag jemand, der Gott vertraut, in schwierigen Zeiten handeln?

Einschlägige Schriftstellen: Psalm 116:15; 2 Nephi 2:11-16; 9:6; Alma 7:10-12; LuB 121:1-9; 122:1-9

Quellenangaben anzeigen

Anmerkungen

  1. Edward L. Kimball und Andrew E. Kimball Jr., Spencer W. Kimball, 1977, Seite 43

  2. Spencer W. Kimball, Seite 46

  3. Spencer W. Kimball, Seite 46

  4. Joseph Robinson, in Spencer W. Kimball, Seite 46

  5. The Teachings of Spencer W. Kimball, Hg. Edward L. Kimball, 1982, Seite 40f.

  6. Faith Precedes the Miracle, 1972, Seite 95f.

  7. Faith Precedes the Miracle, Seite 97ff.

  8. Faith Precedes the Miracle, Seite 100ff.

  9. Faith Precedes the Miracle, Seite 102f., 105f.